Das Veränderungspotential von SLSP

(Dr. Rudolf Mumenthaler)

Im Frühjahr wurde der erste Zwischenbericht zum Projekt Swiss Library Service Platform veröffentlicht, und am 10. Mai fand eine öffentliche Informationsveranstaltung statt. Es wurden der aktuelle Stand des Projekts sowie die Ergebnisse der einzelnen Teilprojekte vorgestellt. Zudem wurden wegweisende Entscheidungen für den Sommer 2016 angekündigt – ein guter Moment, um mit einer Aussenperspektive den Stand der Dinge zu betrachten.

Wobei ich zunächst etwas genauer deklarieren möchte, in welcher Verbindung ich zu SLSP stehe: Ich bin Mitglied des sog. Sounding Board (groupe de reflexion).

Ich möchte in diesem Beitrag einige Aspekte ansprechen, von denen ich grössere Auswirkungen auf die Schweizer Bibliothekslandschaft erwarte. Erstaunlicherweise gab es in der Diskussionsrunde an der Informationsveranstaltung kaum kritische Fragen. Erstaunlich deshalb, weil sich die Projektbeteiligten eigentlich bewusst sind, dass mit SLSP einige grosse Veränderungen auf Schweizer Bibliotheken zukommen werden und dass diese nicht überall nur auf Zustimmung stossen werden.

Wer macht mit?

Eine entscheidende Frage lautet, wer sich aktiv am künftigen Betrieb von SLSP beteiligen wird. Im Projekt wurde ein Modell ausgearbeitet, das von (eher wenigen) Partnern ausgeht, welche „in die Plattform investieren und über die strategische Ausrichtung entscheiden“ (Zwischenbericht, S.8). Ein zweiter Kreis besteht aus Mitgliedern der Plattform, welche die Plattform mit Grundbeiträgen unterstützen und an der Ausrichtung schon während der Projektphase beteiligt sind. Schliesslich kommen Servicenehmer hinzu, die Dienstleistungen der Plattform nach Abschluss des Projekts gegen Bezahlung in Anspruch nehmen können.

Es ist naheliegend, dass in einem Projekt, das von swissuniversities finanziert wird, der Fokus bei den Mitgliedern dieser Organisation, also den Universitäten, Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen liegt. Dies hat zur Konsequenz, dass sich das Projekt SLSP ganz auf die entsprechenden Bibliotheken konzentriert. Bibliotheken, die nicht zu einer Hochschule gehören, können künftig allenfalls als Kunden Dienstleistungen von SLSP in Anspruch nehmen.

Die Kundengruppen werden in primäre und sekundäre differenziert, wobei die Hochschulbibliotheken zur primärem Kundengruppe gehören. Hier kommen affiliierte Bibliotheken hinzu, die heute als wissenschaftliche (aber nicht universitäre) Bibliotheken an einem Bibliotheksverbund (IDS, RERO) beteiligt sind.

Die sekundäre Kundengruppe besteht aus den wissenschaftlichen Bibliotheken, die nicht an einem solchen Verbund beteiligt sind, sowie anderen GLAM-Institutionen. Sie haben kein Mitspracherecht im Projekt und werden auch nicht Partner der künftigen Plattform sein.

KundengruppenIn der Konsequenz müssen sich Kantonsbibliotheken – und auch die Nationalbibliothek – mit einer Zuschauerrolle begnügen. Besonders heikel wird es für Verbünde, an denen auch nicht-wissenschaftliche Bibliotheken beteiligt sind, denn diese sollen gar keine Kunden von SLSP sein.

