ETH-Klimablog - Mobilität - Warum wohnen wir nicht, wo wir arbeiten?

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Warum wohnen wir nicht, wo wir arbeiten?

24.09.2013 von

Marco_Torresin_freedigitalphotos_teaser_neu_defEs ist ein alltägliches Paradoxon: jeden Morgen wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich, wie Leute zur Arbeit kommen – einige mit dem Auto, die meisten zu Fuss von der nächsten Tramhaltestelle. Ich selber fahre ebenfalls mit dem Tram an die ETH und komme meist rechtzeitig, um zu beobachten, wie sich die Leute im Haus gegenüber zur Arbeit aufmachen. Warum arbeiten wir dort, wo andere wohnen – und arbeiten nicht dort, wo wir auch wohnen?

 

Das erwähnte Paradoxon gilt nicht nur in der Stadt Zürich – Ähnliches können wir auch in grösserem Massstab beobachten: da fährt die eine Person von Zürich nach Bern, um dort zu arbeiten, während die andere gerade den umgekehrten Weg wählt. Gefragt sind also Konzepte, die Wohnen und Arbeiten vereinen.

Die Arbeitersiedlung als Vorbild?

Die Frage nach der funktionalen Aufteilung unserer Städte in Gebiete, wo vornehmlich gewohnt bzw. gearbeitet wird, steht zu Beginn der Geschichte. Die Durchmischung von Wohnen und Arbeiten ist die Antwort darauf. Aber genügt das? Wohl nicht ganz, denn bei mir im Quartier wie auch dort, wo ich arbeite, sind Wohnen und Arbeiten durchaus gemischt, aber eben nicht durch die gleichen Leute. Was wir brauchen, sind Gebiete, in denen diejenigen Menschen arbeiten, die dort auch wohnen. Sei es im gleichen Gebäude oder in Fussdistanz im Quartier. Beispiele aus früheren Zeiten gibt es viele; eines, das aktuell wiederbelebt wird, steht in Möhlin (Kanton Aargau): die «Bata-Siedlung» (siehe Abbildung).

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«Bata-Siedlung» in Möhlin, Kanton Aargau: Ein historisches Beispiel für die Integration von Wohnen und Arbeiten am selben Ort (Bild: Bata-Archiv Gemeinde Möhlin)

Die Ausgangslage ist klassisch: der Patron einer Grossfirma erstellt für seine Arbeitenden und deren Familien Häuser in nächster Umgebung der Fabrikationsanlagen – im Sinne eines paternalistischen Humanismus. Kann eine solche Idee auch in der heutigen Zeit angestrebt werden?

Gefragt sind Konzepte, die auf das 21. Jahrhundert angepasst sind: erste Beispiele gibt es

Die Zeiten haben sich geändert seit der Ära «Bata»: wir leben zwar noch in Haushalten zusammen, haben aber unterschiedliche Arbeits- oder Ausbildungsorte, und sind angehalten beruflich mobil zu sein. Aber trotzdem: Wohnen und Arbeiten am selben Ort ist eine Lebensform, die sich einige vorstellen können, und die wir auch ermöglichen und fördern sollten. Denn nur so lässt sich der Pendelverkehr einschränken. Allfällige positive Effekte auf die Freizeitmobilität wären zu erwarten. Es gibt aktuell tatsächlich einige Beispiele, die Gebiete in diese Richtung entwickeln. Die Bandbreite geht von luxuriösen bis zu alternativen Lebensformen. So wird ein Gebiet am Bahnhof Rotkreuz für rund 1‘500 Bewohner und etwa 2‘500 Arbeitsplätze gebaut. [1] Als Zielgruppe angesprochen werden insbesondere die Mitarbeitenden der Novartis, die hier neu ihren Schweizer Hauptsitz ansiedelt. Und auf dem Hunziker-Areal in der Stadt Zürich entsteht eine Siedlung, wo rund 1000 Personen aus allen Generationen wohnen und arbeiten werden. [2]

Vielleicht werde ich mir also eine Wohnung in der Nähe der ETH suchen? Oder wird die ETH dereinst auch Wohnungen zur Verfügung stellen? Einige der Arbeitsplätze sind ja aktuell in tollen Wohnhäusern und würden sich dafür sicher anbieten…

 

