Über verschlungene Wege und irreführende Spuren zu einem überraschenden Ergebnis

Lesezeit: 6 Min.

Am 10. Oktober 2016 haben wir gefragt „Wer ist dieser Mann?“. Gleich mehrere Freiwillige (siehe auch die Kommentare in demselben Post) haben sich auf die Suche gemacht. Am hartnäckigsten hat Sigi Heggli diverse Spuren aufgenommen, diese verfolgt, einige verworfen und schliesslich mehrere Fragen auf den Bildern beantworten können! Dass dabei manchmal ganz kleine Details die entscheidenden Hinweise liefern, soll hier ebenso nacherzählt werden wie die ganze spannende Detektivarbeit.

Eine erste falsche Spur

Zuerst ging es aber in eine ganz falsche Richtung. Sigi Heggli hatte eine Fotografen-Dynastie in Basel „in Verdacht“. Seine Argumentationslinie zu dieser Spur lautet folgendermassen: „Auf den Innenaufnahmen gibt es sehr viele kleine Porträts an den Wänden. In Basel gab es eine ganze Fotografen-Dynastie Namens Höflinger von 1857-1991. Deren Nachlass ist im Staatsarchiv des Kantons Basel-Stadt. Sie hatten als Spezialität solche Kleinporträts. Ich könnte mir vorstellen, dass es sich bei der interviewten Person um Walter Höflinger handelt, der 1958 unerwartet starb.“

Der Interviewer

Ungefähr eine Woche später erreicht uns eine erste Erfolgsmeldung von Sigi Heggli, und zwar konnte er den Interviewer eindeutig als Mitarbeiter des Photographischen Instituts der ETH Zürich identifizieren, das Institut zeichnet ja verantwortlich für diese Bildserie ohne Titel. Sigi Hegglis Beweisführung in dieser Frage: „In der Zwischenzeit bin ich auf eine andere Spur gekommen. Der Herr mit dem karierten Veston, der das Interview führt, ist vermutlich ein Mitarbeiter des Institutes für Photographie, das in dieser Zeit unter Leitung von Professor John Eggert stand. Er ist nämlich auf verschiedenen Fotos auf e-pics aus dem Jahr 1949 vom Kongress für Photographie in Zürich, organisiert vom Institut, ebenfalls abgebildet (zB PI_49-X-0007, PI_49-X-0038, PI_49-X-0174, PI_49-X-0234).“

Besuch der Bibliothek des Landesmuseums in Zürich

Photographisches Institut der ETH Zürich: Besuch der Bibliothek des Landesmuseums in Zürich, 1949 (PI_49-X-0174, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000048326)

Quellenstudium

Im weiteren gibt uns Sigi Heggli eine Archivaufgabe auf: „Unter den Handschriften und Autographen der ETH-Bibliothek Nr. 37 unter John Eggert findet sich bei Manuskripten Hs764a beim Jahr 1951 unter Eintrag 35 und 36 ein Hinweis auf Publikationen über Pioniere der Fotografie in der Schweiz und Deutschland. Diese ETH internen Angaben dürften am schnellsten zur Eingrenzung oder sogar zur Lösung ihrer Frage führen. Vielleicht ist die Zeitschrift camera in der Bibliothek auch vorhanden.“ Wir haben beide Hinweise aufgenommen, sind ins Magazin runter gestiegen und haben die gewünschten Quellen, leider ohne Erfolg, verifiziert.

Beweisführung

Nochmals rund eine Woche verging und Sigi Heggli hatte die erfolgversprechende Spur gefunden: „Es handelt sich mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit um den Antiquar Marzell Taeschler (1876–1953) aus St. Gallen, Nachkomme der bekannten St. Galler Fotografenfamilie Gebrüder Taeschler.“

Spannend nun seine Beweisführung. Wie schon bei anderen identifizierten Bildern ist eins der Erfolgsgeheimnisse: die kleinsten Details in den Bildern können wertvolle Hinweise liefern. „Wie bin ich zu diesem Resultat gekommen? Nach Ihrem negativen Bericht zur Spur von Professor Eggert habe ich die Spur mit der Broschüre in den Händen des Reporters wieder aufgenommen.“

Hier das betreffende Bild mit angeschnittenen Buchcover:

Fotograf und Antiquar Marzell (Marcel) Taeschler (1876-1953) (li

(PI_51-X-0007, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000048591)

Wie ging es dann weiter? Dazu Sigi Heggli: „Nach längerem Suchen wurde ich unter in der Photobibliothek bei den Jahren 1940/1943 praktisch zuunterst auf der langen Seite fündig. Diese Titelseite der Publikation des deutschen Fotohistorikers Erich Stenger passt zu unserem Bild. In der Beschreibung sind Hinweise auf einige Schweizer Fotografen. Diese habe ich systematisch überprüft. Und siehe da, das Resultat liegt vor der Haustür.“

Das Haus der Gebrüder Taeschler in St. Gallen

„Unter Taeschler Gebrüder findet sich im Katalog ETH E-Pics Fotostiftung Schweiz ein Foto mit dem Haus der Taeschlers. Die Geschichte der Gebrüder Taeschler ist ebenso online bei der Fotostiftung. Das Fotoatelier bestand von 1856 bis 1919. Marzell Taeschler war von 1891 bis 1908 im Atelier tätig, wechselte dann aber zum Antiquitätenhandel. Er starb 1953. Ich kann mir keine andere Person bei der Reportage erklären. Das Haus steht übrigens heute noch an der Greithstrasse 6 neben der Kirche St. Fiden, wie dies die Belege aus Google und den Stadtplänen zeigen.“ Überflüssig zu erwähnen, dass Sigi Heggli selbstverständlich die betreffenden Pläne mitschickte.

