ETH-Klimablog - Wirtschaft - Ein grünes Mäntelchen umhängen (Teil 2)

ETH life zum Thema

Welternährung: «Ein nahrhafter Denkanstoss» (17.10.13)
Klimaforschung: «Klimaforschung im Dialog» (4.10.13)
Klimaforschung: «Emissionen verpflichten uns langfristig» (27.9.13)
Energieforschung: «Der Asket unter den Motoren» (12.9.13 )

Blog-Schwerpunkte

Die Beiträge geordnet nach Wissensgebieten rund um den Klimawandel:
>Klimaforschung
>Umweltfolgen
>Energie
>Mobilität
>Wirtschaft
>Politik
>Stadtentwicklung
>Welternährung
>Nord-Süd

Archive

Ein grünes Mäntelchen umhängen (Teil 2)

14.05.2013 von

Mitte April fanden Sie hier den ersten Teil meiner Gedanken zu nachhaltigen Unternehmen. Ich kam zum Schluss, dass die Rechnung, gleichzeitig Gewinn wie echten Nutzen zu machen, meistens nicht aufgeht. So verkaufen sich viele Unternehmen als nachhaltig – ob sie es auch tatsächlich sind, ist unklar. Aber es gibt durchaus klare Fälle – und zwar klar positive.

Woran lässt sich erkennen, ob ein Unternehmen nachhaltig ist oder nicht? Ein im Studio!Sus erschienener Artikel gibt die folgende hilfreiche Übersicht dazu, was ein Unternehmen «unnachhaltig» macht:

  1. Direkte Wirkungen der Unternehmenstätigkeit, wie Emissionen aus der Produktion im Umweltbereich, Kinderarbeit im Sozialen oder Korruption und Überschuldung im Ökonomischen.
  2. Negative indirekte Wirkungen der in die Welt gesetzten Produkte, wie beispielsweise gesundheitliche Beeinträchtigungen beim Konsum der Produkte des Unternehmens, persistente Gifte in der Entsorgungsphase oder teure Altlasten verursachende Produktteile.
  3. Untaugliche Managementsysteme, die falsche Informationen über die nachhaltigkeitsrelevanten Wirkungen und Nebenwirkungen von Managemententscheidungen liefern oder Umsetzungsdefizite begünstigen.
  4. Ein unreflektiertes Geschäftsmodell, das soziale oder ökologische Innovationen hemmt oder unnachhaltige Produktions- und Konsummuster begünstigt.

Ein Unternehmen, das alle diese Punkte gänzlich vermeidet, scheint unmöglich. Aber eine ganze Reihe mir bekannter Firmen kommt dem Idealbild ziemlich nahe.

Wein für Biodiversität

Delinat, ein Weinlieferant, gewann kürzlich den deutschen CSR-Preis. Die Corporate Social Responsability (CSR) – in etwa Unternehmerische Gesellschaftsverantwortung – dieses Bio-Weinhändlers hält, was sie verspricht. In seiner so genannten Charta für Biodiversität im Weinbau regelt der Weinhändler Anbau und Herstellung des Weins auf eine umfassende und wegweisende Art, die weit über die üblichen Bio-Produktionsstandards geht. So ist es zum Beispiel Pflicht, im Weinberg Hecken, Bäume und Sekundärkulturen zu integrieren. Es entstehen dadurch extrem wertvolle Biotope über ganz Europa verteilt, die für eine ganze Reihe bedrohter Tier- und Pflanzenarten Habitate und Vernetzung garantieren oder neu schaffen. Der produzierte Wein gelangt in die Weindepots von Delinat, von wo er per Post an die Kunden verschickt wird. Die anfallenden Karton-Boxen können zusammengelegt, gebündelt und über viele Annahmestellen zur Wiederverwendung zurückgegeben werden. Auch Korken werden zurückgenommen und wiederverwendet. Neben dem Weinhandel betreibt das 1980 gegründete Unternehmen ein Forschungsinstitut, das sich dem nachhaltigen Weinbau widmet. Dort und in für Delinat liefernden Rebbergen finden immer wieder Informationsveranstaltungen statt. Auch sind Ferien in den Rebbergen möglich.

Faire Bedingungen und umweltfreundliche Mobilität

Ein zweiter mir positiv aufgefallener Betrieb sind die Werkstätten von CO13 in Basel. Hier finden Menschen mit Beeinträchtigung einen Beruf, unter anderem in einer Mode-Boutique und einer Velowerkstatt. Letzteres ist zugleich ein guter Dienst an der umweltfreundlichen Mobilität.

Ebenfalls aus Basel und mit Mode zu tun hat die Marke Tarzan. Sie produziert ihre Kollektionen aus biologisch hergestellter Baumwolle und unter fairen Bedingungen. Nebst all den weiteren positiven Punkten, die ich hier aufzählen könnte, möchte ich ihre soziale Preispolitik erwähnen – Studierende bezahlen weniger als Verdienende.

