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Blick über die Grenze nach Österreich

(Alice Keller)

Vom 21.-23. Februar war Alice Keller an der Inetbib-ODOK ’18 in Wien und hat die Gelegenheit genutzt, um Kontakte zu den Österreichischen Kollegen zu knüpfen, die im Moment daran sind, Alma als Verbundlösung zu implementieren.

Das Österreicher Alma Implementationsprojekt ist für uns in der Schweiz ein sehr wichtiges Referenzprojekt, da es in vielen Bereichen sehr ähnlich zu SLSP ist. Allerdings ist das Schweizer Projekt um einiges ambitionierter (z.B. Mehrsprachigkeit, Document Delivery, zentrale Benutzerdatei, Dedublierung sowie gleichzeitiger Einbezug so vieler, auch sehr kleiner, eigenständiger Bibliotheken).

In Österreich wurde in zwei Kohorten migriert – wobei alle Bibliotheken vorher mit Aleph arbeiteten. Kohorte 1 umfasste 6 Hochschulen, Kohorte 2 weitere 7 Hochschulen. Zusätzlich dazu findet auch auf Verbundebene ein Wechsel von Aleph auf Alma statt. An Ostern erfolgt auf dieser zentralen Ebene die „Eingemeindung“ aller verteilter Alma Institution Zones in die gemeinsame Network Zone; also in einen Zentralkatalog für die bibliographischen Daten.

Geleitet wurde das Projekt von der obvsg, der Österreichischen Bibliothekenverbund und Service GmbH. Während diese Zentrale v.a. mit der Koordination und der Implementierung des Systems im Ganzen absorbiert war, lief die lokale Vorbereitung des Wechsels von Aleph auf Alma über die einzelnen Einrichtungen. An den Universitäten gab es Functional Experts (FEx), die für die einzelnen Funktionalitäten verantwortlich waren. Allerdings wurden diese von Ex Libris nur relativ rudimentär geschult und mussten dann im Einzelnen selber herausfinden, was wie funktionierte.

Als „Dachgruppe“ für die FEx diente die zentrale Alma Implementierung Schulungsgruppe, die v.a. mit dem Testen der Daten und Workflows, Abnahmetests und Dokumentationen beschäftigt war. Zur Schulungsgruppe gehörte jeweils eine Person pro Einrichtung. Die Schulungsunterlagen wurden von der österreichischen Schulungsgruppe für beide Kohorten auf Deutsch zur Verfügung gestellt, da Ex Libris leider nur englischsprachige Unterlagen liefert.

Jede Universität stellte je zwei Functional Experts zu folgenden Funktionen zur Verfügung: Daten, Entlehnungen, Fernleihe, öffentliche Services, E-Ressourcen, Erwerbung, Katalogisierung, Zeitschriften. Alle FEx waren untereinander in Expertengruppen vernetzt und arbeiteten eng mit den Schulungsgruppen zusammen.

Diese lokale Ebene habe sehr selbstständig agiert, teilweise mit massivem lokalem Aufwand. (SLSP plant einen stärker zentralisierten Ansatz, indem mehr Vorbereitungen über die SLSP-Geschäftsstelle oder die jetzigen Verbünde laufen. Wobei man dann sehen wird, wie viel Ressourcen überhaupt zentral zur Verfügung stehen, bzw. welche Arbeiten dann zwingendermassen lokal gemacht werden müssen.)

Mich interessierten natürlich v.a. die Vertragsverhandlungen mit Ex Libris, weil dies momentan der Schritt ist, mit dem ich intensiv beschäftigt bin. Im Gegensatz zur Schweiz, erfolgten in Österreich Zuschlag und Vertragsunterzeichnung gleichzeitig. Dieser Zuschlag zog sich entsprechend auch über zwei Jahre hin. Wichtig ist laut meinen Gesprächspartnern die Unterscheidung zwischen Notwendigkeit und Gewohnheit. Während Österreich bei den Notwendigkeiten sehr hart verhandelte, mussten viele Gewohnheiten der Bibliotheken zurückgestellt werden.

Österreichische Nationalbibliothek mit Schneehäubchen – auch in Wien war es bitterkalt!

