Was?! Du glaubst mir nicht?

Wer kennt den Tessin gut?

Nachmittags um 15:02 an Allerheiligen, also am 1. November 2019, beginnt Koni Kreis eine neue Diskussion in unserer Forums-Rubrik Bilder-Fragen: Hs_1360-0170, eine ländliche Szene im Tessin: Maggiatal?

Er schreibt folgendes: „Seit ein paar Tagen beschäftigt mich ein hübsches idyllisches Bild aus dem Tessin. Es ist betitelt mit ‚Im Maggiatal‘. Aber direkt im Maggiatal kann der Ort nicht liegen. Im Hintergrund sieht man den Monte Tamaro und den Monte Gambarogno. Wenn man rückwärts visiert, dann stösst man auf den Hang zwischen Locarno und Verzascatal. Sind wir in Contra, in Brione, oder gar in Mergoscia? Der dargestellte Weiler muss an einer, für die damalige Zeit, bedeutenden Hauptstrasse gelegen haben. Wer kennt den Tessin gut?“

Erste Hilfe mit dem Peakfinder: Gordola?

Thomas Pfister antwortet tags darauf am 2.11.2019 um 10:10: „Ich habe mir das Bild mal angeschaut und versucht, den Horizont mit Peakfinder abzugleichen. Die beste Übereinstimmung schaffe ich von hier aus (LV95: 2’708’931.5, 1’116’007.0). Was mir hier gefällt ist, dass die Berge links des Monte Tamaro höher erscheinen, obwohl sie das nicht sind. An diesem Punkt stimmt auch der Strassenverlauf (Landkarte von 1910) ziemlich genau. Beweis? Nein. Aber wenn ich das Bild verorten müsste, würde ich Gordola sagen. Maggiatal ist auf jeden Fall klar falsch.“

Das Bild stammt aus dem Nachlass von Carl Schröter (1855-1939)

Gelöst ist der Fall aber noch nicht, lassen wir das Bild weiter köcheln…

Koni Kreis antwortet einen Tag später, am 3.11.2019 um 17:45: „Caro Tommaso, habe ich mir doch gedacht, dass du kennst il Ticino. Ja, Gordola passt auch gut, ich wollte aber bisher einfach nicht östlich der Verzasca suchen – obwohl das Gelände dort sogar besser leicht nach rechts abfällt. Wichtig ist dein Hinweis bezüglich der Höhen der Berge; allzu hoch oben kann der Aufnahmestandort nicht sein. Gelöst ist der Fall aber noch nicht. Ein richtiger Beweis ist für mich erst ein Treffer auf einem alten Bild oder in StreetView. Leider sind nicht alle Strassen in Contra und Gordola in StreetView sichtbar, und das Gebiet ist bekannterweise im 20. Jahrhundert ziemlich überbaut worden. Wir suchen also vor dem Panorama von Monte Tamaro und Monte di Gambarogno immer noch eine häufig mit Karren befahrene Strasse, die in eine leichte Rechtskurve übergeht, und links davon einen kleinen Hügel mit zwei Häusern, zu denen ein breiter Fussweg hinführt. Als Wohnhäuser erscheinen mir die Gebäude im Weiler zu klein, aber für den Aufenthalt im Sommer (Monti?) sind sie wohl geeignet. Allzu alt dürfte die Aufnahme übrigens nicht sein, denn der Zaun links unten im Bild ist mit Stacheldraht ausgeführt. Lassen wir das Bild einmal weiter köcheln…“

Ich sitze jetzt schon den halben Sonntag auf dem Sofa und zieh mir 3D Karten von Gordola rein

Kurz darauf schreibt Thomas Pfister bereits wieder, nämlich um um 18:33: „Ja, die Monti… Die habe ich mir auch angeschaut, aber mir scheint, dass der Horizont aus diesen Höhenlagen einfach nicht stimmt. Der Monte Tamaro wird einfach zu dominant, um noch irgendwie ins Bild zu passen. Wie du richtig schreibst, ist das Hügelchen links der Knackpunkt. Wenn wir das verorten könnten, hätten wir den nötigen Beweis. Ich sitze jetzt schon den halben Sonntag auf dem Sofa und zieh mir 3D Karten von Gordola (und Brione, Contra) rein, aber bisher ohne Erfolg.
Meine Verortung vom ersten Post stimmt sicher nicht. Ich neige manchmal etwas zur Eile…“

46.18385, 8.84566

Dann geht es Schlag auf Schlag! Thomas Pfister meldet sich bereits um 19:58 wieder: „46.18385, 8.84566, nicht Gordola, aber sonst stimmt es ziemlich präzis!?“

Der erste Beweis: ein Luftbild!

