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Produktion von Biotreibstoffen: Mögliche Auswirkungen auf die Landnutzung

12.04.2012 von

Obwohl die Produktion von Biotreibstoffen erst einen kleinen Anteil der aktuellen weltweiten Energieversorgung ausmacht, ist sie stark gewachsen und wird voraussichtlich weiter zunehmen. In diesem Zusammenhang werden aber auch Bedenken laut zu allfälligen negativen Nebenwirkungen, vor allem hinsichtlich der Nahrungsmittelproduktion

Direkte Auswirkungen

Das vorgebrachte Hauptargument gegen Biotreibstoffe bezieht sich darauf, dass die verfügbare Gesamtoberfläche der Erde endlich ist und Land damit eine begrenzte Ressource darstellt. Wenn Land einer bestimmten Nutzung zugeteilt wird, erfolgt dies deshalb auf Kosten anderer Landnutzungen – die Landnutzungen konkurrieren sich gegenseitig. Wenn also der Preis für das Produkt einer bestimmten Landnutzung (z.B. Energiepflanzen) steigt, dann führt dies dazu, dass Landwirte mehr Land der Produktion dieses Gutes zuteilen. Somit steht weniger Land zur Verfügung für die anderen Landnutzungen (z.B. zur Nahrungsmittelproduktion). Wir können diesen Effekt als «direkte Landnutzungskonkurrenz» benennen, da er ein Wettstreit um Land zwischen benachbarten, sich rivalisierenden Landnutzungen darstellt.

Indirekte Auswirkungen

In jüngster Zeit wiesen Forscher darauf hin, dass die Produktion von Biotreibstoffen auch indirekte Auswirkungen haben könne: Die Ausbreitung von Biotreibstoffen könne Entscheidungen der Landnutzung beeinflussen in Regionen, die weit entfernt vom eigentlichen Produktionsort der Energiepflanzen liegen. Unsere Forschung zeigt, dass diese indirekten Effekte sich in zwei Arten unterteilen lassen:

a) Indirekte Landnutzungskonkurrenz

Wenn ein Landwirtschaftssektor sich ausbreitet (z.B. Produktion von Energiepflanzen), kann dies eine Verschiebung der anderen Kulturen in andere Regionen verursachen, beispielsweise in waldreiche Gebiete. Dadurch kann eine Zunahme in der Produktion von Biotreibstoffen zu mehr Abholzung der Wälder führen. Durch die bei der Abholzung entstehenden CO₂-Emissionen könnten die Emissionsreduktionen durch Biotreibstoffe zumindest teilweise vermindert werden.

Unsere Ergebnisse zeigen, dass eine solche Verschiebung nur dann stattfindet, wenn die Verringerung der Produktionsmenge der verdrängten Pflanzen deren Preis steigen lässt. Dies kann zum Beispiel der Fall sein, wenn ein Staat ein grosser Produzent dieses Gutes ist. Der Preisanstieg wird die Landwirte dazu veranlassen, mehr Land freizuräumen, um mehr dieser umplatzierten Pflanzen zu produzieren. Möglicherweise geschieht dies wiederum auf Kosten von Brachflächen oder Wäldern.

b) Wettbewerb am Arbeitsmarkt

Wenn Waldgebiete den Zielort von armen Haushalten auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen darstellen (zum Beispiel als Land für die Subsistenzlandwirtschaft oder als Quelle von Feuerholz), kann die Produktion von Energiepflanzen ausserhalb der Waldregionen diesen Haushalten eine Alternative bieten und somit eine Wegverlagerung von der Waldgrenze bewirken. Dabei gilt, dass der Sektor der Energiepflanzen umso mehr an Attraktivität gewinnt, desto arbeitsintensiver er ist und desto höher seine Löhne im Vergleich zu den anderen Sektoren ausfallen. Die Auswirkungen dieses Wettbewerbs am Arbeitsmarkt können somit zur Verminderung der Abholzung der Wälder beitragen: Die Chancen auf einen Job in der Biotreibstoffproduktion könnten dann beispielsweise attraktiver sein als die illegale Abholzung zum Zwecke der Subsistenzwirtschaft.

Zukünftige Studien sind notwendig, um empirisch die Grösse der einzelnen Effekte festzulegen und damit die Auswirkungen der Ausbreitung von Biotreibstoffen bezüglich Kohlendioxidemissionen netto zu berechnen.

