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Wie mit Strohmannargumenten der Klimawandel scheinbar widerlegt wird

20.09.2012 von

Es gibt viele unterschiedliche Folgen der Klimaerwärmung. Die Übersicht zu bewahren ist da nicht immer einfach. Kein Wunder, dass dies immer wieder mit sogenannten Strohmannargumenten ausgenutzt wird. Was Strohmannargumente sind und wie mit ihnen der Klimawandel und dessen Folgen scheinbar widerlegt werden, zeige ich in diesem Beitrag auf.

Diese Tage zeichnet sich ein nie zuvor gemessener Tiefstand bei der Ausdehnung des arktischen Meereises ab. Mit dem Meereis wird oft ein Strohmannargument gegen die Gefahr des Meeresspiegelanstiegs verbunden.

Ein Strohmannargument unterstellt der «Gegenseite» eine Argumentation, die diese gar nie gemacht hat, zeigt darin einen Fehler auf und behauptet dann, die «Gegenseite» widerlegt zu haben.

Einfache und raffinierte Strohmannargumente

Auf einschlägigen Internetseiten habe ich schon oft folgendes Strohmannargument gelesen: Das Schmelzen des Meereises könne den Meeresspiegel nicht ansteigen lassen, da das Eis ja schon auf dem Wasser schwimme. Ein klassisches Strohmannargument, dass etwas dümmlich den Klimaforschern unterstellt, eine derart einfache physikalische Gesetzmässigkeit nicht zu berücksichtigen und deshalb die Gefahr des Meeresspiegelanstiegs zu übertreiben.

Es gibt aber auch raffiniertere Strohmannargumente, die nicht so leicht zu durchschauen sind. Dazu folgendes Beispiel:

Ich habe in diesem Jahr zum letzten Mal im Oberengadin Lärchenzweigproben geholt, um die Populationsdichte des Lärchenwicklers (siehe Fotos), ein in Gebirgslärchenwäldern verbreiteter Kleinschmetterling, zu bestimmen . Der Lärchenwickler galt lange als Schadinsekt, da er im Sommer regelmässig ganze Talschaften kahl fressen kann. Mit der diesjährigen Probenahme endet die weltweit einzigartige Datenreihe zu den Populationszyklen des Lärchenwicklers. Dank der Mitte des letzten Jahrhunderts begonnenen langjährigen Forschungsarbeit liegen nun genaue Daten zu den Lärchenwicklerzyklen vor.

Ähnlich wie bei den weltweit beobachteten Temperaturen weisen Lärchenwicklerpopulationen in den letzten Jahrzehnten auffällige Veränderungen auf: So blieb ein verbreiteter auffälliger Kahlfrass weitgehend aus. Im gleichen Zeitraum sind die lokalen und globalen Temperaturen gestiegen. Hängen diese beiden Veränderungen zusammen? Steckt etwa der Klimawandel dahinter, dass sich nicht mehr alle neun Jahre die Lärchenwälder im Engadin braun-grau verfärben?

Ähnliche Veränderungen können verschiedene Ursachen haben

Im Zusammenhang mit dieser Frage taucht schnell eine weitere auf. Nämlich: Unterscheiden sich die neueren Veränderungen signifikant von den Variabilitäten vergangener Jahrhunderte? Klimawandel gab es auch schon in der Vergangenheit. Und auch vom Lärchenwickler wissen wir, dass Schadperioden gelegentlich ausfielen. Wichtig ist nun: Es braucht keine Antwort auf die zweite Frage, um die erste nach den Ursachen der heute beobachteten Veränderungen beantworten zu können. Hinter den heutigen Veränderungen können, müssen aber nicht zwingend die gleichen Ursachen stecken wie hinter früheren.

Eine grosse Lärchenwicklerpopulation und damit der Kahlfrass kann aus folgenden Gründen ausbleiben: warme Temperaturen, gefrässige Parasitoide, Räuber, Virenkrankheiten oder die Bekämpfung mit Insektiziden. Kurzum: Ein bloss quantitativer Vergleich zwischen heutiger und früherer Veränderung sagt nichts aus über deren Ursache.

