Auf der Suche nach den (verlorenen) Dampfschiffen

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Nebst den Bergspezialistinnen in unserer Crowd gibt es auch die sogenannten „Dampferfreunde“. Ihre Spezialität sind Dampfschiffe, aber auch Motorschiffe oder Dampfeisenbahnen. Ihr geographisches Jagdgebiet liegt schwerpunktmässig in der Schweiz mit den vielen Binnengewässern und den je eigenen Schifffahrtsgesellschaften. Seit Anfang Jahr wurden in der Kategorie Sie wussten mehr! Schiffe + Eisenbahnen bereits um 220 Bilder identifiziert. Dabei helfen uns zwei ausgewiesene Spezialisten und Buchautoren: Josef Gwerder (siehe Post vom 13.05.2016), Jürg Meister oder Beat Zumstein. Meister und Gwerder haben zusammen mit Erich Liechti die Geschichte der Schifffahrt auf den grossen Schweizer Seen geschrieben, so etwa auf dem Genfersee (1977) oder auf dem Zürichsee (1976). Diese Bücher zählen heute noch zu den Standardwerken.

Nicht-verzeichnete Dampfschiffe auf Postkarten

Für heute haben wir ein paar Postkarten ausgewählt, auf denen Jürg Meister Dampfschiffe gefunden hat. Postkarten sind von der Erschliessung an sich eindeutig. Sie können eigentlich mit Büchern verglichen werden. Postkarten sind ein Verlagsprodukt, ausgestattet mit einer Verlagsnummer und einem Titel auf der Bildseite. Dieser Titel wird von allen verzeichnenden Stellen so übernommen, mit Abweichungen bei der Zeichensetzung, wie vorgefunden. Die offiziellen Titel bezeichnen in der Regel einfach die Orte und allenfalls wichtigen Sehenswürdigkeiten, was in der Schweiz oft Berge sind. Wenn dann noch ein (Dampf-)Schiff mit abgebildet ist, werden diese meist nicht noch extra auf der Postkarte mit Text erwähnt. Zu Anfangszeiten der illustrierten Postkarte, also ab ca. 1890 bis 1914, wurden viele Sujets auch in die Fotografien hineinmontiert, so etwa Personen, Fahrzeuge oder eben auch Dampfschiffe.

Auf die Details kommt es an!

Jürg Meister geht nun systematisch die Bilder nach geographischen Gesichtspunkten durch und trifft dabei oft auch auf Postkarten mit Dampfschiffen, die aber noch nicht in den Bildinformationen verzeichnet sind. Manchmal sind die Schiffe auf den Postkarten das Hauptsujet, manchmal sind sie einfach noch Beigabe im Mittel- oder Hintergrund. Für unsere Bildinformationen sind auch seine Ergänzungen sehr wertvoll. Ist das Schiff das Hauptmotiv des Bildes sollte es natürlich verzeichnet sein. Ist es im Mittel- oder Hintergrund erkennt man nicht immer den Namen des Schiffes. Man will es aber, vor allem bei historischen Schiffen und den unterschiedlichen Zuständen, trotzdem dokumentieren, falls jemand darauf forschen sollte? Spätestens dann ist das Expertenwissen gefragt. Oder hätten Sie gewusst, wie man Schiffe, deren Namen man nicht erkennt, auseinander hält? Wenn man Sie beispielsweise nur von oben sieht? Oder wenn man nur eine Vorderansicht hat? Da werden dann auf einmal Details wie der Abstand zwischen Kamin und Steuerhaus die Grösse der Fenster des Salons der 1. Klasse und ähnliches von grosser Wichtigkeit!

Historische Postkarten in Farbe – immer ein Hingucker

Hier nun also ein paar schöne Beispiele, und zwar farbige Postkarten aus den Anfangszeiten der illustrieren Ansichtskarten. Diese Postkarten verblüffen immer wieder durch ihre spezielle Farbigkeit. Und Farbe ist in diesem Blog sowieso etwas unterrepräsentiert. Die Postkarten sind zwischen 1900 und 1913 entstanden.

Das Titelbild vollständig mit rotem Titel oben links. Jürg Meister erkennt darauf zusätzlich die Schwesterschiffe „Arenaberg“ [Name lesbar] und „Neptun“ [Name nicht lesbar] (ursprünglich „Rheinfall“) in leicht unterschiedlicher Erscheinungsform (Radkasten/Namenszug), um 1904/05. Die Postkarte trug den Poststempel 14.10.1920. Aufgrund der Schiffe konnte sie nun präziser datiert werden. Zwischen Druck der Postkarte und Verwendung derselbigen liegen also rund 15 Jahre!

