Nicht alle „Lädeli“ sind zum Sterben verurteilt

Das Ladensterben ist seit Mitte der 1960er-Jahre, als die ersten Einkaufszentren entstanden, ein wiederkehrendes Phänomen. Die Comet-Reportage von Werner Catrina (Text) und Hans Krebs (Bilder) zeigt folgende Entwicklungen auf: Zwischen 1970 und 1975 nahm die Zahl der Lebensmittelläden von rund 15‘000 auf ungefähr 11‘000 ab, der Marktanteil der Detailhändler verringerte sich um rund 8 %. Wegen der Eröffnung von grossen Einkaufszentren und Discountgeschäften erhöhte sich in der Zeit die Verkaufsfläche von 3,8 Mio. auf 4,35 Mio. Quadratmeter.

Krebs, Hans. Klein-Detaillisten-Händler Blaser, Samuel, Turnerstr. 24, Zch 8008. 2/1974. Schwarz-weiss Fotonegativ 2,4 x 3,6 cm (L 23/112/100)

Von 1968 bis 1975 sind in der Schweiz 34 Einkaufszentren mit über 5‘000 Quadratmetern Verkaufsfläche entstanden. Trotzdem werden dem kleinen Einkaufsladen durchaus Überlebenschancen zugebilligt. Die Vorteile des Detailhändlers – vor 40 Jahren wie auch heute – sind die bessere Kundenbetreuung, das spezielle Sortiment, Hauslieferdienst und anderen Dienstleistungen.

Die Comet-Reportage beleuchtet den Detailladen des Ehepaares Blaser an der Turnerstrasse 24 in Zürich. Samuel Blaser hatte den Laden 1938 für 22‘000 Franken übernommen. Arbeitstage von 18 Stunden waren keine Seltenheit. Der gelernte Käser war 1975 noch einer der letzten Zürcher Milchmänner. Das Ehepaar hatte in den fast 40 Jahren eine Menge Veränderungen miterlebt: Umwandlung vieler Wohnungen in Büros, der Migros-Verkaufswagen oder die Migros-Filiale in unmittelbarer Nähe. Mit der Anpassung des Sortiments konnte beispielsweise das Büropersonal gewonnen werden, das zwar mengenmässig weniger, dafür in der Regel aber teurere Produkte kaufte. Auch die Erweiterung des Wein- und Spirituosen-Angebots stellte sich als grosser Erfolg heraus.

Trotz alledem waren keine Nachfolger für das Geschäft in Sicht, die Zukunft des Ladens war zur Zeit der Reportage ungewiss. Die Reportage schliesst mit folgenden Worten:

„Jedenfalls wird man die beiden [Emmi und Samuel Blaser] vermissen, wenn sie sich einmal aufs Altenteil zurückziehen werden. Der Laden und seine Besitzer gehören seit Jahrzehnten zum Quartier. Die Kundschaft hält dem Geschäft zum Teil bereits in der vierten Generation die Treue. Nicht selten erscheinen längst weggezogene, ehemalige Kunden. So zum Beispiel Swissair-Hostessen, die früher in grösserer Zahl hier wohnten. Samuel Blaser: ‚Sie kaufen meine Fonduemischung und nehmen sie mit nach Amerika.'“

Das Bild ist Bestandteil des Archivs der Fotoagentur Comet Photo des Bildarchivs der ETH-Bibliothek. Es ist – wie andere Bilder der Comet Photo AG – in digitaler Form über Bildarchiv online öffentlich zugänglich.

AutorInnen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.