Bei der Ausschreibung in Österreich waren 14 Auftraggeber beteiligt (in der Schweiz sind es 15 Aktionärsbibliotheken). Diese verfügen alle je über eine eigene Institutional Zone (IZ). Diese IZ werden nun an Ostern zu einer gemeinsamen Network Zone (NZ) zusammengefasst, so dass ein Zentralkatalog entsteht. Dedublierung ist, im Gegensatz zur Schweiz, kein so wichtiges Thema, da die Bibliotheken bereits jetzt für die Aufnahmen national eindeutige Identifikationsnummern nutzen. Die weiteren 56 Verbundbibliotheken in Österreich können dann auf Wunsch auch auf Alma wechseln und erhalten je eine eigene IZ. Insgesamt sind total max. 70 IZ geplant. (Wie die Topologie in der Schweiz aussehen wird – d.h. wie viele Institutional Zones es geben wird –, ist noch unklar und wird während der Konzeptionsphase mit Ex Libris besprochen. Bereits jetzt ist mir klar, dass die Schweiz einen zentraleren Ansatz wünscht als Österreich, damit auch mehr nationale Dienste über die Plattform angeboten werden können).

Teil des Österreicher Vertrags waren zahlreiche Anforderungen für Produktentwicklungen. Laut meinen Gesprächspartner gab/gibt es im Prozess viele „grüne“ oder „gelbgrüne Bananen“. Und man hat auch nicht alles erhalten, was man wünschte bzw. von Ex Libris in Aussicht gestellt wurde. Aber am Ende muss und kann man damit leben. Bei der Implementierung wurden auch viele „Bugs“ in Alma gefunden und gemeldet. So wird die Schweiz von den Erfahrungen und Arbeiten der Österreicher profitieren können.

Wichtig ist der Vermerk, dass Passwörter aus Datenschutzgründen nicht mehr in Alma gespeichert werden können/dürfen. Das kam für Österreich relativ überraschend und es mussten andere Lösungen gefunden werden. Insbesondere bei Nicht-Hochschulangehörigen war/ist das ein Problem. (Es gibt im Gegensatz zur Schweiz keine gemeinsame Nutzerdatei. Das ist in Österreich aus Datenschutzgründen auch nicht möglich. Man ist sehr überrascht, dass das in der Schweiz möglich ist. Auch die Ausleihhistorie darf in Österreich ohne explizite Zustimmung des Nutzers nicht gespeichert werden.)

Im Vortrag von Markus Lackner, UB Graz, wurde klar, wie gross der Aufwand für die einzelne Bibliothek gewesen war. Die UB Graz war in der Kohorte 2 und ging am 12.01.18 live. Aus seiner Sicht ist es wichtig, dass die funktionalen Experten und Mitglieder der Schulungsgruppen von den Tagesarbeiten möglichst befreit werden, damit sie sich über einige Monate ausschliesslich dieser sehr anspruchsvollen Arbeit widmen können. Gleichzeitig muss man sagen, dass diese Frist der intensiven Vorbereitung relativ kurz ist. Aus den Datenangaben schien mir, dass Herr Lackner während ca. 4-6 Monaten so stark beansprucht war. Trotz des grossen Aufwandes ist er mit dem neuen System recht zufrieden und fand die Arbeit offenbar auch sehr bereichernd. Und wie oben bereits erwähnt, sollen in der Schweiz die SLSP-Geschäftsstelle und Verbünde mehr Vorbereitungsarbeiten übernehmen.

Anwenderbesuche: Reiseberichte II und III

(Basil Marti, Dr. Christian Oesterheld, Erich Scherer)

Nach dem Start mit dem Besuch von Bibliotheken in London und Dublin im April 2016 haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von SLSP inzwischen die zwei weiteren Anwendungsbesuche in Trondheim und Leuven und Maastrich abgeschlossen.

Ziel der Besuche war es einerseits, einen konkreten Einblick in die Arbeit mit den neuen Bibliotheksverwaltungssystemen (auch Library Service Platform genannt) zu gewinnen und erste Einschätzungen über die wichtigsten auf dem Markt erhältlichen Systemlösungen zu erhalten. Andererseits ging es darum zu erfahren, wie Bibliotheken den Umstieg als Projekt bewältigt haben und wie sie die Einführung und die daraus folgenden Änderungen in den Geschäftsprozessen aus heutiger Sicht bewerten. Welche Veränderungen in den Institutionen waren für eine erfolgreiche Einführung notwendig, und welche wurden durch die Einführung angestossen? Was würden die Befragten bei einem „zweiten Wurf“ eventuell anders machen und welche Wünsche sind offen geblieben? Besonders interessant für SLSP ist zudem die Frage nach dem Einsatz der neuen Systeme in konsortialen resp. Verbundstrukturen. Und last but not least erwarten wir, Kontakte zu knüpfen, die sich im weiteren Fortgang des Projekts noch als hilfreich erweisen werden.