Für die Schweiz ein Vorbild ist meiner Meinung auch die Alternative Bank. Wer ihr sein Geld anvertraut, kann jederzeit in Erfahrung bringen, wo die Bank es investiert. Die Geschäftspolitik ist nicht nur absolut transparent, sie ist auch klaren Werten verpflichtet. Es wird nur dort investiert, wo für die Gesellschaft oder Umwelt Nutzen entsteht. Auch dieses Unternehmen pflegt regelmässigen Austausch mit seinen Kunden, zum Beispiel in Form von Seminaren zu grundsätzlichen Gedanken über Geld und Handel.

Sozial und gesund

Das letzte Unternehmen, das mich mit seinem Geschäftsmodell fasziniert, ist der Öpfelchasper. Er liefert wöchentlich Körbe mit Bio-Früchten und Gemüse ins Büro oder nach Hause. Und zwar per Velo. Die Ware ist saisonal und stammt von lokalen Bauernhöfen. Die Velokuriere treffen sich am frühen Morgen, packen die Körbe und essen gemeinsam Frühstück, bevor sie sich auf ihre Lieferroute machen. Eine soziale Sache also und gesund ist sie ebenfalls. Schliesslich freut sich auch das Klima, wenn der Büroangestellte zum Bio-Apfel statt zum Salami-Sandwich greift.

Meine Liste liesse sich verlängern, mit Weleda, Molkerei Biedermann und so weiter. Aber statt bloss aufzuzählen, sollten wir uns fragen: Was haben diese Unternehmen gemeinsam?

Integriert wirtschaften

Ich als Konsument merke, dass hier nachhaltige Konzepte erdacht sind und, weil schlau umgesetzt, gewinnbringend auf dem Markt bestehen können. Die Konzepte sind kein Flickwerk wie bei plumpem Greenwashing, sondern bis in alle Aspekte optimierte Modelle. Die gründen auf der Absicht der Unternehmen, mit einem nachhaltig-sinnvollen Geschäft einen angemessenen Gewinn zu erzielen und davon Mitarbeitende bezahlen zu können. Nachhaltig zu geschäften war ein Grundsatzentscheid, der Schritt für Schritt umgesetzt wurde. Und es ist nicht der Ansatz, Gewinn zu machen und dazu nur soweit nötig auf Nachhaltigkeit zu setzen. Bei all diesen Beispielen hier zeigt sich mir, wie in sich logisch und konsequent der Nachhaltigkeitsgedanke Teil des Geschäfts ist. Er ist nicht Mittel zum Zweck, sondern Selbstverständlichkeit.

Zum Autor

Raphael Fuhrer absolvierte seinen Master in Raumentwicklung und Infrastruktursystemen. Er schreibt zurzeit seine Doktorarbeit am Institut für Verkehrsplanung und Transportsysteme der ETH Zürich. Persönliches Zitat und Biografie

 





Kommentare (5) >Alle Kommentare aufklappen>Alle Kommentare zuklappen

Die hier vorgestellten Beispiele nachhaltigen Wirtschaftens verorten diese Wirtschaftsweise bei Nischenanbietern.

Letztlich muss aber die ganze Welt nachhaltig bewirtschaftet werden. Darunter verstehe ich eine optimale Umgebung, ein gutes Leben für alle Menschen bei gleichzeitig minimalem Impact auf die Natur.

Einen Schritt in diese Richtung könnte in der richtigen Art der Urbanisierung sein, da im Jahr 2050 70% aller Menschen in Städten leben werden.
Besonders schnell schreitet die Urbanisiserung in China voran. Dort braucht es kostengünstigen Wohn- und Arbeitsraum bei beengten Platzverhältnissen, denn die meisten Chinesen leben im Südosten und dort bilden sich Konglomerate von Millionestädten, die im Verkehrschaos versinken. Arbeitswege sollten deshalb möglichst kurz sein.

Eine mögliche Lösung bietet sich in Form von Sky-Cities, grossen Wolkenkratzern, die Leben, Arbeiten und Erholung in einem Gebäude ermöglichen un die damit den nötigen Verkehr stark reduzieren. Auch wertvolles Kulturland bleibt durch die Verdichtung erhalten.

Eine zukünftige nachhaltige Lebensweise wird folgende Merkmale haben:
– Menschen leben vorwiegend in Städten und die naturbelassenen Flächen nehmen im Vergleich zu heute stark zu
– Landwirtschaft wird intensiviert und findet teilweise in Form des „vertical farming“ in den Städten selbst statt. Fische stammen aus Aquakulturen, Fleisch wird synthethisch hergestellt.
– Vollkommene Rezirkulation aller Rohstoffe ermöglicht durch Cradle-to-Cradle-Produkte und Urban-Minig
-Zero-Emission für alle Stoffe inklusive CO2

Solch eine Zukunft ist möglich und es gibt schon Ansätze dazu. Beispielsweise kann heute Abwasser so gereinigt werden, dass es wieder als Trinkwasser dienen kann.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 1 Daumen runter 1