„An dieser Stelle ist der Hinweis notwendig, dass nicht-wissenschaftliche Bibliotheken wie Schul- und Gemeindebibliotheken bis zur endgültigen Konsolidierung von SLSP keine Kundengruppe von SLSP sind. Dies schliesst nicht aus, dass diese Bibliotheksgruppe zu einem späteren Zeitpunkt definierte Services gegen Kostenübernahme beziehen kann.“ (Zwischenbericht, S.11)

An der Informationsveranstaltung wurde ausdrücklich darauf hingewiesen, dass sich die heutigen Verbünde um diese Bibliotheken (v.a. Gemeinde- und Schulbibliotheken) kümmern müssen, da sie nicht an SLSP teilnehmen können. Dazu gab es keinen Widerspruch in der Diskussion, aber gerade für den RERO-Verbund dürfte dies nicht unproblematisch sein. Ich gehe davon aus, dass rein technisch die Migration der aktuellen Verbünde 1:1 erfolgen wird. Alles andere scheint mir nicht realistisch. Was geschieht dann mit den nicht-wissenschaftlichen Bibliotheken, die quasi bei der Migration mitgeschwommen sind? Können Sie das System und die Dienstleistungen von SLSP trotzdem nutzen? Oder muss eine Auffanggesellschaft geschaffen werden, um eine Lösung für diese Bibliotheken zu bieten, da sie die Services von SLSP (noch) nicht nutzen können? Ich denke, dass es sinnvoll wäre, die Öffentlichen Bibliotheken als potentielle Kundengruppe (vielleicht als tertiäre Kundengruppe) mitzudenken. Aber auch die Öffentlichen Bibliotheken müssten sich zunächst einmal mit der Perspektive einer vertieften Zusammenarbeit beschäftigen. Das scheint mir heute in der Schweiz noch nicht wirklich der Fall zu sein. Die im Konzept berücksichtigten GLAM-Institutionen scheinen mir da weniger relevant – ausser vielleicht die Bibliotheken von wissenschaftlichen Archiven und Museen.

Etwas anders sieht die Rolle der National- und der Kantonsbibliotheken aus. Ich gehe davon aus, dass man sie auch in SLSP zu den wissenschaftlichen Bibliotheken zählt. Kantonsbibliotheken, die nicht auch Universitätsbibliothek sind (die sog. Studien- und Bildungsbibliotheken), gehören zur sekundären Kundengruppe. Zum Teil betreiben diese Bibliotheken kantonale Verbünde (z.B. St. Gallen, Graubünden, Aargau). Diese Bibliotheken können (und sollten) die Aufbauphase von SLSP nutzen, um 2020 bereit zu sein, um als Kunden von SLSP Dienstleistungen in Anspruch nehmen zu können. Allerdings: es ist schon bemerkenswert, dass die Schweizerische Nationalbibliothek im Projekt und in der künftigen Organisation keine aktive Rolle einnimmt. Das scheint mir aus Sicht einer schweizweiten Bibliotheksplattform ein Fehler.

Wie ist SLSP organisiert?

Im Teilprojekt 2 Organisation und Governance wurden verschiedene Modelle geprüft. Schliesslich hat sich der Lenkungsausschuss für die Variante Aktiengesellschaft entschieden. Im Unterschied zu einer Vereinslösung sind in einer AG die Stimmen nach Höhe des finanziellen Engagements gewichtet. Dies entspricht dem oben genannten Konzept der primären Partner, die die Hauptlast und -verantwortung der Plattform tragen sollen. Dabei haben Erfahrungen in bestehenden Verbünden bestimmt Einfluss auf die Entscheidung gehabt. Die mangelnde Einflussmöglichkeit auf die strategische Entwicklung von RERO hat massgeblich zum Austritt des wichtigen Partners Kanton Waadt aus dem Verbund beigetragen. Dies soll in SLSP nicht geschehen. Überhaupt wird der Weiterentwicklung der Plattform schon heute grosses Gewicht beigemessen. So wurde auch schon ein Innovationskonzept für SLSP entwickelt.

Allerdings ist die Gründung einer Aktiengesellschaft noch mit einigen Unsicherheiten verbunden. Es gibt zwar Erfahrungen im Kontext der kooperativen Speicherbibliothek, doch muss die Machbarkeit einer AG zuerst geklärt werden. Um aber bereits 2017 die Ausschreibung eines gemeinsamen Bibliothekssystems in Angriff nehmen zu können, wird als Übergangslösung ein Verein gegründet.

Was bietet SLSP?

