Zwei rätselhafte Bilder aus dem Mittelholzer-Bestand

Lesezeit: 4 Min.

Sie wussten mehr! Vielen Dank! Alle Bilder wurden bis 29. Dezember 2016 identifiziert. 🙂

Braunkohle oder Kali – Elsass oder Sachsen?

Gleich zwei Freiwillige haben sich letzte Woche unabhängig voneinander mit denselben zwei Mittelholzer-Bildern beschäftigt!

Walter Aeberli vermutet, „dass die Fotos nicht in der Schweiz aufgenommen worden sind, sondern dass sie Kaligruben im Elsass zeigen. Aber nachprüfen kann ich das mangels Karten nicht. Und in Wikipedia wird zwar von Kali-Vorkommen im Elsass gesprochen, aber eine genaue Ortsangabe habe ich auf die Schnelle doch nicht gefunden. Und überhaupt derartige Riesenanlagen gab es in der Schweiz zu Mittelholzers Zeiten nicht – und heute erst recht nicht mehr.“

Walter Aeberli versucht dem Ort mittels inhaltlicher Bildanalyse auf die Spur zu kommen: „Am unteren Bildrand sieht man eine grosse Industrieanlage mit einer Halle mit acht Geleise (auf einem davon eine rauchende Dampflokomotive), Verarbeitungsanlagen, drei langgestreckt-niedrigen Schuppen, zwei rauchenden Fabrikschloten, einem Förderband und einer Verladeanlage. Und man fragt sich, wohin denn die Geleise führen, welche am unteren Bildrand unter einem breiten, grossen Gebäude verschwinden. Und wofür die beiden Absetzbecken und das kreisrunde (Klär-?)Becken nötig waren. Weit hinten sieht man eine weitere Grube, welche offenbar weitgehend ausgebeutet ist und sich schon mit Grundwasser gefüllt hat. Und die hellen Streifen am oberen Bildrand könnten auch eine Grube darstellen.“

Ohne Titel

Ohne Titel (LBS_MH03-1859, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000493959)

Auch das zweite Bild nimmt Walter Aeberli genauer unter die Lupe: „Es zeigt nochmals eine andere (wassergefüllte) Grube! Nach einer riesigen Lehmgrube sieht es nicht aus, denn da müssten Ziegelei-Gebäude und Lagerflächen für die Fertigprodukte auch zu sehen sein. Der Rohstoff, der da (anfänglich aus oberirdischen Gruben und später offenbar aus unterirdischen Lagern) gefördert wurde, wurde offenbar nach einer einfachen Verarbeitung per Bahn abtransportiert.“

Ohne Titel

(LBS_MH03-1860, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000494009)

Tags darauf und völlig unabhängig von Walter Aeberlis Beschäftigung mit diesen zwei Bildern schreibt Koni Kreis: „Braunkohle-Tagebau in Sachsen oder Sachsen-Anhalt, genaue Verortung schwierig. Müsste mit der ‚Liste deutscher Braunkohletagebaue‘ im Wikipedia abgearbeitet werden… Müsste auf der Fluglinie Wittenberg-Thüringen(-Zürich) gesucht werden.“

Nachdem ich beiden ihre Erkenntnisse gegenseitig mitgeteilt habe, geht das Rätseln weiter:

Koni Kreis: „Jedenfalls gehören die Bilder zusammen. Das Flugzeug fliegt nach rechts, südwärts, und hat die drei Braunkohlegruben links von sich. Die Braunkohlegrube mit Fabrikanlage am Grubenrand befindet sich bei LBS_MH03-1860 (Filmrandnummer 632) rechts oben auf dem Bild und bei LBS_MH03-1859 (Filmrandnummer 634) links oben. Das Bild LBS_MH03-1860 zeigt, dass es sich wirklich um Braunkohle handelt (oder doch um etwas sehr dunkles…). Die grosse Fabrikhalle rechts oben auf LBS_MH03-1860 müsste sich demnach gleich nördlich (links) vom Dörfchen von LBS_MH03-1859 befinden. Der von links fahrende Feldbahnzug mit der dunklen Lokomotive befindet sich bei LBS_MH03-1860 kurz vor der Fabrikhalle und bei LBS_MH03-1859 schon auf der Höhe des Dörfchens. Eigentlich bräuchten wir nur noch das Bild mit der Filmrandnummer 633 für eine kurze Filmsequenz…“

Sind es überhaupt Mittelholzer-Bilder?

