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Neue erneuerbare Energien – Happy End für die Energiepolitik?

04.09.2012 von

In Hinblick auf die energiepolitische Wende sind sich Axpo und der Bund einig, dass neben der Energieeffizienz den neuen erneuerbaren Energien eine zentrale Rolle zukommen muss und wird. Doch wie gross ist das Potenzial dieser umweltfreundlichen Stromproduktionsarten und vor welche neuen Herausforderungen stellen sie uns?

Ich frage Sie: Wie hoch schätzen Sie den Anteil der neuen erneuerbaren Energien am Schweizer Strommix? Tatsächlich steuert «grüner» Strom, darunter sind alle erneuerbaren Energien exklusive der Grosswasserkraft zu verstehen, per dato erst knapp 2 Prozent zum Schweizer Strommix bei. Rund 58 Prozent stammen aus Grosswasserkraft und rund 40 Prozent aus Kernkraft.

Politik und Bevölkerung setzen hohe Erwartungen an die neuen Erneuerbaren, doch ihr geringer Anteil erzählt (noch) eine andere Geschichte: Wir sind noch lange nicht da, wo wir hin wollen. Es braucht weitere massive Investitionen, auch in die Forschung und Entwicklung, und deren Ausbau wird noch Jahrzehnte in Anspruch nehmen.

Geothermie langfristig mit grossem Potenzial

Axpo ist bereits heute grösste Produzentin neuer erneuerbarer Energien in der Schweiz und setzt hierzulande vor allem auf Biomasse (Kompogas, Holzenergie) und kleine Wasserkraftwerke. Künftig sind Investitionen in Geothermie und in grosse Photovoltaikanlagen geplant. Im Bereich Windenergie konzentrieren wir uns dagegen zur Hauptsache auf das Ausland, wo wir bereits in diverse Projekte investieren. Dieses Engagement bauen wir weiter aus.

In Deutschland beteiligen wir uns an einem Geothermiekraftwerk und wollen das erworbene Wissen in der Schweiz anwenden. Ich bin überzeugt, dass die Geothermie langfristig grosses Potenzial hat, da sie im Unterschied und als Ergänzung zur Solar- und Windenergie wichtige Bandenergie liefert. Wir sind guter Dinge, schon bald einen ersten möglichen Standort im Axpo-Versorgungsgebiet präsentieren zu können.

Neue Energien – Akzeptanz oder neuer Widerstand?

Bei allem Effort werden die neuen erneuerbaren Energien die Stromlücke zwar verkleinern, aber noch lange nicht schliessen können, dies insbesondere was das Winterhalbjahr anbetrifft. Zum einen sind sie technologisch noch zu wenig ausgereift und es mangelt an geeigneten Standorten oder aber die notwendigen komplementären Speichertechnologien sind noch nicht verfügbar. Zum anderen formiert sich gegen viele Projekte allzu oft lokaler Widerstand. Ökostrom geniesst zwar wegen seiner CO₂-armen Produktionsart in der Bevölkerung breite Akzeptanz, aber man darf nicht vergessen, dass der Bau der Anlagen immer mit einem Eingriff in die Natur und unsere Umgebung verbunden ist.

In der Schweiz stossen Windparks oft auf Widerstand beim Landschafts- oder Heimatsschutz. Grundbesitzern und Anwohnern sind der unvermeidliche Lärm und Flugschatten einer Windanlage ein Dorn im Auge. Photovoltaikanlagen lassen sich nicht immer mit den Anforderungen des Denkmalschutzes vereinbaren. Das Gleichgewicht zwischen Schutz und Nutzen zu wahren, ist eine der grössten Herausforderungen für uns. Zudem stehen Umweltverbände und Schutzorganisationen, wie z.B. Gewässer-, Heimat- oder Naturschutz, selber immer öfter im Interessenskonflikt zueinander: eine saubere, also möglichst CO₂-arme Stromproduktion durch neue Energien ja, aber mit welchen Konsequenzen und Abstrichen bei anderen Schutzinteressen?

Diese Frage müssen wir uns als Stromkonsumenten letztlich alle stellen: In den neuen Energien liegt die Zukunft – doch welchen Preis sind wir generell bereit für Energie zu zahlen?

Zum Autor

Gastautor Heinz Karrer ist CEO der Axpo.