Im entsprechenden Teilprojekt 1 Dienstleistungen und Geschäftsmodell wurde ein umfangreicher Servicekatalog erarbeitet, der grundsätzlich zwischen beim Start notwendigen und optionalen Diensten unterscheidet. Die Basisdienste umfassen weitgehend solche Services, wie man sie von heutigen Verbünden kennt. Diese zu vereinheitlichen und ab 2020 aus einer Hand anbieten zu können, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Auch das Konsortium der Schweizer Hochschulbibliotheken soll in SLSP integriert werden. Neu hinzu kommt ein zentrales Identity-Management, vermutlich auf der Basis der neuen Swiss edu-ID. Entsprechend scheint es sinnvoll, dass weiterführende Angebote erst nach der Konsolidierung in Angriff genommen werden. Hier verbergen sich aber einige Fragen mit Sprengkraft: Welche bibliothekarischen Dienstleistungen sollen mittelfristig zentral erarbeitet und angeboten werden? Im Zwischenbericht findet sich folgende Formulierung:
„Ebenso wichtig könnte die Frage werden, ob eine zentrale Serviceplattform bzw. -einrichtung nicht auch normierende Wirkung für eine Vielzahl klassischer Bibliotheksdienstleistungen (Fussnote: Ein Beispiel hierfür wäre etwa eine kooperative Formalkatalogisierung) haben könnte oder haben müsste. Obwohl auch diese Aspekte zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht im Fokus der Projektarbeit stehen, sollte man solche Fragen auch im Kontext SLSP nicht aus den Augen verlieren.“ (Zwischenbericht, S.5)

DL_Katalog_detailliertInhaltlich hat man im Projekt bereits auf die Anforderungen eines zentralen Metadatenmanagements reagiert und eine Arbeitsgruppe Standards und Regelwerke ins Leben gerufen. SLSP wird also eine Vereinheitlichung der Katalogisierungsregeln und -standards mit sich bringen. Weiter werden die heutigen Verbundstrukturen aufgelöst und deren Funktionen an SLSP übertragen. Hier stellt sich die Frage, wie viele Dienstleistungen weiterhin und zusätzlich vor Ort erbracht werden müssen? Und das Personal wird vor der Entscheidung stehen, wer zum neuen Arbeitgeber SLSP wechseln will. Da kommen einige grundlegende Veränderungen schon in der nächsten Projetkphase auf die Bibliotheken und ihre Mitarbeitenden zu. Für die Phase nach 2020 könnte dies noch intensiviert werden:
Ich gehe davon aus, dass die Hochschulen von ihren Bibliotheken erwarten werden, dass die Synergiepotenziale genutzt werden. Die hohen Investitionskosten sollen sich durch Kostenreduktion lohnen, dürften die Hochschulleitungen erwarten. Bibliotheken sollten sich also besser schon heute überlegen, welche Routinetätigkeiten mittelfristig besser durch eine zentrale Einrichtung übernommen werden sollen. Es liegt auf der Hand, dass hier Erwerbung, Formal- und Sacherschliessung im Fokus stehen werden. Und es wird Aufgabe der Bibliotheken sein, verstärkt nutzerorientierte Dienstleistungen vor Ort zu entwickeln.

Ich wurde auch schon gefragt, wie denn die Zukunft des Metakatalogs Swissbib aussieht, wenn SLSP realisiert wird. Falls SLSP so realisiert wird, wie die Vision formuliert wurde, wird es nur noch einen gemeinsamen Katalog für alle wissenschaftlichen Bibliotheken der Schweiz geben. Dieser Katalog benötigt ein nutzerfreundliches Discovery-System, das auch noch andere Quellen (Repositorien, Online-Plattformen) indexiert, durchsucht und für den Zugriff aufbereitet. Dieses Discovery-Tool soll auch spezielle Ansichten und angepasste Oberflächen bieten (in der Grafik oben als optionaler Service aufgeführt).

