Wie man 1920 ein aktuelles Ereignis dokumentierte

Lesezeit: 5 Min.

Ereignispostkarten als Vorläufer der Pressefotografie

Im ausgehenden 19. Jahrhundert, vor dem Zeitalter von illustrierter Presse, Radio, Telefon und Fernsehen, gab es kein populäreres und schnelleres Kommunikationsmittel als die Postkarte. Postkarten waren das erste schichtenübergreifend zirkulierende Massenmedium! Sie waren damals die effizientesten, billigsten und handlichsten Übermittler von Bildinformationen. Die Post wurde mehrmals am Tag ausgetragen, mit der Beschleunigung der fotografischen Reproduktionstechniken wurde es möglich, illustrierte Karten von Ereignissen noch am selben Tag in Umlauf zu bringen. Als dokumentarische Momentaufnahmen nahmen sie die Funktion des modernen, in den 1920er-Jahren aufkommenden Bildjournalismus vorweg. Für schnelle Abzüge boten sich insbesondere Bromsilberkarten an. Bei dieser Technik fand jedes Negativ direkt, ohne Zwischenschritt über die Druckplatte, Verwendung.

Die sogenannten „Ereignispostkarten“ erinnern an die vermischten Meldungen heutiger Tageszeitungen. In unserer Postkartensammlung von Adolf Feller, eine Sammlung aus aller Welt, findet sich eine beträchtliche Zahl solcher illustrierter Postkarten. Folgende Ereignisse können darauf abgebildet sein: Erdbeben, Vulkanausbrüche, Auftritte von adligen oder politischen Persönlichkeiten, Brände, Unfälle, Massenveranstaltungen oder der Erste Weltkrieg.

Mehr zu Postkarten und der Sammlung von Adolf Feller siehe Monika Burri: Die Welt im Taschenformat. Die Postkartensammlung Adolf Feller. Zürich: Scheidegger & Spiess, 2011 (Bilderwelten. Fotografien aus dem Bildarchiv der ETH-Bibliothek ; Bd. 1).

Mehr zur Pressefotografie siehe Netzwerk Pressefotografie: Schweizer Pressefotografie = Photographie de presse suisse. Einblick in die Archive = un regard sur les archives. Zürich: Limmat-Verlag, 2016.

Die Rekonstruktion des Ereignisses

Unser Anonymus hat eine interessante Serie von 12 unterschiedlichen Postkarten aus dem Jahr 1920 entdeckt, beschrieben und gleich mit einer Warnung versehen: es sei zwar sehr plausibel, aber trotzdem unbewiesen, dass diese Postkartenserie den Leichenzug des Bundesrates Eduard Müller (1848-9.11.1919, FDP/BE) dokumentiere.

Die Karten sind Original-Abzüge, also Silbergelatine-Abzüge. Einfachheitshalber geben wir in der Bilddatenbank in der physischen Beschreibung lediglich Postkarten an. Denn es gibt unzählige drucktechnische Verfahren, die auch nicht immer einfach zu erkennen sind, so dass wir darauf verzichten. Vom Fotografen kennen wir nur seinen Nachnamen und seine Adresse: Keller, Militärstrasse 39 in Bern, Telefon 2849. Die Postkarten sind auf der Vorderseite nummeriert. Von den 12 Postkarten gibt es bei 11 Motiven je eine Dublette.

Die Überprüfung der Postkartenrückseiten hat dann den Zweifel unseres Crowdaktivisten bestätigt: Es handelt sich um den Leichenzug von Oberst Jules Beck, vermutlich im Februar 1920. Die Arbeit unseres Anonymus ist allerdings nicht verloren: er hat bei allen Postkarten die genaue Strassenbezeichnung angefügt. Dank der Nummeriung der Karten, die wir in einem internen Feld erfassen, lässt sich der genaue Gang des Leichenzugs beinahe rekonstruieren: von der Kornhausbrücke über die Laupenstrasse vermutlich zum Bremgartenfriedhof. Als Datum wird Februar 1920 angenommen, weil drei Postkarten aus der Serie am 6. resp. 9. Februar 1920 verschickt wurden.

Vom Leichenzug des Bundesrates Müller sind übrigens vom selben Fotografen 4 Postkarten vorhanden (siehe Signaturen Fel_017035-RE bis Fel_017038-RE)

Neben wenigen Widersprüchlichkeiten, wie unten gezeigt wird, bleibt vor allem die eine Frage offen, wie unser Anonymus schreibt: „Das ‚cave!‘ war berechtigt – aber so viel Haupt- und Staatsaktion für einen Kavalleristen?“

Auch Zeitzeugen widersprechen sich

Die erste Postkarte aus der Serie ist die Nummer 18850. Sie zeigt den Leichenzug von Oberst Jules Beck auf der Kornhausbrücke.

Nicht gelaufen

(Fel_009419-RE, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000132518)

Bei Nummer 18856 ist der genaue Ort noch nicht identifiziert.

Bern, Leichenbegängnis von Oberst Jules Beck

(Fel_009424-RE, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000132523)

Der Leichenzug, der aus drei unterschiedlich geschmückten Kutschen besteht, befindet sich hier an der Laupenstrasse Nr. 33 bei der Villa Bonjour. Auf Bild 18860 sehen wir die hinterste Kutsche.

Nicht gelaufen

(Fel_009418-RE, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000132517)

Beim nächsten Bild, der Nummer 18861, sieht man alle drei Kutschen. Wir wissen leider nur, dass es sich um den Leichenzug von Oberst Jules Beck handelt. Wer sonst noch beerdigt wurde, erschliesst sich nicht aus den vorhandenen Metadaten. Der Tross befindet sich hier an der Ecke Laupen- und Zieglerstrasse.

