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«Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos»

09.12.2011 von

Beim Blick auf die Berichterstattung über die Klimakonferenz in Durban fällt mir der Titel des Films von Alexander Kluge aus dem Jahr 1968 ein: «Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos.» Erinnern Sie sich? 

In diesem Film «träumt der Artist Manfred Peickert in der Zirkuskuppel von neuen Ideen, stürzt jedoch tödlich ab, bevor er sie realisieren kann. Seine Tochter Leni leistet Trauerarbeit und möchte ihren eigenen <Reformzirkus> gründen. … Das Programm nimmt konkrete Gestalt an, doch je näher die Premiere rückt, desto mehr sind die Beteiligten sich uneins, desto mehr verliert das Konzept an Kraft. … Mit dem Eingeständnis <Die Utopie wird immer besser, während wir auf sie warten> bricht Leni das Experiment ab. Stattdessen geht sie zum Fernsehen, um dort eine <Politik der kleinen Schritte> auszuprobieren.»¹

Eine ähnliche Ratlosigkeit scheint die laufende Klimakonferenz in Durban zu prägen: Auch einen Tag vor dem Abschluss der Konferenz ist nicht zu erkennen, dass man sich auf ein umfassendes Kyoto-Nachfolgeprotokoll wird einigen können. Bestenfalls wird die EU das Protokoll in einer noch nicht näher spezifizierten Form fortführen, und der Rest der Welt wird sich auf eine «Road Map» einigen, mit der man die Entscheidung für ein verbindliches Abkommen bis 2015 und dessen Inkrafttreten bis 2020 verschiebt. Woher kommt die Ratlosigkeit der Unterhändler? Etwas vereinfacht ausgedrückt wird sie in der Regel damit begründet, dass sich die grössten Treibhausgasemittenten unter den Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländern nicht darauf einigen können, wer in welchem Umfang und in welchem Zeitraum Emissionen reduzieren und die Kosten dafür tragen soll.

Verunsicherte Verhandlungspartner

Die Diagnose dieser Verteilungsproblematik trifft gewiss einen äusserst wichtigen Punkt, greift aber vermutlich zu kurz. Niemand an den Verhandlungen bestreitet den Klimawandel, aber ich habe den Eindruck, dass in einigen Ländern noch erhebliche Verunsicherung darüber herrscht, ob der Beitrag des Menschen tatsächlich so entscheidend ist, wie Klimawissenschaftler ihn derzeit veranschlagen (siehe auch Blogbeitrag von Dr. Markus Huber >hier). Verunsicherung herrscht auch bezüglich der geschätzten Schäden, die man dem befürchteten Klimawandel zuschreibt, sowie bezüglich der Kosten der erforderlichen Reduktion von Treibhausgasemissionen. Ausserdem fallen die Kosten sehr rasch an, während die (teilweise ungewissen) Nutzen in ferner Zukunft liegen. Die seit Jahren wiederholten Positionsbezüge verschiedener Ländervertreter erwecken den Eindruck, dass – neben der ungelösten Verteilungsproblematik – aufgrund dieser Verunsicherungen die von der Mehrheit der Klimaforscher geforderten drastischen Emissionsreduktionen nicht zustande kommen.

Zu ambitiöse Ziele behindern Verhandlungen

Die Blockade könnte eventuell dadurch beendet werden, dass man in den kommenden Jahren eine weniger ambitiöse Verhandlungsstrategie anstrebt als in der Vergangenheit, und die im Jahr 2010 von annähernd 50 Ländern deklarierten freiwilligen Verpflichtungen der Emissionsbegrenzung bis 2020 als neuen Ausgangspunkt verwendet. Anstatt ein derzeit unerreichbares globales Ziel von Emissionsreduktionen vorzugeben, würde man die Verhandlungen dort beginnen, wo sich die Länder trotz, oder wegen, der angesprochenen Verunsicherung selbst positionieren. Auf dieser Basis könnten dann, bei Bedarf auch nach Sektoren gegliedert, ehrgeizigere Ziele in kleineren Schritten ausgehandelt werden. In der Metapher von Alexander Kluge: Es wäre möglicherweise zielführender, wenn die Artisten von Durban für einige Zeit die Illusionskunst in der Zirkuskuppel zugunsten kleiner, aber zählbarer Fortschritte im biederen Fernsehen aufgeben würden.

.