Die Titel der Postkarten werden übrigens bei der Überarbeitung nicht angetastet. Die Informationen unserer Experten müssen in diesem Fall in der Beschreibung eingetragen werden.

Schaffhausen, Schifflände

Unbekannt: Schaffhausen, Schifflände. Zürich : Carl Künzli-Tobler, ca. 1904-1905 (Fel_001677-RE, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000225621)

Immerhin, hier wird der Dampfer bereits im offiziellen Titel der Postkarte erwähnt. Ein Leichtes also für Jürg Meister, diese Postkarte überhaupt zwischen den unzähligen Bildern auf der Bilddatenbank Bildarchiv Online zu finden! Er erkennt das Dampfschiff „Unterwalden“ und weiss auch noch mehr dazu, nämlich seine Indienststellung im Jahr 1902.

Dampfschiff "Unterwalden", Indienststellung 1902

Zimmermann-Strässler, W.: Dampfer bei Vitznau, ca. 1905-1910. Luzern : W. Zimmermann-Strässler (PK_003400, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000495262)

Ein Klassiker! Der Titel der Postkarte befindet sich auf der Rückseite und lautet: Thunersee, Schloss Hünegg mit Eiger, Mönch und Jungfrau. Und da das Dampfschiff zentral im Bild ist, haben wir bei der Erschliessung das Schlagwort Dampfschiffe mit vergeben. Jürg Meister hat diese als erstes abgefragt. Sein Kommentar zur Postkarte: „Salon-Dampfschiff „Blümlisalp“ hinein montiert, Zustand des Schiffes um 1910.“ Diese Karte wurde erst am 14.8.1953 verschickt. Wir haben sie aufgrund ihrer Materialität und des Sujets vorsichtig auf 1910-1920 datiert.

Thunersee, Schloss Hünegg mit Eiger, Mönch und Jungfrau

Photoglob AG (Zürich): Thunersee, Schloss Hünegg mit Eiger, Mönch und Jungfrau, ca. 1910-1920. Zürich : Photoglob-Wehrli A. G. (PK_001808, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000483790)

Nummer 734 im Postkartenverlag Wilh. Frey in Basel zeigt „Basel. Münster mit Pfalz“. Im Vordergrund entdeckt Jürg Meister: „Das kleine ‚Dampfschiff Mülheim am Rhein‘ wurde in den Jahren vor dem 1. Weltkrieg von der Cöln-Mülheimer Dampfschifffahrts-AG für ein paar Saisons angemietet und führte Lokalkurse im Raum Basel aus“

Basel, Münster mit Pfalz

Frey, Wilhelm: Basel, Münster mit Pfalz, ca. 1910-1914. Basel : Wilh. Frey (PK_002109, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000484823)

Am Thunersee bei Scherzligen mit dem Schloss Schadau rechts und den Bergen Blümislalp und dem Niesen im Hintergrund wurde auch noch ein Dampfschiff in die Idylle (vermutlich) reinkopiert. Hier wird es etwas kniffliger, man erkennt den Namen des Schiffes nicht, aber die Details lassen für Jürg Meister keinen Zweifel offen: „Dampfschiff ‚Helvetia‘ vor dem Umbau 1910/1911“.

Am Thunersee bei Scherzligen

Photoglob AG (Zürich): Am Thunersee bei Scherzligen, ca. 1905-1910. Kilchberg-Zürich : Wehrli A.-G. (PK_001364, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000450272)

Zum Abschluss noch ein schönes Beispiel aus der Zeit als auf der Rückseite von Postkarten nur Platz für die Adresse, aber nicht für die Grussbotschaft war, und die Schreibenden die Bildseite für den Text „frei“ nutzten. „Zürich, Quaibrücke“ ist der Titel. Die Karte zeigt aber noch viel mehr, nämlich „Schraubendampfer (Dampfschwalbe) ‚Ufenau‘, 1899-1955, die Steuerkabine ist abgebaut“.

Zürich, Quaibrücke

Unbekannt: Zürich, Quaibrücke, vor 1902 (Fel_001157-RE, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000113668)

Vollständige Bildinformationen

Unbekannt: Schaffhausen, Schifflände, Schwesterschiffe „Arenaberg“ und „Neptun“ (ursprünglich „Rheinfall“) in leicht unterschiedlicher Erscheinungsform (Radkasten/Namenszug), um 1904/05. Botschaft der Postkarte: den Tram und mussten deshalb auf den letzten warten. Die herzlichsten Grüsse sendet dir Deine Dich liebende Lidia. Poststempel 14.10.1920. Zürich : Carl Künzli-Tobler, ca. 1904-1905 (Fel_001677-RE, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000225621)

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