„Da hat es das gesuchte ‚Klick‘ gemacht…!“ – Mitteldeutsches Braunkohlerevier bei Deuben

Lesezeit: 5 Min.

Am 22. August 2016 haben wir zwei rätselhafte Bilder aus dem Mittelholzer-Bestand vorgestellt: Handelte es sich um Braunkohle oder Kali – waren die Abbaugebiete im Elsass oder in Sachsen?

Drei unserer aktivsten Crowdsourcer – Walter Aeberli, Sigi Heggli und Koni Kreis – haben sich über einen längeren Zeitraum mit diesen zwei Mittelholzer-Bildern beschäftigt.

Unabhängig voneinander an denselben Bildern

Eine erste Spur hatte Walter Aeberli gelegt. Er schickte als erster am Samstag, 13. August 2016 seine Mutmassungen: „Ich selbst vermute, dass die Fotos nicht in der Schweiz aufgenommen worden sind, sondern dass sie Kaligruben im Elsass zeigen. Aber nachprüfen kann ich das mangels Karten nicht. Und in Wikipedia wird zwar von Kali-Vorkommen im Elsass gesprochen, aber eine genaue Ortsangabe habe ich auf die Schnelle doch nicht gefunden. Und überhaupt derartige Riesenanlagen gab es in der Schweiz zu Mittelholzers Zeiten nicht – und heute erst recht nicht mehr. Man sieht ja auf -1859 am unteren Bildrand eine grosse Industrieanlage mit einer Halle mit acht Geleise (auf einem davon eine rauchende Dampflokomotive), Verarbeitungsanlagen, drei langgestreckt-niedrigen Schuppen, zwei rauchenden Fabrikschloten, einem Förderband und einer Verladeanlage. Und man fragt sich, wohin denn die Geleise führen, welche am unteren Bildrand unter einem breiten, grossen Gebäude verschwinden. Und wofür die beiden Absetzbecken und das kreisrunde (Klär-?)Becken nötig waren. Weit hinten in -1859 sieht man eine weitere Grube, welche offenbar weitgehend ausgebeutet ist und sich schon mit Grundwasser gefüllt hat. Und die hellen Streifen am oberen Bildrand könnten auch eine Grube darstellen. Und -1860 zeigt nochmals eine andere (wassergefüllte) Grube! Nach einer riesigen Lehmgrube sieht es nicht aus, denn da müssten Ziegelei-Gebäude und Lagerflächen für die Fertigprodukte auch zu sehen sein. Der Rohstoff, der da (anfänglich aus oberirdischen Gruben und später offenbar aus unterirdischen Lagern) gefördert wurde, wurde offenbar nach einer einfachen Verarbeitung per Bahn abtransportiert.“

Da er aber mit mehr Fragen als schlüssigen Antworten seine Mail schloss, schlug er einen Blogbeitrag zu diesem Thema vor.

Tags darauf am Sonntag, 14. August 2016 schrieb dann Koni Kreis einen relativ trockenen Kommentar: „Braunkohle-Tagebau in Sachsen oder Sachsen-Anhalt. Genaue Verortung schwierig. Müsste mit der ‚Liste deutscher Braunkohletagebaue‘ im Wikipedia abgearbeitet werden… Müsste auf der Fluglinie Wittenberg-Thüringen(-Zürich) gesucht werden.“

Koni Kreis konnte zu diesem Zeitpunkt die Ausführungen von Walter Aeberli nicht kennen, da diese noch nicht in der Bilddatenbank eingepflegt waren. Sie hatten sich also unabhängig voneinander dieselben zwei Knacknüsse vorgenommen. Dieses Phänomen, dass mehrere Personen gleichzeitig an denselben Bildern arbeiten, ohne dass wir speziell auf die Bilder hingewiesen haben, haben wir schon des öfteren beobachtet!

Bitte nicht alle gleichzeitig…!

Zwei Tage später ergänzte Koni Kreis seinen ersten Versuch: „Dieses Bild ist wirklich eine Knacknuss… Hier weitere Erkenntnisse: Jedenfalls gehört das Bild LBS_MH03-1859 zum Bild LBS_MH03-1860. Das Flugzeug fliegt nach rechts, südwärts, und hat die drei Braunkohlegruben links von sich. Die Braunkohlegrube mit Fabrikanlage am Grubenrand befindet sich bei LBS_MH03-1860 (Filmrandnummer 632) rechts oben auf dem Bild und bei LBS_MH03-1859 (Filmrandnummer 634) links oben. Das Bild LBS_MH03-1860 zeigt, dass es sich wirklich um Braunkohle handelt (oder doch um etwas sehr dunkles…). Die grosse Fabrikhalle rechts oben auf LBS_MH03-1860 müsste sich demnach gleich nördlich (links) vom Dörfchen von LBS_MH03-1859 befinden. Der von links fahrende Feldbahnzug mit der dunklen Lokomotive befindet sich bei LBS_MH03-1860 kurz vor der Fabrikhalle und bei LBS_MH03-1859 schon auf der Höhe des Dörfchens. (Eigentlich bräuchten wir nur noch das Bild mit der Filmrandnummer 633 für eine kurze Filmsequenz…)“.

