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Die Schweiz als Drehscheibe des Stromhandels

08.05.2012 von

Vor einem Jahr habe ich in diesem Blog versucht, die Energiepolitik in 10 Thesen zusammenzufassen. Eine dieser Thesen ist, dass die Schweiz die Drehscheibe des Stromhandels bleiben soll. Auf diese möchte ich nun näher eingehen.

Der Ausstieg aus der Atomenergie bedingt den weiteren Ausbau der Wasserkraft, der wichtigsten Energiequelle in der Schweiz. Die Wasserkraft hat nach den Ereignissen in Japan noch einmal an Zustimmung gewonnen. Sie gilt als sichere und umweltfreundliche Energie und wird daher allseits geschätzt.

Der Atomausstieg ist nicht «gratis» zu haben. Der Ausbau der Wasserkraft bedingt den Bau von Anlagen, welche Natur und Umwelt beeinträchtigen. Vor allem beim Thema Pumpspeicherung scheiden sich die Geister. Umweltkreise wehren sich seit Jahren dagegen. Mit der Pumpspeicherung werde dreckiger Atomstrom zu sauberem Wasserstrom veredelt, die Konzerne machten ungerechtfertigte Gewinne oder, wie im Beispiel der Erhöhung der Grimselstaumauer, geschützte Moore würden geflutet.

Pumpspeicherung gehört zur schweizerischen Stromversorgung

Alle Argumente haben ihre Berechtigung, trotzdem bleibt die Pumpspeicherung ein wichtiger Bestandteil der schweizerischen Stromversorgung; gerade, wenn wir auf erneuerbare Energien setzen wollen. Die grüne Argumentation gegen die Pumpspeicherung ist überholt. So ergänzen sich beispielsweise Wasserkraft und Photovoltaik (PV) in idealer Weise. PV-Anlagen produzieren den Strom in Zeiten der grössten Nachfrage während des Tages, die Wasserkraft kann den Ausgleich im Tagesgang schaffen. Heutige Speicherwerke können damit den Speicherbedarf für die nächsten Ausbauschritte in den kommenden 15 Jahren sichern.

Ohne Speicher keine Energiewende

Es gibt weitere Gründe dafür, wieso Speichermöglichkeiten nötig sind. So sind beispielsweise Wind- und Solaranlagen gekennzeichnet durch die Unregelmässigkeit der Stromproduktion, je nach Windstärke und Sonneneinstrahlung. Um diese Unregelmässigkeit aufzufangen brauchen wir Speichermöglichkeiten, einerseits dezentral über das Land verteilt, aber auch für den Netzausgleich im grossen Ausmass.

Zusätzliche Speichermöglichkeiten können durch das Netz («smart grids») und Batterien geschaffen werden. Darüber hinaus wird aber ein Ausbau von saisonalen Speichern notwendig sein.

Eins ist für mich klar: Ohne Speicher keine Energiewende. Wer die Energiewende will, braucht Speicher.

Auch wenn jeder Speicher seine Nachteile hat, so haben Pumpspeicher vergleichsweise wenige davon. Die bestehenden Wasserkraftwerke bieten eine effiziente, erneuerbare und einheimische Art der Speicherung. Und dies nicht nur für die Schweiz, sondern darüber hinaus für unsere Nachbarn. Das sieht auch der zuständige EU-Energiekommissar Günther Oettinger so.

Schweiz als «Batterie Europas»

Die Schweiz als Teil der «Batterie Europas» ist eine strategisch wichtige Position, die wir sichern und stärken müssen. Dadurch sichern wir den Anschluss ans europäische Netz, was wiederum die Versorgungssicherheit in der Schweiz garantiert.

Damit die Schweiz die Drehscheibe des Stromhandels sein und bleiben kann, brauchen wir nicht nur die Pumpspeicherwerke, sondern auch ein leistungsfähigeres Stromnetz. Der Ausbau des Netzes ist insbesondere nötig, um Energie zu den Kraftwerken in den Alpen und zurück zu den Verbraucherzentren zu transportieren. Nur so können die erneuerbaren Energien bei einer Überproduktion zwischengespeichert und Engpässe verhindert werden. Auch der Ausbau der Netze führt – verständlicherweise – zu Einsprachen. Mit vernünftigen Kompromissen kann den Bedenken Rechnung getragen werden.