Swissbib bietet heute eine Normalisierung der Metadaten und deren Aufbereitung und Bereitstellung als Linked Open Data. Das scheint mir eine wichtige Aufgabe, die das neue System höchst wahrscheinlich noch nicht übernehmen wird. Ich gehe davon aus, dass sich Swissbib sowohl für die Funktion eines Discovery-Tools wie auch für den LOD-Dienst „bewerben“ kann. Denkbar wäre auch, dass sich Swissbib auf Bibliothekskataloge und andere Quellen konzentriert, die nicht ins zentrale System integriert sind.

SLSP ist ein ambitioniertes und visionäres Projekt, das zu einer tiefgreifenden Umwälzung im Schweizer Bibliothekswesen führen dürfte. Wir haben es quasi mit einem nationalen Change-Projekt zu tun. Ich finde es wichtig, dass diese potentiellen Veränderungen heute schon von den Beteiligten diskutiert werden.

Erarbeitung des detaillierten Dienstleistungsportfolios – Stimmen aus dem Teilprojekt 1

(Miguel Moreira, Alexandra Müller & Nicolas Prongué)

Comment décrire une prestation novatrice répondant aux besoins actuels et futurs de la plupart des bibliothèques scientifiques suisses ? Comment envisager des perspectives opposées pour un même service, les confronter et les concilier sans perdre trop en objectivité ?

Pour y parvenir, le groupe de travail 1, responsable pour les prestations de service et le modèle d’affaires, a réuni des collaborateurs d’horizons très variés : du jeune diplômé au manager expérimenté, de l’académicien au praticien, du Suisse romand au Suisse allemand, du responsable de réseau au responsable d’unité, ou encore du bibliothécaire-système au bibliothécaire-service. Le catalogue détaillé de prestations SLSP est le fruit d’un long travail d’analyse et de prospective, de dialogue et de conciliation. (Nicolas Prongué)

Die Basis für die Erarbeitung des detaillierten Serviceportfolios wurde bereits Ende 2015 mit dem Grobkatalog des Dienstleistungsportfolios gelegt. Nun musste definiert werden, was die einzelnen Services umfassen – keine leichte Aufgabe, denn Vieles ist noch unklar: Welches Bibliothekssystem wird für SLSP ausgewählt? Was ist technisch damit möglich? Müssen Funktionalitäten mit zusätzlichen Systemen abgedeckt werden? Da neben dem organisatorischen auch der technische Aspekt sehr wichtig ist, haben wir uns im Mai bei einer gemeinsamen Sitzung mit dem Teilprojekt 3, welches sich mit den Prozessen und IT-Anforderungen befasst, ausgetauscht. Diese war auch sehr hilfreich für den Abgleich der Services mit den funktionalen Anforderungen, welche zurzeit im Teilprojekt 3 ausgearbeitet werden. (Alexandra Müller)

L’élaboration du livrable « Portefeuille détaillé des prestations de services » est un processus long et exigeant. Chacune des 26 prestations décrites fait l’objet d’une fiche détaillée, qui essaye d’anticiper les caractéristiques, les enjeux, les parties prenantes et le processus de mise en œuvre. Les aspects techniques et financiers y sont également abordés, ces derniers étant essentiels pour la définition du business model de la future plateforme. Dans ce processus d’élaboration, il a fallu tenir compte du fait que les descriptions s’adressent simultanément à des publics différents : l’ensemble des collaborateurs du projet actuel, pour le déroulement de leurs travaux, étant donné que ce livrable constitue l’un des socles de base de la définition de la plateforme ; les personnes qui se chargeront de la mise en œuvre ; mais aussi les futurs „clients“, qui peuvent ainsi avoir un aperçu de l’offre. (Miguel Moreira)

SLSP an der RERO-Jahrestagung 2016

(Miguel Moreira)

DSC_1226Am 2. Juni 2016 fand in der Aula Magna der Universität Freiburg zum zehnten Mal die «Journée RERO» statt. Ein Teil des Programms war diesmal der Vorstellung der Arbeiten von SLSP für die Bibliotheksmitarbeitenden aus dem RERO-Verbund gewidmet.

