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Unser Wasserfussabdruck ist gross

08.01.2013 von

Zum Kochen, Waschen und Putzen brauchen die Schweizer täglich etwa 160 Liter Trinkwasser. Unser realer Wasserverbrauch ist jedoch um ein Vielfaches höher. Grund dafür ist das sogenannte «virtuelle Wasser»: Mit jedem importierten Steak, Baumwollkleid oder iPhone wird irgendwo auf der Welt Wasser genutzt, umgeleitet oder verschmutzt.

Virtuelles Wasser

Ein Deziliter Trinkwasser reicht aus, um eine Tasse Kaffee zu brühen. Wirklich? Wenn wir die Verdunstung der Kaffeepflanze sowie den Wasserverbrauch beim Rösten, Verpacken und Verteilen der Kaffeebohnen einrechnen, so erhalten wir einen Wasserbedarf von 140 Litern pro Tasse Kaffee. Ein Apfel benötigt 70 Liter Wasser, ein T-Shirt aus Baumwolle 2000 Liter und ein doppelter Hamburger 2400 Liter. Dieses Wasser nennt man «virtuelles Wasser».

Mit diesen Informationen zur Wasserintensität in der Warenproduktion können wir nun den persönlichen oder den nationalen Wasserfussabdruck berechnen. Dazu ermitteln wir nicht nur den Trinkwasserverbrauch sondern auch die Import- und Exportbilanz des virtuellen Wassers.

Weil die Schweiz eine grosse Menge Agrar- und Industrieprodukte importiert, ist unser Wasserfussabdruck mehr als 25 Mal grösser als unser Trinkwasserverbrauch: 4200 Liter pro Person und Tag beträgt er1. Gründe für die hohe Wasserintensität unserer Volkswirtschaft liegen unter anderem im überdurchschnittlichen Konsum von Fleisch, Zucker, Kaffee und Tee.

Wo liegt das Problem?

Im Vergleich zum CO₂-Fussabdruck gibt es für Wasser keine globale Vergleichsgrösse wie den steigenden CO₂-Gehalt der Atmosphäre. Ein grosser Wasserfussabdruck führt nicht überall auf der Welt zu Problemen, er muss relativ zur regionalen Verfügbarkeit von Trink- und Brauchwasser diskutiert werden. Dazu müssen wir das Konzept des Wasserfussabdrucks noch weiter entwickeln. Schon jetzt zeigt sich aber: Der Handel mit Gütern ist auch ein Handel mit dem Zugang zum Wasser. Reiche Länder haben die Möglichkeit auch im Falle einer Dürre virtuelles Wasser in Form von Nahrungsmitteln zu importieren. In ärmeren Regionen geraten die Wasserressourcen dagegen bei hoher Bevölkerungsdichte schnell unter Druck, wenn die Niederschläge ausbleiben. Aus einigen dieser kritischen Regionen importiert auch die Schweiz Agrarprodukte.

Eine kürzlich erschienene Studie1 nennt spezifisch die Einzugsgebiete des Nils, des Aralsees, von Euphrat und Tigris sowie von Indus und Ganges als Produktionsgebiete für den Export in die Schweiz und als Brennpunkte der Wasserknappheit. Um den Wasserfussabdruck dieser Regionen zu verkleinern, braucht es höhere Preise für Agrarexporte aus solchen Trockengebieten. Damit würden Investitionen in die Wasserinfrastruktur möglich und es könnten mit demselben Wassereinsatz mehr Baumwolle für T-Shirts produziert werden. Andererseits hilft ein bescheidener Konsumstil mit, die Wasserressourcen unseres blauen Planeten zu schonen.

1Felix Gnehm «Der Wasser-Fussabdruck der Schweiz». WWF, DEZA, 2012.