Der zweite Anwenderbesuch fand im Anschluss an die IGeLU Konferenz in Trondheim statt. Ein Team aus den Teilprojekten Dienstleistungen und Geschäftsmodell und Prozesse und IT-Anforderungen besuchte am 8. September 2016 die Verbundzentrale des norwegischen Bibliotheksverbundes BIBSYS. Jone Thingbø, einer der beiden Abteilungsleiter von BIBSYS und Mitglied der Geschäftsführung, führte uns zusammen mit seinen Mitarbeitern in die Organisation und das Serviceangebot ein.

BIBSYS ist der zentrale Bibliotheksverbund für die norwegischen wissenschaftlichen Bibliotheken und umfasst neben 47 Hochschulbibliotheken weitere wissenschaftliche Bibliotheken wie die norwegische Nationalbibliothek sowie Bibliotheken von Museen, Forschungseinrichtungen und medizinischen Zentren. Insgesamt umfasst BIBSYS 104 Bibliotheken, von grossen Universitätsbibliotheken bis zu kleinen One-Person-Libraries. Die nationale Ausrichtung und die Kundengruppen von BIBSYS entsprechen also der Vision von SLSP.

Als Organisation ist BIBSYS dem norwegischen Bildungsministerium angegliedert, das auch einen Teil der Kosten trägt. Der grösste Teil der Kosten von BIBSYS wird aber durch die Bibliotheken selbst getragen. Administrativ ist die Verbundorganisation der Nationalen Technischen Universität Trondheim (NTNU) angliedert, auch das Büro der Verbundzentrale, das wir besuchten, befindet sich in der Nähe des Universitätscampus in Trondheim.

Während BIBSYS früher seinen Bibliotheken ein selbstentwickeltes Bibliothekssystem anbot, hat es nun das Produkt Alma von Ex Libris lizenziert und betreibt es als gemeinsames Verbundsystem zusammen mit dem Discovery-Tool Primo. Dieser Wechsel von einer Entwicklungsorganisation zu einem Dienstleistungsanbieter hatte auch Auswirkungen auf BIBSYS als Organisation. In der neuen Organisation arbeiten weniger Entwickler, sondern vielmehr Spezialisten für Support und Systemkonfiguration. Die Erfahrungen von BIBSYS haben aber gezeigt, dass ein solcher Wechsel nicht automatisch zu weniger Personalbedarf führt.

Interessant für den zukünftigen Ausbau von SLSP waren auch die zusätzlichen Services, die BIBSYS neben dem Verbundsystem für seine Bibliotheken anbietet. Dazu gehören zum Beispiel ein Institutional Repository (Brage), Systeme für MOOCs und ein Projekt zur Langzeitarchivierung.

Aktuell wird vonseiten der Politik eine stärkere Verzahnung – eventuell sogar Zusammenlegung – von BibSys als Bibliotheksdienstleister mit weiteren nationalen Institutionen für wissenschaftliche Informationsinfrastrukturen geplant: mit dem IT-Serviceprovider der Hochschulen UNINETT, dem Forschungsinformationssdienstleister CRISTin und dem Center for Research Data (NSD). BibSys bewertet das grundsätzlich positiv und sieht Chancen für Synergien in Anbetracht der zunehmenden Konvergenz der Aufgaben.

Alma stand auch im Zentrum des nächsten Anwenderbesuches. Am 3. Oktober 2016 besuchten wir in Leuven die Organisation LIBIS, die neben verschiedenen Dienstleistungen für Museen und Archive auch den Bibliotheksverbund LIBISnet betreibt. Neben den Bibliotheken der KU Leuven befinden sich in LIBISnet verschiedene andere wissenschaftliche Bibliotheken im flämischsprachigen Teil Belgiens.

Bart Peeters und sein Team gaben uns eine grundlegende Einführung in die Funktionalitäten von Alma. LIBIS war seit 2011 Entwicklungspartner von Alma und eng an der Entwicklung dieses neuen Bibliothekverwaltungssystems beteiligt, bevor sie 2014 Alma produktiv einführten. Es war interessant zu erfahren, wie sich Alma in dieser kurzen Zeit weiterentwickelt hat und welche Schwierigkeiten und Mängel in dieser Zeit behoben (und noch nicht behoben) wurden.

