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Riesige Ölvorkommen: Brasiliens ökologisches Dilemma

02.07.2012 von

Brasilien und Rio de Janeiro symbolisieren die grossen UN-Konferenzen für eine nachhaltige Entwicklung und eine postfossile Zukunft. Das grösste Land in Südamerika mit 190 Millionen Einwohnern bereitet sich aber auch vor, einer der führenden Erdölproduzenten der Welt zu werden.

Vor der Küste von Rio wurden vor einigen Jahren enorme Ölvorrate geortet, allerdings befinden sie sich unter einer je 2‘000 Meter dicken Fels- und Salzschicht in bis zu 7 Kilometer Tiefe. Hier liegt denn auch die gigantische Herausforderung, zu deren Lösung sämtliche Wissenschaftler und Ingenieure der selbstbewussten Nation aufgerufen sind (Frauen selbstverständlich eingeschlossen). Falls es aber gelingt, das «schwarze Gold» sicher, effizient und in genügender Qualität aus der Tiefsee zu fördern, könnte Brasilien in die Liga der grossen Ölexporteure des Nahen Ostens aufsteigen.

Das Abenteuer namens «Pré-Sal» (frei übersetzt: «vorher Salz») wird denn auch spitzzüngig das «Apollo-Programm Brasiliens» genannt. Führend dabei ist Petrobras, das fünftgrösste Energieunternehmen der Welt mit 82‘000 Mitarbeitenden, 17 Milliarden CHF Nettogewinn (2011) und dem Hauptsitz in Rio de Janeiro. Forschung und Entwicklung sind bei Petrobras der entscheidende Erfolgsfaktor. Die Firma investiert umgerechnet eine Milliarde CHF jährlich in ihr Forschungszentrum CENPES und steckt zusätzlich 300 Millionen CHF in Forschungsprojekte an brasilianischen Universitäten. (Zum Vergleich: Das öffentlich finanzierte Budget der ETH Zürich beträgt ebenfalls rund eine Milliarde CHF).

Neben Petrochemie auch erneuerbare Energien

Das Portfolio im CENPES ist breit angelegt und umfasst neben den klassischen petrochemischen Disziplinen auch alternative Energieforschungszweige wie Biotreibstoffe, Fotovoltaik, Windenergie und CO₂-Abtrennung. Ebenfalls intensiv geforscht wird in der Nanotechnologie, wo Petrobras vor allem für Aufgaben im Pré-Sal-Projekt kompetente internationale Partner sucht – zum Beispiel die ETH Zürich. Beim Besuch einer Delegation des ETH-Präsidenten am 25. Juni vergangene Woche wurden verschiedene Gebiete definiert, die sich für eine Forschungszusammenarbeit eignen könnten. Nötig sind etwa Nanosensoren, welche die heikle Tiefseebohrung kontrollieren und hohen Drücken und Temperaturen widerstehen können. Gefragt sind ebenfalls Beschichtungen der Bohrrohre, die gegen starke Korrosion und Verkrustungen zu schützen vermögen. Im Weiteren sollen Nanokatalysatoren das Verflüssigen von Erdgas ermöglichen oder abgetrenntes Kohlendioxid chemisch umwandeln. Auch könnten nanostrukturierte Materialien (mit Quantendots) Solarzellen effizienter machen.

Noch sind keine Entscheidungen gefallen, wie die Partnerschaft zwischen Petrobras und der ETH Zürich ausgestaltet werden soll. Die Kontakte auf präsidialer Ebene wurden geknüpft, es braucht jetzt die Initiative einzelner Professorinnen und Professoren, um die Zusammenarbeit zu konkretisieren. Die Meinungen der brasilianischen Wissenschaftler über das Pré-Sal-Projekt sind geteilt. Die einen möchten das Öl im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung lieber in der Tiefe belassen und fürchten die grossen Umweltgefahren. Andere wiederum sind zuversichtlich, dass die Technologie gemeistert wird und das erwirtschaftete Geld zu einem wesentlichen Teil in die Erforschung und Anwendung erneuerbarer Energien fliessen kann. Brasilien steht somit vor einem ökologischen Dilemma.

