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Biogas statt Brennholz in China

12.09.2013 von

biogas_teaser191x97Damit die Landbevölkerung Chinas von Brennholz auf Biogas umsteigt, subventioniert die chinesische Regierung den Bau von Biogasbecken für private Haushalte. Obwohl sich der Umstieg wirtschaftlich lohnen würde, nutzen viele Landwirte das Subventionsprogramm nicht. Die Gründe dafür sind vielfältig.

 

Chinas ländliches Biogasprogramm

Trotz Chinas rapider wirtschaftlicher Entwicklung der letzten 30 Jahre sind viele Menschen im ländlichen Raum immer noch stark auf Brennholz angewiesen, um zu kochen und zu heizen. Dafür werden Wälder grossflächig abgeholzt, was wiederum zur Klimaveränderung beiträgt. Biogas ist eine alternative erneuerbare Energiequelle. Um den Umstieg auf Biogas im ländlichen China voranzutreiben, startete die chinesische Zentralregierung im Jahr 2003 ein ländliches Biogasprogramm, das alle Provinzen auf dem chinesischen Festland einschliesst.

Das Programm wird jährlich von der Regierung mit 2.5 Milliarden chinesische Yuán (ca. 400 Millionen Schweizer Franken) finanziert. Teilnehmer am Biogasprogramm erhalten Subventionen für den Bau von Biogasbecken. Dadurch soll die Bevölkerung dazu motiviert werden, Biogas im Alltag zu nutzen. Das Errichten eines Biogasbeckens und die dazugehörigen Umbauten einer typischen ländlichen Behausung, inklusive der Toiletten, des Schweinestalls und der Küche, kosten ca. 3000 Yuán (etwa 46’000 Franken). Die Höhe der Subventionen beträgt pro Haushalt je nach Region zwischen 800 und 1200 Yuán.

Biogas kann jährlich 4500 Yuán Gewinn abwerfen, was die Teilnahme am Programm wirtschaftlich attraktiv macht. Dennoch ist die Anzahl Teilnehmer niedrig. Mehr als die Hälfte der geeigneten Haushalte haben kein Biogasbecken. Es ist daher wichtig, zu ergründen, welche Faktoren die Landwirte darin beeinflussen, am Biogasprogramm teilzunehmen oder nicht.

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Landbewirtschaftung in China. © Erwyn van der Meer/flickr

Was hemmt die Teilnahme am Programm?

Unsere Studie untersucht diese Frage, mit dem Fokus welche Rolle die persönliche Lebenseinstellung, Risikobereitschaft, Ambiguitäts- und Zeitpräferenzen oder der soziale Kontakt mit anderen Landwirten bei der Entscheidung spielen, am Biogasprogramm teilzunehmen. Ambiguitätspräferenz ist dabei die persönliche Einstellung gegenüber Unsicherheiten, also Situationen, deren Risiken nicht näher eingeschätzt werden können. Zeitpräferenz ist ein Mass dafür, wie stark jemand kurzfristig anfallende Kosten im Vergleich zu langfristig entstehendem Nutzen gewichtet.

Wir haben ökonomische Experimente durchgeführt, um die verschiedenen Präferenzen zu messen, und diese zusammen mit Umfrageergebnissen von etwa 500 chinesischen Landwirten statistisch analysiert, um den Einfluss verschiedener Faktoren auszumachen. Unsere Ergebnisse zeigen auf, dass

  1. Risikobereitschaft die Teilnahme ländlicher Haushalte am Biogasprogramm beeinflussen, während Ambiguitäts- und Zeitpräferenzen keine bedeutende Rolle spielen;
  2. wer risikoscheuer ist, weniger wahrscheinlich am Biogasprogramm teilnehmen wird;
  3. dieser Effekt der Risikobereitschaft nur für ungeduldige Menschen sichtbar ist, was einen Zusammenhang zwischen der Risikobereitschaft und der Zeitpräferenz andeutet.

Somit nehmen ungeduldige, risikoscheue Landwirte am wenigsten wahrscheinlich am Programm teil.

Die persönliche Lebenseinstellung ist ebenfalls wichtig. Zum Beispiel nehmen Landwirte, die glauben, dass was ihnen widerfährt von Schicksal, Zufall oder Glück abhängt, mit geringerer Wahrscheinlichkeit am Biogasprogramm teil. Das trifft auf Frauen stärker zu als auf Männer. Wir haben ausserdem vorläufige Resultate, die zeigen, dass soziale Netzwerke ebenfalls wichtig sind: Landwirte werden von der Entscheidung anderer in ihrem sozialen Netzwerk beeinflusst, ob sie am Biogasprogramm teilnehmen oder nicht.

Unsere Ergebnisse haben somit auch politische Bedeutung: Der Zusammenhang von Risikobereitschaft und Teilnahme am Biogasprogramm deutet darauf hin, dass politische Massnahmen hilfreich sein könnten, um die Ausbreitung der Biogastechnologie im ländlichen Raum Chinas zu unterstützen. Zum Beispiel könnte Training in Risiko-Management und das Angebot einer speziellen Versicherung den Landwirten helfen, ihr wahrgenommenes Risiko zu reduzieren und damit ihre Bereitschaft erhöhen, auf Biogas umzusteigen.