Und diese Filmrandnummern geben mir wiederum zu denken! Im gesamten Mittelholzer-Industriebilder-Bestand (LBS_MH03) mit 1’925 Bildern gibt es keine weiteren Bilder, die am linken Rand Nummern dieser Art tragen. Dies sind Nummern, die von einer Luftbildkamera stammen, die während des Fotografierens automatisch ins Negativ „eingeschrieben“ und mit dem Filmtransport hochgezählt werden. Nummerierungen kennen wir durchaus auch im Mittelholzer-Bestand, wie unten stehendes Bild zeigt, allerdings unterscheiden diese sich von den zwei obigen Bildern deutlich: Die Nummern wurden jeweils nachträglich von Hand auf das Glasplattennegativ geschrieben, im Beispiel unten ist es die Nummer 155, die gleichzeitig auch Teil der Bildsignatur ist.

Churfirsten, Rheintal, Seeztal v. N. W. aus 3500 m

Churfirsten, Rheintal, Seeztal v. N. W. aus 3500 m, 1919 (LBS_MH01-000155, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000340902)

Die Bilder im LBS_MH03-Bestand (Luftbilder von Industriebauten, tief geflogen) sind nicht chronologisch geordnet, wie bspw. im LBS_MH01-Bestand (Luftbilder Schweiz allgemein). Deshalb können wir aus den Bildnummern vorher (1855-57: Rüschlikon, 1858: Schaffhausen) und nachher (1861-62: Netstal, 1863: Wangen-Brüttisellen) leider auch keine Rückschlüsse ziehen.

Das Bild vorher mit der Nummer 1858:

Schaffhausen, Siedlung Niklausenfeld

Schaffhausen, Siedlung Niklausenfeld. Eisenbahner-Baugenossenschaft entstand 1927/28, ca. 1927-1937 (LBS_MH03-1858, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000494002)

Das Bild nachher mit der Nummer 1861:

Netstal, Kraftwerk am Löntsch

Netstal, Kraftwerk am Löntsch, 1923-1927 (LBS_MH03-1861, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000494003)

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Vollständige Bildinformationen

Mittelholzer, Walter[?]: Ohne Titel, ca. 1919-1937 (LBS_MH03-1860, http://doi.org/10.3932/ethz-a-000494009)

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3 Kommentare

  1. Koni Kreis
    Montag, der 22. August 2016
    Antworten

    Als Argument dafür, dass die zwei Bergbaubilder doch von Mittelholzer stammen, möchte ich auf das Bild LBS_MH01-005918 („Leutenberg“) verweisen, das die Filmrandnummer 635 trägt und an den Filmrändern links und rechts ähnlich abgewetzt ist. Das ist sicher keine Zufall. Diese drei Bilder gehören zusammen.
    Freundliche Grüsse Koni Kreis

    • Nicole Graf
      Montag, der 22. August 2016
      Antworten

      Der Verdacht erhärtet sich, dass es sich um Mittelholzer-Bilder handelt! Vielen Dank für Ihre wertvollen Hinweise und das genaue Studieren der Luftbilder!

  2. Koni Kreis
    Dienstag, der 23. August 2016
    Antworten

    Bitte nicht alle gleichzeitig… Ich möchte die Hypothese aufstellen, dass es sich bei der Fabrik von -1859 um eine Brikettfabrik handelt. Draussen an den Grubenrändern gibt es Anlagen für das Mahlen der Braunkohle. In der zentralen Anlage von -1859 wird die Kohle dann getrocknet – im Gebäude mit den sechs kurzen Kaminen, und im nächsten Gebäude werden daraus die Briketts gepresst. Diese werden dann über die Förderanlagen unten auf dem Bild zu den Zugwaggons transportiert. Die Anlage produziert nebenbei noch Elektrizität.
    Wer widerlegt diese Hypothese? Koni Kreis

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