Petrobras-Förderplattform: Der Energiegigant will dank neu entdeckter Vorkommen vor der Küste Brasiliens zu einem Global Player im Ölgeschäft werden. (Foto: Petrobras)

Im Forschungszentrum CENPES von Petrobras in Rio de Janeiro arbeiten 1‘700 Spezialisten für Forschung, Entwicklung und Engineering mit einem Jahresbudget von einer Milliarde CHF. (Foto: Petrobras)

Erneuerbare Energie für das Auto der Zukunft: Forschungslabor für Biotreibstoffe im CENPES. (Foto: Petrobras)

Zum Autor

Beat Gerber ist Referent für Öffentlichkeitsbelange des Präsidenten der ETH Zürich.





Kommentare (10) >Alle Kommentare aufklappen>Alle Kommentare zuklappen

Widerlich, wenn die ETH-Leitung das macht! Ich hoffe, es finden sich keine Professoren, die mitmachen.

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@Peter Vogelsanger
Sie haben völlig recht, dass man die Nutzung fossiler Rohstoffe jetzt nicht durch eine Förderung von Alternativen, die erst in der Zukunft greifen, kompensieren kann. Zudem bedeutet die Förderung des brasilianischen Tiefseeöls, das zudem noch unter einer Fels-und Salzschicht liegt, dass man auch schwierig förderbare Vorkommen nutzen will – damit liegt das absehbare Förderende wohl erst dort, wo die Förderkosten dem zu erwartenden Gewinn entsprechen.
Allerdings macht das Beispiel für mich deutlich, dass die meisten Länder nicht freiwillig von der Ölnutzung und -förderung abrücken werden – weder Brasilien, noch Russland, noch Venezuela, aber auch nicht der Iran, Saudi-Arabien oder der US-Autofahrer.

Vielleicht muss wirklich einfach das Öl ausgehen, damit wir umdenken oder aber wir finden unverhofft eine Alternative, die so kostengünstig und überzeugend ist, dass wir das Öl auch so verlassen. Zwar entwickelt sich vieles entlang einem voraussehbaren Pfad, doch in letzter Zeit häufen sich die Überraschungen.

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Es ist typisch, dass Erneuerbare und andere vermeintlich positive Begleiterscheinungen vorgeschoben werden — zweifellos um Kritiker zu besänftigen. Das Klima interessiert sich aber nicht für Fotovoltaikpanels und andere Feigenblätter, sondern primär dafür, wie viele fossile Energieträger erschlossen und gefördert werden.

Es ist ausgeschlossen, dass die Erneuerbaren Energietechnologien in nützlicher Zeit so günstig werden, wie die fossilen Energieträger und die entsprechenden Technologien und diese komplett verdrängen könnten. Es sei denn, die fossilen Energieträger werden durchgängig massiv künstlich verteuert.

Mit dieser Initiative und seinem Fischen nach Forschungsgeldern in äusserst schmierigen Gewässern, outet sich der ETH Präsident, Ralph Eichler, einmal mehr in die falsche Richtung.

Er würde sich besser und sollte sich dringlich damit beschäftigen, die Forschung zu verstärken, die sich damit befasst, wie international diesem Treiben ein Ende gesetzt werden kann, wie Brasilien oder andere Länder angeregt, und notfalls gezwungen werden können, auf die Förderung von Vorkommen wie «Pré-Sal» zu verzichten.

Dass das Projekt auf dem Klimablog ausgebreitet wird, stimmt nachdenklich.

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Ist manchmal schwierig das Thema der Blogbeiträge auszusuchen… Bei meiner Forschung wird es (primär) darum gehen die Berechnungsgrundlagen von CO2 aus Waldschutz vor Rinder-Weiden-Abholzung zu optimieren – als ein sehr spezifisches Thema. Daher die Entscheidung für den eher allgemeine Blog Eintrag über den „Konferenztourismus“.

