Umgang mit Zero Day Situationen
Posted by Urs Meile on 10th August 2010
Serie Zero Day – Teil 4
Die Einschätzung von patchlosen Verletzlichkeiten und der resultierenden Situation ist nicht ganz einfach. Entsprechend weit gehen zuweilen die Meinungen auseinander. Wie könnte eine solide Basis für die Beurteilung dieser Problematik aussehen?
Ein möglicherweise solider Ausgangspunkt könnte Risikomanagment sein. Eine Zero Day Situation wird als vorübergehendes zusätzliches Risikopotential für die betriebliche IT betrachtet.
Aus dieser Perspektive lässt sich nun die Problemstellung besser fassen: Stellt eine laufende Zero Day Situation eine relevante Erhöhung des Risikos für die nächsten Tage / Wochen dar? Ist das Ausmass der Risikoerhöhung so gross, dass Qualitätsziele in Frage gestellt werden und Workaround Massnahmen in Frage kommen? Steht die Risikominderung in einem angemessenen Verhältnis zu Aufwand und möglichen Funktionsbeschränkungen?
Nach der Erhöhung des Risikos zu fragen, wirft zwei Problemkreise auf. Einmal ist die Frage bezogen auf des das ‚normale‘ alltägliche Risiko. Dazu sind die Vorstellungen oft verschwommen. Eine Einschätzung des Basisrisikos vorzunehmen, ist aber unumgänglich, wenn die relative Risikoerhöhung durch eine Zero Day Situation bewertet werden soll. Niemand würde irgendwelche Aktionen auf zwanzig Doktoranden-PCs verstehen, wenn eine Zero Day Situation das Risiko für zwei Wochen um drei Prozent erhöht. Hingegen dürfte das Management beispielsweise einer Finanzabteilung durchaus Massnahmen befürworten, wenn das Risiko auf Wochen hinaus um mehrere hundert Prozent höher erscheint.
Gesichtspunkte
Die zweite Herausforderung besteht darin, das zusätzliche Risikovolumen abzuschätzen, das auf eine bis zwei Wochen durch eine ungepatchte Verletzlichkeit entsteht. Wichtig ist dabei, eine Einschätzung immer auf ein konkretes Umfeld zu beziehen. Es sind verschieden paar Schuhe, Aussagen über die ganze Welt, eine Hochschule oder ein bestimmtes Institut zu machen. Das Risikopotential muss über eine kombinierte Analyse verschiedener Elemente abgeschätzt werden:
1. Die technische Abschätzung der Verletzlichkeit klärt, ob zentrale Mechanismen betroffen sind, Malware entwickelt und verbreitet werden kann, gewisse Mechanismen sich dämpfend auf die Ausnützbarkeit der Verletzlichkeit auswirken kann.
2. Existiert ein Exploit? Ein Exploit für sich klärt gewisse Aspekte der Ausnützbarkeit.
3. Existiert sich verbreitende Malware? Das klärt weitere Aspekte der Ausnützbarkeit und generiert zumindest ein leicht erhöhtes Risiko.
4. Verbreitungsdynamik. Gibt es eine relevante Dynamik der Verbreitung und welche Milieus sind betroffen?
5. Kontaktwahrscheinlichkeit. Lassen die Verbreitungsmechanismen eine relevante Wahrscheinlichkeit erwarten, dass eigenen Maschinen mit der Malware in Kontakt kommen?
6. Resilienz. Sind die betrachteten Maschinen durch ihre Ausstattung, Softwareversion und Konfiguration in einem relevaten Ausmass anfällig dafür, bei einem Kontakt auch kompromittiert zu werden.
7. Dauer. Wann ist ein regulärer Patch zu erwarten, welcher der Zero Day Situation ein Ende setzt?
Zeitschwellen
Mit diesen Fragestellungen müssen betroffene Akteure an zwei Zeitschwellen aktiv werden.
Nach der Publikation einer wichtigen Verletzlichkeit und hinreichenden Informationen sind drei Akteure gefordert, eine potentielle substantielle Risikoerhöhung zu identifizieren: Die IT-Security Experten einer Institution, die Verantwortlichen des Paketierungs- und Deploymentsystems in gemanagten Umgebungen sowie die IT-Verantwortlichen von Umgebungen mit erhöhtem Schutzbedarf. Das Paketieren und Ausliefern von Workarounds muss vorbereitet und eine Auslöseschwelle diskutiert werden.
Damit wird eine Beobachtungsphase eröffnet. Täglich müssen Verbreitung der Malware, Kontaktwahrscheinlichkeit und Widerstandfähigkeit der eigenen Maschinen betrachtet und gefragt werden, ob für die nächsten Arbeitstage ein Überschreitung des akzeptablen Risikos zu erwarten ist. Wenn ja, muss das Deployment von Workarounds oder andere risikomindernde Massnahmen angesetzt werden. Sofern nicht der Patch bereits angekündigt ist.
* * *
Es gibt durchaus Möglichkeiten, Zero Day Situationen professionell zu handhaben. Es erscheint nützlich, dass sich die betroffenen Stellen ein schlichtes Beurteilungsschema und Prozessdesign entwickeln, auch wenn ein ‚Ernstfall‘ sich nur selten einstellt. Ein Effizienzgewinn resultiert dann, wenn unnötige Aufregungen, Funktionseinschränkungen und Paketierungsaktivitäten vermieden werden können.
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