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Falsche Erdöl-Prognosen verhindern Investitionen in Klimaschutz

12.09.2012 von

«Bin ich überzeugt, dass Energiepreise künftig steigen, so wähle ich eher energetische Erneuerungsprojekte». ETH-Doktorandin Céline Ramseier brachte es in ihrem interessanten Blogbeitrag vom 13. Juli auf den Punkt: Investitionen für den Klimaschutz hängen massgeblich von den erwarteten Energiepreisen ab. Aber was ist, wenn die Prognosen der Energiepreise systematisch zu tief sind? 

Was Ramseier für Hausbesitzer ermittelt hat, gilt erst recht für kommerzielle Investoren, die sich für Produktionsanlagen, Gebäude oder Energiesysteme entscheiden sollen. Sie müssen die Entwicklung der Energiepreise abschätzen, um die Opportunitätskosten zu ermitteln. Aber wie tun sie das und auf welcher Grundlage? Die Internationale Energieagentur (IEA) ist die wichtigste Referenz für Energieprognosen. Weltweit richten Firmen und Staaten ihre Investitionsentscheide nach ihren Prognosen aus.

Prognosen der Internationalen Energieagentur sind zu tief

Das Tragische ist: Die IEA prognostiziert den Ölpreis seit Jahren zu tief. 2002 schätzte sie, dass er im Jahr 2011 bei 22 US-Dollar pro Barrel landen würde. Tatsächlich lag er 2011 aber konstant über 100 US-Dollar. Inzwischen liegt er gar bei 115 US-Dollar.

Es ist nur schwer auszumachen, wie viele Milliarden an Klimaschutz-Investitionen weltweit nicht getätigt oder verzögert wurden, weil die IEA den Preis fossiler Energie viermal zu tief vorhergesagt hatte.

Die IEA überschätzt die Rohölförderung systematisch. In den Weltenergieperspektiven 2004 berichtete sie, dass die Rohölförderung bis 2030 um 40 Prozent ansteigen würde auf etwa 121 Millionen Fass (Barrel) pro Tag. Seither hat die IEA ihre Lieferprognosen ständig nach unten korrigiert. 2006 auf 116 Millionen, 2008 auf 105 Millionen und Ende 2011 auf 95 Millionen Fass pro Tag. Über dreissig Prozent der für 2035 prognostizierten Ölliefermengen müssen gemäss IEA noch erschlossen werden («yet to be developped») – und zwanzig Prozent müssen gar noch gefunden werden («yet to be found»). Das ist sehr viel Unschärfe – mit schädlichen Folgen für das Klima.

Bundesrat sendet verheerende Signale

Auch der Schweizer Bundesrat muss Annahmen zur Entwicklung des Energiemarktes treffen. Diese sind für die Energieperspektiven 2035 und für die Energiestrategie 2050 von grosser Bedeutung. Der Bundesrat nimmt an, dass ein Fass Öl im Jahre 2050 auf dem Weltmarkt je nach Szenario zwischen 83 und 115 Dollar kosten wird. Das antwortete er auf meine Interpellation.

Der Bundesrat geht also tatsächlich davon aus, dass der Ölpreis im Jahr 2050 maximal so hoch sein wird wie heute. Er sendet damit ein für den Klimaschutz verheerendes Signal aus. Und worauf gründet er seine Annahmen? – Der besorgte Leser ahnt es: auf die IEA.

Modelle der Internationalen Energieagentur sind umstritten

Wie umstritten die Modelle der IEA inzwischen sind, machte kürzlich ein Autorenteam des Internationalen Währungsfonds deutlich. Das Team geht davon aus, dass der Ölpreis schon 2020 bei rund 180 Dollar liegen wird. Es schätzt eine Spannweite von 120 bis 220 Dollar – und liegt damit auch im optimistischsten Szenario klar über der Schätzung der IEA.

P.S. Die Schweiz unterstützt die Internationale Energieagentur jährlich mit einem Mitgliederbeitrag von 400’000 Schweizer Franken und Forschungsgeldern von 800’000 Schweizer Franken.

Literaturhinweis
Zum Autor

Gastautor Beat Jans ist Nationalrat und Mitglied der Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie UREK.





Kommentare (10) >Alle Kommentare aufklappen>Alle Kommentare zuklappen

Sie schreiben:
@Kommentar von Roland Kurz. 17.10.2012, 21:16

„Und Prognosen ueber einen Preis eines Gutes im Jahre 2050 sind besonders unsinnig.“

Warum ist es unsinning ueber den Preis des Erdoels im Jahr 2050
zu spekulieren? Meinen Sie in 40 Jahren gibt es eh kein Erdoel
mehr? Dann erklaeren Sie mir mal diesen Plot:
http://ihp-lx2.ethz.ch/energy21/Schweizeroel2050.jpg
von hier:
http://www.bfe.admin.ch/themen/00526/00527/index.html?lang=de&dossier_id=05673

„ Etwa so unsinnig wie Klimaprognosen.“

Warum Zahlen Sie in die Rentenkasse oder
spekulieren auf die Zinsen ihres Sparkontos

oder ja, warum machen wir Prognosen ueber die Zukunft der
Abfaelle aus der Kernkraft?

