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Klimawandel und Wasserkonflikte

05.06.2012 von

Nicht nur Wissenschaftler, sondern auch die Nachrichtendienste diverser Länder befassen sich mit möglichen Auswirkungen des Klimawandels. Das sollten sie auch, denn sie sollten Sicherheitsrisiken aller Art wenn immer möglich antizipieren. Aus dieser Analysearbeit sickern immer wieder Diagnosen und Prognosen an die Öffentlichkeit durch. Auch jüngst wieder, als eine Aussage der US-Nachrichtendienste publik wurde:

Die US-Nachrichtendienste behaupten, dass Wasserprobleme in den nächsten zehn Jahren zur Instabilität von Staaten beitragen werden, die für die USA von strategischem Interesse sind. In internationalen Flusseinzugsgebieten werde Wasser vermehrt als politisches Druckmittel oder für terroristische Zwecke, sozusagen als Waffe, eingesetzt.

In gutem Geheimdienstbeamtenenglisch abgefasst (siehe den Originaltext am Ende des Beitrags) sind solche Aussagen grundsätzlich immer korrekt. Beim Auftreten politischer Instabilität oder sogar Gewalt könnte Wasser tatsächlich im Verbund mit vielen anderen Faktoren irgendeine Rolle spielen. Wissen wir damit mehr? Nicht unbedingt. Selbst wenn solche Aussagen präziser wären wüssten wir immer noch nicht, wie genau sie zustande gekommen sind, und ob die Evidenz dafür solide ist. Genau deshalb sind transparente sozialwissenschaftliche Studien in diesem Bereich wichtig.

Gewalttätige Konflikte um Wasser sind extrem selten

Meine Forschungsgruppe hat zusammen mit Kollegen aus Norwegen für den Mittelmeerraum, den Nahen Osten und den Sahel Zehntausende von Presseberichten des Zeitraums 1997 bis 2009 ausgewertet. Wir wollten herausfinden, ob, wo, wie häufig und mit welcher Intensität innerstaatliche Konflikte sowie kooperative Ereignisse mit einem direkten Bezug zu Wasserressourcen aufgetreten sind.

Die wichtigsten Befunde sind, dass gewalttätige Konflikte um Wasser extrem selten vorkommen. Kooperative Ereignisse mit Bezug zu Wasserressourcen sind viel häufiger als Wasserkonflikte, selbst wenn man die gewaltlosen Konflikte mitzählt. Die ganz wenigen gewalttätigen Wasserkonflikte, die wir identifizieren konnten, fanden weitgehend in armen, nicht-demokratischen Ländern der Sahelregion statt.1 Eine vergleichbare Studie, die wir zu zwischenstaatlichen (internationalen) Wasserproblemen weltweit durchgeführt haben, hat zu ähnlichen Ergebnissen geführt.2

Extremszenarien nicht a priori ausschliessen

Bedeutet dies nun vollständige Entwarnung? Nicht unbedingt, denn empirische Daten gibt es natürlich nur für die Vergangenheit. Wir können also gewisse Extremszenarien nicht a priori ausschliessen. Bei einem klimatisch bedingten Zusammenbruch ganzer Landwirtschaftssysteme könnte es möglicherweise zu gewalttätigen Konflikten um Wasserressourcen kommen. Diese Möglichkeit gehört jedoch in den Bereich der Spekulation. Wenn es den allermeisten Ländern der Welt in der Vergangenheit offenbar gelungen ist, auch unter teilweise extremen klimatischen Bedingungen ihre Wasserressourcen gewaltfrei zu bewirtschaften, sollte dies im Prinzip auch in Zukunft möglich sein. Dies vor allem dann, wenn man berücksichtigt, dass technologische und auch institutionelle Innovationen im Wassersektor stattfinden.

Aus Sicht eines Nachrichtendienstes dürfte allerdings gelten: Lieber zu viel vor Sicherheitsrisiken warnen (wir sind ja doch immer froh, wenn sie dann nicht eintreffen …) als auch nur einmal in die Kritik zu geraten wegen eines «false negative» (prognostiziertes Nicht-Risiko, das dann doch eintritt). Ich hoffe, dass die Arbeitsgruppe II des IPCC bei der Beurteilung der klimatisch bedingten Sicherheitsrisiken für den neuen Klimabericht eher der mittlerweile doch besser gewordenen wissenschaftlichen Evidenz zu Wasserkonflikten folgt, als den Orakeln aus Langley und dem Pentagon.