Der letzte Abschnitt des Autors: „Integriert wirtschaften“ weist auf ein offenbar falsch verstandenes Konzept von Marktwirtschaft hin. Der Markt ist eine Einrichtung, die den Austausch von Gütern und Dienstleistungen zwischen Marktteilnehmern zum Ziel hat. Ein Austausch kommt zustande, wenn sich Anbieter und Abnehmer über den „Wert“ einig sind. Dieser Wert kann individuell stark variieren.
ich bin z.B. nicht bereit, für ein T-Shirt mehr als CHF 20 zu bezahlen. Wer ein T-Shirt bei CO13 für CHF 89 kauft, schätzt den Wert wesentlich höher ein, weil ihn das Konzept, für das das T-Shirt das Aushängeschild ist, anspricht.
„Und es ist nicht der Ansatz, Gewinn zu machen und dazu nur soweit nötig auf Nachhaltigkeit zu setzen.“
Umgekehrt ist es richtig: „Nachhaltigkeit“ ist der Ansatz. um Gewinn zu machen. Weil die Güter in den Augen gewisser Abnehmer mehr Wert haben, als ein „normales“ T-Shirt, nämlich den ideellen Wert der Nachhaltigkeit. Die Anbieter lassen sich diesen Mehrwert bezahlen, um Gewinn zu machen.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 2

Nachhaltigkeit „ist nicht Mittel zum Zweck, sondern Selbstverständlichkeit.“ liest man da. Selbstverständlichkeit würde ich das allerdings nicht nennen, wenn es ein erklärtes Ziel ist ein bis zur letzten Faser nachhaltiges Produkt auf den Markt zu bringen und dies auch noch über die gesamte Liefer- und Produktionskette nachzuweisen. Die hier beschriebenen Firmen basieren ihre Existenz wohl gerade auf der behaupteten Nachhaltigkeit ihrer Produkte und der Aufwand für die selbst erarbeiteten und definierten Standards und ihre Durchsetzung dürfte nicht gering sein. Dementsprechend sind wohl auch die Preise nicht gering.
Damit stellt sich die Frage ob es sich hier um einen Nischenmarkt handelt, geschaffen für eine Handvoll von Kunden, die Nachhaltigkeit suchen und wertschätzen. Allerdings ist es vorstellbar, dass diese Nische, geschaffen von Pionieren, später einmal zum Standard wird, mindestens aber eine viel grössere Verbreitung findet. Das scheint mir mindestens hier in den entwickelten Ländern mit einem grossen Kreis von Menschen, die über viel frei verfügbares Einkommen verfügen, durchaus vorstellbar. Auch der reichere Teil der Menschen in den Schwellenländern könnte dazugehören.
Als allgemeines Modell für eine nachhaltigere Weltwirtschaft kann ich mir die hier vorgestellten Beispiele aber nicht vorstellen. Es gibt allerdings auch kaum ein anderes Modell, das ich mir vorstellen kann, welches zu einer nachhaltigen Weltwirtschaft führt, denn der Preis von Produkten wird auf absehbare Zeit wohl eines der wichtigsten Kriterien für ihren Erfolg darstellen. Zur Nachhaltigkeit wird die Menscheit wohl vor allem durch äussere Zwänge kommen wie der Verknappung von Rohstoffen.

Diese meine Skepsis teilt offenbar auch der Autor, wenn er schreibt:
„Ich kam zum Schluss, dass die Rechnung, gleichzeitig Gewinn wie echten Nutzen zu machen, meistens nicht aufgeht.“
Wer keinen Gewinn macht, macht aber Verlust. Und Verlust über Verlust führt zum Ruin.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

„Und es ist nicht der Ansatz, Gewinn zu machen und dazu nur soweit nötig auf Nachhaltigkeit zu setzen. Bei all diesen Beispielen hier zeigt sich mir, wie in sich logisch und konsequent der Nachhaltigkeitsgedanke Teil des Geschäfts ist.“
Der „Nachhaltigkeitsgedanke“ ist vor allem Teil des Marketings. Aber ein Geschäft, das keinen nachhaltigen Gewinn erwirtschaftet, ist kein Geschäft.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 2 Daumen runter 3

Ich kann mich diesem etwas naiven Weltbild beim besten Willen nicht anschliessen.
Ihr erstes Beispiel mit dem Wein verletzt auch bereits Ihr eigenes Kriterium: „Negative indirekte Wirkungen der in die Welt gesetzten Produkte, wie beispielsweise gesundheitliche Beeinträchtigungen beim Konsum der Produkte des Unternehmens“. Alkohol ist nicht nur ein Karzinogen der Klasse 1, er kann auch süchtig machen.

Ein anderes Beispiel: Tarzan sagt über sich selbst „Die meisten Produkte stammen aus Indien und werden aus 100 % biologisch angebauter und zertifizierter Baumwolle hergestellt. Vereinzelte Artikel kommen aus der Türkei und China. Mit regelmässigen Besuchen vor Ort vergewissert sich Tarzan, dass die Produzenten Humanität und Ökologie berücksichtigen.“
Abgesehen davon, dass T-Shirts zum Preis von CHF 89.- für mich und meine Familie jenseits von „nachhaltig“ sind, kann ich mir kaum vorstellen, dass die Einfuhr von Produkten aus dem Fernen Osten die Kriterien für Nachhaltigkeit erfüllt.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 2 Daumen runter 3

top
 
FireStats icon Powered by FireStats