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Ja, der Hr. Hansen hat recht: Wenn wir die Zukunft kennen wuerden, waere die Planung etwas einfacher.
Und Prognosen ueber einen Preis eines Gutes im Jahre 2050 sind besonders unsinnig. Etwa so unsinnig wie Klimaprognosen.

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Sehr geehrter Herr Jans,
danke für die Antwort. Im Kern haben geben ich ihnen übrigens absolut recht: Der zu erwartende Preise für die verschiedenen Energien ist eines der wichtigsten Lenkungskriterien und wenn die IEA-Projektionen von Beginn weg hohe Ölpreise als Referenzfall genommen hätten, wäre die Privaten und die Politik in Europa und der Schweiz eher bereit gewesen, die nötigen Investitionen in Ölersatzenergien zu tätigen.

Zu glauben, die IEA und insbesondere ihr Chefökonom seinen ölgläubig wie man aus ihrem Beitrag herauslesen könnte, ist jedoch mit Sicherheit falsch, wie auch folgendes aktuelle Interview zeigt, wo man unter anderem liest:
„Um einen Durchbruch bei erneuerbaren Energien zu erzielen, müssten CO2-Emissionen und somit fossile Energien global mit einem Preis versehen werden.“
und
“ Schafft das die internationale Politik nicht [ein bindendes Treibhausgas-Reduktionsabkommen], so schliesst sich die Tür zu jenem Pfad, der eine moderate Klimaerwärmung von 2 Grad beschreibt. Stattdessen öffnet sich dann eine andere Tür: Diejenige einer Erwärmung von 6 Grad. Für die Welt wäre das ein Katastrophenszenario. Es wäre das Tor zur Hölle.“

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Sehr geehrter Herr Holzherr
Danke für Ihre Rückmeldung. Ich habe weder geschrieben, dass unrealistische Prognosen das einzige Problem seien. Noch habe ich geschrieben, dass realistischere Prognosen die einzige Lösung seien. Ich teile ihre Einschätzungen und setze mich seit Jahren für die Einführung von Lenkungsabgaben auf Treibstoffen und Strom, sowie für eine Erhöhung der Lenkungsabgaben auf Brennstoffen ein. Ich sehe keinen Grund für Ihre Aufregung.

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Hoi Martin,

wenn das stimmt (und wir wissen es ja fast alle: die physikalischen
Fakten zeigen es eindeutig)

„Rohöl scheint tatsächlich schwierig zu ersetzen sein,“

und der „Uebergang“ ins Industriezeitalter durch
die fossilen und insbesondere Oel moeglich wurde
(siehe die letzten 50 Jahre beim Verbrauch in der Schweiz)

„Epochenbruch der vergleichbar ist mit dem Übergang vom Agrar- zum Industriezeitalter.“

koennte man „naiv“ (smile) folgern, weg vom Oel
(egal ob freiwillig oder von der Natur gezwungen)

wird uns den Uebergang in ein neues „Agrarzeitalter“ bringen.

Nehmen wir die Entwicklung beim Nordsee Oel als Warnung
-6% jedes Jahr seit 2000 dann sollten wir sofort
anfangen zu lernen mit weniger Oel zu leben.

„denn die Abkehr von den fossilen Energien dauert Jahrzehnte und wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“

und ja, ich wuerde weiter spekulieren:

Die Griechen werden uns zeigen wie man den Uebergang
schaffen kann. Im Moment sieht es so aus als ob es kein
Spass sein wird.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 2 Daumen runter 1

Sehr geehrter Herr Jans,
sie scheinen anzunehmen, wer den World Energy Outlook lese, merke sich schliesslich nur den „prognosizierten“ zukünftigen Ölpreis. Dabei ist dieser Bericht voller kritischer und warnender Amerkungen was die Ressourcensicherheit und den Klimawandel angeht und wer diese Warnungen ignoriert und nur aufnimmt, was in das eigene Weltbild passt (z.B. den immer noch „tragbaren“ zukünftigen Ölpreis), gehört wohl zur grossen Gruppe von Menschen, die nicht akzeptieren können, dass wir vor dem Epochenbruch vom fossilen ins postfossile Zeitalter stehen, einem Epochenbruch der vergleichbar ist mit dem Übergang vom Agrar- zum Industriezeitalter.