Der Atomausstieg hat seinen Preis. Wenn wir aus der Atomenergie aussteigen wollen – und das wollen wir – müssen wir bereit sein, solche Kompromisse einzugehen. Dies betrifft den Leitungsbau, aber auch den Kraftwerkbau. Nur so kann die Schweiz weiterhin als Drehscheibe des Stromhandels funktionieren.

Zum Autor

Gastautor Alec von Graffenried ist Nationalrat der Grünen und Mitglied der nationalrätlichen Kommission für Rechtsfragen.





Kommentare (8) >Alle Kommentare aufklappen>Alle Kommentare zuklappen

Kommentar von werner witschi. 19.05.2012, 10:12

Sehr geehrter Herr Witschi,

ihre oben referenzierter Kommentar bezieht sich sehr wahrscheinlich auf meinen Kommentar von Martin Holzherr. 14.05.2012, 15:58,
in dem ich für die Integration von erneuerbaren Energien in ein gesamteuropäisches Netz eintrete. Die Schweiz würde in diesem Szenario vor allem über ihre Pumpspeicherkraftwerke und die grossen Dämme einen wichtigen Beitrag leisten.

Sie schreiben jedoch: Als Vertreter der Generation, welche davon ausgeht, dass jegliche Energieversorgung nur mit Grosswerken realisiert werden kann, lass ich mal Ihre Aussagen so im Raum stehen.

Daraus folgere ich, dass für sie auch Erneuerbare Energien zur Kategorie Grosskraftwerke gehören, wenn diese Erneuerbaren Energien eingebunden sind ein ein grossräumiges Stromnetz.

Dies überrascht mich nicht. Man kann sogar behaupten, die gängige Vorstellung, die Herr und Frau Schweizer von Erneuerbaren hat, läuft auf eine dezentrale Energieproduktion und -nutzung heraus. Doch heute funktioniert das nicht. EE eingebunden in ein Netz sind die Lösung. Mit Grosskraftwerken hat das aber für mich wenig zu tun.
Die Autarkie-Idee wird in CH sehr gut verstanden und aufgenommen im Sinne eines Energie-Reduit-Denkens und der gewünschten splendid isolation vom übrigen Europa.
Doch wer an EE glaubt muss den Isolationismus aufgeben und sogar an Europa glauben. Kaum ein Land versorgt sich in einem funktionierenden EE-Szenario autark, sondern alle Länder vertrauen aufeinander. Wenn Europa das nötige Vertrauen im Energiebereich nicht aufbringt, dann wohl nirgends. Leider ist nationaler Egoismus in Europa immer noch stark verbreitet und die Schweiz toppt in dieser Hinsicht sogar alle EU-Länder.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

@Kommentar von werner witschi. 19.05.2012, 10:12

Sehr geehrter Herr Witschi,

mit heutigen Batterien ist Selbstversorgung – lokal produziert, lokal konsumiert – viel zu teuer. Das ist nicht meine private Meinung. Das können sie in der ETH-Studie Energiezukunft Schweiz nachlesen.
(Zitat)Für die Schweiz nehmen wir … ein Ausbaupotenzial [von Photovoltaik] bis 2050 zwischen 10 und 20 TWh an (s.
Bandbreite in [9, 11, 12]). Für die höheren Werte wird jedoch der kosteneffiziente Einsatz von Batterien erforderlich sein, wie später gezeigt wird.

Diese Batterien dienen übrigens nur dem Peak-Shaving, um den Strom zeitverzögert um wenige Stunden dann doch einzuspeisen.

Die Schweiz ist übrigens in einer privilegierten Situation, indem gesamtschweizerisch eine Autarkie möglich ist, wenn man die grossen Stauseen und Pumpspeicher miteinbezieht.

Wenn sie schreiben: Ich vertrete nun eher den Teil, der davon ausgeht, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil der Energie, Wärme und Strom, dezentral produziert und gespeichert werden kann. dann haben sie offensichtlich diese CH-Studie nicht gelesen.
Gesamteuropäisch soll das Problem übrigens im Rahmen der roadmap 2050 durch ein europaweites Supergrid zusammen mit nur selten laufenden fossilen Backupkraftwerke gelöst werden.

