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Rio+20 vor Ort: Lobpreis, Hochsicherheit und Occupy Rio

26.06.2012 von

Rio de Janeiro… Ein kurzer Blick auf den Traumstrand bevor ich einen weiteren Tag in klimatisierten Hotelzimmern verbringe, wie man sie ebenso in jeder anderen Grossstadt der Welt finden könnte. Eine Konferenz wie die UN-Nachhaltigkeitskonferenz «Rio+20» bedeutet Arbeit.

Die grösste Nachhaltigkeits-Konferenz aller Zeiten hat viele Gesichter. Für mich persönlich fing sie mit einem Tag auf dem «Corporate Social Responsibility Forum» an. Hier trafen sich die Vertreter der neuen Berufsklasse namens «Chief Sustainability Officer» und lobpriesen die Fortschritte ihrer Agenden. Viele Visitenkarten wurden getauscht und sehr wenige kritische Fragen gestellt.

Viel Lobpreis und wenig kritische Fragen

Am nächsten Tag folgte die Konferenz der «International Society for Ecological Economics». – Die gleiche Hotelkette, jedoch am anderen Ende der Stadt. Eine Vielzahl von wenig zusammenhängenden Vorträgen über Einzelprojekte, eingerahmt von Auftritten der Koryphäen der Umweltökonomie, die wiederum die Fortschritte ihrer Agenden darlegten.

Auf dem Weg zum darauf folgenden «Peoples’ Summit» kam ich vorbei an Farbbeutel werfenden «Friends of the Earth» vor der Konzernzentrale von Vale, einem Minenbetreiber.

Am Peoples‘ Summit gab‘s dafür eine wirklich neue Entwicklung zu sehen: Während der Peoples‘ Summit – die offizielle Gegenveranstaltung zur UN-Regierungskonferenz – mit vielen tausend Besuchern in Hochglanz und mit finanzstarken Sponsoren ausgetragen wurde, gab es nun auch eine Gegen-Gegen-Veranstaltung: eine Handvoll Camping-Zelte unter den Argusaugen einer Polizei-Reiterstaffel, mit handgemalten Plakaten und brennenden Kartonkisten. Occupy Rio!

Führt Buchhaltung zu Trendwende?

Zu guter Letzt dann noch die eigentliche UN-Konferenz: Hochsicherheit, Hubschrauber, Soldaten mit Granatengürteln und Hundestaffeln. 150 Staatschefs zu Besuch. Und am Ende nur wieder viele wohlklingende Worte und die Entscheidung, in ferner Zukunft eine Entscheidung treffen zu wollen.

Einen inhaltlichen Fortschritt möchte ich dennoch hervorheben: Es zeichnet sich zumindest in der Buchhaltung eine Trendwende ab. Die Verrechnung von «natürlichem Kapital» in den Bilanzen von Firmen wie Staaten ist weitgehend unumstritten – erste Pioniere wie der Sportartikelhersteller Puma und das Himalaya Königreich Bhutan haben ihren ökologischen Fussabdruck bereits in der Bilanz ausgewiesen. Eine Initiative der Weltbank zur Ausweitung dieses Ansatzes ist auf grosses Echo gestossen: 59 Staaten und 89 Firmen (inklusive Grosskonzerne wie Unilever und Walmart) haben eine Deklaration unterschrieben. Sie wollen ihre Umweltauswirkungen künftig in der Bilanz ausweisen.

Was zunächst nach einer wirkungslosen Papierübung aussieht hat doch das Potential, grosse Änderungen zu bewirken. Denn nur wer seine Umweltauswirkungen kennt, kann auch daran arbeiten, sie zu verbessern. Und nur, wenn die Umweltauswirkungen rapportiert werden, können diese auch in die finanzielle Bewertung von Firmen und Staaten einfliessen. Also doch: Rio+20 hatte zumindest ein bedeutungsvolles Ergebnis, auch wenn es nicht der grosse internationale Vertrag zwischen Staaten war.

