ETH-Klimablog - Klimaforschung - Was ist eigentlich eine Tonne CO₂?

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Was ist eigentlich eine Tonne CO₂?

10.09.2013 von

Ideago_teaser161Um CO₂-Emissionen zu reduzieren wäre es theoretisch am effizientesten, gäbe es nur einen einzigen, weltweit gültigen Preis für eine Tonne CO₂. Dann würde die Tonne dort zuerst reduziert, wo es am billigsten ist. Es läge am Markt herauszufinden, ob das nun der brasilianische Regenwald, das indische Stromnetz oder Schweizer Heizungen sind. Klingt toll. Nur: Was ist eigentlich eine «Tonne CO₂»? In diesem Beitrag möchte ich die Verwendung dieser Messgrösse in einigen der heute existierenden CO₂-Handelsmechanismen diskutieren.

 

Wie CO₂-Reduktionen berechnet werden

CO₂ ist ein unsichtbares Spurengas, das sich in der Atmosphäre anreichert. Und eine CO₂-Reduktion ist die Abwesenheit von eben diesem Spurengas – weniger greifbar geht es kaum. Diese Abwesenheit von CO₂ muss durch den Vergleich einer Messung mit einem vollständig hypothetischen Szenario berechnet werden. Um einem derartigen Abstraktum einen ökonomischen Wert zu geben, bedarf es einer Menge Buchhaltungsregeln. So «nerdig» mein Thema «CO₂-Buchhaltung» auch klingt – es ist das Herzstück der globalen Treibhausgas-Reduktionsbemühungen.

Grafik_Emissionsreduktion

Eine Emissionsreduktion besteht immer aus hypothetischen Referenz-Emissionen und gemessenen Emissionen.

 

Eine Tonne CO₂ – viele buchhalterische Konzepte

Nehmen wir drei konkrete Beispiele für das, was wir gemeinhin «eine Tonne CO₂» nennen:

  • Die Kyoto-Länder haben sich zu Emissions-Reduktionen verpflichtet (Kyoto-Mechanismus). Berechnet werden die Reduktionen anhand eines Inventars aller physisch innerhalb der Landesgrenzen emittierten CO₂-Mengen, die jährlich mit dem Reduktionsziel verglichen werden. Mit Importgütern assoziierte Emissionen werden entweder im Herstellungsland angerechnet oder gar nicht, falls die Güter in einem Entwicklungs-, Schwellen- oder sonstigen Nicht-Kyoto-Land hergestellt werden.
  • Zusätzlich zu den regulären Kyoto-Tonnen kann der «Clean Development Mechanism» (CDM) ebenfalls Emissionsreduktionen verbuchen. Solche Tonnen stammen aus Projekten in Entwicklungs- und Schwellenländern, etwa einer Windfarm in Indien. Die CO₂-Reduktion errechnet sich aus der Strommenge in Megawattstunden (MWh), die die Windfarm herstellt, und dem durchschnittlichen CO₂-Ausstoss pro MWh Stromproduktion in Indien. Das Referenzszenario wird dabei immer so gewählt, als ob ohne das Projekt genau gleich viel Strom produziert worden wäre wie mit dem Projekt tatsächlich produziert wurde.
  • Unter einem neuen Mechanismus (REDD+) (siehe dazu frühere Blogbeiträge 1,2) sollen nun auch Emissionsreduktionen anrechenbar werden, die durch eine verminderte Rodung von tropischen Wäldern zustande kommen. Die Rechnung basiert auf dem Kohlenstoffgehalt der Wälder, die CO₂ speichern, und einem langfristigen Referenzszenario der Entwaldung. Rhetorisch wird dieses Szenario als «realistisch» bezeichnet – tatsächlich handelt es sich dabei um Verhandlungsergebnisse. Realistische, langfristige makroökonomische Modellierungen gehören ins Reich der Phantasie. Die tatsächliche Entwaldung wird dann gemessen und die Differenz als «Emissionsreduktion» ausgewiesen. Die mit der Entwaldung assoziierte landwirtschaftliche Produktion fliesst dabei nicht oder nur marginal in die Buchhaltung ein.

Eine Tonne ist eine Tonne ist eine Tonne?

In allen oben genannten und vielen weiteren Fällen verwenden die Buchhaltung und die Rhetorik stets die Einheit der «Tonne CO₂». Wenn jedoch zwei CO₂-Buchhalter aus unterschiedlichen Sektoren über Bäume und «Windmühlen» diskutieren, mutet das Gespräch nicht selten wie ein Dialog zwischen Don Quijote und Sancho Panza an – die beiden reden aneinander vorbei und sehen in ihrer realen Umwelt ganz unterschiedliche Konzepte und Probleme – insbesondere wenn es um die Anrechnung der Güterproduktion geht. Selbst wenn eines Tages der Traum der Umweltökonomen wahr werden und ein globaler Preis für «eine Tonne CO₂» existieren sollte – es wäre doch nur ein einheitlicher Preis für etliche unterschiedliche buchhalterische Konzepte, die bestenfalls lose mit physikalischem CO₂ assoziiert sind.

Das bedeutet jedoch nicht, dass wir alle Kompensationsmechanismen verwerfen sollten. Die existierenden Mechanismen sind trotzdem das beste und effizienteste Mittel aller Zeiten, um ein globales öffentliches Gut wie die Reduktion von Treibhausgasen zu finanzieren. Wir sollten nur damit aufhören, die «Kompensationen» eins zu eins mit unserem eigenen Ausstoss zu verrechnen. Tatsächlich wird dieser Weg von der Schweizer Politik teilweise verfolgt, die keine Anrechnung von ausländischen Reduktionen auf das Inlands-Emissionsziel mehr erlaubt. Nur die Unterstützung der Entwicklungsländer in ihren Reduktionsbemühungen ist dabei leider weitgehend auf der Strecke geblieben und erfolgt nun wieder mehrheitlich über die weniger effiziente und deutlich geringere direkte Projektfinanzierung. Schade – denn obwohl wir Mühe haben, verschiedene Reduktionen ineinander umzurechnen, bleibt es wahr, dass es für die Atmosphäre nicht darauf ankommt, ob eine Tonne CO2 in der Schweiz, in Indien oder in Brasilien emittiert wird.

