ETH-Klimablog - Energie - Energiewende braucht Forschung zu Siedlungsstrukturen und Alltagspraktiken

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Energiewende braucht Forschung zu Siedlungsstrukturen und Alltagspraktiken

25.04.2013 von

«Haben Sie heute schon Energie konsumiert?» «Ja, klar» Da dieser Beitrag auf dem Blog einer technischen Hochschule erscheint und Sie damit wohl eine gewisse Nähe zu technischen und naturwissenschaftlichen Fragen haben, nehme ich an, dass Sie mit «Ja, klar» geantwortet haben. Allenfalls mit dem Zusatz: «aber sparsam».

Sie sind sich bewusst, dass Sie heute Vormittag in einem mit Erdöl geheizten Schlafzimmer durch einen batteriebetriebenen Wecker aus Orpheus Armen befreit wurden. Sie wissen natürlich auch, dass Sie danach dank funktionierender Warmwasseraufbereitung eine warme oder sogar heisse Dusche geniessen konnten, die Kaffeemaschine durch den Strom aus der Steckdose Ihnen die notwendige Koffeinzufuhr ermöglichte und das nebenbei laufende Radio Sie mit den neusten Nachrichten aus der grossen Welt versorgte. Über Nacht hatten Sie auch Ihr Handy aufladen können und konnten so schnell noch Ihre E-Mails checken, bevor Sie auf das Tram oder den Zug rasten, um – wiederum mit elektrischer Energie unterstützt – an Ihren Arbeitsplatz gefahren zu werden. Und nun sitzen Sie am Tisch, der Computer läuft, das Zimmer ist warm, allenfalls auch das Licht noch an und Sie lesen diesen Blogbeitrag. Dabei konsumieren Sie konstant Energie – und sind sich dessen auch bewusst.

«Allenfalls, aber sicher bin ich nicht»

Können Sie sich vorstellen, dass jemand auf die Frage nach dem heutigen Energiekonsum mit einem schüchternen «Vielleicht schon, aber so richtig erinnern kann ich mich nicht» antwortet? Der eine oder die andere mag nun fehlendes Wissen beklagen und fordern, dass wir die Bevölkerung besser ausbilden müssten: Sie müsse wissen, wie viel Energie sie konsumiere und so erkennen können, wo sich Energie sparen lässt. Doch so einfach ist es nicht: Mehr Wissen führt nicht automatisch zu einem sparsameren Energiekonsum. Denn – und dies mein erster Punkt – niemand «konsumiert Energie» (und ich meine hier nicht die technisch gern formulierte Aussage, dass man Energie nicht verbrauchen sondern nur transformieren kann). Vielmehr sind wir eingebunden in unterschiedliche Alltagsaktivitäten, die einen Energiekonsum zur Folge haben. Und es sind zweitens auch nicht eindeutig abgrenzbare individuelle Entscheidungen, die zu Energiekonsum führen, sondern oft langfristig entstandene Siedlungsstrukturen, die unser Verhalten prägen.

Alltag beeinflusst unseren Energiekonsum

Schauen wir uns nochmals Ihr Aufstehen am Vormittag an: Was beeinflusst denn Ihren Energiekonsum? Wie haben Sie damals zum Beispiel Ihren Wohnort gewählt? Konnten Sie eine neue Wohnung im Stadtzentrum kaufen, die nach neustem Minergie-Standard gebaut worden ist? Brauchen Sie damit gar kein Auto, da Sie mit Tram oder Fahrrad einfach und direkt zum Arbeitsplatz gelangen? Und können Sie dank einiger Solarpanels auf dem Dach auch Ihr Handy und die Kaffeemaschine mit erneuerbarer Energie betreiben?

Dann wird es aber allenfalls auch so sein, dass Sie im Beruf erfolgreich sind, immer wieder Anfragen für Vorträge im Ausland erhalten, selber oft an anderen Orten dieser Welt arbeiten, darum auch Freunde weit weg Ihres Wohnortes haben und diese Freundschaften auch pflegen wollen. Das könnte dann bedeuten, dass Sie viele und lange Flugreisen benötigen und somit auch viel Energie konsumieren.

Energiewende erfordert Forschung zu Siedlungsstrukturen und Alltagspraktiken

Kurz: Unser Energiekonsum wird von vielen Faktoren beeinflusst: Davon wie wir unser Leben ganz allgemein gestalten, von unseren Alltagspraktiken aber auch von den von der Stadt- und Raumentwicklung geprägten Strukturen, in denen wir unser Leben verbringen. Hier muss die Forschung vermehrt ansetzen, denn zu diesen Themen und ihren komplexen Zusammenhängen bestehen immer noch grosse Wissenslücken.