Nicht gelaufen

(Fel_009425-RE, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000132524)

Die Honoratioren des Leichenbegängnisses an der Laupenstrasse.

Nicht gelaufen

(Fel_009427-RE, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000132525)

Nochmals dieselben Herren, eine Postkarten-Nummer weiter, an der Laupenstrasse 10 bei Kolonialwaren Kindler & Co.

Nicht gelaufen

(Fel_009428-RE, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000132526)

Hier kommt es nun zu einem inhaltlichen Widerspruch, auch Zeitzeugen können sich irren! Von der folgenden Karte mit Nummer 18867, wir befinden uns unterdessen beim Güterbahnhof an der Laupenstrasse, gibt es zwei Exemplare im Feller-Bestand. Beide Karten wurden verschickt und enthalten ausführliche Grussbotschaften. Diese widersprechen sich jedoch in Bezug auf das gezeigte Sujet:

Karte 1 (Fel_009421-RE, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000132520): Botschaft der Postkarte: Hier ein historisches Bild. Der Völkerbundsrat oder die Präsidenten der verschiedenen Staaten u. Kolonien. Du bist gut getroffen, während Adolf etwas versteckt ist. – Meine Schwester Anna (Frau Richi) liegt krank zu Bett. Wahrscheinlich Grippe (etwas Fieber). Sonst alles beim Alten. Poststempel 6.2.1920

Karte 2 (Fel_017024-RE, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000121339): Botschaft der Postkarte: Bildchen vom Leichenbegängnis von Oberst Beck. Franz sieht man, aber ist ein bisschen versteckt. Anna liegt krank zu Bett, wahrscheinlich Grippe. Poststempel 6.2.1920.

Die Nummerierung der Karten spricht für die These, dass diese Herren ebenfalls Teil des Leichenzuges von Oberst Beck waren.

Botschaft der Postkarte: Hier ein historisches Bild. Der Völkerbundsrat oder die Präsidenten der verschiedenen Staaten u. Kolonien. Du bist gut getroffen, während Adolf etwas versteckt ist. - Meine Schwester Anna (Frau Richi) liegt krank zu Bett. Wahrscheinlich Grippe (etwas Fieber). Sonst alles beim Alten. Poststempel 6.2.1920

(Fel_009428-RE, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000132520)

Auf der folgenden Karte Nr. 18869 sehen wir Studenten beim Güterbahnhof an der Laupenstrasse.

Nicht gelaufen

(Fel_009423-RE, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000132522)

Die folgende Karte, die wir hier vorstellen, ist Nummer 18873 und zeigt eindeutig die ersten zwei Kutschen des Leichenzuges von Oberst Jules Beck. Der Leichenzug befindet sich nun an der Laupenstrasse Nr. 41, Gutekunst und Klipstein.

Nicht gelaufen

(Fel_009422-RE, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000132521)

Die Karte mit der Nummer 18878 wurde am Bubenbergplatz aufgenommen. Ob sie noch Teil des Trauerzugs von Oberst Beck ist?

Nicht gelaufen

(Fel_009420-RE, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000132519)

Digitalisierungsstrategie des Bildarchivs

Apropos Postkartenrückseiten: in der Regel scannen wir die Rückseiten von Postkarten oder Abzügen nicht ein. Wir übertragen allfällige Metadaten, falls auf der Rückseite vorhanden, in die entsprechenden Felder der Bilddatenbank. Bei den Postkarten des Bestandes von Adolf Feller ist es allerdings anders: Wir haben die Postkarten bereits in digitalisierter Form, mit Vorder- und Rückseite, erhalten. Ausserdem wurden die Grussbotschaften transkribiert, diese haben wir in die Beschreibung eingegeben.

Ein solches exemplarisches Vorgehen wäre in einigen Fällen sicher wünschenswert, wie das Beispiel hier zeigt. Wir haben beim Aufbau des Bilddatenbank 2004/2005 entschieden, dass wir die Bilder als reine visuelle Informationsträger ohne Kontextinformationen, also ohne Rückseiten oder Randnotizen, digitalisieren. Dies, damit die Bilder direkt für die Nutzung weiterverwendet werden können. Andererseits aber auch, um den damaligen Speicher- und Skalierungsproblematiken zu entgehen. Das bedeutet für die Nutzenden, dass Sie unserer Erschliessungsarbeit vertrauen können und müssen. Im Zweifelsfall sind jedoch die Originale vorhanden und können aus dem Magazin hervorgeholt werden.

Vollständige Bildinformationen

Keller: Bern, Leichenzug von Oberst Jules Beck am Beginn der Laupenstrasse. Links: Bogenschützenstrasse 8, Loge zur Hoffnung, rechts: Bubenbergplatz 12, Café Bubenberg. Nicht gelaufen. Februar 1920 (Fel_009417-RE, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000132516)

DOI Link: https://doi.org/10.35016/ethz-cs-3496-de

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2 Kommentare

  1. Koni Kreis
    Friday, der 11. August 2017
    Antworten

    Warum so viel Staatsaktion für einen Kavalleristen? Hermann Jules Rudolf Beck‏‎ war ein erst 48jährig gestorbener Kavallerieoberst, verheiratet mit einer von Wattenwyl. Hier wurde also ein Berner Aristokrat beerdigt, nicht nur ein Kavallerist…

    Koni Kreis

  2. Nicole Graf
    Friday, der 11. August 2017
    Antworten

    Lieber Herr Kreis
    Vielen Dank für die Aufklärung, das hat mir noch gefehlt!
    Herzlich
    Nicole Graf

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