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Anpassungen an Klimaänderungen sind dringender denn je

19.09.2013 von

Worradmu_freedigitalphoto_teaser_161x97Aktuelle Prognosen und die klimapolitische Lage lassen keinen Zweifel daran: Die Treibhausgas-Emissionen werden weiterhin ansteigen. Wir sollten Vorkehrungen treffen, um die drohenden negativen Konsequenzen eines globalen Temperaturanstiegs abzuschwächen. Besonders hoch ist der Anpassungsbedarf bei Entwicklungsländern. Sollen auch sie die notwendigen Investitionen realisieren, ist Solidarität gefragt.

 

Die Internationale Energieagentur (IEA) hat in ihrem jüngsten Spezialbericht des «World Energy Outlook»1,2 eine Vorhersage energiebezogener CO2-Emissionen berechnet, die alle bislang in Kraft gesetzten und zugesagten energie- und klimapolitischen Massnahmen berücksichtigt. Gemäss diesem «New Policies»-Szenario werden die globalen CO2-Emissionen von derzeit rund 32 Milliarden Tonnen pro Jahr auf etwa 37 Milliarden Tonnen im Jahr 2035 ansteigen (Abbildung 1). Gegenüber einem Szenario, das die CO2-Konzentration auf maximal 450 ppm (parts per million) begrenzt, würde ein grosser Emissionsüberschuss resultieren. Die Obergrenze von 450 ppm wäre gemäss dem Weltklimarat IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) erforderlich, um mit 50 Prozent Wahrscheinlichkeit die globale Klimaerwärmung auf 2 Grad Celsius zu beschränken – einen gerade noch «verkraftbaren» Temperaturanstieg.

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Abbildung 1: Zwei Szenarien energiebezogener CO2-Emissionen. Quelle: Redrawing the Energy Climate Map. World Energy Outlook Special Report, IEA 2013, S. 34)

Im Verhandlungsprozess der UN-Klimakonvention ist vorgesehen, im Jahr 2015 ein möglichst breit abgestütztes Folgeabkommen zum Kyoto-Protokoll zu verabschieden, das ab 2020 in Kraft treten soll. Somit ist unwahrscheinlich, dass vor 2020 neue Politikmassnahmen ergriffen werden, die über das «New Policies»-Szenario der IEA hinausreichen. Die Folgen sind in Abbildung 1 abzulesen: Gegenüber dem «450-ppm-Szenario» würde deutlich mehr CO2 emittiert, und nach 2020 wäre ein noch rascherer Abbau der CO2-Emissionen erforderlich, um die globale Erwärmung auf etwa 2 Grad Celsius zu beschränken (stilisiert mit dem roten Pfeil dargestellt). Niemand vermag zu sagen, ob dies gelingen könnte. Die Weltgesellschaft sollte daher auf jeden Fall Vorbereitungen treffen, die die negativen Auswirkungen einer globalen Temperaturerhöhung von 2 Grad Celsius oder mehr möglichst gering halten.

Hoher Anpassungsbearf in Entwicklungsländern

Es ist unbestritten, dass vor allem Entwicklungsländer schon unter den heute herrschenden Klimaverhältnissen am stärksten leiden und durch weitere Temperaturerhöhungen am meisten betroffen wären. Beispielsweise werden häufigere und stärkere Hitzeperioden Agrarerträge reduzieren und das Risiko erhöhen, etwa an Malaria oder Denguefieber zu erkranken; veränderte Regenfälle lassen verstärkte Wasserknappheiten einerseits und zunehmende Überflutungen andererseits erwarten; ebenso wird die Klimaerwärmung das Abschmelzen der Gletscher beschleunigen und an vielen Orten der Welt die Artenvielfalt gefährden; und schliesslich werden der steigende Meeresspiegel sowie häufigere und heftigere Stürme die Küstengebiete und Inselregionen bedrohen.

Das ist alles nicht neu, aber angesichts der absehbaren CO2-Emissionsentwicklung von zunehmender Dringlichkeit. Die Anpassungsmassnahmen, mit denen man die skizzierten Folgen des Klimawandels mindern könnte, sind weitgehend bekannt.3 Sie umfassen etwa die Entwicklung hitzeresistenter Getreidesorten, Vorkehrungen zur Minderung temperaturabhängiger Krankheitsrisiken, den sparsameren Umgang mit Wasser sowie Flutschutz- und Küstenschutzmassnahmen, um nur einige zu nennen. Die Mehrheit dieser Interventionen wäre sogar gewinnbringend, wenn der befürchtete Klimawandel und seine Folgen nicht oder nur teilweise eintreten würden («No-/Low-Regret»-Massnahmen).

Solidarität gefordert

Doch die technischen, finanziellen und institutionellen Kapazitäten der meisten Entwicklungsländer sind so begrenzt, dass sie ihre Bevölkerungen aus eigener Kraft nicht ausreichend werden schützen können. Vor allem die armen Bevölkerungsschichten sind hochgradig gefährdet. Die Weltbank schätzt, dass die Entwicklungsländer für angemessene Anpassungen an eine Temperaturerhöhung von 2 Grad Celsius bis Mitte des Jahrhunderts etwa 70 bis 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr investieren müssten.4 Um dies zu erreichen, ist die Solidarität und Unterstützung seitens der Industrieländer unverzichtbar.

 

1 IEA (2013): Redrawing the Energy Climate Map. World Energy Outlook Special Report. Paris.

2 IEA (2012): World Energy Outlook 2012. Paris.

3 UNFCC (2007): Climate Change: Impacts, Vulnerabilities and Adapation in Developing Countries. Bonn.

4 Weltbank (2010): The Cost to Developing Countries of Adapting to Climate Change: New Methods and Estimates. Washington D.C.

