ETH-Klimablog - Energie - Keine Energiezukunft ist risikofrei – aber einige Optionen sind nachhaltiger

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Keine Energiezukunft ist risikofrei – aber einige Optionen sind nachhaltiger

22.04.2013 von

Wir haben sechs weltweite Szenarien untersucht, die mögliche Zukünfte bezüglich Klima und Energie beschreiben. Ich spreche hier nicht von Prognosen, sondern von Szenarien. Jedes der sechs Szenarien könnte eintreffen. Welches eintreffen wird, ist grösstenteils eine Frage des politischen Willens und manch zusätzlicher, schwer wägbarer Einflüsse.

Fossile Energieträger treiben die heutige Weltwirtschaft an. Fortschritt hat damit einen Preis, denn die damit verbundenen Treibhausgasemissionen verändern das Weltklima – in sehr vielen Regionen mit absehbar negativen Auswirkungen. Diese Auswirkungen sind Kosten, die zu einem Grossteil in der Zukunft anfallen. Sie werden daher – wenn überhaupt – nur sehr beschränkt in heutigen Entscheidungen berücksichtigt.

Hinzu kommt, dass mit zunehmender Erdbevölkerung auch der Bedarf an Energie wächst. Es stellt sich also sowohl die Herausforderung, unser bestehendes Energiesystem zukunftsfähiger zu gestalten, wie auch, den steigenden Bedarf an Energie zu befriedigen.

Anstatt vorschnell Lösungen für diese Probleme zu propagieren, haben wir mögliche Zukünfte studiert, speziell was den Energiemix und die resultierenden Klimaauswirkungen anbelangt. Wir haben dazu sechs Szenarien erstellt, die auf möglichen Entwicklungen der Weltwirtschaft, der Technik, der Energiepreise, des geopolitischen Umfeldes, der Klimapolitik sowie der öffentlichen Wahrnehmung basieren. Die Bandbreite der Szenarien reicht von einem globalen Konsens in der Klimapolitik über unvorhergesehene Katastrophenereignisse, die ein (spätes) Umdenken bewirken, bis hin zu «Weiter wie bisher» («business as usual»).

Erneuerbare Energie ist nicht mehr wegzudenken

Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass erneuerbare Energien in allen Szenarien eine Rolle spielen. Selbst bei Absenz jeglichen Klimaschutzes steigt deren Anteil am Energiemix im Jahr 2050 auf über dreissig Prozent.

Selbstverständlich führte ein Konsens in der Klimapolitik zum nachhaltigsten Energiesystem – und zu den langfristig tiefsten Kosten, da ja die Auswirkungen des Klimawandels in Grenzen gehalten würden. Leider ist selbst in diesem «Konsens-Szenario» das Zwei-Grad-Ziel kaum mehr erreichbar, da wir den dafür benötigten schnellen Umbau des Energiesystems nicht mehr hinbekommen – es sei denn, die öffentliche Akzeptanz würde sprunghaft ansteigen.

Apropos Sprung: Ein durchaus realistisches Szenario ergibt sich, wenn man davon ausgeht, dass eine Häufung von Klimaauswirkungen in den kommenden Dekaden ein Umdenken in Politik und Gesellschaft bewirken würde – allerdings würde dann die breite Anwendung von Technologien wie der CO₂-Abscheidung nötig, um das Steuer noch herumreissen zu können.

Die Risiken des Energiesystems sind auch in Zukunft nicht vernachlässigbar

Die vorgelegten Szenarien sind keine Prognosen, doch helfen sie Entscheidungsträgern, die Implikationen eines einmal gewählten Energiemixes zu verstehen – und die damit verbundenen Risiken einzuschätzen.

So werden die mit den Klimaauswirkungen verbundenen Risiken substantiell ausfallen, doch auch die Risiken im Energiesystem sind nicht zu vernachlässigen. Offshore-Windfarmen sind beträchtlichen Sturmrisiken ausgesetzt. Diese Sturmrisiken sind oft grösser, als die heute in der fossilen Energieerzeugung auftretenden Risiken. Doch soll uns dies nicht hindern, den Weg in eine nachhaltigere Energiezukunft zu beschreiten, zumal diese Risiken im Kontext der Herausforderung nicht nur vertret- sondern durchaus handhabbar sind.

Der Anpassungsbedarf nimmt zu

Wie erwähnt ist das Zwei-Grad-Ziel in fünf der sechs Szenarien definitiv nicht mehr erreichbar. Zusätzlich zu den Anstrengungen, unsere Energielandschaft umzubauen, müssen wir uns deshalb den veränderten Klimabedingungen anpassen – ich verweise da auf meine früheren Blogbeiträge… und betone nochmals, dass wir, um dramatische Klimaänderungen zu vermeiden, primär unsere Treibhausgasemissionen senken müssen.

Literaturhinweis
Zum Autor

Gastautor David Bresch ist Head Sustainability bei Swiss Re und Dozent an der ETH Zürich.

 





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Die Freunde des negativen „Kohlenstoffismus“ unter sich, „völlig losgelöst von der Erde“ – die aber nun mal ein Kohlenstoff-Planet ist, was die Hervorbringung von zahlreichen Tier- und Pflanzenarten, speziell von intelligenten Wirbeltieren anbelangt.

CO2, das nützliche und nutzbringende Gas ist da auf einmal des Teufels, bis auf die knappe, durchaus zutreffende Einsicht: „Fossile Energieträger treiben die heutige Weltwirtschaft an“.