Die Abkehr von den fossilen Energien als Epochenbruch
Schon der Titel dieses Beitrages „Falsche Erdöl-Prognosen verhindern Investitionen in Klimaschutz“ zeigt, dass auch sie glauben, die Menschheit verlasse die fossilen Rohstoffe – trotz der Klimagefährdung durch Verbrennung von Öl, Kohle und Erdgas – erst dann, wenn sie zur Neige gehen und dementsprechend sehr teuer werden. Rohöl scheint tatsächlich schwierig zu ersetzen sein, ist sein Verbrauch doch trotz einer Vervierfachung des Preises kaum zurückgegangen.
Die meisten IPCC-Klimawissenschaftler – inklusive Professor Knutti – gehen allerdings davon aus, dass die fossilen Rohstoffe noch sehr lange (also einige Jahrzehnte) ausreichen werden und dass wir in Bezug auf Klimaschutz nicht auf die Erschöpfung der fossilen Rohstoffe warten können.
Meine Behauptung: Es ist im Interesse von Klimaschutz und Energiesicherheit schon von jetzt an immer weniger fossile Rohstoffe zu konsumieren – unabhängig von ihrem aktuellen Preis -, denn die Abkehr von den fossilen Energien dauert Jahrzehnte und wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

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$Kommentar von Marcel Hänggi. 12.09.2012, 11:05
„Aber hätte man die Ölpreise richtig eingeschätzt: Wären dann nicht auch die Investitionen in die Erschließung neuer Ölfelder höher ausgefallen oder früher erfolgt?“

Hallo Herr Haenggi,

schauen Sie einfach mal zur Nordsee
oder bei der Kohle oder Uran
(siehe meinen Vortrag)

trotz hoeherer Preise sinkt die Produktion

wo nichts zu extrahieren ist kann auch der hoechste Preis nicht helfen.

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Bravo Herr Jans,

Endlich mal jemand der dem Problem einen Namen gibt.

was vielleicht noch wichtig waere:
rund 60% unserer Lebensweise basiert auf dem Erdoel
und wenn wir ehrlich sind kennen wir keine Alternative
fuer die naechsten Jahrzehnte!

Oel Reserven in der Nordsee (nehmen wir sie grosszuegig als
europaeische Reserven) langen bei heutigem Verbrauch 9 Jahre
ohne Importe gerade mal 0.7 Jahre!

und im Mittel sind sie um 6% pro Jahr seit 2000 gesunken
von 6.7 millionen barrel pro Tag (2000) auf 3.7 millionen barrel/Tag 2011
Vorhersagen waren vollkommen anders.

Aehnlich sieht es auch bei Kohle/Gas und Uran aus.
(mehr unter:
http://ihp-lx2.ethz.ch/energy21/Engelberg06092012.pdf )

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Aber hätte man die Ölpreise richtig eingeschätzt: Wären dann nicht auch die Investitionen in die Erschließung neuer Ölfelder höher ausgefallen oder früher erfolgt?

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

Sehr geehrter Herr Jans,
nicht nur die Interrnationale Energieagentur (IEA), auch die US Energy Information Administration hat den Preisanstieg und das Ende von Cheap Oil nicht vorhergesehen. Für viele vom Öl überzeugte ist die IEA sogar viel zu pessimistisch, hat die IEA doch davon gesprochen schon im Jahre 2006 sei das Fördermaximum bei konventionellem Öl (das leicht zu fördernde Öl) erreicht worden und bis 2035 brauche die Welt 6 Mal die Ölvorräte von Saudiarabien um den Produktionsrückgang bestehender Ölfelder zu kompensieren.
Es hängt davon ab wie man die IEA-Berichte liest. Eine Person, die sich durch die „noch zu entwickelnden Ölvorräte“ («yet to be developped») und die noch nicht gefundenen Ölvorräte («yet to be found») nicht beunruhigen lässt, lässt sich wahrscheinlich durch nichts beunruhigen. Die IEA-Projektionen und Charts des zu erwartenden Verbrauchs und Preises sind weitgehend Wunschdenken, das stimmt. Das Wunschdenken der OECD-Länder nämlich, die die IEA finanzieren und die Pessimismus gar nicht erlauben würden, weshalb kritische Worte in den IEA-Berichten nur zwischen den Zeilen vorkommen.

Und nun zur Rolle der Politik: Wer davon überzeugt ist, es braucht aktive Klimapolitik und das 2°C-Ziel müsse erreicht werden, lässt sich vom Kohle- oder Ölpreis nicht beeindrucken. Er fordert einen viel höheren CO2-Preis als er heute verlangt wird. Die CO2-Abgabe auf Brennstoffe z.B. ist immer noch viel zu tief. In der EU und auch in CH müsste der CO2-Preis höher als 100 Euro pro Tonne emittiertes CO2 liegen. Ein hoher CO2-Preis ist viel wichtiger als Fördermassnahmen bei EE und die vielen anderen klimapoltischen Massnahmen, denn ein hoher CO2 Preis wirkt sich überall aus: beim Heizen, beim Brenn- und Treibstoffverbrauch.

Fazit: Der heutige CO2-Preis ist viel zu tief. Ein hoher CO2-Preis ersetzt alle anderen Klimamassnahmen und lässt den Markt die günstigste Lösung finden.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

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