¹Gekürzter Text aus: www. filmportal.de

Zum Autor

Rolf Kappel ist Wirtschaftswissenschaftler und Professor für Probleme der Entwicklungsländer an der ETH Zürich. Persönliches Zitat und Biografie





Kommentare (5) >Alle Kommentare aufklappen>Alle Kommentare zuklappen

Noch ein Nachtrag zu:

@Kommentar von Michael Dittmar. 09.12.2011, 20:15
„Ich wuerde einfach sagen:
Unsere industrielle Kultur ist bereit jedes Risiko
zu akzeptieren und wandert willig in den Abgrund“

Es ist eigentlich noch schlimmer:
Nachrichten aus
dem „Muster-Wunder-Vorbild Land“ von Buehler und co

Nicht nur willig in den Abgrund sondern mit Augen zu
jedes Verbrechen kann mit Fortschritt gerechtfertigt werden.

Wer es nicht glaubt kann es hier selber lesen:

Nearly 20% of women in the US are raped or suffer attempted rape at some point in their lives, a US study says.
http://www.bbc.co.uk/news/world-us-canada-16192494

und America’s child death shame
http://www.bbc.co.uk/news/magazine-15193530

Over the past 10 years, more than 20,000 American children are believed to have been killed in their own homes by family members. That is nearly four times the number of US soldiers killed in Iraq and Afghanistan.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

@ Peter Bühler:
– die Vertreter der NGOs haben bei UNO-Konferenzen kein „Stimmrecht“, dass haben nur die offiziellen Vertreter der Länder, also, also könnte man sagen, dass in Durban 4962 Regierungsbehördenvertretungen teilnehmen, und der Rest sind „Zuschauer“…. daher ist Ihr Kommentar nicht wirklich eine hilfreiche Ergänzung, sondern nur eine nutzlose Information.

– „Nichts genaues weiss man nicht“…. hmmm… irgendwie scheine ich das nicht ganz zu verstehen

– „…die Unsicherheiten einzugestehen…“: da haben Sie total recht, aber rennen eine offene Tür ein – das Thema der Unsicherheiten wird schon lange intensiv diskutiert.

– „…und die Teilnahme an sog. “Klimakonferenzen” künftig jenen vorzubehalten, die sich als Wissenschaftler auch tatsächlich mit dem Thema beschäftigen.“: Tut mir leid, die Wissenschaftler scheinen zwar „das Wissen zu pflegen und zu mehren“ aber leider haben sie keine „Macht“ – die hat nur die Politik (oder das Militär), d.h. die entscheiden, die Wissenschafter können beraten. Dies ist auch gut so, denn die Sichtweise der Wissenschafter ist oft sehr ‚fokusiert‘ (siehe ersten Punkt meines Kommentars) und Wissenschafter wollen in unsicheren Situationen lieber nicht entscheiden (sondern allenfalls ‚Szenarienanalysen durchführen‘), während Politiker/Behörden oft in Un- oder Teilkenntnis der Sachlage entscheiden und Verantwortung übernehmen müssen, ohne alle Details zum Abwägen aus einem Lehrbuch oder Paper ablesen zu können.

Es gibt übrigens Klimakonferenzen, an denen ’nur‘ Klimawissenschafter teilnehmen, die sprechen dann aber nicht über Road Maps und so, sondern eben z.B. über Unsicherheiten, Proxy-Relevanz, oder Zeitreihenstabilitäten…. nur scheint das die Politik nicht wirklich zu interessieren…

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Die Aussage „Niemand an den Verhandlungen bestreitet den Klimawandel“ lässt sich problemlos auch auf die – pardon -„Zurückgebliebenen“ übertragen, d. h. all die Menschen, denen es nicht vergönnt ist, sich in Durban zu tummeln.

An der Konferenz befinden sich, wie die offizielle Teilnehmerliste ausweist, Vertreter von NGOs (5’981), Regierungsbehörden (4’962), Medien (1’463), UNO-Agenturen (1’113) internationale Organisationen (486), UN-Sekretariate (327) und Unbekannte (278).

