„Sammeln in Betrachtungen, die über das Endliche erheben“ – Eine Dokumentation der Kindheit von Arnold Heim

In unserem – dem digitalen – Zeitalter ist es nichts Aussergewöhnliches, wenn Eltern detaillierte Dokumentationen besonders von Erstgeborenen in Bild und Ton anlegen. Wer hingegen im 19. Jh. bewegte Alltagsszenen eines Kleinkindes bildlich festhalten wollte, musste zum Zeichenstift greifen, kleinkindliche Lautkreationen mussten mit Hilfe des Alphabets abgebildet werden. Wer würde eine Mappe mit ebensolchen Darstellungen und Beschreibungen im Archiv einer technischen Hochschule vermuten?

Alltagsszenen aus dem Leben des zweijährigen Arnold Heim (ETH-Bibliothek, Archive und Nachlässe, Hs 495a: 34)

Albert Heim, 1872-1911 Professor für technische und allgemeine Geologie am Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich, heiratete 1875 Marie Vögtlin, die ein Jahr zuvor als erste Frau in der Schweiz eine eigene Arztpraxis eröffnet hatte. Das illustre Paar hatte die Hoffnung auf Nachwuchs wohl bereits aufgegeben, als 1882 ihr Sohn Arnold zur Welt kam. Albert Heim begann eine Mappe mit Erinnerungsstücken für Arnold anzulegen. In seiner Widmung schrieb der stolze Vater:

„Du sollst dieselben [Blätter] […] erst nach zurückgelegtem sechzehnten Altersjahr eröffnen und studieren, und dir dabei denken, Dein Vater spreche mit der ganzen Kraft seiner Liebe zu Dir. Die Stunden, in welchen ich hier einzelne Gedanken niedergesetzt habe, waren für mich das, was für den Frommen ein Gebet ist – ein Sammeln in Betrachtungen, die über das Endliche erheben.“

Die Mappe enthält ungeordnete persönliche Dokumente, welche die ersten Lebensjahre Arnold Heims liebevoll dokumentieren. Die Dokumentation setzt mit der Geburtsanzeige und der Widmung ein, enthält Skizzen von der stillenden Mutter oder wie oben abgebildet Alltagsszenen des Kleinkindes, und beschreibt dessen sprachlichen Fortschritte. In den Aufzeichnungen und Skizzen zeigt sich Heim nicht bloss als liebender Vater, sondern ebenso als  exakt beobachtender und beschreibender Naturwissenschaftler. In seinen Texten werden die kleinsten Details ausführlich geschildert und als Geologe ist er im Sehen und bildlichen Darstellen geschult. Natürlich sammelte der Vater auch künstlerische Erzeugnisse des Sohnes. Zudem führte er über die ersten ca. 10 Jahre Tagebuch, wovon „Besondere Notizen und Erfahrungen betreffend Ernährung, Pflege etc.“ immerhin 38 Seiten umfassen. So erstaunt es nicht, dass „Maries Dresdener Professor von Winckel […] sich für die Tagebücher über die Kinder interessiert haben [soll]“ wie Verena E. Müller in ihrer Marie-Heim-Biographie schreibt (Verena E. Müller. Marie Heim-Vögtlin – die erste Schweizer Ärztin (1845-1916): Ein Leben zwischen Tradition und Aufbruch. Baden 2007. S. 199, Endnote 23.).

Arnold trat später in die Fussstapfen seines Vaters und wurde ein weltbekannter Erdölgeologe. Arnolds Schwester Helene, die 1886 zur Welt kam, entschied sich für den Fachbereich ihrer Mutter und wurde Krankenschwester.

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