Inhaltlich:

Holz ist eigentlich auch viel zu Schade zum verheizen, der eigentlich Wert liegt in dem Ersatz von Stahl und Zement – Nur mit besseren Isolationseigenschaften…
Nur die Abfälle sollten energetisch genutzt werden.

Und:

Die globalen Subventionen an fossile Brennstoffe sind in der Tat gigantisch (die Rede ist von ca. 1 (engl.) Trillion USD/Jahr) und es ist eine sehr gute Idee damit aufzhören. Die Zahl beinhaltet noch nicht mal die Kosten für Öl-Kriege, nur direkte Subventionen und Steuervergünstigungen.
Der Betrag übersteigt die Förderung von Erneuerbaren & Effizienz um ein Vielfaches.
Um auf einem liberalen Weg vom Öl wegzukommen muss es so viel teurer werden das alternativen attraktiver sind…

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Hallo Tim,

schade dass du davon nichts in deinem Bericht erwaehnt hast.

Damit haettest du einen wichtigen Punkt
Realpolitik/Wissenschaft gegen Hochglanz Medienrummel
setzen koennen.

michael
ps..
zum eco Fussabdruck ..
Wenn wir ehrlich sind wissen wir eigentlich alle:
unser realer Energie Footprint, falls man die Nutzung der nicht
erneuerbaren Energieressourcen zum Beispiel durch Holz ersetzen
wollte (Wackernagel zaehlt so etwas nicht!) ginge es den
Waeldern sehr schlecht!
Zahlen fuer die Schweiz .. rund 5% des Energiebedarfs
kommt aus Holz .. der verbleibende Wald waechst
in den schwer erreichbaren Gebieten um 10-20% oder so
(aber nicht im Mittelland!). Das heisst man koennte
im Prinzip und naiv gerechnet rund 6% des Energiebedarfs aus heimischen Holz decken. Grandios oder?

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Lieber Michael,

Genau zu diesem Zweck war ich in Brasilien – Rio+20 war nur gerade gleichzeitig, so dass ich noch eine Extra-Woche dort bleiben konnte.

Wenn sie sich die ETH internen Finanzallokationen ansehen wird jedoch schnell klar wo hier der Fokus liegt – mein Forschungsprojekt ist zu 100% Drittmittelfinanziert!

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Dieser Beitrag regt zum Nachdenken an, denn er macht deutlich welch grosse Rolle Öl in unserer Welt (immer noch) spielt.

Während Klimaökonomen wie Nicholas Stern behaupten, mit 1 bis 2% des Welt-BIP könnten wir bis 2050 nicht nur auf Öl, sondern auf alle fossilen Energiequellen verzichten, macht dieser Artikel klar, was das bedeuten würde. Nichts anderes als eine vollständige Kehrtwende in der Energie- ja selbst Gesellschaftspolitik vieler ölproduzierender Länder. Das heutige Russland ist ohne Öl und Gas nicht denkbar, aber auch viele Staaten des mittleren Ostens wären bedeutungslos ohne ihre Ölvorkommen, so bedeutungslos, dass Ländernamen wie Kuwait, Katar, ja selbst Saudi-Arabien den meisten Leuten von der Strasse nicht geläufig wären. Und selbst Länder, die keine grosse Vergangenheit im Ölbusiness haben, wie eben Brasilien, lassen sich von der Aussicht bald als bedeutende Ölnation dazustehen , „inspirieren“ und ich kann ihren aufkommenden Stolz über den Machtzuwachs geradezu physich mitfühlen (denn beim Gedanken daran schwellt sich auch meine Brust (müssen die Spiegelneuronen sein)).