Gleich am nächsten Tag stand nach einer kurzen Zugfahrt über die belgisch-niederländische Grenze ein Besuch an der Universitätsbibliothek in Maastricht an, einer Bibliothek, die seit Februar 2016 das Bibliotheksverwaltungssystem Worldshare Management System (WMS) von OCLC einsetzt. Wie Alma ist WMS ein Bibliothekssystem der neuen Generation, das von Grund auf neu entwickelt und vom Anbieter in der Cloud gehostet wird. Dadurch ergeben sich auch neue Möglichkeiten für länder- und verbundübergreifenden Kooperationen, zum Beispiel bei der gemeinsamen Bewirtschaftung einer Knowledge Base oder beim gemeinsamen Datenmanagement. In WMS findet deshalb die Katalogisierung konsequent in Worldcat statt. Bei der Einführung in die WMS-Funktionalitäten durch Sandra Ehrens war es sehr interessant, diese mit ihren Gegenstücken in Alma zu vergleichen.

Im Gegensatz zu Norwegen, wo im ganzen Bibliotheksverbund nur ein System zum Einsatz kommt, folgen die Niederlande dem deutschen Modell, wo eine Verbundorganisation einen zentralen Katalog betreibt, die einzelnen Bibliotheken aber frei in der Wahl ihres Lokalsystems für Benutzung und Erwerbung sind. Der zentrale Katalog in den Niederlanden (Nederlandse Centrale Catalogus [NCC]) wird dabei vom UKB Konsortium auf Basis des OCLC-Produkts CBS betrieben. Momentan läuft ein Projekt mit dem Ziel, bis Ende 2016 dieses alte System abzulösen und den zentralen niederländischen Verbundkatalog in Worldcat zu überführen.

Simone Kortekaas, die Verantwortliche dieses Projekts, gab uns im letzten Teil unserer Reise durch Belgien und die Niederlande in Utrecht einen Einblick in die Ziele, Fortschritte und Herausforderungen dieses Projekts sowie in die Struktur des UKB Konsortiums. Neben dem gemeinsamen Katalog, der auch von öffentlichen Bibliotheken benutzt wird, bietet es auch eine gemeinsame Fernleihe sowie eine konsortiale Lizenzierung von e-Ressourcen an. Im Gegensatz zur Vision von SLSP handelt es sich bei UKB um einen lockeren Zusammenschluss der dreizehn niederländischen Universitätsbibliotheken und der Königlichen Bibliothek der Niederlande ohne eigene Rechtspersönlichkeit, Sitz und eigens angestelltes Personal.

Im Projekt, die niederländischen Katalogdaten in Worldcat zu überführen, waren besonders die Diskussionen zu den verschiedenen Katalogisierungsstandards, die uns auch bei SLSP beschäftigen und beschäftigen werden, und die Frage, wie die eigenen Katalogisate in einem globalen Katalog noch identifiziert und „geschützt“ werden können, interessant. Letzteres ist vor allem für die Königliche Bibliothek, die die niederländische Nationalbibliographie verantwortet, ein kritischer Punkt. Beeindruckend waren die aufwändigen Synchronisationsmechanismen, die eingerichtet werden müssen, um während eines solchen Migrationsprojekts Lokalsysteme von verschiedenen Anbietern an ein zentrales System anzuschliessen.

Letzter Anwenderbesuch: Leuven und Maastrich

(Iris Capatt)

Zurzeit arbeiten Mitglieder des Projekts SLSP an der Ausarbeitung des Pflichtenhefts für die Systemausschreibung im nächsten Jahr. Parallel stand am Anfang dieser Woche der letzte Anwenderbesuch auf dem Programm.
Am Montag besuchte eine Delegation von SLSP die Libisnet-Zentrale in Leuven, Belgien. Bereits am nächsten Tag stand eine Visite in der UB Maastricht (Mitglied des UKB Konsortiums und WMS Anwender) in den Niederlanden auf dem Programm.

Insgesamt konnten in den letzten Monaten während drei Anwenderbesuchen die Bibliothekssysteme Sierra, Kuali OLE, WMS und Alma unter die Lupe genommen werden. Neben technischen Aspekten lag das Augenmerk vor allem darauf, von den Erfahrungen bezüglich Systemausschreibung und Migration für unser eigenes Projekt zu profitieren.