Über die Zahl der beteiligten Wissenschaftler – und ihre Fachgebiete ist nichts zu erfahren.
(Quelle: http://wattsupwiththat.com/2011/12/07/ngos-its-worse-than-we-thought/#more-52631 )

Man muss die Quelle nicht mögen und von der überproportionalen NGO-Vertretung in Durban mal abgesehen: niemand bestreitet den Klimawandel. Er zeigt sich in allen Weltgegenden und so beständig wie die Gezeiten oder der Wechsel der Jahreszeiten, seit Mio.
von Jahren

Umstritten ist dagegen DER Klimawandel, d. h. die Hypothese einer von Menschen bzw. hauptsächlich von menschlichen CO2-Emissionen verursachten, dramatischen, evtl. unumkehrbaren, negativen Veränderung des globalen Klimageschehens.

Man muss auch die Verschwendung von fossilen Energieträgern und die damit einhergehende Luftbelastung nicht gut heißen, darf aber festhalten, dass die AGW-Hypothese in der Folge diverser Skandale rund um die Erarbeitung der wissenschaftlichen Grundlagen und aufgrund der realen Beobachtungen diskreditiert ist.
Kurz, nichts Genaues weiß man nicht.

Es wird Zeit, diese Unsicherheit einzugestehen und die Teilnahme an sog. „Klimakonferenzen“ künftig jenen vorzubehalten, die sich als Wissenschaftler auch tatsächlich mit dem Thema beschäftigen.
Dem Vorschlag, die „Illusionskunst in der Zirkuskuppel“ zu stutzen, ist deshalb vorbehaltlos zuzustimmen. Luftnummern bieten keine geeigneten Antworten auf ernsthafte wissenschaftliche Fragen.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 2 Daumen runter 1

Ich wuerde einfach sagen:

Unsere industrielle Kultur ist bereit jedes Risiko
zu akzeptieren und wandert willig in den Abgrund
„Wachstum, Wachstum ueber alles.. auch wenn wir sterben
muessen“ (waere der neue Slogan auf dem Hamburger
Kriegerdenkmal http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Hh-kriegsklotz.jpg&filetimestamp=20061119210750
)
Es scheint sich leider nicht viel geaendert zu haben.

Hoffen wir also dass die limits der Energieressourcen
das schlimmste verhindern und tauschen
die Pest mit der Cholera..

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 2

Sehr geehrter Herr Prof. Rolf Kappel,
Verpflichtungen von 37 Vertragsstaaten zu Emissionereduktionen scheinen den CO2-Ausstoss seit 1990 (dem Zeitpunkt des Beginns der Klimaverhandlungen) nicht stark beeinflusst zu haben, sind doch die CO2-Emissionen seither um 49% gestiegen, wobei zwischen 2000 und 2010 jährlich 3% mehr CO2 ausgestossen wurde, während in den 1990er-Jahren die Zunahme der jährlichen CO2-Emissionen nur 1% betrug.

Zwar stagnieren die CO2-Emissionen in den Industriestaaten , sogar in den USA, die sich nicht dem Kyoto-Protokoll angeschlossen haben, allerdings oft auf einem hohen Niveau.
Der Grund für dieses Debakel ist offensichtlich:
1) Es gibt immer noch einen starken Zusammenhang zwischen Wohlstand und Energiekonsum und die kostengünstigsten und am schnellsten entwickelbaren Energiequellen sind nach wie vor die fossilen Energien, weshalb Schwellenländer kaum um sie herumkommen um ihre Wachstumsziele zu erreichen. Es verwundert deshalb nicht dass der Anteil der Kohleenergie an der Primärenerigeproduktion von 25% in den späten 1990′ern auf heute 29.6% stieg.
2) Die neuen Erneuerbaren Energien Wind+Sonne erfordern entweder ein weiträumiges Netz von Hochspannungstrasses um Produktionsschwankungen auszugelichen, Stromspeicher oder Backupkraftwerke. Damit sind die EE eben gerade keine Energiequellen für die autonome Versorgung sondern erfordern teure Infrastruktur und/oder Doppelläufigkeiten. Zudem braucht es viele Jahre um die benötige Infrastruktur aufzubauen.
3) Die höchste Priorität hat das Wirtschaftswachstum, sicher bei den Schwellenländern, aber sogar bei den Industrieländern, die sonst ihre Schulden nicht zurückzahlen können.
Fazit:
1) Kyoto genügt nicht, es sollten auch andere Ansätze verfolgt werden (z.B. neue UNO-Dekarbonisiserungsbehörde)
2) Die Dekarbonisierungstechnologie muss verbessert werden.

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