[1]  http://www.suurstoffi.ch

[2]  http://www.hunzikerareal.ch

Zum Autor

Dr. Michael Stauffacher ist Co-Leiter ad interim der Professur Umweltnatur- und Umweltsozialwissenschaften (NSSI) sowie im Kernteam des Transdisziplinaritätslaboratoriums des Departments Umweltsystemwissenschaften (USYS TdLab) der ETH Zürich. Persönliches Zitat und Biografie

 





Kommentare (10) >Alle Kommentare aufklappen>Alle Kommentare zuklappen

Ich erachte das Home Office durchaus auch als eine mögliche Option, aber auch diese hat nur beschränkte Wirkung (nicht jeder Job lässt sich zuhause ausführen, soziale Kontakte sind nicht in Vereinen und Freundeskreisen wichtig sondern auch im Beruf, usw.). In diesem Sinn ist mein Beitrag zu verstehen, die „Biodiversität“ der Optionen um ein weiteres Element zu erweitern. Und diese Option erfordert auch noch weitere Anstrengungen, nicht zuletzt von Seite der Forschung, wenn man die Kommentare bzgl. Wohn- und Lebensqualität in verdichteten urbanen Räumen liest!

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Ein Aspekt in der Diskussion fehlt mir noch: Das soziale Umfeld am Wohnort. Freunde, Vereine etc. gibt Herr und Frau Schweizer nicht gerne alle paar Jahre auf. Der Wohlstand und die (relativ) schnellen Verkehrsmittel ermöglichen, mittels Pendeln dieses Umfeld zu bewahren. Da liegt die Lösung – wie von einigen Vorgeschlagen – wohl mehr im Bereich des Home Office als beim Umzug.

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zwei, drei Präzisierungen zu den Kommentaren:
Ich wollte nicht ausdrücken, dass alle am Arbeitsort wohnen müssen noch dass dies für alle möglich ist. Mein Punkt war, dass wir diese Möglichkeit zumindest ermöglichen sollten. Und dies ist bei den aktuellen Immobilienpreisen in vielen Städten durchaus eine Forderung mit Gewicht, insb. wenn man die Idee auf unterschiedlichste Berufe ausweitet. Ich plane dies in meinem nächsten Blogbeitrag am Beispiel der Stadt Zug zu illustrieren.

Einfach noch zur Ergänzung: Handlungsbedarf besteht ja durchaus in diesem Bereich und zwar nicht nur aus Überlegungen der CO2-Emissionen, des Landverbrauchs, Lärms, usw. sondern auch aufgrund der bestehenden Überlastung des Verkehrssystems (sowohl MIV wie öV), vgl. dazu auch den heutigen Artikel im Tages Anzeiger: http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Ausbaustopp-fuer-Strasse-und-Schiene-gefordert/story/16754817

Nebenbei: die ETH macht dies ja durchaus schon, berechtigterweise insbesondere für Studierende und in Zusammenarbeit mit privaten Investoren.

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Ja, der Pendelverkehr ist unangenehm, weil er zu nutzlosem Zeitverbrauch führt und häufig auch nervt. In einer Mietkaserne neben der Fabrik zu wohnen, in der auch die Arbeitskollegen und er Vorgesetzte wohnen, an einen bestimmten Arbeitsplatz und Arbeitgeber gebunden zu sein, ist ebenfalls unangenehm. Eine Wohnung im Einheitsstil direkt neben dem Arbeitsort zu bewohnen oder seine arbeitsfreie in dicht besiedelten Kaninchenställen zu verbringen, behagt vielen Menschen nicht, denn sie haben andere Vorstellungen vom Lebensstil.

Deshalb nehmen viele Menschen wohl den Pendelverkehr als notwendiges Übel in ihrer Suche nach dem Lebensglück in Kauf. Banale Effizienzbetrachtungen treten dabei in den Hintergrund.

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Jeder möchte gerne möglichst nah von der Arbeit wohnen. Nur ist das leider nicht immer möglich. Denn neben dem kurzen Arbeitsweg muss auch die Lebensqualität am Wohnort stimmen, und die Wohnung oder das Haus muss bezahlbar sein. Wichtig wären daher ganz einfach qualitativ hochstehende Wohngebiete in der Stadt oder der nahen Umgebung. Das wird zwar auch versucht, indem zum Beispiel in Zürich viele Genossenschaften neue Mietkasernen bauen. Aber leider fühlt man sich in diesen hunderte Meter langen Betonriegeln wie in einem Hühnerstall, und die „Natur“ beschränkt sich auf betonierte Karpfenbecken und Bäume aus China. Wo bleibt die Individualität? Gefordert wären meiner Meinung nach vor allem auch die Architekten.

