Die Rekonstruktion von Oskar Biders letzter Nacht

Lesezeit: 6 Min.

Im Oktober 2018 erschien der erste Roman des Solothurner Luftbildfotografen und Journalisten Peter Brotschi „Biders Nacht“. Darin rekonstruiert der Autor die letzte Nacht des umjubelten Luftfahrtpioniers Oskar Bider und seiner Schwester, der Filmschauspielerin Julie Helene Bider.

„Biders Nacht“ ist ein spannender, von vielen Dialogen getriebener Roman. Eine Gruppe junger Menschen trifft sich am Sonntagabend, 7. Juli 1919 in Zürich, um den Abschied von Oskar Bider aus der Fliegertruppe und den Beginn seines Unternehmens Ad Astra zu feiern. Der Erste Weltkrieg ist vorbei, die Welt steht vor einer Zeitenwende. Die Unbeschwertheit der Gruppe, u.a. ist auch Balz Zimmermann mit von Partie – Mittelholzer allerdings nicht –, die wirtschaftlichen Aussichten, die Möglichkeiten der modernen Technik lassen die jungen Leute zuversichtlich in die Zukunft sehen. Nebenbei erfährt man auch einiges über den Beginn der zivilen Luftfahrt und die technischen Weiterentwicklungen der Flugzeuge.

Was haben unsere Bilder mit „Biders Nacht“ zu tun?

Die Personennamen, die Lokalitäten, die Stationen der Nacht und die Bezüge zur Luftfahrt entsprechen den historischen Tatsachen. Gemäss Berichten zum Flugunfall von Oskar Bider nahm zudem eine Dame am Fest teil, deren Name unbekannt ist. Der Name dieser Dame, die Charaktere, Handlungen und Dialoge sind frei erfunden. Peter Brotschi hat für die Rekonstruktion dieser Nacht Briefe, Tagebücher und andere Akten aus verschiedenen Schweizer Archiven und Bibliotheken hinzuziehen können. Auch die Bestände des Bildarchivs waren ihm eine grosse Hilfe.

Ein typisches Porträt eines Luftfahrpioniers: Oskar Bider in Uniform und mit Zigarre vor seiner Lieblingsmaschine Nieuport 23 C-1 posierend.

Unbekannt: Oskar Bider vor Nieuport 23 C-1 in Dübendorf, 1910-1919 (LBS_SR02-10132, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000458561)

Einer der ersten Aufstiege Biders auf dem Beundenfeld in Bern im Frühling 1913, signiert von Oskar Bider.

Unbekannt: Blériot XI-2 (XI-b) mit Oskar Bider im Flug, 1913 (LBS_SR02-00033-B, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000458239)

Im Roman handelnde Personen: Balz Zimmermann (2.v.l.) und Oskar Bider (3.v.l.)

Unbekannt: Alfred Comte, Balz Zimmermann, Oskar Bider, Henri Pillichody (v.l.n.r.), ca. 1910 (LBS_SR02-10123, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000458552)

Ein zentrales Thema des Romans: die Gründung der Ad Astra, hier die Gründungsurkunde und Subscriptions-Liste des Initiativ-Komites für eine schweiz. Gesellschaft für Lufttourismus, die von Oskar Bider kurz vor seinem Tode verfasst wurde.

 

Unbekannt: Gründungsurkunde der Ad Astra Aero, 07/1919 (LBS_SR02-00001, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000458238)

Die Rekonstruktion eines Ortes

Unter anderem hat Peter Brotschi das folgende Bild sowie das Titelbild, welche beide den Landflugplatz „Mattenhof“ Schwamendingen der „Comte, Mittelholzer und Co. Aero, Luftbildverlagsanstalt und Passagierflüge“ von Walter Mittelholzer zeigen, für seine Recherchen verwenden können. Auf Nachfrage dazu schreibt der Romanautor folgendes:

Persönlich kenne ich die Umgebung von Dübendorf gut, da ich im Militärdienst alle Tage zusammengezählt weit über ein Jahr meines Lebens auf diesem Militärflugplatz verbracht habe. Doch Schwamendingen kannte ich nicht. Mir war bekannt, dass die beiden Militärpiloten Walter Mittelholzer und Alfred Comte im April 1919 nach Schwamendingen ausweichen mussten mit ihrer neu gegründeten ersten zivilen Fluggesellschaft der Schweiz. Aber wo in Schwamendingen befand sich das Flugfeld? Da Mittelholzer ja Fotograf war und die ETH-Bibliothek seine Bilder im Bestand hat, war es naheliegend, in diesem Bestand zu suchen. Die beiden Flugbilder sagten mir als Pilot dann genügend aus, wo sich das Flugfeld exakt befand, obwohl das Glattal in den 100 Jahre dramatisch zubetoniert wurde. Somit war das „Rätsel“ für mich gelöst.