Kommentare (3) >Alle Kommentare aufklappen>Alle Kommentare zuklappen

Sehr geehrter Herr Karrer,

Sie schreiben, dass sie an das langfristigen Potential der Geothermie glauben. Langfristig wohl, weil
– der Geothermieanteil am erneuerbar erzeugten Strom weltweit erst 1.5% ausmacht und 2012 in Deutschland gerade einmal 7.3 Megawatt geothermisch erzeugten Stroms ins Netz flossen
– in nichtvulkanischen Gebieten wie hier grosse Bohrtiefen nötig sind um die für die Stromerzeugung nötigen 100°C oder mehr Wassertemperatur vorzufinden
– Der Bohrungserfolg unsicher ist und die Bohrung typischerweise mehr als 40% der Gesamtinvestition ausmacht
– In den meisten Fällen das Mikrobeben auslösende Einpressen von Wasser in die Tiefe nötig ist. Vom Mikro- zum Makrobeben ist es kein gewaltiger Schritt
– der elektrische Wirkungsgrad der Geothermiewärme-Verstromung mit typischerweise 18% gering ist

Die Einspeisevergütung für Geothermie-Strom musste in Deutschland in den letzten Jahren stetig angehoben werden um die Erschliessungskosten zu decken. Zuletzt lag sie bei 25 Eurocents pro Kilowattstunde. Der Autor des „Spektrum der Wissenschaft“-Artikels Energie aus der Tiefe sieht die Zukunft der Geothermie vor allem und weiterhin in vulkanischen Zonen (wie z.B. Island) – dort wo jetzt schon der Grossteil der Nutzung stattfindet – und rechnet mit einem weltweiten Anteil am 2050 erzeugten Strom von 3%. Die direkte Nutzung der Tiefenerdwärme zum Heizen und Kühlen von Gebäuden verspreche dagegen mehr Erfolg.

Im oben erwähnten Spektrum-Artikel begründet der Doyen der Geothermie Forschung – der emeritierten Geophysiker Ladislaus Rybach – seine Erwartungen in die Geothermie mit den Worten: „Geothermie liefert Grundstrom. Sie muss deshalb im Energiemix der Zukunft dabei sein.“

Wer weiss: Vielleicht kommt ja der Strom einmal aus einer kleinen Box, die kaum Rohstoffe als Input braucht und die als Output billigen Strom und kaum Abfälle liefert.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Guten Tag Herr Karrer,

In Frankreich spricht man manchmal von
den Negawatt..

die haben Sie vergessen.

Aber hier meine Frage(n):

kommende Blackouts dank Stromluecke und Kernkraft ..
halten sie das nach Fuskushima fuer eine gute Ehe?

Wie waere es mit der Ruecksicht, auch fuer zukuenftige Generationen,
jedes Jahr eine Reduktion von 5% im Verbrauch zu akzeptieren
und zu propagieren.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 1 Daumen runter 2

Sehr geehrter Herr Karrer,

Die Energiezukunft ist tatsächlich sehr ungewiss, sogar wenn man an Erneuerbare Energien, gewonnen vor allem aus Wind und Sonne, glaubt. Dies liegt unter anderem daran, dass ein Grossteil der Bevölkerung unter Vermittlung der Medien an eine dezentrale Stromversorgung glaubt, wo der Strom dort verbraucht wird, wo er auch produziert wird. Doch mit heutiger Technologie lässt sich dieses Wunschbild einer Energiezukunft nicht realisieren, denn die dazu nötige lokale Eneriespeicherung beispielsweise in Batterien oder als EE-Gas (Methan, Wasserstoff) ist heute zu ineffizient und zu teuer. In der Schweiz muss bei dezentraler Produktion z.B. von Solarstrom das Nieder-, Mittel- und Hochspannungsnetz ausgebaut und der Überschussstrom in Pumpspeichern gespeichert werden – oder aber man verwirft den Überschussstrom und trennt die Solar-oder Windanlage vom Netz. Stromlücken während Flauten und wenig Sonne könnte man dann mit Erdgaskombikraftwerken überbrücken, die aber nur selten in Betrieb und damit nicht rentabel wären.
Mit heutiger Technologie ist eine EE-dominierte Technologie auf ein grossräumiges mindestens Europa umfassendes Netz von Hochspannungsgleichstormübertragungsanlangen, ein sogenanntes Supergrid, angewiesen. Damit könnte der Speicherbedarf und der Bedarf nach Backupkraftwerken minimiert werden und zudem würde Sonnenergie dort produziert werden, wo die Sonne am stärksten scheint und die Windenergie dort, wo der Wind am stärksten bläst. Dies wird im EU-Projekt roadmap 2050 vorgeschlagen. Eine solche Lösung stösst aber in der Schweiz und in den meisten europäischen Ländern auf Ablehnung, denn es werden dezentrale oder mindestens landesautarke Lösungen angestrebt. In den nächsten 20 Jahren gibt es aber keine funktionierende Alternative zur Vernetzung.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

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