«Früher schwankten die Temperaturen auch schon!» – ein weiteres Strohmannargument

Doch genau dies wird oft im Zusammenhang mit dem Klimawandel behauptet. Wir wissen heute, dass vergangene Klimaänderungen meist durch Veränderungen bei der Sonneneinstrahlung ausgelöst wurden. Nur ist dies kein Grund dafür, dass es auch heute so sein muss. Wir wissen inzwischen, dass die in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts beobachtete Erwärmung grösstenteils durch den Menschen verursacht wurde (siehe z.B. Blogbeitrag von Markus Huber).

Zeigen jedoch beispielsweise Jahrringforscher auf, dass es in Skandinavien während dem Mittelalter erstaunlich hohe Temperaturen gab1, macht flugs das Strohmannargument die Weltrunde, dass eine Kernaussage des letzten IPCC-Berichts zur menschlichen Ursache des jetzigen Klimawandels widerlegt wäre. Dem ist aber keineswegs so, wie uns das Beispiel des emotional weniger aufgeladenen Lärchenwicklers gezeigt hat.

Es ist ein Strohmannargument zu behaupten, dass unser Verständnis der Ursachen des heutigen Klimawandels entscheidend davon abhänge, ob vergangene Klimavariabilitäten grösser oder kleiner waren als die in den letzten Jahrzehnten beobachteten Veränderungen.

Lärchenwickler (Foto: A. Fischlin)

Gefrässige Raupe des Lärchenwicklers (Foto: A. Fischlin)

Kahlfrass im Val Susauna (Foto: A. Fischlin)

Literaturhinweis

1Esper et al. (2012), Nature Clim. Change: Orbital forcing of tree-ring data

Zum Autor

Andreas Fischlin ist Professor für Systemökologie an der ETH Zürich. Persönliches Zitat und Biografie

 

 

 

 





Kommentare (6) >Alle Kommentare aufklappen>Alle Kommentare zuklappen

buehler..

kannst du nicht erstmal deine abstruse hypothese deines freundes
aus alaska als falsch erklaeren?

Danach laesst es sich einfacher ueber die fehler in den modellen
diskutieren.

only fools do not accept that they were wrong mi trivialen dingen..

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 1

@ Holzherr

„Korrekturen“?

Wo „schrumpft“ das Eis in der Antarktis? Es nimmt sowohl an Masse zu (Festlandeis) als auch in der Fläche (Meereis).

http://ntrs.nasa.gov/archive/nasa/casi.ntrs.nasa.gov/20120013495_2012013235.pdf

http://www.agu.org/pubs/crossref/pip/2012GL052559.shtml

Arktis: „Remarkable Changes“ oder eine Schiffsexpedition in eisfreiem Wasser auf 82° N – 1935 und 1938!

http://trove.nla.gov.au/ndp/del/article/52305165?searchTerm=iceland%20%20warming&searchLimits=exactPhrase

Zu den arktischen Zyklen …

http://www.sciencedaily.com/releases/2012/06/120621195929.htm

http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0921818111001457

und zur Phasen-Relation von steigenden Temperaturen und CO2 … http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0921818112001658

Erwärmung der Ozeane: die Erde erwärmt sich und mit ihr erwärmen sich die Ozeane. Bleiben die beiden Kardinalfragen: um welchen Betrag? und aufgrund welcher Ursachen?
Von Hansens verdampfenden Meeren jedenfalls sind wir ein gutes Stück entfernt … http://pielkeclimatesci.wordpress.com/2012/04/22/comment-on-ocean-heat-content-world-ocean-heat-content-and-thermosteric-sea-level-change-0-2000-1955-2010-by-levitus-et-al-2012

Aus aktuellem Anlass zur Lektüre empfohlen:

das Statement eines IPCC Lead Autors vor dem „Subcommittee Energy and Power“ des US-Kongresses …

http://energycommerce.house.gov/sites/republicans.energycommerce.house.gov/files/Hearings/EP/20120920/HHRG-112-IF03-WState-ChristyJ-20120920.pdf

und der Leitartikel in NATURE/489 zur Verknüpfung von extremen Wetterereignissen mit AGW …

http://www.nature.com/news/extreme-weather-1.11428

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 1 Daumen runter 6

Es gibt auch noch weitere Folgen. Durch größere eisfreie Flächen, höhere Temperaturen usw. kommt mehr Wasserdampf in die Atmosphäre. In Gebieten, wo die Temperaturen (noch) langzeitig unter 0°C lliegt (Bergspitzen), friert mehr aus und es kommt deshalb zu einem Anstieg der Eismenge.