Herr Witschi, sie wünschen sich wie die meisten eine vorwiegend dezentrale Lösung. Das nächste was daran herankommt ist die Einbindung dezentraler Stromquellen in ein grossräumiges Netz. Alles andere ist Wunschdenken.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

@Herr Holzherr: Als Vertreter der Generation, welche davon ausgeht, dass jegliche Energieversorgung nur mit Grosswerken realisiert werden kann, lass ich mal Ihre Aussagen so im Raum stehen.
Ich vertrete nun eher den Teil, der davon ausgeht, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil der Energie, Wärme und Strom, dezentral produziert und gespeichert werden kann. Dies ist eine unumkehrbare Entwicklung.
Hat dann eben vielleicht für die Grossproduzenten den Nachteil, dass der Kuchen anders verteilt wird, ist auch unumkehrbar.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Sehr geehrter Her Graffenried,
„Die Schweiz als Drehscheibe des Stromhandels“ ist ein wichtiges Thema, von dem man aber in der Öffentlichkeit nur wenig hört, auch wenig, wenn es um Erneuerbare Energien geht. Das Zauberwort, das man in diesem Zusammenhang immer wieder hört, ist die dezentrale Energieversorgung mit dem Ideal, dass jeder seinen eigenen Strom erzeugt. Doch mit heutiger Technologie scheitert dieser Wunsch an den fehlenden lokalen Stromspeichern. Darum gibt es für die Schweiz zwei Hauptoptionen, um Versorgungssicherheit zu erreichen.
1) Man gleicht Stromschwankungen mithilfe der schweizerischen Pumpspeicher und mit Gaskraftwerken aus.
2) Man bindet die Schweiz in das europäische EE-Netz und den europäischen Strommarkt ein.
Mit einer überwiegend autarken Lösung erreicht man die höchste Versorgungssicherheit, nimmt dann aber mehrere Gaskraftwerke in Kauf und kommt mit ziemlicher Sicherheit zu einer weit teureren Lösung als mit der zweiten Lösung – dem Einbinden ins europäische Netz. Eine kostenoptimierte Versorgung mit erneuerbaren Energien produziert Windenergie dort wo am meisten Wind weht, Sonnenenergie dort, wo es die meisten Sonnenscheinstunden gibt und Wasserenergie dort, wo man sinnvollerweise Staudämme baut. Einheimischer Strom um der Autarkie willen wird teurer als Windstrom von der Nordsee und Solarstrom aus der Sahara und verträgt sich schlecht mit einem geöffneten Strommarkt, der es Bezügern erlauben würde, billigen ausländischen Strom dem einheimisch erzeugten vorzuziehen. Dennoch überwiegt die Skepsis gegenüber der Einbindung in den europäischen Strommarkt, z.b. hier
Doch jede Form Energie zu erzeugen kommt nicht daran vorbei, die Kosten und die nötige Infrastruktur zu berücksichtigen. Das spricht gegen eine weitgehende Autarkie.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Sehr geehrter Herr Graffenried,
Schauen sie sich die Photographie der Solaranlage in Spanien an, von dem der Tagesanzeiger-Bericht Schweizer Strom fliesst in Spanien handelt. Sie sehen auf diesem Bild eine 30 Megawatt Solarthermie-Anlage. Diese 30 MW werden an einem schönen Sommernachmittag produziert (auch eine Photovoltaikanlagen derselben Leistung würde den gleichen Platz benötigen). 30 MW sind ein Dreissigstel der Leistung eines grossen AKW’s. Diese Zahlen sollten zusammen mit der Photographie klar machen, dass Photovoltaik im grossen Stil in der Schweiz wohl kaum realisierbar ist.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 6 Daumen runter 2