Zum Autor

Bernhard Wehrli ist Professor für Aquatische Chemie an der ETH Zürich und an der Eawag. Persönliches Zitat und Biografie





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Auf scilogs hat sich Erik Gawel in 3 lesenswerten Beiträgen zum Problem des virtuellen Wassers und den dahinterstehenden ökonomischen Konzepten beschäftigt. Diejenigen, die virtuellen Wasserhandel (über Nahrungsmittel) verhindern wollen, sind wohl von einem Wasserautarkiegedanken und/oder Wassergerechtigkeitsgedanken beseelt und möchten die Handelsströme neu gerechter lenken, was aber problematisch ist.
Gawel schreibt dazu: „Pauschal handelsbeschränkende Maßnahmen wie eine virtuelle Wassersteuer sind aus ökonomischer Sicht abzulehnen, da sie den freiwilligen und beiderseitig vorteilhaften Handel einschränken und die Preise von Produkten verzerren, also ihre Fähigkeit einschränken, Kosten und Knappheiten richtig abzubilden. Wohlfahrtsverluste wären die Folge. Zur Verbesserung der globalen Nachhaltigkeit regionaler Wasserhaushalte leisten sie zudem keinerlei Beitrag, denn alle wasserintensiven Produkte würden pauschal verteuert.“

Nicht nur dass sich ein globales Wassermanagement basierend auf dem Konzept des virtuellen Wassers nicht durchsetzen lässt, es wäre auch eine Form des Paternalismus oder in Gawels Worten:
“ Der Ansatz dass Länder wie etwa Botswana nicht in der Lage sind, die für sie beste Wasser- und Handelsstrategie festzulegen, sondern auf korrigierende Maßnahmen im Rahmen eines globalen Wassermanagements angewiesen sind, offenbart eine bedenkliche Nähe zu „Öko-Imperialismus“ (Horst Siebert).“

Das ökonomische Konzept, welches nach der Idee einer sog. „globalen Wassernutzungseffizienz“ (Hoekstra/Hung) ausgerichtet ist beurteilt Gawel in seinen Auswirkungen so:
“ Soweit hier hinter dem Konzept die Vorstellung von Ressourcenautarkie aufscheint, um „Ungerechtigkeiten“ des Handels und Umweltschäden der Landwirtschaft abzuwenden, droht unter dem Deckmantel des Wasserschutzes sogar ein globales…

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Nach gleichem Muster und mit analogen Schlussfolgerungen wie in der Studie «Der Wasser-Fussabdruck der Schweiz» gibt es den Wasserfussabdruck der Niederlande oder Deutschlands. Dort findet man auch einen Nationenvergleich und wie erwartet ist der Wasserfussabdruck der USA noch einmal etwa doppelt so hoch wie der Europäische.
Das eigentliche Problem solcher Studien sind die Schlussfolgerungen, die aus der Tatsache des importierten Wassers Preise oder Importe anpassen wollen. Letzlich sind die Länder, die virtuelles Wasser exportieren für die Bewirtschaftung dieses Wassers verantwortlich und von aussen kann allenfalls Beratung und Schulung kommen.
Ein anderer Ansatz wäre es, eine wassergenügsame Nahrungsmittelproduktion auf die Beine zu stellen und zwar zuerst in den Ländern, die am meisten virtuelles Wasser konsumieren. Vertical Farming (Zitat)„würde die Umwandlung von verschmutztem „Schwarz- und Grauwasser“ in Trinkwasser ermöglichen, indem das durch die Evapotranspiration abgegebene Wasser aufgefangen wird. Im Kreislauf der Nahrungskette einer Großstadt würde Schmutzwasser aufbereitet und organischer Müll kompostiert.“
Vertical Farming und andere Formen des urbanen Farmings könnten nur schon darum an Bedeutung gewinnen, weil im Jahre 2030 70% der Weltbevölkerung in Städten leben werden. Weitere Vorteile: „For example, hydroponics uses ten to twenty times less land and ten times less water than conventional agriculture, while eliminating chemical pesticides, fertilizer runoff, and carbon emissions from farm machinery and long distance transportation“.
Weiter Idee: Geschlossene Gewächshäuser brauchen praktisch kein Wasser.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 9 Daumen runter 2

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