 

Zu den Autoren:

Stefanie Engel ist Professorin für Umweltpolitik und Umweltökonomie. Persönliches Zitat und Biografie.

Diesen Blogbeitrag verfasste Stefanie Engel gemeinsam mit Pan He, Doktorandin am Institut für Umweltentscheidungen, und Marcella Veronesi, Assistenzprofessorin an der Universität Verona, Italien. Die vorgestellten Ergebnisse basieren auf der Dissertation von Frau He.





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Die geschilderte Art Brennholz zu nutzen ist schon sehr veraltet. In unseren Wäldern und anderen europäischen Forsten wird nachhaltig und ökologisch gearbeitet. Die Nutzung von Brennholz zu Heizzwecken kann hierdurch in ökologische Bahnen geführt und damit sehr sinnvoll und nachhaltig durchgeführt werden.
So können moderne, umweltfreundliche, abgasarme Kaminöfen mit wasserführender Technologie die Heizungsanlage sehr weitgehend ersetzen und stark entlasten. Ein wasserführender Kaminofen beheizt das ganze Haus in dem er Heißwasser, erzeugt aus günstigem und ökologischem Feuerholz, in die Heizungsanlage abgibt.
Sehr effektiv und sparsam sind z.B. mit modernen wasserführenden Kaminofen / Cheminee. Wer z.B. lieber mit nachwachsendem Holz statt mit Öl oder Gas heizt, kann hier für sich mal berechnen, wie viel Energie Holz, Öl und Gas im Vergleich zueinander haben und wie viel CO2 & Geld man mit Holz einspart.
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„Zum Beispiel könnte Training in Risiko-Management und das Angebot einer speziellen Versicherung den Landwirten helfen, ihr wahrgenommenes Risiko zu reduzieren und damit ihre Bereitschaft erhöhen, auf Biogas umzusteigen.“

Das Schlüsselwort hier ist „wahrgenommenes Risiko“, also eine subjektive, imaginäre Grösse, die sich leicht (auch manipulativ) verändern lässt.

Was sind denn die objektiven Risiken beim Umstieg auf das Biogasprogramm? Wie hat man diese objektiven Risiken kommuniziert? Wie unterscheiden sich die „wahrgenommenen“ Risiken von den „objektiven“ Risiken und woher kommt der Unterschied?

Wie man sieht, mir ist weder der Sinn und noch das Ergebnis der Studie klar. Ein Training in Risiko-Management kann eigentlich nur das Ziel haben, das wahrgenommene Risiko mit dem objektiven Risiko zur Deckung zu bringen, die objektiven Risiken können nicht „wegtrainiert“ werden.

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Mich würde interessieren wie man „Ungeduld“ misst. Ich bin ein extrem geduldiger Mensch, aber wenn ich unter starkem Zeitdruck stehe werde ich ungeduldig.
Wikipedia: „Das Wort Geduld (auch altertümlich: Langmut) bezeichnet die Fähigkeit zu warten. Oft gilt Geduld als eine Tugend; ihr Gegenteil ist die Ungeduld.“

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Soziale Netzwerke und Schulungen sind sicher generell wichtig um neue Techniken und Abläufe auch unter der bäuerlichen Bevölkerung zu verbreitern.
Die Farmer Field School-Bewegung, die auf einem gruppenbasierten Lernen beruht, wurde für die Verbreitung des integrierten Schädlingsschutzes in Indonesien begründet, hat aber inzwischen auch in China weiter Verbreitung gefunden. In diesem Rahmen könnte auch das Biogasprogramm bekannt und gefördert werden. Der Artikel A review of the biogas industry in China zeigt, dass die Biogasindustrie in starkem Wachstum begriffen ist (Figur 3) trotz immer noch bestehenden Hemmnissen: “ Barriers to the development are the relatively weak environmental policies, imperfect financial policies and lack of long-term follow-up services. The rapid economic development of China has also seen a development in the scales of biogas plants constructed. Although the technology has been improved, this review has identified problems in the construction and operation of Chinese biogas plants, particularly in the efficiency of household systems. „

In diesem Artikel zeigt Figur 1 zudem, dass die Verstädterung in China schnell voranschreitet. Damit ändert sich tendenziell auch die Landwirtschaft und Kleinbetriebe werden wohl durch Grossbetriebe verdrängt werden. In Grossbetrieben werden Biogasanlagen aber anders eingesetzt als bei Subsistenzbauern. Dementsprechend ist der Schulungsbedarf ein anderer.

Mit immer noch 300 Millionen Bauern (1/5 der Bevölkerung) dominieren jetzt aber noch die Kleinbauern. Doch das kann sich beim Entwicklungstempo Chinas schnell ändern.

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