Im jüngsten, leider nur für registrierte Nutzende zugänglichen Research Bulletin des EDUCAUSE Center for Applied Research (ECAR) erklärt uns Rick Oller die Zukunft des mobilen Lernens. Diese wird seiner Ansicht nach “disruptive”, “explosive” und “game changing” sein für die heutige Präsenzhochschule. Die Bereiche, in denen sich dieser Paradigmenwechsel vollzieht, klingen allerdings aus heutiger Sicht noch etwas exotisch: Location-based learning, Augmented reality, ja sogar Wearable learning und Learning implants machen also die Zukunft des Lernens aus. Dabei spielt es fast keine Rolle, ob und wie diese technischen Optionen mit den Anforderung einer pädagogischen Wissensvermittlung in Übereinstimmung zu bringen sind, denn: “Rather than imposing legacy pedagogical guidelines on mobile learning, [...] teachers need to innovate, experiment, and be prepared to fail.” Machen statt (vorherigem) Nachdenken also, her mit Avataren, “X-ray vision”, “Treasure hunts” und “Ambient intelligence”. Anything goes. Und jenseits semantischer Feinheiten kann “legacy” hier ja wohl nur das bevorstehende Ende pädagogischer Konzepte andeuten, so dass endlich alles gemacht werden kann was technisch möglich ist. Hurra.
Zuspitzung
PS: Der Freitag bringt das Ganze auf den Punkt und dazu noch ein schönes Beispiel für die Geisteshaltung des Verlags Elsevier – der übrigens auch in der Causa “ETH-Dokumentenlieferdienst” beteiligt ist, zu dem inzwischen es eine klare Stellungnahme des Direktors der ETH-Bibliothek gibt.
Backlash
Ein rein subjektives Urteil der letzten Monate (dass nämlich zunehmend weniger Videomaterial frei zur Verfügung gestellt wird) trifft an einem Sonntag Mittag auf die Geschichte eines offenbar aktenkundigen Falls an der ETH Zürich, in dem Open Access aus wirtschaftlichen Interessen verhindert werden soll. Der Zusammenstoss lässt die Erinnerung aufkommen an den kürzlichen Besuch auf Academic Earth, einem Videoportal, das bis dato noch von sich behauptet “free access to video courses and academic lectures from leading colleges and universities” zu bieten. Das dürfte unter Umständen nicht mehr lange der Fall sein, denn das Portal (eine bessere Bezeichnung fällt mir nicht ein, da die Inhalte ja allesamt von Dritten stammen) wurde an eine Firma namens Ampush Media verkauft. Die Pressemitteilung sieht darin verständlicherweise nur Vorteile, aber angesichts der Tatsache, dass Ampush Media beschrieben wird als “technology-driven online marketing company that helps advertisers turn clicks into digestible customer actions” darf zumindest die Frage erlaubt sein, ob das noch lange werbefrei der Fall sein wird. Und ob das mit den Lizenzen der Videos vereinbar ist. Und ob das für eine langfristige Finanzierung ausreicht. Und ob die kommerzielle Verwertung von Bildungsinhalten als zukünftige Finanzierungsquelle herhalten muss, um wiederum staatlich subventioniert (denn mehr als ein Zustupf wird dieser Beitrag ja nicht sein) Unternehmen zu fördern, die von den Leistungen der Forschenden und Lehrenden profitieren, so wie das im Falle der Wissenschaftsverlage auch der Fall war (und ist)? An diesem (Markt-)Ende der Kerze brennt es also bereits, am anderen Ende bin ich gespannt, wann erstmalig auch gegen die freie Verfügbarkeit von Lehrangeboten im Netz vorgegangen wird, indem die Unsicherheit über die rechtliche Lage in Bezug auf die eingesetzten Materialien einmal spektakulär für ein Exempel (das nicht einmal erfolgreich sein muss) genutzt wird, um ein Klima der Verunsicherung zu schaffen, in dem die Inhalte lieber im Elfenbeinturm belassen werden statt sie als “Abfallprodukt” unserer wohlgenährten Bildungswelt denjenigen zur Verfügung zu stellen, die damit ihre Chance auf Bildung verbessern könnten.
