Inwil am 18. August 1953 (1/3)

Lesezeit: 6 Min.

Eigentlich ist es bloss eine alte Postkarte, wie sie damals in jedem Dorfladen zu kaufen waren und gerne anstelle von Briefen versandt wurden. Luftaufnahmen waren ein gutes Geschäft. Wohl jedes Dorf und jeder Weiler wurde zu diesem Zweck überflogen. Das Flugzeug war eine Propellermaschine, kein Helikopter, und flog relativ langsam, aber stetig. Die Kamera war eine „Riesenkiste“ und ausserhalb des Rumpfes angebracht. Das Negativ bestand aus einer beschichteten Glasscheibe von ca. 20 x 20 cm. Das Bild ist aber so scharf, dass man sogar die Uhrzeit von der Kirchturmuhr lesen kann: Genau 16.40 Uhr.

Als am Montagnachmittag, 18. August 1953, der Fotograf Werner Friedli, 1910-1996, Leiter der Swissair Photo AG, über das Dorf Inwil flog, entstand eine Aufnahme, die uns heute staunen lassen. Seither sind noch nicht einmal 70 Jahre vergangen, und doch hat sich fast alles verändert. Wie sehr, das wird uns erst bei genauerer Betrachtung bewusst. Aus der alten Postkarte sind heute wichtige historisches Dokument geworden.

Der Inwiler Dorfkern im Sonnenlicht

Was auf den ersten Blick auffällt, ist die riesige Menge von Obstbäumen, die damals rings um das Dorf auf den Wiesen wuchsen. Mostobst stand damals hoch im Kurs. Dabei waren es nicht nur alte Hochstammbäume, viele Bäume waren noch jung. Der Anteil der baumlosen Ackerflächen war gering. In der Nacht vom 1. auf den 2. Februar 1956 sanken die Temperaturen von einem übermässig warmen Januar auf minus 20 Grad C. Dies hatte zur Folge, dass viele Bäume, die schon im Saft standen, erfroren. Wie Gewehrschüsse soll es sich angehört haben, wenn die Baumstämme von der Kälte buchstäblich zerrissen wurden. Hunderte von Obstbäumen wurden ein Opfer der Kälte und wurden nachher nicht mehr ersetzt. Besonders litt die Bäume im Pfaffwilerboden unter diesem Kälteeinbruch.

Rechts die Lehmgrube, unten das Haus von Klemens Sidler, links der Hof von Gottlieb Sigrist-Bühlmann, in der Bildmitte die Fläche, wo später Lehm abgebaut wurde.

Am rechten Bildrand ist die Lehmgrube erkennbar, wo damals erst östlich des Bachs Lehm für die Ziegelei abgebaut wurde. Etwas weiter unten ist an der Ballwilerstrasse das Haus des legendären Chäubali-Mänz zu sehen, so genannt, weil er beim Musizieren gerne das „Chaub“ machte und Klemens Sidler hiess. Unter dem Boden der ebenen Fläche liegt ein riesiges Lager von abbaubarem Lehm.

Das Haus „Zöpfli“ von Peter Arnold

Auf der Gesamtaufnahme ist das Haus von Peter Arnold nur als heller Punkt zu sehen und wird erst mit der Vergrösserung deutlich sichtbar. Der durch einen Militärunfall querschnittgelähmte Peter Arnold konnte dort 1952 ein spezielles Haus bauen. Es handelte sich damals um eine neuartige Bauweise aus Holz-Fertigelementen der damals bekannten Firma Winkler. Nur der Unterbau wurde mit traditionellem Mauerwerk erstellt. Durch eine seitliche Aussenrampe war es von Anfang an rollstuhlgängig. Es erhielt damals den Namen Zöpfli. Zum linken Bildrand führt der Feldweg, der später zur Zöpflistrasse wurde.