Sehr geehrter Herr Graffenried,
sie schreiben
PV-Anlagen produzieren den Strom in Zeiten der grössten Nachfrage während des Tages, die Wasserkraft kann den Ausgleich im Tagesgang schaffen. Heutige Speicherwerke können damit den Speicherbedarf für die nächsten Ausbauschritte in den kommenden 15 Jahren sichern.
und scheinen somit zu glauben, die Schweiz werde in den kommenden 15 Jahren Solarstrom im grossen Stil erzeugen. Doch keiner von den Energieexperten der ETH oder den Schweizer Firmen, die heute die Elektrizität in Wasserkraft- oder Atomkraftwerken erzeugen, plant in den nächsten 15 Jahren Solaranlagen im grossen Stil, denn heute ist Solarstrom noch zu teuer und nur gerade der Schweizer-Verband Swissolar wirbt für 25% Solarstrom bis 2025.
Der private Anwender kann natürlich sein Dach mit Solarpaneln versehen und erhält dafür Einspeisevergütungen und später (?) als Ersatz für die KEV eine Investitionsförderung. PV kann sinnvoll sein, wenn sie eine Komponente eines ZeroEmission-Gebäudes ist wie hier von Prof. Leidundgut propagiert.

Doch – und hier meine Prognose – in der Schweiz wird PV im grossen Stil immer eine teure Angelegenheit bleiben, egal wie günstig PV-Module werden. Nur schon wegen dem Boden, den es dafür braucht und der in der Schweiz nicht einfach gratis zu haben ist. Aber auch wegen den höheren Löhnen für die Montage und den Service und wegen der nötigen Infrastruktur, die in der dichtbebauten Schweiz auf Hindernisse stösst.
Doch das heisst mitnichten, dass die Schweiz auf Solarstrom verzichten muss: Sie kann ihn zum halben Preis, der er in CH kosten würde, aus Spanien importieren. Dafür braucht es aber das SuperGrid, welches in ganz Europa für den Stromausgleich sorgt. Die CH ist also gut berraten, nicht auf Autarkie hinzuarbeiten, sondern die Zusammenarbeit mit der EU zu suchen.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 1

Sehr geehrter Herr Graffenried,

sie deuten in ihrem Text an, dass eine Dominanz von erneuerbaren Lösungen bei der zukünftigen Energieversorgung der Schweiz und von Europa eine Netzwerklösung erfordert. Autarke Lösungen mit lokalen Speichern sind dagegen zweite Wahl, weil nur wenige Speicherformen einigermassen kostengünstig sind und über genügend grosse Kapazität verfügen. Batterien gehören weder zu den kostengünstigen noch zu den Speichern grosser Kapazität. Sie haben nur den Vorteil des geringen Speicherverlusts und können allenfalls kurzfristige Schwankungen auffangen. In der langen Liste denkbarer Stromspeicher sind nur noch Wasserkraftwerke/Pumpspeicher Speicherformen, die die erstrebenswerten Eigenschaften
– geringe Kosten pro gespeicherte kWh
– hohe Kapazität
– geringer Speicherverlust, guter Wirkungsgrad (70-80%)
in sich vereinen.

Die Schweiz könnte in egoistischer Weise eine autarke Lösung anstreben und die Pumpspeicher und grossen Dämme nur für sich allein beanspruchen. Doch damit würde sie die beste Lösung für den Ausgleich von Produktionsschwankungen europaweit torpedieren. Die beste Lösung ist ein möglichst grossräumiges Supergrid, welches ganz Europa und Teile Nordafrikas durch Hochspannungsgleichstromleitungen miteinander verbindet zusammen mit
– wenigen fossilen Backupkraftwerken als Kaltreserve
– Pumpspeichern und Dämmen in CH und Skandinavien
– Biomassekraftwerken zur Überbrückung von „Löchern“
Das EU-Projekt roadmap 2050 beschreibt diese Lösung.

Sie schreiben: Die Pumpspeicherung bleibt ein wichtiger Bestandteil der schweizerischen Stromversorgung. Das stimmt und es stimmt sogar: Die Pumpspeicherung wird eine wichtige Komponente einer europaweiten, von erneuerbaren Energien dominierten Stromversorgung sein.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Oh je,
wenn ein „Gruener“ sagt:

Man muss zwischen Pest und Cholera waehlen, dann
fragt man sich warum Herr Graffenried die dritte Moeglichkeit noch nicht mal in den Mund nimmt?

Naemlich mit weniger Energie auskommen.

oder anders formuliert:

Zwischen Leben und traeumen gibt es noch etwas drittes
was ist es?

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 3 Daumen runter 7

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