Mehrere Mitarbeitende aus dem Projekt SLSP haben sich an dieser Vorstellung beteiligt:

  • Allgemeine Einleitung: Margareta Baddeley, Präsidentin des Steuerungsgremiums
  • Teilprojekt 1 Dienstleistungen und Geschäftsmodell: Christian Oesterheld, Teilprojektleiter
  • Teilprojekt 2 Organisation und Governance: Martin Kasser, Teilprojektleiter
  • Teilprojekt 3 Prozesse und IT-Anforderungen: Pierre Buntschu, Mitarbeiter im Teilprojekt

DSC_1192_02Die künftige Plattform SLSP hat einen hohen Stellenwert für die Zukunft von RERO, da davon auszugehen ist, dass die Mehrzahl der Bibliotheken des aktuellen Verbunds schliesslich in SLSP integriert werden wird. Dieses Szenario haben die politischen und strategischen Instanzen von RERO im Jahr 2015 als Resultat ihrer Überlegungen empfohlen. Übrigens: Ein Teil der RERO-Bibliotheken wie auch die RERO-Verbundzentrale beteiligen sich direkt an den laufenden Arbeiten von SLSP.
Die diesjährige RERO-Tagung bot eine ideale Gelegenheit, um die Mitarbeitenden aus den Bibliotheken des Réseau Romand über den aktuellen Stand des Projekts und die künftigen Entwicklungen zu informieren.
DSC_1172In der Konsequenz der für die nächsten Jahre zu erwartenden Entwicklungen bleiben für RERO essentielle Fragen, wie die Suche nach Lösungen für diejenigen Bibliotheken, welche nicht an SLSP teilnehmen werden, die Zukunft der RERO-Verbundzentrale, aber auch die Gestaltung der Übergangsphase und des Migrationsprozesses in die neue Umgebung. Diese Aspekte, die gegenwärtig untersucht werden, wurden in der Diskussion zwischen den Referierenden und dem Publikum aufgegriffen.

Im ersten Teil des Programms hielt der Hauptredner, Prof. Dr. Andreas Degkwitz, Direktor der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin, einen Vortrag zum Thema „Next Generation Library Systems“. Er skizzierte Vorteile und Chancen, aber auch Risiken und Herausforderungen, welche mit den neuen, cloud-basierten Bibliothekssystemen verbunden sind. Zudem ging er auf den Abschluss des deutschen Projekts „Cloudbasierte Infrastruktur für Bibliotheksdaten“ (CIB) ein.

Miguel Moreira, Directeur RERO, membre du sous-projet Prestations et modele d’affaires de SLSP
(Übersetzung: Iris Capatt und Christian Oesterheld)

Das Programm, die Präsentationen und Fotos sind auf der Veranstaltungswebseite aufgeschaltet.

DACHELA-Jahrestagung der Ex-Libris-Anwender

(Iris Capatt)

ExLibris bietet mit seinem Bibliothekssystem Alma eine Library Service Platform, welche sich das Teilprojekt 3 (Prozesse und IT-Anforderungen) im Hinblick auf die Systemausschreibung – nebst zahlrExLibriseichen weiteren Systemen – näher angesehen hat.

Am vergangenen Mittwoch haben sich Vertreter von SLSP auf den Weg nach Konstanz an das jährliche Treffen der deutschsprachigen Ex-Libris-Anwender (DACHELA) gemacht, um Neuigkeiten von ExLibris und Proquest aus erster Hand zu erfahren. Im Fokus des Interesses standen nicht nur die neuesten Entwicklungen und Produkte, sondern auch die Erfahrungsberichte anderer Institutionen aus dem deutschsprachigen Raum.

Referat anlässlich der 10e Journée RERO in Fribourg

(Iris Capatt)

logo_rero2Heute Nachmittag berichten anlässlich der 10e Journée RERO in Fribourg Prof. Dr. Margareta Baddeley (Präsidentin des Steuerungsgremiums SLSP), Dr. Christian Oesterheld (Teilprojektleiter TP1), Martin Kasser (Teilprojektleiter TP2) und Pierre Buntschu (Mitarbeiter TP3) über den Stand im Projekt und die laufenden Arbeiten in den einzelnen Teilprojekten.

