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Save and grow – Nachhaltige Intensivierung der Landwirtschaft ist nötig

05.02.2013 von

Weltweit wird die Bevölkerung in den nächsten Jahren wachsen. Gleichzeitig werden sich die Ernährungsgewohnheiten derart ändern, dass der Nahrungsmittelbedarf stark ansteigt. Mehr als eine Verdoppelung der Nachfrage nach Nahrungsmitteln bis 2050 ist deshalb sehr gut vorstellbar. Um diese Entwicklung zu bremsen, müssen wir alles daran setzen, um Verluste und die Verschwendung von Nahrungsmitteln zu reduzieren. Dennoch wird es in der Zukunft nötig sein, die Produktion von Nahrungsmitteln zu erhöhen und Wege zur Verbesserung der Ressourceneffizienz zu finden.

In grossen Teilen der Welt kämpft die Landwirtschaft mit den Folgen des Klimawandels. Zudem verknappen sich die global zur Verfügung stehenden Ressourcen zunehmend: Zum Beispiel geht jedes Jahr viel fruchtbarer Boden unwiderruflich verloren und auch die Bestände an Pflanzennährstoffen wie Phosphor sind nicht unendlich erweiterbar. Die notwendige Ausdehnung der landwirtschaftlichen Produktion muss deshalb geschehen, ohne dass die Menge an verwendeten Ressourcen zunimmt. Erreichen wir dies nicht, gerät das Welternährungssystem immer tiefer in einen Teufelskreis, der nur unter noch grösseren Anstrengungen wieder durchbrochen werden kann.

Auch die Schweiz ist Teil des Welternährungssystems

Von diesen Entwicklungen ist die Schweiz nicht ausgeschlossen. Ein grosser Teil der in der Schweiz verzehrten Nahrungsmittel wird im Ausland produziert und gelangt danach über den globalen Handel in die Schweiz. Ebenfalls wird ein grosser Teil der (knappen) Produktionsfaktoren wie Düngemittel oder fossile Energieträger importiert.

Wegen dieser engen Verflechtungen bin ich davon überzeugt, dass auch die Schweizerische Land- und Ernährungswirtschaft einen nachhaltigen Beitrag an die Ernährungssicherheit auf dieser Welt leisten muss. Dabei müssen wir jedoch berücksichtigen, dass die in der Schweiz sehr knappe Ressource Boden nicht nur die Grundlage für die Nahrungsmittelproduktion ist, sondern auch für weitere Güter und Dienstleistungen wie zum Beispiel Biodiversität und Erholungsraum. Nicht immer – aber sehr oft – bestehen zwischen der Bereitstellung dieser verschiedenen Güter Zielkonflikte, die es bei der Gestaltung der Systeme zu berücksichtigen gilt. Auch bei der Nutzung anderer Ressourcen bestehen solche Zielkonflikte. Diese liegen oft in der Frage, ob wir eine Ressource heute nutzen oder sie für unsere Nachfahren schonen.

Effiziente Nutzung der Ressourcen vermindert Zielkonflikte

Um solche Zielkonflikte in der Schweiz – aber auch global – möglichst zu vermeiden, steht eine effiziente Nutzung der vorhandenen Ressourcen für mich an erster Stelle. Die Forschung, wie sie zum Beispiel am Departement Umweltsystemwissenschaften der ETH Zürich oder an der Forschungsanstallt Agroscope durchgeführt wird, muss neue Wege aufzeigen, wie der Ressourceneinsatz im Verhältnis zur produzierten Menge deutlich verbessert werden kann.

Die Anwendung dieser neuen Erkenntnisse in der Praxis ist noch einmal eine andere Sache. Wo hier der Markt nicht dafür sorgt, dass effiziente Massnahmen in genügendem Umfang eingesetzt werden, zum Beispiel weil die verwendete Ressource auf dem Markt zur Zeit noch zu einem tiefen Preis zu erwerben ist, ist es am Staat, die Umsetzung der Massnahmen zu fördern. Mit der neuen Schweizer Agrarpolitik wird derzeit die Basis für solche Massnahmen gelegt. In diesem Sinne: Save and Grow – auch in der Schweiz.

Agrarökosysteme müssen viele Bedürfnisse erfüllen. Eine effiziente Nutzung ist wichtig, damit auch in Zukunft möglichst viele dieser Bedürfnisse abgedeckt werden können.

 

Zum Autor

Bernard Lehmann ist Direktor des Bundesamtes für Landwirtschaft (BLW). Davor war er ordentlicher Professor für Agrarökonomie an ETH Zürich. Zitat und Kurzbiografie





Kommentare (3) >Alle Kommentare aufklappen>Alle Kommentare zuklappen

Gerade in diesem Beitrag hätte ich gerne etwas über einen effizienteren Einsatz von Agrarflächen gehört, praktisch: Zurückdrängung des Tierkonsums.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 3 Daumen runter 2

Heute ist in der gedruckten NZZ aber auch Online über die zunehmende Zersiedelung der Schweiz berichtet worden. Gerade in den letzten 8 Jahren ist die Zersiedelung wieder so fortgeschrtten wie zuletzt in der Ära 1960 bis 1980

Die Realität sieht also völlig anders als die Diskussion das nahelegt: Der Konsens ist ja, dass die Zersiedelung in der Schweiz nicht mehr weitergehen soll und wird, doch dies trifft in der Realität nur für die Kernstädte und einige Vororte zu. (Zitat)
“ Die absolut grössten Zunahmen der Zersiedelung sind im äusseren Agglomerationsgürtel von Zürich festzustellen, am oberen Zürichsee und in der Region Mutschellen – Reusstal im Kanton Aargau.“
Damit ist wohl auch potenzielles Landwirtschaftsland betroffen. Um also in Zukunft nur schon die bestehende Nahrungsmittelproduktion in der Schweiz zu halten muss intensivere Landwirtschaft betrieben werden.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Sehr geehrter Herr Professor Lehmann,

Es gibt mit Sicherheit Zielkonflikte was die Verwendung von Land in der Schweiz betrifft. So ist es sehr gut möglich, dass im Jahre 2050 10 Millionen oder mehr Leute in der Schweiz wohnen und viele von diesen 10 Millionen werden schon aus preislichen Gründen nicht direkt in einem Ballungszentrum sondern dort wohnen, wo man im Prinzip auch Landwirtschaft betreiben könnte.
Will man diese zunehmende Zersiedelung verhindern braucht es politische Massnahmen.

Ihr Beitrag beschäftigt sich allerdings mehr mit der intensiveren Nutzung von bestehendem landwirtschaftlichem Land und sieht die Schweiz in dieser Hinsicht als Teil des Welternährungssystems. Und dieses Welternährungssystem soll effizienter mit bestehenden Ressourcen umgehen und mehr produzieren ohne den landwirtschaftlichen Fussabdruck zu erhöhen. Mir scheint das für die Schweiz nicht zwingend, denn sie entwickelt zunehmend zu einer grossen Stadt. Allerdings ist der Rückhalt für die Landwirtschaft in der Schweizer Bevölkerung recht gross, so dass ihre Zielsetzung wohl Unterstützung findet.

Eine zunehmend städtische Schweiz wäre auch ein interessantes Versuchsfeld für Urban Agriculture und Vertical Farming. Das kann städtische Räume beleben und grün machen, auch wenn selbstversorgende Städte wohl nicht realistisch sind.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 1 Daumen runter 1

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