 

Zum Autor

Rolf Kappel ist Wirtschaftswissenschaftler und Professor für Probleme der Entwicklungsländer an der ETH Zürich. Persönliches Zitat und Biografie





Kommentare (4) >Alle Kommentare aufklappen>Alle Kommentare zuklappen

Dieser Beitrag von Professor Kappel bezieht sich auf den Weltbankbericht von 2010 The Cost to Developing Countries of Adapting to Climate Change
Dort liest man: „Even with global emissions of greenhouse gases drastically reduced in the coming years, the global annual average temperature is expected to be 2°C above pre-industrial levels by 2050“

Dass die Temperatur schon bis ins Jahr 2050 um 2°C gegenüber dem präindustriellem Niveau ansteigt, dürfte angesichts des nur schwachen Temperaturanstieg in den letzten 15 Jahren, unwahrscheinlich sein.

Im inzwischen vollständig veröffentlichen Assessment Report 5 der Working Group I des IPCC gibt es ein eigenes Kapitel zu dem bis 2035 zu erwartenden Temperaturanstieg. Dort liest man: „The projected change in global mean surface air temperature will likely be in the range 0.3–0.7°C (medium confidence). This projection is valid for the four RCP scenarios and assumes there will be no major volcanic eruptions or secular changes in total solar irradiance before 2035.“

Diese Prognose des Temperaturanstiegs bis 2035 ist weitgehend unabhängig von der Stärke des CO2-Anstieg in den nächsten Jahren, da sich dieser erst längerfristig auswirkt.

Damit scheint es knapp möglich, dass bis 2050 die Temperatur gegenüber vorindustriell um 2°C ansteigen kann. Dazu müsste die Temperaturzunahme bis 2035 dem oberen Wert des Bereichs 0.3 bis 0.7 (also 0.7) entsprechen und die Temperatur zwischen 2035 und 2050 noch einmal um 0.5 Grad ansteigen, womit sich dann folgendes ergibt: 0.8°C (1850 bis 2000) + 0.7°C (2016 bis 2035) + 0.5°C (2035 bis 2050) = 2°C um 2050. Das – also ein Temperatur-Anstieg gegenüber präindustriell von 2°C bis 2050 – wäre ein Extremszenario und gerade noch knapp möglich.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Herr Prof. Kappel, sie schreiben: „die globale Klimaerwärmung auf 2 Grad Celsius zu beschränken – einen gerade noch «verkraftbaren» Temperaturanstieg“
Wie kommen Sie darauf, dass 2°C, gerade noch verkraftbar sind? Wie kommen Sie auf diese Zahl? Was für Konsequenzen hätten 2.0 oder 2.2 °C und wie können Sie diese Konsequenzen voraussagen?

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 1

Martin: Die 1.4° im IPCC sind die globale Mitteltemperatur, die 2° in Entwicklungsländern sind über Land.
Über Land geht die Erwärmung deutlich schneller als über dem Meer => die Zahlen sind schon konsistent. Wobei die Erwärmung in Afrika noch langsam ist im Vergleich zur Arktis.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 2 Daumen runter 2

Sehr geehrter Herr Professor Kappel,

«No-/Low-Regret»-Massnahmen sind in Entwicklungsländern mit ihrem naturgemäss begrenzten Kapital besonders wichtig und
Massnahmen wie sie sie aufzählen:

(Zitat)„die Entwicklung hitzeresistenter Getreidesorten, Vorkehrungen zur Minderung temperaturabhängiger Krankheitsrisiken, den sparsameren Umgang mit Wasser sowie Flutschutz- und Küstenschutzmassnahmen“

wären sicher oft unabhängig von der Entwicklung der Temperaturen und vom Steigen des Meeresspiegel sinnvoll.

Solche Projekte im Rahmen der Entwicklungshilfe oder neu, der Klimahilfe, zu finanzieren, ist ebenfalls sinnvoll, denn die nötigen Technologien (wie Gentechnik, Dammbau) sind am ehesten in den hochtechnisierten Geberländern vorhanden oder werden dort gerade entwickelt.

Einen Einwand hätte ich aber noch. Sie beziehen sich auf den Weltbank-Bericht The Cost to Developing Countries of Adapting to Climate Change wenn sie schreiben:
„Die Weltbank schätzt, dass die Entwicklungsländer für angemessene Anpassungen an eine Temperaturerhöhung von 2 Grad Celsius bis Mitte des Jahrhunderts etwa 70 bis 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr investieren müssten.“

Der Betrag von 70 bis 100 Milliarden pro Jahr für alle Entwicklungsländer zusammen scheint mir eher zu tief um sich bis 2050 an 2°C höhere Temperaturen anzupassen.
Hier nun mein Einwand: Die Annahme, die Temperatur werde sich bis 2050 um 2°C erhöhen relativ zur vorindustriellen Zeit ist mit Sicherheit falsch. Der neue IPCC-Report rechnet mit aktuell 0.12°C Temperaturzunahme pro Jahrzehnt. Bis 2050 werden die Temperaturen also gegenüber heute kaum mehr als 0.6° ansteigen, was dann ein plus von 1.4°C gegenüber der vorindustriellen Zeit ergibt.
Entwickeln sich die betroffenen Länder ökonomisch rasch – rascher als der Klimawandel – können sie die Anpassung teilweise selbst stemmen.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 2 Daumen runter 2

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