Sigi Heggli zieht an dieser Stelle ein erstes abschliessendes Fazit, das auch viel über seine Freude und Hartnäckigkeit aussagt: „Diese echte Detektivarbeit führt sehr oft über sehr verschlungene Wege mit vielen irreführenden Spuren zu einem überraschenden Ergebnis. Dies macht die ganze Sache spannend.“

Der Interviewer bekommt einen Namen

Ist die Spur erst richtig ausgelegt, kann man innert kürzester Zeit einige Fragen an den Bildern beantworten, man kann sie – wie es andere Freiwillige nennen – „heimtun“. Tagsdarauf kommt die Erfolgsmeldung von Sigi Heggli: „In der Zwischenzeit wurde ich auch noch fündig bei der Person des Reporters, es handelt sich um den Institutsmitarbeiter Herr Pfister.“ In E-Mail-Anhang das Beweisfoto aus unseren anderen Beständen:

Die Institutsmitglieder : Herr Pfister

Photographisches Institut der ETH Zürich: Der Institutsmitarbeiter: Herr Pfister, 1956, in: Prof. Dr. John Eggert zu seinem Doppeljubiläum : [10 Jahre ETH, 65 Lebensjahre], Weihnachten 1956. Album mit 132 Bildern (Auswahl digitalisiert)(Hs_0764b-0019-045, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000055955)

Beweisführung mit anderen Bildern aus dem Bildarchiv

So konnte schliesslich auch das Haus der Taeschlers mittels Mittelholzer-Luftbild identifiziert werden: „Unter den Bildern von W. Mittelholzer habe ich einen Ausschnitt einer Schrägaufnahme von 1927 gefunden, die das Haus mit dem Atelieranbau zeigt.“ Siehe den Ausschnitt aus dem besagtem Luftbild:

St. Gallen, St. Fiden v. N. O. aus 2200 m

Mittelholzer, Walter: St. Gallen, St. Fiden v. N. O. aus 2200 m, 1927 (LBS_MH01-005410-AL, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000297294)

Am Haus der Taeschlers hängt übrigens auch noch ein Schild „Antiquitäten“, dies ein weiterer Hinweis, dass Sigi Hegglis Vermutung stimmen könnte. Es könnte Marzell Taeschler sein, der Antiquitätenhändler.

St. Gallen, Greithstrasse 6, Haus mit Atelieranbau der Gebrüder

Photographisches Institut der ETH Zürich: St. Gallen, Greithstrasse 6, Haus mit Atelieranbau der Gebrüder Taeschler, 1951 (PI_51-X-0023, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000048607)

Der letzte Beweis fehlt noch

Der letzte Hinweis fehlt aber immer noch: „Bis jetzt habe ich auch keine Foto von Marzell Taeschler gefunden. Bei Gelegenheit werde ich in St. Galler Bibliotheken noch auf die Suche gehen. Ein wichtiger Hinweis für mich ist aber der folgende Text: ‚1952 übergibt Marzell das gesamte Material des einstigen Ateliers der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich, die in ihrem Institut für Kommunikationswissenschaft bereits eine grosse Kamerasammlung verwaltet. Ende der 1980er-Jahre geht dieser Bestand an das Kameramuseum in Vevey und so finden auch die Schätze des Ateliers Täschler dort ihre Bleibe.'“

Hilfe aus der Kantonsbibliothek Vadiana

Am 15. November 2016 kommt das entscheidende Mail von Sigi Heggli: „Beiliegend finden Sie die Bestätigung, dass es sich bei der Person definitiv um Marcel Taeschler handelt. Diese Bestätigung habe ich von der St.Galler Kantonsbibliothek Vadiana erhalten, bei der 5 Archivschachteln zur Sammlung Fotoatelier Taeschler unter der Signatur VNL 52.80 vorliegen. Darunter befindet sich der Nachlass von Frau Ingeborg Grünenfelder-Täschler, der 2012 an die Vadiana ging.“

Von der Vadiana erhielt Sigi Heggli den Nekrolog mit einem sehr ähnlichen Porträt von Marzell Taeschler (mit Beret). Gemäss Auskunft der zuständigen Person in der Vadiana, besitzt diese ähnliche Fotos wie das Bildarchiv der ETHZ. „Leider sind auch diese Fotos nicht beschriftet. Beim Herrn mit der karierten Jacke dürfte es sich um einen Reporter handeln, hält er doch ein Mikrofon in seinen Händen. Bei der Frau dürfte es sich, so meine Vermutung, um die Ehefrau von Marcel Taeschler handeln. Im Anhang sende ich Ihnen einen Nekrolog über Marcel Taeschler (aus der Gallusstadt 1954) sowie die Todesanzeige von 1953. Hier findet sich auch der Name seiner Ehefrau sowie weiterer Verwandter. Gerne dürfen Sie aber auch vorbeikommen und unsere Sammlung Taeschler anschauen.“

Fruchtbare Zusammenarbeit

Sigi Heggli rundet die verschlungene Suche mit folgenden Worten ab: „Ich danke Ihnen für die gute Zusammenarbeit bei der Suche nach der Antwort zu ‚Wer ist dieser Mann?'“. Darauf können wir nur sagen: Tausend Dank, lieber Herr Heggli, die Freude war ganz unsererseits!

Vollständige Bildinformationen

Photographisches Institut der ETH Zürich: Fotograf und Antiquar Marzell (Marcel) Taeschler (1876-1953) im Haus mit Atelieranbau der Gebrüder Taeschler an der Greithstrasse 6 in St. Gallen, 1951 (PI_51-X-0020, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000048604)

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Ein Kommentar

  1. Koni Kreis
    Freitag, der 25. November 2016
    Antworten

    Das ist wirklich eine spannende Detektivgeschichte. Potz tausend und Respekt!

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