Nächster Halt: Trondheim

(Iris Capatt)

Während sich die einen Projektmitarbeitenden vor Ort mit Fragen der Governance und der Finanzierung beschäftigen, nehmen andere ein weiteres Mal einen Anwenderbesuch im europäischen Ausland wahr. Ziel dieser Besuche ist es, mehr Details über verschiedene Bibliothekssysteme, deren Einsatz und praktische Anwendung zu erfahren.

Ein gemischtes Team aus verschiedenen Teilprojekten von SLSP nimmt vom 5. – 7. September an der IGeLU Konferenz, welche in Trondheim (Norwegen) stattfindet, teil. Direkt im Anschluss an die Konferenz konnte ein Treffen mit einem Vertreter des norwegischen Bibliothekssystems BIBSYS organisiert werden. Im Zentrum des Gesprächs mit BIBSYS stehen die Verbundstruktur und die Organisation .

Anwenderbesuche in London und Dublin: Ein Reisebericht

(Dr. Christian Oesterheld & Basil Marti)

Ein gemischtes Team der Teilprojekte Dienstleistungen und Geschäftsmodell und Prozesse und IT-Anforderungen hat am 21. und 22. April 2016 mit einem umfangreichen Fragenkatalog im Gepäck die erste von drei geplanten Reisen unternommen, auf denen andere Bibliotheken und Verbünde aufgesucht werden, die bereits Bibliothekssysteme der nächsten Generation im Einsatz haben.

Ziel der Besuche ist einerseits, einen konkreten Einblick in die Arbeit mit den neuen Bibliotheksverwaltungssystemen zu gewinnen und erste Einschätzungen über die wichtigsten auf dem Markt erhältlichen Systemlösungen zu erhalten. Es geht andererseits darum zu erfahren, wie Bibliotheken den Umstieg als Projekt bewältigt haben und wie sie die Einführung und die daraus folgenden Änderungen in den Geschäftsprozessen aus heutiger Sicht bewerten. Welche Veränderungen in den Institutionen waren für eine erfolgreiche Einführung notwendig, und welche wurden durch die Einführung angestossen? Was würden die Befragten bei einem „zweiten Wurf“ eventuell anders machen und welche Wünsche sind offen geblieben? Besonders interessant für SLSP ist zudem die Frage nach dem Einsatz der neuen Systeme in konsortialen resp. Verbundstrukturen. Und last but not least erwarten wir, Kontakte zu knüpfen, die sich im weiteren Fortgang des Projekts noch als hilfreich erweisen werden.

SOAS_Library_interior_viewDiese erste Reise führte nach London und nach Dublin. Die Bibliothek der School of Oriental and African Studies (SOAS) der University of London ist Partner im OpenSource-Projekt Kuali OLE (Open Library Environment) und setzt OLE seit 2015 als Bibliotheksverwaltungssystem ein. Die SOAS-Library, mitten in London unweit des British Museum gelegen, ist mit 1,4 Mio Bänden und als Fachinformationszentrum für aussereuropäische „regional studies“ eine der sieben National Research Libraries des Vereinigten Königreichs. Unter ihrem Direktor John Robinson verfolgt die SOAS-Library einen OpenAccess- und OpenData-Ansatz und sieht die Wahl von OpenSource-Lösungen bei ihren Softwaretools als konsequente Fortführung dieser Prinzipien auf der technischen Ebene – neben dem Bibliotheksverwaltungssystem betrifft dies z.B. auch die Software für das Repository oder die Erschliessung und Präsentation von Archivalia. Das IT-Team um die Projektmanagerin Claudia Mendias, welches Kuali OLE eingeführt hat, engagiert sich in den Arbeitsgruppen und Gremien von Kuali OLE, gehört aber nicht selbst zum engeren Entwicklerteam. Neben den beiden grossen OLE-Anwendern Chicago University und Lehigh University in den USA ist die SOAS-Library die erste Bibliothek in Europa, die OLE einsetzt. Daneben läuft ein mehrjähriges Evaluierungsprojekt der deutschen Bibliotheksverbünde HBZ und GBV. Bei OLE stehen in den kommenden Jahren grössere Veränderungen an, wie wir erfahren haben – so wird die Kernschicht (Middleware) der Applikation in einem Projekt mit der Firma Indexdata (Kopenhagen) neu aufgebaut (dazu gibt es einen Vortrag an der ELAG-Konferenz in Kopenhagen im Juni 2016). Die Entwicklung wird u.a. durch eine Förderung der Andrew Mellon Foundation sowie durch finanzielles Engagement der Firma EBSCO ermöglicht. Ab 2017 sollen die neue Middleware zur Verfügung stehen und die Library-Management-Funktionen darauf angepasst werden. Kommende Migrationen zu OLE – darunter der Bibliotheken der Duke University und der Cornell University – werden auf dieser Basis erfolgen. Auch organisatorisch wird OLE künftig von der Kuali-Foundation, bei der OLE nur ein Produkt in einer ganzen Suite von Applikationen für Aufgaben der Hochschulverwaltung ist, unabhängig werden.