(1) Blogbeitrag: CO2-Reduktion durch Waldschutz

(2) Blogbeitrag: Rolle der Wälder in Klimaverhandlungen

 

Zum Autor

Tim Reutemann (früher Schloendorn) ist Doktorand in Umweltökonomie und -politik an der ETH Zürich. In seiner aktuellen Forschung erarbeitet er Vorschläge zur Verbesserung und Harmonisierung der Berechnungsgrundlagen von CO₂-Einsparungen aus verschiedenen Projekttypen. Persönliches Zitat und Biografie





Kommentare (3) >Alle Kommentare aufklappen>Alle Kommentare zuklappen

Sehr geehrter Herr Schloendorn,

besten Dank für die weitergehenden Erläuterungen in ihrem Kommentar. CO2-Reduktionen zu belohnen ist sicher eine gute Idee wie das Beispiel der mit Klimageldern subventionierten indischen Windfarm zeigt. Denn die Subvention ist ein Anreiz weiter Windfarmen zu bauen, was in Indien bedeuten könnte, dass Wind als Alternative zur Kohle wahrgenommen würde.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Sehr geehrter Herr Holzherr,

Das Problem, dass der Artikel erklären wollte ist: Nahezu alle grossen CO2 Emissionen haben indirekte Effekte. Auch bilanzbasiertes CO2 Accounting funktioniert nur innerhalb der Systemgrenzen – Es setzt z.B. einen Anreiz C-intensive Produktionsstandorte nach Indien zu verlegen und die Produkte nacher wieder in die EU zu importieren – Dann werden die CO2 Emissionen nicht mehr verrechnet.

Da es nicht absehbar ist ob es jemals ein weltweites C-Inventar + die dazugehörigen Emissionsrechte geben wird beschäftigen wir uns trotzdem mit „second best solutions“ wie CDM und REDD+.

Wie in der Grafik im Artikel dargestellt gehört zum C-Accounting immer neben dem Inventar auch eine „Baseline“ bzw. ein „Right to Emit“. Dabei muss man noch unterscheiden ob die Baseline versucht realistisch zu sein (in ihren Worten „Wer am meisten Wald abholzen will…“) oder ein Verhandlungsergebniss ist („Wer am meisten Wald abholzen DARF…“). Wobei Realismus in den Modellen auch im Energiebereich nicht erreichbar ist und daher eigentlich alle Baselines Verhandlungsergebnisse sind.

Bezüglich Permanenz (von Ihnen „Nachthaltigkeit genannt): Auch wer heute darauf verzichtet ein Ölfeld abzubauen, kann es in 10 Jahren immernoch tun. Das Problem hat nichts mit der Form des gebundenen C zu tun.

Fazit:
Auch Bilanzbasierte Emissionsbestimmungen haben grosse Schwächen solange sie nicht global greifen. Da eine globale Bilanz politsch derzeit nicht machbar ist sollten wir uns dennoch mit anderen Methoden beschäftigen CO2 Reduktionen zu belohnen – auch wenn wir nicht exakt berechnen können wieviele Tonnen CO2 weniger in der Atmosphäre landen und die verschiedenen Reduktionsmethoden nur begrenzt vergleichbar sind.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Sehr geehrter Herr Reutemann,

Je indirekter CO2-Emissonsreduktionen sind, desto schwieriger natürlich die Abrechnung. Das Extrembeispiel ist für mich die CO2-Vermeidung durch Verzicht auf das Abholzen von Wald. Wer am meisten Wald abholzen will, aber darauf verzichtet, spart am meisten CO2 ein und macht am meisten Profit, falls dabei Geld fliesst. Die CO2-Vermeidung durch Windräder ist aber ein ähnliches Problem, wobei hier noch die Frage im Raum steht ob Windradstrom = CO2-freier Strom ist, denn die unregelmässige Windstromproduktion erzwingt auch unregelmässiger laufende fossile Kraftwerke, was die Effizienz der fossilen Kraftwerke senkt und ihren CO2-Ausstoss erhöht.

Eng zusammenhängend mit solchen Problem ist die Frage nach der Nachhaltigkeit vieler CO2-Kompensationsprojekte. Wer heute auf das Abholzen von Wald verzichtet, kann es morgen (in 10 Jahren) immer nocht tun.
CO2-Emissionen bestimmen kann aber auch ganz einfach und recht zuverlässig sein und zwar dann, wenn man mit Bilanzen rechnet und nicht mehr mit Projekten. Wer Kohle, Öl oder Erdgas verbrennt, erzeugt offensichtlich CO2 und die erzeugte Menge lässt sich einfach berechnen. Ähnlich, wenn auch aufwendiger, könnte man die CO2-Bilanz über ganzen Wäldern bestimmen (wieviel CO2 nimmt der Wald auf, wieviel gibt er ab) und daran die Kompensation festmachen anstatt an Absichten von Menschen wie der, auf das Abholzen zu verzichten.

Fazit: Von Mechanismen wie CDM und REDD+ sollte man nicht zuviel erwarten. Diese Mechanismen sind projektbasiert (ich holze aber oder lasse es). Bilanzbasierte CO2-Emissionsbestimmungen sind dagegen recht einfach und zuverlässig.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 3

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