„Gekochte noch heisse Milch“ für die Studierenden der ETH Zürich

Jeder Studierende kennt das signalrote SV des Betreibers der meisten Mensen und Cafeterien an der ETH Zürich. Nur wenige wissen jedoch, dass der SV-Service im Herbst 1914 als „Gemeinnütziger Verein für alkoholfreie Verpflegung der Truppen“ gegründet wurde, um die zu Beginn des 1. Weltkriegs mobilisierten Schweizer Soldaten mit gesunder Nahrung zu versorgen. Der bereits im selben Jahr in „Schweizer Verband Soldatenwohl“ umbenannte Verein eröffnete eine Reihe Soldatenstuben, welche von sogenannten Soldatenmüttern unentgeltlich betrieben wurden. Nach dem Krieg übertrug der Schweizer Verband Volksdienst (SVV), wie sich der Verein nun nannte, sein Konzept auf Kantinen und später auch auf Mensen. Die erste Mensa an der ETH Zürich wurde 1930 eröffnet.

Marie Heim-Vögtlin an den Schweizerischen Schulrat, 21.11.1904 (ETH-Bibliothek, Archive, SR3:1904/No.1312)

Gegründet wurde die Keimzelle des SV-Service 1914 von Vertretern der Zürcher Abstinenzbewegung (Tanner. Fabrikmahlzeit, 1999. S. 276). Dieser Kreis, welcher vornehmlich aus Frauen bürgerlicher Herkunft bestand, hatte sich bereits lange vor der Gründung der ersten Mensa an der ETH Zürich Sorgen um das leibliche Wohl der Studierenden gemacht. 1904 lancierte Marie Heim-Vögtlin, erste praktizierende Ärztin der Schweiz und Gattin des ETH-Professors Albert Heim, im Namen des Vorstandes des Vereins abstinenter Frauen von Zürich, einen Vorstoss zur Gesunderhaltung der Studentenschaft.

„Der unterzeichnete Vorstand der Zürcher Ortsgruppe abstinenter Frauen erlaubt sich, dem hohen Schulrath das Gesuch um die Erlaubniss einzureichen, die Studierenden beider Hochschulen je Vormittags 10 Uhr, Nachmittags 4 Uhr in den Räumen des Polytechnikums warme Milch ausschenken zu dürfen. Die Erfahrungen die an deutschen Universitäten & neuestens an der Züricher Kantonsschule mit dieser Einrichtung gemacht werden, sind derart erfreulich, dass es uns zeitgemäss erscheint, sie auch an unserer Hochschule ins Leben zu rufen.“

Um die absehbare Gegenwehr aus männlich dominierten Kreisen gegen das Gesuch des Vereins abstinenter Frauen schon im Keim zu ersticken, präsentierte Marie Heim dem Schulrat eine bis ins Detail ausgearbeitete Lösung:

„Herr & Frau Hauswart Weerli haben sich bereitwilligst angeboten im Falle Ihrer gütigen Erlaubniss den Milchausschank selbst an die Hand zu nehmen, im Winter in ihren eigenen Wohnräumen, im Sommer in der westlichen Vorhalle des Gebäudes. In diesem Anerbieten  erblicken wir die Garantie dafür, dass jede  eventuelle Ruhestörung & Unordnung vermieden würde. Die Centralmolkerei würde die gekochte noch heisse Milch in verschlossenem Behälter an Frau Weerli abliefern, welche die gefüllten Gläser zu den bestimmten Stunden bereithalten müsste.“

Wie Jakob Tanner in seiner Habilitationsschrift aufzeigt, führte in der Schweiz die “nationalistische Aufladung der Ernährungsfrage zu einer besonders stark verwurzelten Affinität zu Molkereiprodukten“. Das Bild des kerngesunden Alpenbewohners, der sich vornehmlich von Milchprodukten ernährte und dessen kraftstrotzende körperliche Überlegenheit im Erfolg des eidgenössischen Söldners sein pointiertestes Sinnbild fand, hatte sich bereits im Ancien Regime herausgebildet und wurde ab dem 19. Jahrhundert von Medizinern zementiert (Tanner. Fabrikmahlzeit, 1999. S. 107).

Trotz der minutiösen Vorbereitung und den Hinweisen auf die Erfolge an deutschen Universitäten wies der Schweizerische Schulrat den Antrag ab mit den Argumenten des Direktors des Eidgenössischen Polytechnikums, Robert Gnehm:

  1. Dass von einem Bedürfniss nach einer derartigen Neuerung bei uns bis jetzt nichts bekannt geworden ist;
  2. Dass ein solches auch schwerlich wird nachgewiesen werden können;
  3. Dass der Betrieb einer Getränke-Wirtschaft im besonderen bei unseren beschränkten Raumverhältnissen Gefahr für den ungestörten Unterrichtsbetrieb in sich birgt;
  4. dass durch die Bewilligung zum Milchausschank ein Präjudiz geschaffen würde, welches zu bedenklichen Konsequenzen führen könnte;

 

 

Literaturhinweise:

Verena E. Müller. Marie Heim Vögtlin – die erste Schweizer Ärztin (1845-1916): Ein Leben zwischen Tradition und Aufbruch. Baden 2007.

Jakob Tanner. Fabrikmahlzeit: Ernährungswissenschaft, Industriearbeit und Volksernährung in der Schweiz 1890-1950. Zürich 1999.

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