Das rote Buch vor dem Roten Buch: Zum 50. Todestag von Carl Gustav Jung (26. Juli 1875 – 6. Juni 1961)

Das sogenannte Rote Buch, das in rotes Leder gebundene Dokument des langjährigen privaten Selbstfindungsprozesses von Carl Gustav Jung nach einer Reihe beruflicher und persönlicher Brüche wie der Entfremdung von seinem Lehrer Sigmund Freud (1856-1939), war bis zur Publikation im Herbst 2009 nicht öffentlich zugänglich.

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C.G. Jung, Wandlungen und Symbole der Libido, Leipzig/Wien 1911-1912 (ETH-Bibliothek: Rar 1486)

Die Abkehr von der Freudschen Psychoanalyse markierte Jung hingegen nachlesbar sowohl für die Fachwelt wie auch ein weiteres interessiertes Publikum mit seinem Werk „Wandlungen und Symbole der Libido. Entwicklungsgeschichte des Denkens“, das in zwei Teilen 1911 und 1912 im „Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen“ erschien.

Einen Sonderabdruck des ersten Teils mit der handschriftlichen Widmung auf dem Titelblatt „In freundschaftlicher Verehrung vom Verf.“ überreichte Jung seiner engen Mitarbeiterin Toni Wolff (1888-1953), die bei der Edition mitgewirkt hatte. Den Sonderabdruck des zweiten Teils beschriftete er im folgenden Jahr „mit herzlichem Grusse und bestem Dank Der Verf.“

Die beiden Teile wurden zu einem Halbpergamentband mit schwarzem Lederpapier überzogenen Buchdeckeln vereinigt, Deckel und Buchblock mit rotem Vorsatz verbunden. Auf den vorderen Innendeckel kam das Exlibris von Toni Wolff mit dem seitenverkehrten Wappen des Zürcher Geschlechtes Wolff. Die Farbwahl für den Einband und besonders für das Vorsatz war bei einem Werk wie diesem wohl kaum zufällig und nicht allein dem optischen Reiz verpflichtet. Dem Bestreben, das ursprünglich schlichte Äussere der Sonderabdrucke prächtiger auszustaffieren, ihrem emotionalen Wert für den Autor und für die Beschenkte angemessen, fielen allerdings die handschriftlichen Widmungen zum Opfer. Beim Begradigen des Buchblocks mit der Schneidmaschine wurden die Oberlängen mancher Buchstaben beschnitten und damit das ästhetische Gesamtbild der Titelblätter beeinträchtigt. Der üppigen Symbolik der Gabe dürfte dies weniger geschadet als sie vielmehr um eine weitere Deutungsmöglichkeit angereichert haben.

Toni Wolff gab das einmalige Stück später an Jungs Zahnarzt Siegmund Hurwitz (1904-1994) weiter, der von Jung und ihr selber sowie Marie-Louise von Franz (1915-1998) zum analytischen Psychologen ausgebildet worden war und sich mit jüdischer Mystik befasste. Hurwitz schenkte den Band 1982 zusammen mit Originalbriefen von Jung an ihn und seine Gattin der ETH-Bibliothek.

Hier wird das Buch, dem beim Blättern immer noch ein Hauch Zigarettenrauch der früheren nikotingewohnten Besitzerin entströmt, in der Spezialsammlung „Alte und seltene Drucke“ aufbewahrt. Die Briefe von Jung an Siegmund Hurwitz und seine Frau Lena Hurwitz-Eisner (gestorben 1965), Mitherausgeberin der Gesammelten Werke C.G. Jungs, befinden sich in den Beständen des „Hochschularchivs der ETH Zürich“. Das Hochschualrchiv betreut auch den testamentarisch der ETH Zürich vermachten wissenschaftlichen Nachlass von C.G. Jung, der von 1933 bis 1941 als Privatdozent und Titularprofessor Psychologie an der Hochschule lehrte und 1955 zu deren Ehrendoktor ernannt wurde.

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