Literaturhinweis

Der Blogbeitrag basiert auf der Doktorarbeit von Frau Andrade de Sa und der folgenden Publikation: Andrade de Sá S., Palmer C. and Engel S. “Ethanol Production, Food and Forests” Environmental and Resource Economics (2012) 51:1–21.

Zu den Autoren

Stefanie Engel ist Professorin für Umweltpolitik und Umweltökonomie an der ETH Zürich. Persönliches Zitat und Biografie

Diesen Blogbeitrag hat Stefanie Engel gemeinsam geschrieben mit Dr. Saraly Andrade de Sa, basierend auf der Doktorarbeit von Frau Andrade de Sa und einer gemeinsamer Publikation (siehe Literaturhinweis). Frau Andrade de Sa ist seit ihrer Promotion PostDoc in der Forschungsgruppe von Stefanie Engel.

 





Kommentare (6) >Alle Kommentare aufklappen>Alle Kommentare zuklappen

Der New York Times-Beitrag As Biofuel Demand Grows, So Do Guatemala’s Hunger Pangs werden folgende Auswirkungen der zunehmenden Biotreibstoffanbaus festgehalten:
– Anstieg der Nahrungsmittelpreise
– Landnutzung durch Biotreibstofffarmen lässt Landreserven für Kleinbauern schrumpfen
– Zunahme der Unterernährung weil die meisten Familien 2/3 ihres Einkommens für Nahrung ausgeben und die Nahrungsmittelpreise durch Biotreibstoffanbau gestiegen sind
– Guatamalas Grossgrundbesitzer verpachten nun viel weniger Land an Kleinbauern, weil Biotreibstoffanbau mehr einbringt

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@Kommentar von Roger Meier.
Zitat: „Für die dritte Welt sind hohe Preise von Agrargüter BESSER,…“
Für die Landwirtschaft in der dritten Welt sind sie eventuell langfristig gesehen besser, nicht aber für die Menschen, die in extremer Armut leben, denn denen fehlt das Geld für teure Lebensmittel. Steigt der Lebensmittelpreis innert weniger Jahre leiden alle ärmeren Menschen, die einen Grossteil ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben, darunter – auch die Bauern in diesen Ländern. Über einen längeren Zeitraum hin könnten höhere Lebensmittelpreise aber auch den Landwirten in der dritten Welt helfen, wenn es denn keine Importzölle in der EU und in den USA für ihre Waren gäbe. Die EU verscherbelt ja ihre landwirtschaftliche Überproduktion in den Drittweltländern und kennt gleichzeitig hohe Importzölle auf Lebensmitteln. Ein weiteres Problem ist die geringe Produktivität der Kleinbauern in den Entwicklungsländern, weshalb z.B. die westafrikanischen Bauern selber höhere Importzölle für Einfuhren von landwirtschaftlichen Produkte nach Westafrika fordern . Hier ein paar Zitate dazu:
Nach Angaben der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) importiert Westafrika jährlich Lebensmittel im Wert von umgerechnet mehr als vier Milliarden US-Dollar. Von den rund 197 Millionen Hektar landwirtschaftlich nutzbaren Flächen der Region werden nur 54 Millionen Hektar bestellt.

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Messerscharfer Verstand von der Autorin. Für die dritte Welt sind hohe Preise von Agrargüter BESSER, auch wenn die ganze linksverseuchte Presse das Gegenteil rausposaunt und die Papageien das nachplappern. Hohe Preise -> hoher Kapitalfluss in diese Länder. Wie sonst sollen diese Länder sonst prosperieren? Mit China um den Produktionsstandort von billigen industriellen Gütern kämpfen? Auf eine Patenschaft von World-Vision hoffen?
Wenn jegliche Produktion von Agrargütern mit Ausbeutung zusammenhängen soll, dann können sie ja gleich gar nichts mehr machen. In Ländern mit grossem Agrar-Output wie Kanada und USA krüppelt auch niemand mit der Machete in der Hand.

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Bei BioTreibstoffen zählt für mich nur die Devise: Teller-Trog-Tank. Was wo produziert wird hängt von den dort verfügbaren Abfällen ab. Biotreibstoffe bleiben eine Nische, deren Ausprägung lokal unterschiedlich ist.

