„Eine neue Aufgabe war vorgezeichnet, die mir persönlich weit besser behagte als die Sucharbeit nach Amundsen…“

In seinem Buch „Im Flugzeug dem Nordpol entgegen“ bringt Walter Mittelholzer die Motivation für seine diversen Flugabenteuer auf den Punkt: „Das Flugzeug im Dienste der Erforschung von unbekannten, schwer zugänglichen Gebieten! – Eine neue Ära der dankbaren Forschertätigkeit ist damit gekommen und wenn man bedenkt, welch grosse Gebiete der Erde noch nie gesehen, nie betreten und nie erforscht sind, so eröffnen sich hier Perspektiven, die in ihrer Tragweite sich noch gar nicht überschauen lassen.“ (S. 52–53)

Und weiter die Zukunft sowohl für die Forschung als auch allgemein des Flugbetriebs vorwegnehmend: „Das Flugzeug wird in der kommenden Arktis- und Antarktisforschung eine wichtige, wenn nicht ausschlaggebende Rolle spielen. Die vorwärtsstrebende Technik wird die ihm noch anhaftenden Mängel nach und nach beseitigen, die Motoren, die Kraftquellen des Flugzuges der Zukunft werden absolut zuverlässig arbeiten, und so wird vielleicht die nächste Generation schon über unsere, jetzt immer noch mit Risiko verbundenen Flüge in der Arktis nur noch ein mitleidiges Achselzucken übrig haben und mit ihren modernen Maschinen mühe- und gefahrlos von Kontinent zu Kontinent fliegen, zum Teil die Flugroute über arktisches Gebiet verlegend!“ (S. 53)

 

Links: Walter Mittelholzer mit einem Expeditionsteilnehmer (Konsul H.H. Hammer) bei der Funkstation, 1923 (LBS_MH02-01-0133), rechts: Mittelholzer, Walter: Hammerfest (Kaufhäuser) aus 100 m Höhe, 1923 (LBS_MH02-01-0058-AL-FL)

Er nutzte also die Gelegenheiten, die sich ihm boten, für Expeditionen und längere Flüge, wie zum Beispiel den als Hilfsexpedition geplanten Flug nach Spitzbergen zwischen 9. Juni und 25. Juli 1923:

Der norwegische Polarforscher Roald Amundsen plante im Sommer 1923 von Alaska aus den Nordpol bis nach Spitzbergen zu überfliegen. Bei der Planung war jedoch ein Missverständnis unterlaufen, so dass Amundsen nicht bis nach Spitzbergen hätte fliegen können, weil sein Flugzeug nicht genügend Betriebsstoffvorräte hätte mittragen können. In letzter Minute wurde im Auftrag der norwegischen Regierung und der Junkers-Flugzeug-Werke eine Hilfsexpedition mit Flugzeugen organisiert: diese sollten nördlich von Spitzbergen bis zur voraussichtlichen Landungsstelle von Amundsen im Packeis Lebensmitteldepots anlegen, um so die Überquerung des Polargebiets zu ermöglichen. Einfach wäre es nicht gewesen, denn der Proviant wäre auf dem Packeis im Wind getrieben, was bis zu 36 km hätte ausmachen können. Mittelholzer wurde als „erfahrener Alpenflieger, Skiläufer, Tourist und Photograph“ (S. 54) quasi in letzter Stunde für diese Hilfsexpedition als Fotograf angeheuert. Doch es kam alles anders! Die Hilfsexpedition und Mittelholzer befanden sich bereits seit Tagen auf der Anreise, sie waren am Polarkreis in 66 ½ Grad nördlicher Breite, da erreichte sie ein Radiotelegramm: Amundsen sagte seinen Polflug ab, „offenbar weil seine Maschine, die nun seit letzten Herbst im Schnee Alaskas lag, nicht mehr funktionierte.“ (S. 64). Die Junkers-Werke entschlossen sich rasch, das inzwischen bis nach Tromsö gelangte Flugzeug mit Mittelholzer für fotografische Forschungsversuche in Spitzbergen einzusetzen. Der Nebenzweck der Hilfsexpedition wurde also nun zum Hauptzweck. Nebenbei sollten nämlich auch Film- und sonstige Aufnahmen des Landes gemacht werden, um einen Zuschuss zu den Kosten zu erhalten. Mittelholzer beschreibt die neue Situation folgendermassen: „Damit war der Zweck unserer Reise dahingefallen. Doch nach kurzer, gemeinsamer Beratung entschlossen wir uns, da wir nun doch einmal unterwegs waren und dem Ziel unserer Wünsche so nahe, wenn möglich nach Spitzbergen weiter zu reisen, um die Verhältnisse für das Fliegen in der Arktis kennen zu lernen und mit photographischen Aufnahmen unbekannte Gebiete im Zusammenhang wiederzugeben. Damit war eine andere Situation geschaffen, eine neue Aufgabe vorgezeichnet, die mir persönlich weit besser behagte als die Sucharbeit nach Amundsen, wenn derselbe nach dem 21. Juni in Spitzbergen nicht eingetroffen wäre.“ (S. 64)

Links: Mittelholzer, Walter: Bei Tromsö, 1923 (LBS_MH02-01-0053), rechts: Mittelholzer, Walter: Gletscherrand des Wahlenberggletscher im Nordfjord (LBS_MH02-01-0055)

Fazit der Expedition: Die Expedition trug ausserordentlich zum Studium des Fliegens im hohen Norden bei, insbesondere durch die „glänzenden Flüge auf Spitzbergen“ (S. V). Adolf Hoel, der führende Polarforscher Norwegens zu Beginn des 20. Jahrhunderts, fasst dies im Vorwort folgendermassen zusammen:

„Es wurden über offenem Meere, über ausgedehnten Gletschergebieten und den von Treibeis bedeckten Gewässern geflogen. Dieser Flug und die während desselben gemachten aufgezeichneten photographischen Aufnahmen beweisen klar, dass Flugzeuge künftig ein unentbehrliches Hilfsmittel im Dienste der Polarforschung sind und dass ihre Anwendung eine völlig revolutionierende Wirkung auf diesen Teil der wissenschaftlichen Forschung ausüben wird.“ (S. VI)

Links: Mittelholzer, Walter: St. Johnbai mit Kp. Müller Vorlandebene von Nord-Osten aus 1400 m Höhe, 1923 (LBS_MH02-01-0014), rechts: Mittelholzer, Walter: Yamerhafen-Esmarkgletscher-Vermlandkette von Osten aus 800 m Höhe, 1923 (LBS_MH02-01-0010)

Alle Bilder des Spitzbergen-Fluges sind seit kurzem online. Die Mittelholzer-Bilder sind Bestandteil des Archivs der Stiftung Luftbild Schweiz. Sie werden kontinuierlich aufgearbeitet und sind in digitaler Form das Bildarchiv online öffentlich zugänglich.

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