In Dublin konnten wir das Produkt Sierra der Frima Innovative Interfaces in zwei unterschiedlichen Szenarien kennenlernen. Der Verbund Public Libraries Ireland, der von der Dublin City Library geführt wird, hat 2015 Sierra als Verbundlösung eingeführt – das Projekt läuft noch weiter, bis schliesslich alle über 300 öffentlichen Bibliotheken Irlands integriert sein werden. Der Schritt zur Vereinheitlichung wurde hier dadurch erreicht, dass die Finanzierung zentral über die irische Regierung läuft; sie hatte die einheitliche Verbundlösung zur Vorgabe gemacht. Der stellvertretende Direktor der Dublin City Library und Projektleiter, Brendan Teeling, schilderte aus erster Hand den Verlauf dieses anspruchsvollen Projekts. Dabei wurde deutlich, dass mit dem Wechsel auf die neue Systemlösung eine starke Vereinheitlichung in den Arbeitsprozessen und Standards einhergegangen ist, während die öffentlichen Bibliotheken Irlands vorher nur locker verbunden waren. Der Systemwechsel hat hier also eine starke organisatorische Dynamik erzeugt. Entsprechend betonte Brendan Teeling, wie wichtig es ist, konsortiale Strukturen in der Ausschreibung zu berücksichtigen und detailliert zu beschreiben. Und er findet, dass bei den Funktionsanforderungen immer der Aspekt der „user experience“ – also die Perspektive des Endnutzers – im Vordergrund stehen soll!

Trinity_college_libraryDie altehrwürdige Library des Trinity College in Dublin, die zu den fünf grossen Legal-deposit-Libraries unter dem UK Copyright Act zählt und damit auch nationalbibliothekarische Funktionen wahrnimmt, gehört zu den Bibliotheken, die vom Vorgängerprodukt Millenium der Firma Innovative Interfaces zu Sierra gewechselt sind. Die zuvor mit dem früheren Produkt gewonnene Vertrautheit prägt die Erfahrung eines Umstiegs stark. Das betrifft nicht nur konkrete Funktionen und Strukturen des Systems, sondern z.B. auch die Einbindung in eine existierende Anwendergemeinschaft. So gibt es eine aktive Community, die weitere APIs programmiert, über die Sierra mit „third-party-Systemen“ kommunizieren kann. Sierra wird in Trinity im universitätseigenen Datencenter gehostet, aber die Firma Innovative Interfaces bietet es auch als Software-as-a-service-Lösung an. Der verantwortliche Systembibliothekar Charles R. Montague betonte, welche weitgehenden Möglichkeiten z.B. im Metadatenmanagement für die Bibliotheks-IT bestehen (sofern die nötigen Zertifizierungen erworben werden) – die Datenbasis ist hier für die Systembibliothekare also keine „black box“. Wie bei den irischen öffentlichen Bibliotheken, wird auch im Trinity College als Discovery-Lösung das Produkt Encore von Innovative Interfaces verwendet; Sierra kann grundsätzlich aber auch mit anderen Discovery-Lösungen verbunden werden.

Beide Besuche haben wichtige Erkenntnisse in vielen Detailfragen, aber vor allem einen anschaulichen Eindruck gebracht, wie Systemwechsel, Projektmanagement, Organisationsfragen und Entwicklungsstrategie der Bibliotheken zusammenhängen. Zu Kuali OLE und zu Sierra verfügen wir im Projekt SLSP jetzt über einen konkreten Einblick aus der Anwenderperspektive. Bei den weiteren Reisen – zunächst nach Holland und Belgien, dann nach Norwegen – soll es dann um die Produkte Worldshare Management Services (WMS) von OCLC und Alma von ExLibris gehen, und zwar speziell um deren Einsatz in Verbundkonstellationen. Wir werden an dieser Stelle wieder berichten!