Zero Day Sentimentalitäten
Posted by Urs Meile on 29th Juli 2010
Serie Zero Day – Teil 2
Zero Day Situationen sind nichts für schwache Nerven. Die Vorstellung einer bestimmten ungepatchten Verletzlichkeit scheint sich gut zum Hochkochen von Emotionen zu eignen. Statt sich täglich mit Qualitätssicherung herumzuplagen ist es natürlich einfacher, von Zeit zu Zeit etwas Aktivismus zu entfalten. Jedenfalls haben Zero Day Situationen in den letzten Jahren bei IT-Hobbyisten wie Profis unangemessen hohe Aufmerksamkeit genossen – auf Kosten wirklich relevanter Qualitätsverbesserungen. Warum? Hier einige Hintergründe.
Paranoia. Die Vorstellung einer vorerst „unheilbaren“ Verletzlichkeit im PC scheint mit schweren unheilbaren Krankheiten vergleichbare Vorstellungen zu aktivieren. Wie gross die reale Risikoerhöhung gegenüber dem ständigen Backgroundrisiko ist, interessiert kaum.
Bashing. Einem grossen Konzern einen nicht sofort behebbare Fehler nachzuweisen ist eine wunderbar emotionalisierte Anomalie. Solche Situationen sind bestens geeignet, um verdeckte Agendas zu verfolgen und sein eigenes Weltbild zu stabilisieren.
Publizistik. Nicht nur die Tagespresse sondern auch die Computerheftli wissen, dass viele ihrer LeserInnen lieber emotionalisiertes Kurzfutter lesen, als nüchterne Problemanalysen. Der Presse kann das nicht zum Vorwurf gemacht werden. Eine andere Frage ist, ob auch professionelle Milieus so ticken sollen.
Green IT. IT ist grün im Sinne einer unreifen, sich wild entwickelnden Technologie. Das macht diese Branche so spannend. Entsprechend grün wirkt dann halt in manchen Teilen auch die professionelle Kultur. Hier sind private Haltungen und diffuse Argumente in einem Ausmass präsent, wie dies in reiferen Bereichen wie etwa dem Maschinenbau kaum denkbar ist. So fehlt etwa ein fachlicher Konsens, wie für einen Maschinenpark Risiken zu bewerten und zu managen sind.
Impressionismus. Wo eine auch nur skizzenhafte Vorstellung von Risikomanagement fehlt, wird eine Umgebung anfällig für zufällige und publizistisch hochgekochte Einzelfälle.
Ressourcenmangel. In manchen Hochschulumgebungen ist das der zentrale Background. Die IT-Verantwortlichen werden gelegentlich derart knapp gehalten, dass an das Erarbeiten und Umsetzen einer konsistenten Strategie nicht zu denken ist. So wird eine reaktive Haltung geradezu erzwungen.
CERTismus. In der IT Security haben reaktive Muster aufgrund historischer Umstände weiterhin übermächtiges Gewicht. Die erste relevante Institutionalisierung ist in Form von Reaktionszentren erfolgt – Computer Emergency Respons Teams CERT. Das war aus dem Nichts ein grosser Fortschritt, entspricht aber nicht mehr den Anforderungen des Internet-Zeitalters. Nun geht es zentral um das proaktive Handhaben und Reduzieren von Risiken. Die Maschinen müssen widerstandfähig und die User risikobewusst werden.
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