PS:
Die Feiertage geben mir die Zeit, noch einmal die Fotos meines Besuchs an der Universität in Addis Ababa anzuschauen, die schon aufgrund dieses Apparates gut in diesen Blog passen (und damit den Titel dieses Posts konterkarieren):
Tatsächlich jedoch war (zumindest laut Auskunft meiner Gastgeber) der Hibernationsmodus dieses Geräts nur vorübergehender Natur, er war ohne Strom und Internet an einem trockenen Ort zwischengelagert worden, um später wieder seinem Zweck zu dienen: Dem Herunterladen kostenloser Open Source Software, auf dass die Studierenden sich über eine CD mit den notwendigen Programmen versorgen können. Eine Variante offenbar des Freedom Toasters.
Der Standort des Geräts war bzw. ist übrigens das Ethiopian Institute of Architecture, Building Construction and City Development und der Grund für meinen Besuch ausgerechnet dort war zum einen die bereits existierende Kooperation mit der ETH – zum anderen die attraktiven Räumlichkeiten:
Der Besuch dort war aber nicht nur deshalb lohnenswert, sondern in erster Linie aufgrund meiner Eindrücke. Der Kollege, mit dem ich mich vorgängig verabredet hatte, war so unglaublich vielseitig talentiert, dass es eine helle Freude war: Er sorgte nicht nur für die lokale IT-Infrastruktur inklusive WLAN, sondern bot auch die entsprechende Lernumgebung an, technisch wie inhaltlich: Neben dem obligatorischen Moodle gab es auch Wikis, Blogs und eine Bilddatenbank, wobei der besondere Kniff darin lag, dass alle Inhalte lokal gespiegelt wurden, um der miserablen Internetverbindung Paroli zu bieten. Darüber hinaus gab es zahlreiche Kurs- und Workshopangebote (auf dem Bild ist ein Werbebanner eines Barcamps zu sehen) – eine solche Fülle hätte ich nicht erwartet! Insbesondere, da es andererseits am Notwendigsten fehlte: Neben der problematischen Stromversorgung und dem erwähnten schmalen Zugang zum globalen Netz fehlten auch die für uns selbstverständlichen Kabel, was wiederum für meine Mitbringsel etwas unglücklich war: Die für die Aufzeichnung von Vorträgen sehr nützlichen, bei uns nicht mehr im Einsatz befindlichen Geräte von Epiphan verlangen eben eine USB-Verbindung, für die die entsprechenden Kabel dann leider nicht in ausreichender Zahl und in der notwendigen Länge vorhanden waren. So also endete mein Versuch, die Kollegen mit der gewünschten Technik auszustatten, zunächst an einem Kabel für 10 Franken. Und ich wurde mir bewusst, dass ich den klassischen Anfängerfehler gemacht hatte, mich nicht vorgängig über die Infrastruktur zu informieren. Hoffen wir, dass ich das mit einem kleinen Paket gen Äthiopien ausbügeln kann.
PS: Hier noch ein Beweis der technischen Fertigkeiten meines Gastgebers – der Server wurde in Ermangelung eines Gehäuses in ein selbst gebautes Chassis aus leeren CD-Boxen eingepasst.
Matterhorn in echt
Und en passant erfahre ich dann auch, dass die UPV schon sieben Hörsäle mit Matterhorn Capture Agents ausgestattet hat und die Ausstattung sieben weiterer Räume plant. Die Lösung ist, was der Engländer “down-to-earth” nennen würde, aber der Verzicht auf dezidierte Mikrofone und der Einsatz von Decken- bzw. Raummikrofonen bringt neben starken qualitativen Einbussen eben auch eine Reduktion der Ausfallquote mit sich. 