Mitteldeutsches Braunkohlerevier: Brikettfabrik und Tagebaugrube

Mittelholzer, Walter: Mitteldeutsches Braunkohlerevier: Brikettfabrik und Tagebaugruben bei Deuben und Naundorf, 1918-1937. Brikettfabrik der Grube Naumburg, dahinter das Dorf Naundorf und zwei Tagebaugruben (LBS_MH03-1859, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000493959)

Die Nummer 633 ist im Bildbestand leider nicht vorhanden, also musste diese Spur wieder verlassen werden. Koni Kreis liess nicht locker, er fand die Nummer 635 in einem anderen Mittelholzer-Bestand: „… möchte ich auf das Bild LBS_MH01-005918 (‚Leutenberg‘), verweisen, das die Filmrandnummer 635 trägt und an den Filmrändern links und rechts ähnlich abgewetzt ist. Das ist sicher keine Zufall. Diese drei Bilder gehören zusammen.“ Damit konnte auch definitiv die Autorschaft von Mittelholzer nachgewiesen werden.

Nach Erscheinen des Blogs am 22. August 2016 herrschte dann aber Funkstille! Koni Kreis kommentierte dies am 23. August 2016 auf dem Blog: „Bitte nicht alle gleichzeitig…“

Off-the-records ging es weiter

Am 29. November 2016 bekam die Suche neuen Elan, Sigi Heggli klinkte sich ein: „Wenn man den Flug von 1929 auf Grund der dreistelligen Bildnummern links rekonstruiert, so kommt man in das Gebiet des Mitteldeutschen Braunkohlereviers südwestlich von Leipzig. Die Gegend ist heute stark verändert und zahlreiche Anlagen wurden geflutet. Auf Grund der Liste https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_deutscher_Braunkohletagebaue kommen auf Grund der Abbauzeiten Zwenkau, Geiseltal und Müncheln/Braunsbedra in Frage.“

Auch Sigi Heggli doppelt einen Tag später nach: „Meines Erachtens ist auf dem Bild LBS_MH03-1859 oben links die beschädigte Ringspülkippe zu sehen. Davor das alte, teilweise zerstörte Dorf Lippendorf. Unten in Bildmitte ist vermutlich einer der Produktionsbetriebe.“

Schliesslich sind Sigi Heggli und Koni Kreis beide noch nicht ganz befriedigt. Im Hintergrund werden E-Mails ausgetauscht und off-the-records rätseln die beiden weiter und am 29. Dezember 2016 wird uns folgende Lösung von Koni Kreis präsentiert:

„Mitteldeutsches Braunkohlerevier: Brikettfabrik und Tagebaugruben bei Deuben und Naundorf. Brikettfabrik der Grube Naumburg, dahinter das Dorf Naundorf und zwei Tagebaugruben, wovon die linke als Grube Kamerad bezeichnet ist. In Deuben, im Zeitz-Weißenfelser Braunkohlerevier, im südöstlichen Sachsen-Anhalt. Blick nach Ost. Markant an der Fabrik ist der neue Grossbunker unterhalb der Bildmitte, der der Fabrik kontinuierlich Braunkohle zuführt. Dieser Fabrikstandort ist heute (2016) noch aktiv; die hier sichtbaren Gruben sind aber rekultiviert oder zu Naherholungsgebieten gemacht worden. In der oberen linken Bildhälfte das Dorf Naundorf und die Grube Kamerad, östlich von Naundorf. Im Landschaftshintergrund von links nach rechts die Dörfer Döbris und Pirkau (heute (2016) beide verschwunden), rechts oben Nonnewitz/Theissen im Tal der Weissen Elster und am rechten mittleren Bildrand der Weiler Grube Paul II. Heute (2016) befindet sich östlich dieser Landschaft der noch aktive Grosstagebau Profen.

Mitteldeutsches Braunkohlerevier: Fabrik und Tagebaugruben in Wi

Mittelholzer, Walter: Mitteldeutsches Braunkohlerevier: Fabrik und Tagebaugruben in Wildschütz bei Deuben, Blick nach Südosten (SE), 1918-1937. Grube Anna-Antonie mit Fabrik zur Braunkohleverarbeitung bei Deuben, zwischen den Weilern Nödlitz und Wildschütz, im Zeitz-Weissenfelser Braunkohlerevier, im südöstlichen Sachsen-Anhalt (LBS_MH03-1860, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000494009)

Kritisches Hinterfragen von Zwischenergebnissen

Das gemeinsame Diskutieren, Austauschen von Recherchetipps oder das kritische Hinterfragen von Zwischenergebnissen war für beide Crowdsourcer sehr angenehm und gewinnbringend. Koni Kreis bedankt sich offiziell bei Sigi Heggli für die „anspornende Mitsuche, den Hinweis auf die Gebiete südlich von Leipzig und den Link zum Landkartentool kartenforum.slub-dresden.de. Ohne ihn hätte ich die Weitersuche vielleicht sein lassen.“

Koni Kreis schliesst den über mehrere Monate dauernden Suchprozess mit folgendem anschaulichen Fazit und einer These zum Bilder-Identifizieren ab: „Schlussendlich war es nur Glück, dass ich zufällig auf die Gegend um Zeitz/Weissenfels gelangte, wo mir die Tagebaugruben plötzlich ganz vertraut vorkamen. Da hat es das gesuchte ‘Klick’ gemacht… Unser Gehirn entwickelt beim Bilder-Identifizieren möglicherweise wieder gewisse Hirnareale, die vielleicht beim frühen Menschen in der Savanne nützlich waren, z. B. bei der schnellen Bilderkennung in der Frage ‚Ist das Ding da im Gebüsch eine Antilope oder ist es öppe ein Löwe?'“.

 

 

 

Neue Beiträge

Neue Kommentare

Archive

Meta

Schreibe den ersten Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.