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Nimmt man die Stellungnahmen von Anthony Patt, Tim Reutemann und Ben Palmer zusammen kommt man zum Schluss, dass die physische Mobilität weiter zunehmen wird. Mehr Menschen werden immer mehr Kilometer pro Tag, Monat und Jahr zurücklegen.

Um dieses Bedürfnis zu befriedigen gibt es eigentlich nur eine technische Lösung: Es braucht ein neues Verkehrsmittel mit dem man in kurzer Zeit mittlere bis grosse Distanzen zurücklegen kann ohne grossen Energieverbrauch, ohne Emissionen und bei minimalem Landbedarf. Als Konzept gibt es das schon.

Die andere Lösung läge mehr in der Richtung von Ben Palmer. Das Zuhause-Arbeiten wäre der neue Normalfall und nur wenige – vielleicht 1/3 der arbeitenden Bevölkerung – wäre noch als Pendler unterwegs.

Nach meiner Einschätzung wird die Arbeits- und Lebensrealität wohl in der Mitte der beiden Lösungen liegen: Das Pendeln wird zurückgehen, das Herumreisen insgesamt aber nur wenig. Der Grund dafür ist die Abnahme der arbeitenden Bevölkerung wegen der zunehmenden Automatisierung und dem Wegfall der Arbeit als nötigen Verdienst. In 20 Jahren werden weniger als halb soviele Menschen wie heute überhaupt noch arbeiten und viele derjenigen die arbeiten werden von zuhause aus arbeiten.

Die zukünftige Mobilität wird also weniger mit Arbeit und mehr mit Freizeit verbunden sein.

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Ein weiterer Faktor der diese Entwicklung fördert ist die Emanzipation – Was, wenn ein Partner in Zürich und der andere in Basel den Traumjob findet und die beiden aber trotzdem zusammen wohnen wollen?

In der Zeiten von Bata haben entweder alle Familienmitglieder in der Fabrik geschuftet (und waren damit wohl nicht in ihrem Traumjob), oder nur ein Familenmitglied hat ausser Haus gearbeitet…

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Mir kommt die Frage vor: warum geht’s um arbeiten? Unsere Leben bestehen aus mehreren Säulen, und je nach Person ist die Eine wichtiger als die Andere. Für mich ist es zum Beispiel notwendig, irgendwo zu wohnen, woher ich jeden Tag und ohne Transportmittel in die Natur kommen kann. Sonst schaffe ich es nicht, was mich unglücklich macht. Ich arbeite mit Leute, für die andere Sachen wichtiger sind, z.B. arbeiten, im Restaurant essen, oder sich im Kino entspannen. Ich glaube nicht, dass der Arbeitgeber irgendwas schaffen kann, was alle Mitarbeiter glücklich macht. Schön sind die Städte wo viele Möglichkeiten günstig zu einander liegen. Was eigentlich Zürich anbietet, oder?

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Warum können wir nicht einfach zu Hause arbeiten? Es gibt viele Berufe und Beschäftigungen, bei denen es dank moderner Technologien möglich wäre, zu Hause zu arbeiten und sich nur gelegentlich mit Arbeitskollegen zu treffen. Warum müssen Programmierer, Buchhalter, Redakteure, Forscher unbedingt jeden Tag im selben Gebäude in (oft) separaten Büros sitzen, um ihre Arbeiten zu erledigen? Ich habe über mehr als ein Jahrzehnt mit meinem Vorgesetzten und meinen Arbeitskollegen zusammengearbeitet, obwohl uns einige hundert Kilometer, Landesgrenzen oder sogar Ozeane trennten.

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Je mehr Einfamilienhausbesitzer es gibt, desto mehr Pendler wird es geben. So einfach ist das. Die Schweiz wird gerade von einem Volk von Mietern zu einem Volk von Einfamilienhausbesitzern. Im Jahr 1970 betrug der Anteil Haushalte mit eigenem Heim 26,4% und stieg bis im Jahr 2000 auf 38,3%. Allerdings ist das im Vergleich zu den meisten europäischen Ländern immer noch sehr wenig. Dennoch nimmt die Mobilität in der Schweiz ab zumal nur wenige ihr Haus verkaufen, weil sie einen anderen Arbeitsort gefunden haben. In der Schweiz ist das auch selten nötig wegen den im Vergleich zum Ausland meist kurzen Distanzen.

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