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sehr geehrte Professorin Engel,

wenn sie schreiben:
„Das vorgebrachte Hauptargument gegen Biotreibstoffe bezieht sich darauf, dass die verfügbare Gesamtoberfläche der Erde endlich ist und Land damit eine begrenzte Ressource darstellt. Wenn Land einer bestimmten Nutzung zugeteilt wird, erfolgt dies deshalb auf Kosten anderer Landnutzungen – die Landnutzungen konkurrieren sich gegenseitig.“

dann frage ich mich was man eigentlich noch an weiteren Argumenten braucht (falls einem Nachhaltigkeit wichtig ist).

Aber ok ich verstehe, die meisten Menschen „hier“(?) scheinen
zu glauben die Grenzen sind noch so weit weg dass
man sie praktisch ignorieren kann.

Wenn dem so ist dann fragt man sich welche Rechte
zum Beispiel Orang-Utans haben im Vergleich zu unserem
angeblichen Recht weiter mit Palmoel Auto zu fahren
http://de.wikipedia.org/wiki/Orang-Utans

„Heute sind beide Arten stark bedroht. Die Gründe dafür liegen in erster Linie in der Zerstörung ihres Lebensraumes, daneben in der Bejagung und im Handel – insbesondere mit Jungtieren. Verschärft werden diese Faktoren durch die langsame Reproduktionsrate der Tiere.
Hauptbedrohung stellt heute die Zerstörung ihres Lebensraumes dar. In großem Ausmaß werden Wälder gerodet, einerseits zur Holzgewinnung, andererseits zur Errichtung landwirtschaftlich genutzter Flächen. Neuerdings gefährdet die starke Nachfrage nach Palmöl zunehmend die Habitate der Orang-Utans. Malaysia und Indonesien, die beiden Länder, in denen Orang-Utans leben, zählen zu den Hauptproduzenten dieses Produktes.“

Des weiteren stellt sich die Frage wie Sie die heutige nicht nachhaltige Landwirtschaft in eine nachhaltige verwandeln
moechten, wenn man den Stress noch zusaetzlich erhhoeht?
(wohl gemerkt die Bio-Labels und fair trade bei Energiepflanzungen
sind wohl noch nicht erfunden oder?)

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Sehr geehrter Frau Professor Engel,

haben sie also doch noch eine Hypothese gefunden, bei der vermehrte Landnutzung durch Biotreibstoffanbau Vorteile bringt. Und zwar nicht nur dem Besitzer und Verwalter des Landes, sondern sogar denjenigen, die auf diesen Biotreibstofffeldern arbeiten. Zudem gibt es in ihrer Hypothese sogar noch Vorteile für den Wald, der dann nicht mehr als Verdienstquelle dienen muss und somit von Abholzung verschont wird.

Die Arbeit beim Anbau von Zuckerrohr in Brasilien bestätigt ihre Hypothese allerdings nicht. Sie widerlegt sie auch nicht. Allerdings sind die Arbeitsbedingungen hundsmiserabel und führen früh zum totalen gesundheitlichen Verschleiss der Arbeitsmaschinen – der Menschen also, die den Zuckerrohr abbauen, denn die arbeiten meist noch mit der Machete.

Würde man alles heute verbrauchte Rohöl durch Alkohol aus Zuckerrohranbau ersetzen wäre die gesamte Landfläche Brasilien, also 8 Millionen Quadratkilometer nötig. Das zeigt für mich, dass man so etwas gar nicht versuchen sollte.

Biotreibstoff könnte dagegen sinnvoll aus Ölen von neu dafür gezüchteten Algen gewonnen werden oder aus Lignozellulose oder aus Stoffwechselprodukten von speziell dafür gezüchteten Mikroorganismen. Damit wäre viel weniger Landverbrauch verbunden und es bestehen auch grössere Chancen, dass der Return on Energy invested in vernünftige Grössenordnungen fällt.

Sinnvoll produzierten Biotreibstoff gibt es im Moment jedenfalls noch nicht. Das ist immer noch ein Zukunftsprojekt.

Ihre Vision, den Leuten Arbeit zu beschaffen im Biotreibstoffanbau ist in der Praxis eine Horrorvision. Lieber keine Arbeit als eine, die das Leben zerstört. Auch die Umweltauswirkungen sind in der Praxis alles andere als positiv.

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