Literaturhinweise
Originaltext der US-Nachrichtendienste

«We assess that during the next 10 years, water problems will contribute to instability in states important to US national security interests. Water shortages, poor water quality, and floods by themselves are unlikely to result in state failure. However, water problems—when combined with poverty, social tensions, environmental degradation, ineffectual leadership, and weak political institutions—contribute to social disruptions that can result in state failure…. We assess that a water-related state-on-state conflict is unlikely during the next 10 years. Historically, water tensions have led to more water-sharing agreements than violent conflicts. However, we judge that as water shortages become more acute beyond the next 10 years, water in shared basins will increasingly be used as leverage; the use of water as a weapon or to further terrorist objectives also will become more likely beyond 10 years.» Quelle: www.dni.gov (pdf)

Zum Autor

Thomas Bernauer ist Professor für Politikwissenschaft an der ETH Zürich. Persönliches Zitat und Biografie

Lesetipp der Redaktion

 





Kommentare (3) >Alle Kommentare aufklappen>Alle Kommentare zuklappen

Sehr geehrter Herr Bernauer,

haben Sie bei Konflikten auch die unterschwelligen Ursachen der Konflikte untersucht, die fast nie genannt werden?

Beispielsweise werden Religionskriege scheinbar (nach den Verlautbarungen) aus religiösen Gründen geführt, die meistens zu Grunde liegenden ökonomischen Ursachen werden selten genannt.

MfG

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

„Es ist erfreulich und erstaunt zugleich, dass Interessenkollisionen im Zusammenhang mit der Wassernutzung so selten zu bewaffneten Konflikten führen.“

Klar, da sind wir uns wohl alle einig.

Aber hier die Frage: Solange Wasser (und andere Rohstoffe)
im Ueberfluss vorhanden sind kann man sich perfekt einigen.

Wenn der Ueberfluss allerdings auf Kosten der Umwelt
oder kommender Generationen erreicht wurde/wird
(auch dank noch billiger Energie!)
hat man die Konflikte eigentlich nur in die Zukunft verlagert
oder einen „Krieg“ mit der Natur gefuehrt!

Denken wir zum Beispiel an das Verschwinden der Lachse
oder die Umleitung der Fluesse in den Aralsee mit den eigentlich
logischen Konsequenzen..
die Verlierer (Mensch und Umwelt) hatten keine Chance sich zu wehren!

http://de.wikipedia.org/wiki/Aralsee

Dann kann man das ganze noch weiter fuehren und an das Problem
der Trinkwasserprivatisierung denken. Wenn das kein Konfliktpotential ist, was dann?

Auch aus der Geschichte kennt man etliche Beispiele
wo der Zugang zu Wasserquellen durch egoistische Interessen
immer wieder gestoppt wurde.

Zusammenfassend wuerde ich also sagen:

Ein solidarisches Handeln bezueglich der Wassernutzung ist
sicher moeglich und gute Beispiele gibt es viele.

Aber, falls man die Interessen der Natur und zukuenftiger
Generationen beruecksichtigen moechte dann sind Konflikte
mit denen die kurzfristig Profit als Ziel haben schon in naher Zukunft unabdingbar.

Zeigen wir erstmal wie wir wieder Lachse etc in die Fluesse und ohne „Konflikte“ bekommen..

danach atmen wir auf!

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

Sehr geehrter Herr Professor Bernauer,

Es ist erfreulich und erstaunt zugleich, dass Interessenkollisionen im Zusammenhang mit der Wassernutzung so selten zu bewaffneten Konflikten führen. Es erstaunt vor allem, weil man in der Presse immer wieder von Protesten und Bedenken gegen Wasserprojekte liest. Man denke nur an die Nutzung des Oberlaufs des Mekongs durch die Chinesen, welches Proteste bei Anwohnern im Unterlauf auslöste oder der alte Konflikt um die Nutzung des Jordan-Wassers. Auch über den Atatürk-Staudamm am Euphrat und die geplanten weiteren 22 Staudämme in Südanatolien hat man viel gelesen und das Konfliktpotential ist ja beträchtlich, könnte doch die Türkei den Abfluss in den Euphrat bei Bedarf stark reduzieren.

Doch nicht nur ihre eigenen Forschungen sondern sogar die Analysen der CIA und des Pentagons scheinen zu bestätigen, dass Interessenkonflikte um Wasserressourcen nicht unbedingt zu kriegerischen Auseinandersetzungen führen müssen, liest man doch da:
Historically, water tensions have led to more water-sharing agreements than violent conflicts.

Das macht optimistisch. Es scheint, dass Menschen, die sich eine gemeinsame Ressource teilen – wie einen Fluss – sich über die Nutzung einigen können und Maximalforderungen im Interesse aller hintanstellen.

Vielleicht könnte das auch ein Modell für die gemeinsame genutzte Ressource Atmosphäre werden. Wenn sich einmal alle einig sind, dass erhöhte CO2-Emissionen allen schaden und letztlich niemand davon profitiert oder nur sehr kurzfristig, dann könnten doch auch da in ferner Zukunft in den Geschichtsbüchern stehen:
Historically, the perceived need of nations to emit poisonous substances into the atmosphere have led to more emission avoidance agreements than violent conflicts

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

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