Immer noch bin ich in Rio de Janeiro – wenigstens einen Sonntag auf dem Surfbrett gönne ich mir, bevor der harte Alltag der Umsetzung all der wohlklingenden Worte rund um die Nachhaltigkeit wieder losgeht.

Zum Autor

Tim Schloendorn ist Doktorand in Umweltökonomie und -politik an der ETH Zürich. Er nahm an der UN-Nachhaltigkeitskonferenz «Rio+20» teil. Persönliches Zitat und Biografie

 





Kommentare (3) >Alle Kommentare aufklappen>Alle Kommentare zuklappen

Eine Buchhaltung für CO2-Emissionen braucht es als Anhaltspunkt dafür, wo man steht, ganz sicher. Jede Firma und jedes Land sollte sich an seiner eigenen CO2-Bilanz orientieren können.
Zusätzlich kommt man aber nicht um objektive Messungen der CO2-Emissionen herum wie im Beitrag Wie viel emittieren wir tatsächlich? vorgeschlagen. China’s CO2-Emissionen wie von den Provinzen gemeldet, stimmen beispiesweise um 1 Gigatonne nicht mit den Gesamtchina gemeldeten CO2-Emissionen überein. 1 Gigatonne CO2 entspricht gerade etwa den Gesamtemissionen von Japan.

@Kommentar von Ben Palmer. 27.06.2012, 2:04
Konferenzen auf nationaler, „kontinentaler“ oder globaler Ebene wie die Rio+20 Konferenz mit hunderten von Teilnehmern gibt es auf vielen Gebieten. Nur weil diese Konferenzen mit CO2-Emissionen verbunden sind, wird man nicht auf sie verzichten. Selbst der Fernreisetourismus wird nicht mehr verschwinden.
Die Konsequenz kann nur heissen, dass man Techniken entwickeln muss, die Fernreisen ermöglichen ohne dass CO2 emittiert wird.
Wie hier schon von Professor Knutti detailliert dargestellt, gibt es eine Gesamtmenge von CO2, die noch ausgestossen werden darf, damit man ein bestimmtes Temperaturziel, z.B. das 2°C-Ziel erreichen kann. Die logische Konsequenz ist: Irgendwann darf überhaupt kein CO2 mehr emittiert werden. Es braucht also nicht-fossile Ersatzenergiequellen, sparen allein nutzt zu wenig.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Die Idee ist klever aber durchsichtig. Wenn erst einmal der ökologische Fuss die Buchhaltung mit Stiefeln betritt, wird er nicht nur in der Bilanz sondern auch in der Erfolgsrechnung auftauchen. Das macht dann die Besteuerung besonders einfach.

Da Unternehmen den Preis ihrer Produkte und Dienstleistungen aufgrund von Gesamtkosten festlegen und dabei ein Gewinn herausspringen muss, wird der Konsument die Kosten tragen. Da können dann Energieträger gleich dreimal besteuert werden: Mehrwertsteuer, Steuerungsabgaben und Fussabdruck.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 1 Daumen runter 2

Ich beneide Sie um Ihren Aufenthalt in Rio. Dass es Ihnen gefallen hat, kann ich mir vorstellen. Aber ich verstehe Sie nicht. Sie predigen Nachhaltigkeit, Energiesparen und Verminderung der CO2-Emissionen, verprassen aber gleichzeitig Energie und produzieren CO2.

Statt zu fragen, was IHNEN die Reise gebracht hat, frage ich Sie was Ihr Aufenthalt MIR/UNS gebracht hat. Haben Sie dort die Umweltauswirkungen von Monsterkonferenzen mit zehntausenden von Besucher aus der ganzen Welt studiert und bewertet? Haben Sie Ihren eigenen Return on CO2 Emissions berechnet? Wie gedenken Sie, das von Ihnen und anderen Besuchern direkt und indirekt in die Atmosphäre entlassene CO2 wieder zu entfernen? In dem Sie die Last den zuhause gebliebenen überbürden?

Kurz: mussten Sie unbedingt den Unsinn mitmachen?

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 2 Daumen runter 3

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