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Wasserqualität (Teil 3): Sicheres Trinkwasser braucht Forschung – auch in Afrika

02.07.2013 von

«Etwa ein Drittel unserer Bevölkerung hat keinen Zugang zu sicherem Trinkwasser», sagt Dr. Alfred Ranaivoarisoa, Hydrogeologe an der Universität von Antananarivo in Madagaskar. «Wir können jedoch kaum helfen, weil an unserer Uni keine Forschungsinfrastruktur existiert.» 

Zwei internationale Fachverbände, die «Geochemical Society» und die «European Association of Geochemistry», haben dieses Jahr eine Vortragstour in fünf afrikanische Länder finanziert, um ihre Kontakte zu den erdwissenschaftlichen Institutionen im Süden zu intensivieren1. Ich hatte die Möglichkeit, im Juni als Gastdozent Äthiopien und Madagaskar zu besuchen. Fragen der Wasserqualität standen im Zentrum vieler Diskussionen.

Sicheres Trinkwasser für Afrika

Weltweit haben ungefähr eine Milliarde Menschen noch immer keinen Zugang zu sicherem Trinkwasser, und für etwa zwei Milliarden Menschen fehlt eine adäquate sanitäre Entsorgung. Als Folge davon sterben weltweit 1.6 Millionen Menschen pro Jahr an Infektionen durch verschmutztes Trinkwasser. Etwa die Hälfte dieser Todesfälle betrifft afrikanische Kinder südlich der Sahara. Diese Region ist in mehrfacher Hinsicht sehr verletzlich: Oft fehlt die staatliche Infrastruktur, in vielen Gebieten herrschen Wasserknappheit und Bevölkerungsdruck. Klimaschwankungen mit Flutereignissen und Dürren erschweren die Trinkwasserversorgung zusätzlich.

Es gibt verschiedene Lösungsansätze, um diese unhaltbare Situation zu verbessern: An der Eawag hat ein interdisziplinäres Forschungsteam die Methode der solaren Wasserdesinfektion entwickelt2. Fluss- oder Seewasser wird durch ein Tuch filtriert, in PET-Flaschen abgefüllt und während mehr als sechs Stunden intensiver Sonnenstrahlung ausgesetzt. Die Kombination von UV-Strahlung und erhöhter Temperatur verringert die Anzahl gefährlicher Keime dramatisch (siehe Bild). Noch sicherer, aber etwas kostspieliger ist die Membranfiltration, die gegenwärtig in verschiedenen Feldstudien analysiert wird.

Bakterienkolonien auf Petrischale – die konventionelle Methode, um die Verunreinigung von Trinkwasser mit Fäkalbakterien zu analysieren. (iStockfoto)

 

Längerfristig ist jedoch vor allem die sanitäre Situation zu verbessern. Die «Bill & Melinda Gates Foundation» hat dazu einen internationalen Wettbewerb mit dem Titel «Die Toilette neu erfinden» ausgeschrieben3. Gesucht wird sanitäre Technologie, die mit möglichst wenig Wasser und Energie auskommt und die Verschmutzung der Wasservorräte verhindert. Verschiedene Lösungsvorschläge befinden sich in der Evaluationsphase.

Mehr afrikanische Forschung

Das Thema «Sicheres Trinkwasser für alle» stösst an afrikanischen Universitäten auf grosses Interesse. In den engagiert geführten Diskussionen an unseren Vorträgen in Addis Abeba und Antananarivo wurde jedoch auch deutlich, dass es in Afrika nicht nur an Trinkwasserbrunnen und sanitärer Technologie fehlt: Es gibt kaum Forschungsförderung in Afrika. So sind afrikanische Universitäten primär Institutionen der Lehre. Die Professoren haben allenfalls in Zusammenarbeitsprojekten mit dem Norden einige Forschungserfahrung gewonnen. An den meisten Fakultäten fehlt es an Messinstrumenten und Forschungsinfrastruktur, und der Zugang zu Fachliteratur stellt eine weitere Hürde dar.

Hier sind ein paar einfache Empfehlungen, wie wir Forscher unsere Kollegen im Süden in ihrer wichtigen Arbeit unterstützen können:

  • Publiziere «open access», dann sind die Forschungsergebnisse auch an afrikanischen Universitäten zugänglich.
  • Lade nicht nur die Kollegen aus Stanford an Dein Institut ein, sondern auch jene aus Addis Abeba oder Antananarivo. Die Wirksamkeit Deiner Forschung in der realen Welt wird dadurch gewinnen.
  • Setze Dich dafür ein, dass die wissenschaftlichen Gesellschaften des Nordens Deine Kollegen an den Universitäten des Südens gratis als Mitglieder aufnehmen.

Afrika braucht nicht nur Trinkwasserbrunnen und «Bill-Gates-Toiletten» – noch viel dringender braucht der Kontinent eine international vernetzte Forschungsgemeinschaft, die in Afrika Lösungen für Afrika erarbeitet.

 

1 Outreach program Africa

2 Solare Wasserdesinfektion

3 Reinvent the toilet challenge

 

Zum Autor

Bernhard Wehrli ist Professor für Aquatische Chemie an der ETH Zürich und an der Eawag. Persönliches Zitat und Biografie

Lesetipp

Prof. Bernhard Wehrli widmet sich in einer Serie dem Thema Wasser und dessen Gefährdungen.

Wasserqualität (Teil 1): Gold glänzt nicht überall

Der Mensch braucht Wasser. Doch Wasserversorgung und -qualität sind gefährdet – mit grossen sozialen Risiken. Mengenmässig eine der wichtigen Verschmutzungsquellen für Wasser ist der Bergbau – die Förderung von Gold dabei ein drastisches Beispiel.

Wasserqualität (Teil 2): Landwirtschaft braucht Kreisläufe

Dank neuen Pflanzensorten und wachsendem Einsatz von Dünger und Pestiziden haben wir weltweit die Getreideernte in den letzten fünfzig Jahren fast verdreifacht. Die Wasserqualität hat allerdings gelitten: Dies zeigen Algenteppiche vor den Meeresküsten und Insektenvertilgungsmittel im Trinkwasser.

 





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Mit wenig lässt sich im Bereich Hygiene und Wasserversorgung viel erreichen. Sogar in Entwicklungsländern mit kaum vorhandener Infrastruktur wie das in den meisten Länder der Subsahara der Fall ist. Das Wenige, das es aber unbedingt braucht ist ein hygienisches Basiswissen und sind hygienische Gewohnheitsrituale wie die Entnahme von Trinkwasser von den richtigen Stellen und/oder die Wasseraufbereitung mit Verfahren wie Sodis. Forscher und Erzieher, die Kontakte zur lokalen Bevölkerung pflegen, können wohl am meisten bewirken.

Neue Chancen bieten heute Internet und Mobiltelephonie. Und das sowohl für Forscher, die auf Open Access Arbeiten von überall her zugreifen können, als auch für die Lokalbevölkerung, die über ihre Mobiltelephone von fast überall her erreichbar ist. Immerhin gibt es selbst in Afrika 545 Millionen Mobilfunkteilnehmer, was 63% der Bevölkerung entspricht. Somit wird es nur wenige afrikanische Dörfer geben die vollständig von der Umwelt abgeschnitten sind. Es lässt sich also ein Kontakt- und Wissensnetz aufbauen, das fast jedes Dorf umfassen kann. Eine ungeheuere Chance um die Lebenssituation fast aller Bewohner der Subsahara zu verbessern.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 3 Daumen runter 1

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