Das tun sie in der Tat!

Wenn Sie sechs Szenarien von Auswirkungen der Kohlenstoffwirtschaft in Studie gegeben haben, sehr geehrter Herr Bresch, bestünde eine intelligente Erweiterung der Studienreihe in der Frage, wie es um unsere Welt – OHNE fossile Energieträger bestellt wäre?

Ich nehme an, dass Sie diese Frage lieber unbeantwortet lassen, denn so richtig würden Sie weder sich selbst, noch ihren Kunden eine derartige Welt ernsthaft wünschen.

Was die Sturmrisiken für Offshore-Windfarmen anbelangt, zählen die mit Bestimmtheit nicht zu den unvermeidlichen Gefahren der Zivilisation. Ganz im Gegenteil: sie sind leichter zu vermeiden als irgend etwas sonst, indem wir auf ihre wirtschaftlich, energetisch und unmwelttechnisch unsinnige Errichtung ganz einfach verzichten.
Sie haben dann – zugegeben – etwas weniger zu versichern, dafür aber auch keine völlig unnötigen Risiken zu tragen.

Weshalb wir – mit Ihren Worten – „um dramatische Klimaänderungen zu vermeiden, primär unsere Treibhausgasemissionen senken müssen“, bleibt nach dem derzeitigen Erkenntnisstand zum Zusammenhang von CO2-Emissionen und der Entwicklung der globalen Mitteltemperatur eher rätselhaft. Aber halten Sie uns unbedingt auf dem Laufenden, wenn echt neue und überzeugende Forschungsergebnisse vorliegen.

Bevor wir die Sache zu einer „Frage des politischen Willens“ machen, sähen wir gerne überzeugende Argumente – und nicht umgekehrt den politischen Willen vor den Argumenten …

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 2 Daumen runter 16

Von den 6 Szenarien aus Building a sustainable enery future ist das Szenario 6 „Policy consensus around climate change
(6)“
nicht mehr realisierbar: Die weltweiten CO2-Emissionen können nicht schon ab 2020 zu fallen beginnen, denn
1200 Kohlekraftwerke sind bereits geplant (455 in Indien, 363 in China, 1400 GW Kapazität total)
– Die IEA rechnet mit zusätzlichem Verbrauch von 1.2 Milliarden Tonnen Kohle im Jahr 2017(2010 7.2 Milliarden => + 18%)
– Ab 1999 wächst der Kohleverbrauch mehr als 2% pro Jahr und übertrifft im prozentualen Anstieg Erdöl um das 2.5 fache und Erdgas umd das 1.5 fache
– China und Indien sind frühestens ab 2020 bereit, im Rahmen der Klimaverhandlungen Reduktionsverpflichtungen einzugehen.

Dennoch bestehen gute Aussichten, dass der Maximalverbrauch der fossilen Energien weltweit bereits um 2035 überschritten wird (China schon Ende 2020er Jahre). Bei einem schnellen weltweiten Übergang zu Erdgas könnte der CO2-Ausstoss schon Ende der 2020er Jahre seinen Peak erreichen.

Heute geht bereits die Hälfte des weltweiten Energiezubaus auf erneuerbare Energien zurück. Bleibt der Zubau bei EE so stark, wird irgendwann der Punkt erreicht wo EE auch absolut eine überragende Rolle einnehmen. China hat wohl das ambitionierteste Programm insoweit und plant für 2020 eine installierte Windkapazität von 200 GW, was etwa 400 Terawattstunden Energie und damit bereits 5 bis 6% des 2020 erzeugten Stroms (8000 TWH) entspricht.

Diese Abschätzungen zeigen aber dennoch, dass das 2°C-Ziel (450 ppm CO2 in der Atmosphärenluft) bereits nicht mehr zu erreichen ist. Aber auch die Szenarien, die mit einem ungebremsten Anstieg der CO2-Emissionen rechnen sind unrealistisch.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

Bei diesem Beitrag fragt man sich immer wieder, wer denn mit „wir“ gemeint ist. Zum Beispiel im Satz:
„Leider ist selbst in diesem «Konsens-Szenario» das Zwei-Grad-Ziel kaum mehr erreichbar, da wir den dafür benötigten schnellen Umbau des Energiesystems nicht mehr hinbekommen – es sei denn, die öffentliche Akzeptanz würde sprunghaft ansteigen.“

Das Problem liegt wohl gerade darin, dass es nicht genügt, wenn wir hier in gewissen Teilen von Europa den schnellen Umbau des Energiesystems hinbekommen und die öffentliche Akzeptanz müsste eben nicht nur hier in Europa steigen sondern in den USA, in China, in Indien und im ganzen Rest der Welt. Genau das ist das Problem und es ist eine Illusion alle Erdenbürger hätten die gleichen Interessen.

Es sei denn die Bevölkerung und Politiker der wichtigsten Länder der Welt sähen plötzlich gemeinsam die Notwendikgeit einer stringenten Klimapolitik. Das ist eher unwahrscheinlich.

Was ich mir aber vorstellen kann, ist ein technologischer Durchbruch, der ab einem gewissen Zeitpunkt äusserst kostengünstige nichtfossile Energiequellen bereitstellt. Dann wäre eine weitgehende Dekarbonisierung wahrscheinlich in einem Jahrzehnt oder weniger machbar. Doch selbst dann bräuchte es noch einen Effort, müssten doch alte fossile Kraftwerke eingemottet werden.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

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