Was für eine Einsicht lässt sich daraus gewinnen? Wohl die, dass der Verzicht auf die Ölförderung aus Klimagründen nicht freiwillig stattfinden wird. Es passiert entweder weil die Ölvorräte schlicht und einfach ausgehen oder es findet sich unverhofft eine Ersatzenergiequelle mit gleichen oder besseren Eigenschaften wie Erdöl oder aber wir erleben Vorboten auf die zukünftige Klimakatastrophe, die uns umdenken lassen.

Jedenfalls wird das Ende des fossilen Zeitalters nicht so schnell und glatt ablaufen, wie sich das einige Klimökonomen vorstellen.
Vor diesem Hintergrund versteht man auch besser, warum im Rio+25 Abschlussdokument „The Future We Want“ das Wort Öl überhaupt nicht vorkommt, sondern z.B:
– „cleaner fossil fuel technologies“
– „phase out harmful and inefficient fossil fuel subsidies
Nicht Öl, nur Subvention von Öl, will Rio+25 vermeiden.

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Sehr geehrter Herr Gerber

Sie schreiben, die Meinung von brasilianischen Wissenschaftlern sei hinsichtlich der Ölförderung in der Tiefsee geteilt.

Mich würde dazu nun die Meinung von ETH-WissenschaftlerInnen interessieren. Wie stehen Sie, werte ETH-Forscherinnen und ETH-Forscher zu der offenbar angedachten Forschungszusammenarbeit mit dem Ölkonzern Petrobras zur Realisierung einer Tiefseebohrung? Notabene wurde dieser Beitrag im KLIMAblog der ETH publiziert.

Ich persönlich finde, es passt in keiner Weise zusammen, sich auf der einen Seite für eine Energiewende einzusetzen, einen Klimablog zu betreiben, Energieszenarien zur Stabilisierung des Klimas zu rechnen, etc… Und auf der anderen Seite technologisch mithelfen zu wollen, Öl aus der Tiefsee zu fördern!

Es wird meiner Meinung nach «Greenwashing» betrieben, wenn argumentiert wird, die Einnahmen aus der Ölförderung würden der Forschung bei den Erneuerbaren Energien zufliessen. Das finde ich, gelinde formuliert, gutgläubig.

Jürgen Ragaller

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Seltsam?

Warum kann die ETH Zurich den Brasilianern
nicht zeigen wie man den Regenwald schuetzt
anstatt weiter nicht nachhaltig mit noch ein paar Jahren Oel
zu leben?

All das nach der Katastrophe im Golf von Mexiko?

Lernt man denn auch bei uns nie dazu?

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Sehr geehrter Herr Gerber,

vor dem gleichen ökologischen Dilemma wie Brasilien, stehen auch Russland, Nigeria, der Irak, Norwegen und noch eine Handvoll weiterer Länder, die Öl fördern: Sollen sie auf Einnahmen durch das schwarze Gold verzichten und die Umwelt auf diese Art doppelt schonen (keine lokalen und keine globalen (CO2) Umweltschäden) oder sollen sie die Einnahmen durch die Förderung und den Verkauf des schwarzen Goldes in erneuerbare und nachhaltige Technologien stecken und somit die Basis für eine in jeder Hinsicht bessere Zukunft legen.
Interessanterweise entscheiden sich all diese Länder für den zweiten Weg, also die Förderung zum guten Zweck.

Wir dürfen gespannt sein, wie die Entscheidungen auf diesem Gebiet in 20 Jahren aussehen. Wird dann Öl im Boden gelassen, weil die Fortschritte im Bereich der erneuerbaren Energien dann viel weiter fortgeschritten sind und sich die „Ölländer“ nun – aufgrund der jahrelangen Einnahmen durch die Förderung – erneuerbare Energien leisten können oder aber wird dann Öl aus einem anderen Grund gefördert, beispielsweise weil doch auch die noch armen oder gerade erst aufstrebenden Länder auf das schwarze Gold angewiesen sind?

Eine interessante Fragen. Wir wissen noch nicht was mit den in 20 Jahre verbleibenden Ölreserven passieren wird. Oder hat jemand der Leser hier eine Ahnung?

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