Die Ziegelei der Gebrüder Ineichen

Das Bild wird dominiert von der Ziegelei der Gebrüder Ineichen mit ihren zahlreichen Gebäuden. Das grosse, um 1870 gebaute Industriegebäude enthält den Ringofen, die Produktionsmaschinen und auf zwei Stockwerken die Gestelle für die Lufttrocknung der Ziegel. Der Brand vom 7./8. Februar 1954 zerstörte die Anlage zum grossen Teil. Die langen Schuppen links und rechts der Hauptgebäude enthalten ebenfalls Trocknungsgestelle für die Backsteine. Ein endloser Kettenzug mit angehängten Schaukeln transportierte die Ziegel und Backsteine von der Presse zu den Gestellen und später von dort vor den Ofen.

Neben dem Ofenhaus ist das neue Trocknungsgebäude für Backsteine zu sehen. Dort wurden mit der Abluft aus dem Brennofen die Ziegelsteine getrocknet. Das grosse Gebäude zuunterst zwischen den beiden Trocknungsschuppen ist das Sumpfhaus. Dort wurde der Lehm aus der Grube aufbereitet und zwischengelagert. Im Prinzip hat sich bei der Produktionsschritten von Ziegeln und Backsteinen bis heute nichts geändert. Nur arbeiten jetzt Industrieroboter dort, anstelle der Italiener, und erst noch rund um die Uhr, wenn nötig.

Am Bachufer ist die Kantine der italienischen Gastarbeiter aus dem Friaul zu sehen. Heute befindet sich dort das Inwiler Feuerwehrmuseum.

Transformer und Kohlenhaufen

Am linken Ende der Ziegeleigebäude steht das neue Garagen- und Kantinengebäude. Daneben ist der kleine Turm des „Transformers“ zu sehen, von hier aus ging die Stromleitung nach Rathausen, bzw. sie kam von dort. Neben dem Transformergebäude liegt ein grosser Kohlenhaufen aus amerikanischer Feinkohle. Damit werden die Ziegel und Backsteine gebrannt. Weitere Kohlenvorräte liegen neben dem Bach unterhalb der Bäckerei Hüsler.

Nur ein paar Meter neben der Ziegelei steht das „Greberhüsli“, wie wir es nannten. Es handelt sich bei diesem Haus um eine zweigeteiltes Kleinbauernhaus. Im östlichen Hausteil hat die Ziegelei einige Angestellte untergebracht. Der andere Teil gehört Frau Vreni Greber-Fellmann und enthält das Inwiler Salzmagazin. Salz, sowohl für den Hausgebrauch als auch für das Gewerbe, durfte nur dort gekauft werden. Das Salzmonopol der Kantone wurde erst ein paar Jahre später von Gottlieb Duttweiler (Migros) beendet. Allerdings gehören die Salinen von Bex und Rheinfelden auch heute noch immer den Kantonen.

Das „Greberhüsli“ mit der Scheune und den Pflanzgärten

Unterhalb vom Greberhüsli liegen einige Gemüsegärten, die wir Pflanzblätze nannten. Wir selber hatten dort einen und ich erinnere mich noch gut, wie wir im Sommer das Giesswasser von einem Wassertrog der Ziegelei herantragen mussten. Allerdings, an die reifen Erdbeeren erinnere im mich ebenso gut. In sämtlichen Gärten werden Stangenbohnen angepflanzt. Solche sieht man heute nicht mehr. Nur der Ausdruck „dünn wie eine Bohnenstange“ kennt man noch. Zu jedem Pflanzblätz gehörte eine Rhabarberstaude. Diese solle viele Vitamine enthalten, hiess es, schmecken tun sie mir heute noch nicht. Engerlinge, Werren und Schnecken aus der umgebenden Wiese machten den Gärtnerinnen und Gärtnern das Leben schwer.

Fortsetzung folgt nächsten Freitag.

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Vollständige Bildinformationen

Friedli, Werner: Inwil (LU), Ziegelei, 18.08.1953 (LBS_H1-015543, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000357593) oder auf sMapshot: https://smapshot.heig-vd.ch/contribute/23474

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