Displayleichen
Auch die UPV hat mit Touchtables experimentiert, das Ergebnis ist natürlich genau so funktionsuntüchtig wie alle anderen Beispiele dieser Serie – und noch dazu ein Fall für die Rechtsabteilung von Apple, würde ich meinen.
PS: Die Erkennung der Ausrichtung eines Fotos in WordPress spottet jeder Beschreibung.
Back in Black
Wer mich (ein wenig) kennt, wird wissen, warum es seit dem Sommer keinen Post mehr gegeben hat. Es ist daher auch kein Zufall, dass eine Dienstreise nach Valencia Anlass für diese Zeilen war, denn neben einem 9-stündigen Sitzungsmarathon zum Projektauftakt für das europäische Forschungsprojekt “transLectures” bot diese auch Anlass für einen Blick auf die Arbeiten im Bereich Multimedia an der UPV, der technischen Hochschule in Valencia. Dort wurde mit Polimedia eine im Aufbau originelle, in der Realisierung simple und in den Ergebnissen überzeugende Lösung für anspruchsvolle Vortrags- oder Vorlesungsaufzeichnungen entwickelt. Das Herzstück ist ein weisses Studio (inzwischen sind es wohl drei Räume), das gut ausgeleuchtet die Vortragenden aufzeichnet, die sich auf eine vor oder rechts neben ihnen dargebotene Präsentation beziehen. Durch diese Anordnung wird in der Zusammenführung der beiden Videos (Vortragende und Präsentation) der Blick in Richtung des Publikums kombiniert mit dem Blick auf die Präsentation – Bluebox lässt grüssen. Für einen moderaten Betrag wird damit eine fernsehähnliche Darbietung ermöglicht. Dazu gibt es noch das Konzept der “Educational Pills”, demzufolge die Vorträge in etwa 10-minütige Einheiten unterteilt werden, die ihrerseits als “Educational Resources” zur Verfügung gestellt werden (Metadaten inklusive). Mit einer Ausnahme, hoffe ich.
Der Vollständigkeit halber sollte erwähnt werden, dass Polimedia sich auch als Video Management System versteht, allerdings liegen hier sicherlich nicht seine Stärken. Logisch also, dass die Kollegen an der Integration mit Opencast Matterhorn arbeiten, die auch Teil des erwähnten Projektes ist. Und vielleicht schaffen sie dann auch den Wechsel von der doch noch recht aufwändigen Handarbeit mit WMV-Dateien hin zu einem echten VMS.
OER, OAI, OAS
Neben der im letzten Post angedeuteten Beschäftigung mit HTML5 (dazu später mehr) steht derzeit die Öffnung von Repositorien und deren Aggregation auf der Tagesordnung. Da ist einerseits die staubtrocken anmutende Open Archive Initiative (OAI), die zwar eine beeindruckende Liste von meist bibliothekarischer Archive auflistet, letztlich aber keine sicht- oder nutzbare Oberfläche anbietet, um eine Suche über diese durchzuführen. Schade, so bleibt der Nutzen eher verborgen. Etwas besser sieht es da bei den Open Educational Resources (OER) aus, wenngleich diese über alle Bildungsebenen hinweg etwas zu breit angelegt scheinen. Schlimmer aber ist der Umstand, dass eine ganze Reihe der Links in die Leere oder in zugangsgeschützte Bereiche führen – da fehlt offenbar das technische Konzept einer persistenten Verlinkung oder das redaktionelle einer konstanten Prüfung, was angesichts der über 30,000 Objekte allerdings auch viel verlangt ist. Immerhin aber habe ich feststellen können, dass SciVee einer der Inhaltslieferanten ist, wenngleich sie mit etwa 300 Videos nur ein Bruchteil ihrer Inhalte auf diesem Wege teilen.