Das Ganze war mir wichtig, weil nach den Quellen historisch belegt ist, dass das Taxi von Zürich nach Dübendorf mit Bider und seiner Entourage kein Benzin mehr hatte und sie in Schwamendingen nach einem Fussmarsch auf ein neues Taxi warten mussten. Das wollte ich im Roman unbedingt einbauen und merkte dann, dass ich in diesem Zusammenhang zudem den Mattenhof und den Flugplatz von Comte und Mittelholzer erwähnen konnte.

Selber habe ich dann vor dem Schreiben dieses Kapitels die Gegend mit einem Fussmarsch vom „Hirschen“ Schwamendingen bis zum Bahnhof Stettbach und wieder zurück erkundet. Und bin immer noch entsetzt, wie sehr sich die bäuerliche Landschaft des Glattals in eine Betonwüste verunstaltet hat. (Brotschi 2019, E-Mail an Nicole Graf)

Mittelholzer, Walter: Schwamendingen, Zürich, Flugplatz-Mattenhof der „Comte, Mittelholzer und Co. Aero, Luftbildverlagsanstalt und Passagierflüge“, 1919 (LBS_MH01-000591, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000341335)

Im Roman lässt Peter Brotschi die zwei Bilder folgendermassen einfliessen:

An der Wand hängen neue Fotos vom Flugplatz Schwamendingen – auf der einen zwei Flugzeuge, ein Hochdecker und und ein Doppeldecker, vor dem Holzhangar, auf der anderen eine Flugaufnahme: die Felder des Glattals ohne Bäume und ohne ein einziges Haus. Am rechten Bildrand der Mattenhof mit seiner Hofstatt, vor der ein Holzschuppen steht, es ist der Hangar der im April gegründetetn Fluggesellschaft von Comte und Mittelholzer. Die beiden Militärpiloten mussten mit ihrer Firma auf einen privaten Platz wechseln, den sie beim Bauernhof zwischen Dübendorf und Schwamendingen fanden. Von dort aus unternahmen sie im Mai und Juni Fotoflüge in der ganzen Schweiz. Sie verkaufen die Fotos an Gemeinden, Lehranstalten und Verkehrsvereine und organisieren in vielen Ortschaften über das Land verteilt Flugtage. (Brotschi 2018: 178-179)

Letzte Aufnahme Biders

In Peter Brotschis Buch wird der „Erste Flug um die Schweiz“ ebenfalls mehrmals durch die Protagonisten thematisiert. Das schweizweite Ereignis wurde von den Basler Nachrichten veranstaltet. Geflogen ist Oskar Bider. Das folgende ist Oskar Biders letztes Bild. V.l.n.r.: Lieutnant Henry Pillichody (1), Oskar Bider, Dr. Gubler (2), Direktor Ras, der Organisator des Fluges (3), im Gespräch mit: Major Isler, Flugplatzkommandant Dübendorf (4), Pfarrer Zellweger, Chefredaktor der Basler Nachrichten (5), Oberleutnant Rihner, Leiter des Schweizerischen Flugpostdienstes (6).

Unbekannt: Letzte Aufnahme von Flugpionier Oskar Bider, ca. 07/1919 (LBS_SR03-03032-A, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000234704)

Hinweise zum Buch

Brotschi, Peter: Biders Nacht: Roman. Olten: Knapp-Verlag, 2018. ISBN 978-3-906311-50-0.

Lesung am 21. Januar 2019 von 17 bis 18.30 Uhr: Peter Brotschi liest aus seinem neuen Roman am Ort des Geschehens: Locanda Ticinese, Nüschelerstrasse 6, 8001 Zürich. Um Anmeldung unter events@carlton.ch wird gebeten. Getränke & Apéroplättli können vor Ort bestellt werden.

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Vollständige Bildinformationen

Mittelholzer, Walter: Landflugplatz „Mattenhof“ Schwamendingen der „Comte, Mittelholzer und Co. Aero, Luftbildverlagsanstalt und Passagierflüge“, ca. 1919 (Ans_05035-470, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000032564)

DOI Link: https://doi.org/10.35016/ethz-cs-7376-de

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