 

Überraschende Grünräume – Gebäudekomplex Opus in der Stadt Zug auf dem ehemaligen Areal der Landis & Gyr, heute Siemens

Zum Autor

Dr. Michael Stauffacher ist Co-Leiter ad interim der Professur Umweltnatur- und Umweltsozialwissenschaften (NSSI) sowie im Kernteam des Transdisziplinaritätslaboratoriums des Departments Umweltsystemwissenschaften (USYS TdLab) der ETH Zürich. Persönliches Zitat und Biografie

 





Kommentare (4) >Alle Kommentare aufklappen>Alle Kommentare zuklappen

Herr Bühler,
die von Ihnen zitierte Arbeit enthält methodische Fehler wie schon eine Reihe früherer Arbeiten derselben Autoren: http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0921818113000891
Die Behauptungen der Autoren widersprechen im übrigen fundamentalen Zusammenhängen und Messungen, z.B.: In den für das Klima massgeblichen Zeitskalen von einigen Jahren kann der CO2 Anstieg nicht durch Freisetzung aus dem Ozean verursacht sein, da das CO2 im Ozean nicht abnimmt sondern ebenfalls ansteigt.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 12 Daumen runter 0

Stochern und Stolpern im Ungewissen

Hier ein Beitrag, der die Sache vom Kopf auf die Füsse stellt und die CO2-Neurose hoffentlich zu heilen vermag …

http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0921818112001658

„… but with changes in CO2 always lagging changes in temperature. The maximum positive correlation between CO2 and temperature is found for CO2 lagging 11–12 months in relation to global sea surface temperature, 9.5–10 months to global surface air temperature, and about 9 months to global lower troposphere temperature“

Zu deutsch: die CO2-Atmosphärenkonzentration FOLGT IMMER der Temperatur – nicht umgekehrt!

– 11-12 Monate der Meeresoberflächentemperatur
– 9.5-10 Monate den Landtemperaturen
– 9 Monate der Temperatur der unteren Troposphäre

Es wird wohl noch ein paar kühle Jahre dauern, bis die Botschaft auch in der Schweiz ankommt. Diejenigen, die sie inzwischen begreifen, werden sich weniger über ihren Energiekonsum und CO2-Output Gedanken machen, eher aber über die daraus entstehenden, aus einer völlig unnötig propagierten „Energiewende“ wachsenden Kosten.

Sich über etwas „bewusst werden“, hat nie geschadet. Gut, wenn wir allmählich dahin zurückkehren, gibt es doch haufenweise Probleme zu lösen. Die CO2-Emissionsvermeidung zählt definitiv nicht zu den drängendsten.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 1 Daumen runter 14

Wow – man ist versucht, den Begriff „Paradigmenwechsel“ zu bemühen, wobei das wohl an der Sache vorbeizielt. „Perspektivenwechsel“ trifft es besser, wenn unter dem Titel Verbraucherverhalten für einmal nicht an den Unzulänglichkeiten des Menschen rumgenörgelt sondern ein ernsthafter Versuch unternommen wird, Verhaltensweisen als Ausdruck eines komplexen Netzes von Wechselwirkungen zwischen Individuum und gesellschaftlichen Strukturen zu verstehen. Anthony Giddens‘ Theory of Structuration lässt grüssen. Es besteht somit Hoffnung, dass die Diskussion um umweltverantwortliches Handeln vermehrt auf ein den Realitäten angemessenes Niveau gehoben wird. Gleichzeitig hoffe ich, dass das Fazit des Blogbeitrags nicht nur als Wunsch („muss die Forschung vermehrt ansetzen“) zu verstehen ist, sondern hinter den Kulissen bereits erste Outputs ihrer Veröffentlichung harren…

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 14 Daumen runter 0

Sehr geehrter Herr Professor Stauffacher,

Unser Energieverbrauch ist weitgehend durch bestehende Strukturen bestimmt, das ist sicher so. Der Appell zum Energiesparen kommt noch aus der Zeit, als man mit der Energie auch Kosten sparen wollte. Doch jetzt, in der Wohlstandsgeselleschaft, spielen Energiekosten nur noch für energieintensive Firmen eine entscheidende Rolle, für den Privaten sind sie so gering, dass kaum jemand die jährlichen Stromkosten beziffern kann und schon die Gebühren für TV und schnellen Internetzugang sind grösser.

Jeden Tag ans Energiesparen zu denken ist auch Zeitverschwendung, schliesslich ist Energieverbrauch so natürlich wie Ein- und Ausatmen. Zudem geht es vor dem Hintergrund des Klimaproblems gar nicht um den Energieverbrauch sondern um den Verbrauch von Öl, Kohle und Gas. Die hohen Kosten für die Entkarbonisierung des bestehenden Gebäudeparks, also den Ersatz von Öl- und Gasheizungen durch Dämmung und Wärmepumpen – was auch energetische Sanierung heisst (so als ob Öl und Gas die Prototypen von Energiequellen wären) -, zeigen gerade, dass die Dekarbonisiserung ein strukturelles Problem ist: Oft wäre es billiger anstatt energetisch zu sanieren, gleich neu zu bauen. Jetzt neu erstellte Strukturen vom Einzelgebäude bis zu den Arbeitswegen, den Einkaufs- und Erholungszentren, sollten also so angelegt sein, dass Öl-, Erdgas- und Kohleverbrauch von Anfang an gering sind und sogar die Option besteht ohne grosse Sanierungen auf 0 Emissionen herunterzukomen. Was es dazu braucht ist bereits heute absehbar: Personenwagen werden wohl schon bald rein elektrisch fahen können, Lastwagen wohl eher nicht. Diese müsste man also unnötig machen in zukünftigen Strukturen. Wärmebereitstellung wiederum könnte von grossen gemeinsam betriebenen Erdspeichern profitieren und die sollte man reservieren bevor man den Untergrund verkabelt und vertunnelt. In Strukturen zu denken und die Evolution dieser Strukturen miteinzubeziehen lohnt sich also.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 6 Daumen runter 2

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