Erfahren Sie mehr zur Veranstaltung

 

Anwenderbesuche in London und Dublin: Ein Reisebericht

(Dr. Christian Oesterheld & Basil Marti)

Ein gemischtes Team der Teilprojekte Dienstleistungen und Geschäftsmodell und Prozesse und IT-Anforderungen hat am 21. und 22. April 2016 mit einem umfangreichen Fragenkatalog im Gepäck die erste von drei geplanten Reisen unternommen, auf denen andere Bibliotheken und Verbünde aufgesucht werden, die bereits Bibliothekssysteme der nächsten Generation im Einsatz haben.

Ziel der Besuche ist einerseits, einen konkreten Einblick in die Arbeit mit den neuen Bibliotheksverwaltungssystemen zu gewinnen und erste Einschätzungen über die wichtigsten auf dem Markt erhältlichen Systemlösungen zu erhalten. Es geht andererseits darum zu erfahren, wie Bibliotheken den Umstieg als Projekt bewältigt haben und wie sie die Einführung und die daraus folgenden Änderungen in den Geschäftsprozessen aus heutiger Sicht bewerten. Welche Veränderungen in den Institutionen waren für eine erfolgreiche Einführung notwendig, und welche wurden durch die Einführung angestossen? Was würden die Befragten bei einem „zweiten Wurf“ eventuell anders machen und welche Wünsche sind offen geblieben? Besonders interessant für SLSP ist zudem die Frage nach dem Einsatz der neuen Systeme in konsortialen resp. Verbundstrukturen. Und last but not least erwarten wir, Kontakte zu knüpfen, die sich im weiteren Fortgang des Projekts noch als hilfreich erweisen werden.

SOAS_Library_interior_viewDiese erste Reise führte nach London und nach Dublin. Die Bibliothek der School of Oriental and African Studies (SOAS) der University of London ist Partner im OpenSource-Projekt Kuali OLE (Open Library Environment) und setzt OLE seit 2015 als Bibliotheksverwaltungssystem ein. Die SOAS-Library, mitten in London unweit des British Museum gelegen, ist mit 1,4 Mio Bänden und als Fachinformationszentrum für aussereuropäische „regional studies“ eine der sieben National Research Libraries des Vereinigten Königreichs. Unter ihrem Direktor John Robinson verfolgt die SOAS-Library einen OpenAccess- und OpenData-Ansatz und sieht die Wahl von OpenSource-Lösungen bei ihren Softwaretools als konsequente Fortführung dieser Prinzipien auf der technischen Ebene – neben dem Bibliotheksverwaltungssystem betrifft dies z.B. auch die Software für das Repository oder die Erschliessung und Präsentation von Archivalia. Das IT-Team um die Projektmanagerin Claudia Mendias, welches Kuali OLE eingeführt hat, engagiert sich in den Arbeitsgruppen und Gremien von Kuali OLE, gehört aber nicht selbst zum engeren Entwicklerteam. Neben den beiden grossen OLE-Anwendern Chicago University und Lehigh University in den USA ist die SOAS-Library die erste Bibliothek in Europa, die OLE einsetzt. Daneben läuft ein mehrjähriges Evaluierungsprojekt der deutschen Bibliotheksverbünde HBZ und GBV. Bei OLE stehen in den kommenden Jahren grössere Veränderungen an, wie wir erfahren haben – so wird die Kernschicht (Middleware) der Applikation in einem Projekt mit der Firma Indexdata (Kopenhagen) neu aufgebaut (dazu gibt es einen Vortrag an der ELAG-Konferenz in Kopenhagen im Juni 2016). Die Entwicklung wird u.a. durch eine Förderung der Andrew Mellon Foundation sowie durch finanzielles Engagement der Firma EBSCO ermöglicht. Ab 2017 sollen die neue Middleware zur Verfügung stehen und die Library-Management-Funktionen darauf angepasst werden. Kommende Migrationen zu OLE – darunter der Bibliotheken der Duke University und der Cornell University – werden auf dieser Basis erfolgen. Auch organisatorisch wird OLE künftig von der Kuali-Foundation, bei der OLE nur ein Produkt in einer ganzen Suite von Applikationen für Aufgaben der Hochschulverwaltung ist, unabhängig werden.