Etwas später, um 21:19, bringt Thomas Pfister den ersten Beweis mittels historischem Bild: „Was?! Du glaubst mir nicht? Hier bitte: LBS_H1-015862 😉 Und damit, Zeit die Wäsche aufzuhängen…“

Friedli, Werner: Rebberge bei Tenero-Mondacce, Tiefgeflogen, 08.09.1953 (LBS_H1-015862, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000357909)

Ich bin baff!

In der folgenden Nacht, 4.11.2019 um 2:40 (!) schreibt Koni Kreis: „Ich bin baff. Die Luftaufnahme LBS_H1-015862 zeigt alle Details, da stimmt alles: die Rechtskurve der Strasse, das Haus rechts, das in der Mitte und die zwei Häuser am Hügel. Es stimmt sogar der Fusspfad, der beim Stacheldrahthag links hinunter abgeht. Ich ziehe meinen Hut vor deiner Findigkeit. Ja, ich bin von Contra zu wenig tief hinunter nach Tenero gegangen. Wenn du willst, kannst du einen Feedback-Kommentar schreiben; sonst würde ich bei meinem Kommentar auf deine Leistung hinweisen. Das Beispiel zeigt wieder einmal, dass es im ETH-Bildarchiv immer wieder noch eine zusätzliche Luftaufnahme hat, die man als Beweis bei unklaren Situationen aufführen kann. Nochmals: ich bin baff.“

Der Hinweis auf das Hügelchen links

Am Nachmittag um 14:12 kommt Thomas Pfister mit einem weiteren Beweisstück: „Ciao Koni. Danke für dein Lob. Du darfst den Kommentar gerne für dich verbuchen. Wer morgens um 2:40 noch arbeitet hat das verdient 😉 Es war wieder mal interessant, mit dir zusammen zu arbeiten. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie positiv ein Gedankenaustausch das Resultat beeinflusst. Dein Hinweis auf das Hügelchen, das ich grosszügig übersehen hatte, half mir am Schluss die richtige Lösung zu finden. Walter Mittelholzer hat seine Kamera auch mal auf das Objekt gerichtet LBS_MH01-001334. Etwas unscharf dafür zeitnäher.“

Mittelholzer, Walter: Mondacce, Reggia-Contra, Gordemo, Val Verzasca, 1919 (LBS_MH01-001334, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000342057)

Wie man von einem 3D-Bildhorizont auf den Standort des Fotografen schliessen kann

Koni Kreis schliesst die Diskussion am selben Abend um 19:02: „Danke, Thomas, die Zusammenarbeit hat wirklich Spass gemacht, ich musste dir nur das Indiz zeigen, da bist du wie ein Spürhund losgerannt (;-)) Blöd, dass die IT-Systeme öffentlich vermerken, wann man noch am Arbeiten (bzw. Schlafwandeln) ist… Dann werde ich also die Verortung als Bildfeedback ans Bildarchiv schicken (Tenero-Contra, Ortsteil/Weiler/Quartierteil Moresio). Vielleicht kann Nicole Graf die zwei schönen Bilder einmal in ihrem Blog abbilden, als Beispiel, wie man von einem 3D-Bildhorizont zurückschliessen kann auf den Standort des Fotografen.“ 

Und bringen Sie die drei Bilder zusammen?

Uns im Bildarchiv bleibt zum Schluss dieser spannenden Diskussion immer wieder das Staunen: wie bringen es unsere Freiwilligen fertig, die Luftbilder mit der Ansicht vom Boden aus zusammenzubringen? Gelingt es Ihnen?

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Vollständige Bildinformationen

Gebrüder Büchi: Landstrasse im Locarnese, Tenero-Contra, Weiler und Rebhügel Moresio, Blick nach Süden (S), 1888-1901 (Hs_1360-0170, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000068116)

 

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