Örtliche Verringerung der Eismenge und örtlicher Anstieg der Eismenge sind also kein Widerspruch, wesentliches Kennzeichen der Erwärmung ist also die Änderung der Gesamtmenge.

Auch kann es als Folge der Erwärmung zu einer Veränderung der Meeresströmungen kommen. Wenn dadurch kaltes Tiefenwasser vermehrt zur Oberfläche kommt, kann sogar zeitweise Abkühlung eintreten – als Folge des Trends Erwärmung. Das Erreichen der Gleichgewichtstemperatur des kühlen Wassers kann längere Zeit dauern – diese wirk sich z.B. als die Differenz zwischen Absorption der Solarstrahlung und Emission von der Erde aus, die zur Zeit ca. 0,9W/m² beträgt.

Eine weitere Folge ist die Höherverlagerung der Tropopause. Am unteren Rand der Stratosphäre steigt der Temperaturgradient so stark an, daß die Luftschichtung instabil wird und die Vertikalzirkulation einsetzt (Kennzeichen der Troposphäre). Dieser kritische Punkt wird um so eher erreicht, um so größer der transportierte Wärmestrom und um so kleiner die Absorptionslänge ist. Folge: die Tropopausenhöhe steigt überall an – in den Polargebieten (Wärmeverteilung durch die troposphärischen Strömungen) stärker als in den tropischen Gebieten, wo der Wärmestrom besonders hoch ist und demzufolge die Tropopause besonders hoch ist.

MfG

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

Sehr geehrter Herr Bühler,
Es folgen ein paar Korrekturen zu den von ihnen behaupteten Veränderungen der Eisbedeckung von Nord- und Südpol und dem Wärmeinhalt der Ozeane.
Veränderungen der Eisbedeckungen von Nord- und Südpol
Das Landeis schrumpft in der Arktis (Grönland) und Antarktis (Westantarktis, Penninsula) stärker als noch vor wenigen Jahren.
Das Meereis schrumpft jetzt in der Arktis während des Sommers stärker als je in den letzten 2000 Jahren. In der Antarktis nimmt die Meereisbedeckung im Sommer jedoch pro Jahrzehnt um 0.9% zu. Schon in wenigen Jahrzehnten könnte das Sommereis in der Arktis vollkommen abschmelzen, was das letzte Mal vor mehr als 4000 Jahren geschah, als der hohe Norden noch viel mehr Sommersonne erhielt als heute.
Ihre Sätze „Die Eisverluste in der Arktis sind mit Blick auf die Geschichte weder ungewöhnlich noch alarmierend. Erwähnung verdienten hier die massiven Eis-Zugewinne in der Antarktis“ sind falsch. Meereiszugewinnen in der Antarktis von 100’000 km^2 pro Jahrzehnt, stehen arktische Meereisverluste von 500’000 km2 pro Jahrzehnt gegenüber.

Veränderung des Wärmeinhalts der Ozeane
Sie schreiben: “ Wie selbst die Autoren [Huber,Knutti] einräumen, kommen ihre Modelle mit den seit Jahren stagnierenden Meerestemperaturen nicht klar.“
Es gibt immer wieder – in unregelmässigen Abständen – einen Wärmetransport in tiefere Schichten, zuletzt nach dem Jahre 2000 als sich der Wärmeinhalt der oberen 700 m Ozean kaum änderte, der Wärmeinhalt gemessen über 2000 m Ozeantiefe jedoch genau gleich stark anstieg, wie er das schon vorher seit den 1990er- Jahren tat.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

Sehr geehrter Herr Prof. Fischlin

Ihre Rhetorik entbehrt nicht der – gewissermassen „einwickelnden“ – Raffinesse, aber sie lässt sich auch umkehren: „Wie mit Strohmannargumenten der Klimawandel scheinbar belegt wird“.