In Dublin konnten wir das Produkt Sierra der Frima Innovative Interfaces in zwei unterschiedlichen Szenarien kennenlernen. Der Verbund Public Libraries Ireland, der von der Dublin City Library geführt wird, hat 2015 Sierra als Verbundlösung eingeführt – das Projekt läuft noch weiter, bis schliesslich alle über 300 öffentlichen Bibliotheken Irlands integriert sein werden. Der Schritt zur Vereinheitlichung wurde hier dadurch erreicht, dass die Finanzierung zentral über die irische Regierung läuft; sie hatte die einheitliche Verbundlösung zur Vorgabe gemacht. Der stellvertretende Direktor der Dublin City Library und Projektleiter, Brendan Teeling, schilderte aus erster Hand den Verlauf dieses anspruchsvollen Projekts. Dabei wurde deutlich, dass mit dem Wechsel auf die neue Systemlösung eine starke Vereinheitlichung in den Arbeitsprozessen und Standards einhergegangen ist, während die öffentlichen Bibliotheken Irlands vorher nur locker verbunden waren. Der Systemwechsel hat hier also eine starke organisatorische Dynamik erzeugt. Entsprechend betonte Brendan Teeling, wie wichtig es ist, konsortiale Strukturen in der Ausschreibung zu berücksichtigen und detailliert zu beschreiben. Und er findet, dass bei den Funktionsanforderungen immer der Aspekt der „user experience“ – also die Perspektive des Endnutzers – im Vordergrund stehen soll!

Trinity_college_libraryDie altehrwürdige Library des Trinity College in Dublin, die zu den fünf grossen Legal-deposit-Libraries unter dem UK Copyright Act zählt und damit auch nationalbibliothekarische Funktionen wahrnimmt, gehört zu den Bibliotheken, die vom Vorgängerprodukt Millenium der Firma Innovative Interfaces zu Sierra gewechselt sind. Die zuvor mit dem früheren Produkt gewonnene Vertrautheit prägt die Erfahrung eines Umstiegs stark. Das betrifft nicht nur konkrete Funktionen und Strukturen des Systems, sondern z.B. auch die Einbindung in eine existierende Anwendergemeinschaft. So gibt es eine aktive Community, die weitere APIs programmiert, über die Sierra mit „third-party-Systemen“ kommunizieren kann. Sierra wird in Trinity im universitätseigenen Datencenter gehostet, aber die Firma Innovative Interfaces bietet es auch als Software-as-a-service-Lösung an. Der verantwortliche Systembibliothekar Charles R. Montague betonte, welche weitgehenden Möglichkeiten z.B. im Metadatenmanagement für die Bibliotheks-IT bestehen (sofern die nötigen Zertifizierungen erworben werden) – die Datenbasis ist hier für die Systembibliothekare also keine „black box“. Wie bei den irischen öffentlichen Bibliotheken, wird auch im Trinity College als Discovery-Lösung das Produkt Encore von Innovative Interfaces verwendet; Sierra kann grundsätzlich aber auch mit anderen Discovery-Lösungen verbunden werden.

Beide Besuche haben wichtige Erkenntnisse in vielen Detailfragen, aber vor allem einen anschaulichen Eindruck gebracht, wie Systemwechsel, Projektmanagement, Organisationsfragen und Entwicklungsstrategie der Bibliotheken zusammenhängen. Zu Kuali OLE und zu Sierra verfügen wir im Projekt SLSP jetzt über einen konkreten Einblick aus der Anwenderperspektive. Bei den weiteren Reisen – zunächst nach Holland und Belgien, dann nach Norwegen – soll es dann um die Produkte Worldshare Management Services (WMS) von OCLC und Alma von ExLibris gehen, und zwar speziell um deren Einsatz in Verbundkonstellationen. Wir werden an dieser Stelle wieder berichten!