Da ist zunächst die Verwendung des Begriffs „Klimawandel“. Kein Mensch von Verstand wird seine Existenz bestreiten. Es gab ihn immer und wird ihn immer geben. Skeptiker hegen Zweifel daran, dass er allein oder überwiegend von Menschen verursacht wird, woraus – typisches Strohmannargument – gefolgert wird, sie würden den Klimawandel „leugnen“.

Die Eisverluste in der Arktis sind mit Blick auf die Geschichte weder ungewöhnlich noch alarmierend. Erwähnung verdienten hier die massiven Eis-Zugewinne in der Antarktis. Interessant im Hinblick auf das u. a. von Broecker postulierte Auf- und Ab bei der Eis-Entwicklung an den beiden Polen …

http://arctic.atmos.uiuc.edu/cryosphere/timeseries.south.anom.1979-2008

http://journals.ametsoc.org/doi/abs/10.1175/JCLI-D-12-00068.1?af=R&

http://www.agu.org/pubs/crossref/1998/97PA03707.shtml

Dafür „… dass die in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts beobachtete Erwärmung grösstenteils durch den Menschen verursacht wurde“ liefert auch die Arbeit Huber/Knutti keinen Beweis. Wie selbst die Autoren einräumen, kommen ihre Modelle mit den seit Jahren stagnierenden Meerestemperaturen nicht klar.
Es gibt daneben eine Reihe methodischer Einwände …

http://www.dailytech.com/New+Paper+Estimates+74+Percent+of+Warming+is+Manmade/article23590.htm

http://pielkeclimatesci.wordpress.com/2011/12/09/comments-on-the-nature-article-three-quarters-of-climate-change-is-man-made-by-quirin-schiermeier

Auch kein Strohmannargument: die Modelle simulieren die enormen Massen- und Flächenzunahmen an antarktischem Eis nicht …

http://journals.ametsoc.org/doi/abs/10.1175/JCLI-D-12-00068.1?af=R&Modelle

Forschung bleibt spannend.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 6 Daumen runter 7

Sehr geehrter Herr Professor Fischlin,
Die Beispiel für Strohmannargumente der Klimaskeptiker, die sich hier beschrieben haben, sind auch Beispiel für die Problematik des Attributierens, also des Versuchs heutige Klimaerscheinungen dem Klimawandel zuzuordnen und ihn dafür verantwortlich zu machen.
Ein Strohmannargument ist ein Argument der Gegenseite, das man verfälscht um dann durch dessen (einfache) Widerlegung die Gegenseite zu entzaubern und (scheinbar) der Falschbehauptung zu überführen.
Wenn also eine neue Untersuchung höhere Temperaturen in der mittelalterichen Warmzeit nachweist, als sie in den IPCC-Berichten rekonstruiert wurden, so macht das Strohmannargument daraus die angebliche Falschbehauptung, die heutige Erwärmung sei nur schon darum menschengemacht, weil sie beispiellos sei in den letzten 2000 Jahren. Doch das wurde von den Klimawissenschaftlern gar nie behauptet. Die Behauptung im IPCC-Bericht war vielmehr, dass die beispiellose Erwärmung in den letzten Jahrzehnten nur durch die Treibhausgase erklärt werden könne und dass die Heutzeit zudem wahrscheinlich die wärmste Phase in den letzten 2000 Jahren sei. Wenn das nun nicht so ist – es also gar wärmere Phasen als heute in den letzten 2000 Jahren gab – so widerlegt das in keiner Weise die Rolle der Treibhausgase. Dies umso mehr als der Temperatur-Langfristtrend in den letzten 2000 Jahren aufgrund einer abnehmenden Einstrahlung im hohen Norden hin zu kälteren Temperaturen führte. Das macht die plötzliche Erwärmung in den letzten Jahrzehnten sogar noch weniger plausibel und spricht noch deutlicher für die erwärmende Wirkung der Treibhausgase.

Allerdings sollte man vorsichtig sein mit dem Einbezug von schwachen Hinweisen in die Klimadiagnose und – prognose. Noch die letzte merkwürdige Klima- oder Wettererscheinung mit dem Klimawandel in Zusammenhang zu bringen ist gar nicht nötig, denn so starke Indikatoren wie das schnelle Abschmelzen des Polareises genügen wohl.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

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