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Nägel mit Preisen

22.09.2011 von

Ein aktiver Klimaschutz und der Verzicht auf bestehende Kernkrafttechnologien sind mittlerweile politisch breit akzeptiert. Konkrete Schritte zur Erreichung dieser Ziele haben es dagegen politisch schwer. Unbeliebt sind insbesondere die Massnahmen im Preisbereich, zum Beispiel Lenkungsabgaben.

Indes, wer in der Energie- und Klimadebatte Nägel mit Köpfen machen will, sollte nicht an den Preisen vorbeiargumentieren.

Neues Energiesystem ist machbar

Ein nachhaltiges Energiesystem ohne Kernkraft und mit geringen CO2-Emissionen ist technologisch möglich und wirtschaftlich verkraftbar; das war die Folgerung des Energiegesprächs der ETH am 2. September 2011. In den Thesen der ETH steht aber auch der Zusatz «unter bestimmten Bedingungen» (>hier). Dazu gehören die Planungssicherheit für private Investoren sowie die sogenannte «Kostenwahrheit». Damit sollen bisher vernachlässigte Kosten in den Bereichen Umwelt und Sicherheit im Energiepreis berücksichtigen werden. Dies wird die Preise der fossilen Energien und der Kernenergie naturgemäss erhöhen.

Ginge es nicht zu heutigen Preisen?

Es ist schon heute absehbar, dass die Energiepreise auch ohne neue Energiepolitik steigen werden. Stilllegungs-, Lager- und Sicherheitskosten im Nuklearbereich sowie die zunehmenden Verknappungen der fossilen Energien werden künftig preistreibend wirken. Konstante Energiepreise bilden damit keine realistische Referenzentwicklung.

Zudem sind Preise, die unter ihren volkswirtschaftlichen Kosten liegen, nichts anderes als versteckte Subventionen an den Energiebereich auf Kosten von Sicherheit, Umwelt und künftigen Generationen. Normen und Vorschriften zum Energieverbrauch können zwar ebenso zweckmässig sein, sind aber auch nicht kostenlos und entfalten – beispielsweise im Verkehrsbereich – eine zu geringe Wirkung. Subventionen – zum Beispiel im Gebäudebereich – wirken zwar durchaus kräftig, müssen aber von jemandem bezahlt werden.

Richtige Prioritäten setzen

Die politische Akzeptanz von Massnahmen hat viel mit den (vermuteten) Wirkungen auf die Einkommensverteilung zu tun. Die Politik verfügt über wirksame Mittel, die gesellschaftlichen Forderungen an die soziale Gerechtigkeit durchzusetzen. Künstlich tief gehaltene Energie- und Umweltpreise sind kein taugliches Mittel in diesem Zusammenhang. Nicht die Unterstützung von strukturschwachen Branchen, sondern das Ermöglichen von Strukturstärke und neuen Wettbewerbsvorteilen sollte das Ziel sein.

Höhere Energiepreise vermitteln nachhaltige Anreize für Innovationen und Investitionen, welche die wirtschaftliche Entwicklung unterstützen. Um dem privaten Sektor auch direkte Vorteile zu verschaffen, können Lenkungsabgaben mit einer Senkung von Einkommens- und Unternehmenssteuern gekoppelt werden. Damit schaffen wir gleichzeitig ein effizienteres Steuersystem und Nägel mit Köpfen in der Energiepolitik.

Zum Autor

Lucas Bretschger ist Professor für Ressourcenökonomie an der ETH Zürich. Persönliches Zitat und Biografie

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Kommentare (11) >Alle Kommentare aufklappen>Alle Kommentare zuklappen

Lieber Herr Prof. Bretschger
Herzlichen Dank für diesen ausgezeichneten Beitrag. Die Energiewende bringt uns eine Qualitätssteigerung der Energie (mehr lokale Wertschöpfung, weniger CO2 Kosten, weniger Risiken/versteckte Subventionen). Wie bei allem anderen gibt es mehr Qualität oft eben auch zu höherem Preis. Bei volkswirtschaftlicher Betrachtung wird klar, dass die Wende durchaus machbar ist (sie schreiben ‚verkraftbar‘, ich denke ‚wirtschaftlich hoch attraktiv‘ wäre auch eine Szenario).
Ohne Massnahmen wird es sicherlich nicht gehen. Für diese wird sich swisscleantech in den kommenden Jahren konsequent einsetzen. Eine Lenkungsabgabe scheint uns aus heutiger Sicht eine der effizientesten Massnahmen. Wir teilen die ‚ordnungspolitischen‘ Befürchtungen von economiesuisse & Co nicht. Wichtig für uns ist die Einfachheit und Transparenz (d.h. die daraus resultierende Planbarkeit) einer Lenkungsabgabe. Die Einfachheit (vor allem im Vergleich zu den diskutierten alternativen Massnahmen – wie Quotenmodell, progressive Preise, etc) ist auch wichtig, um den administrativen Aufwand auf Staats- und Firmenseite minimal zu halten. Denn es sind die Personalkosten und nicht die Energiekosten die bei 95% aller Schweizer Firmen den wichtigsten Kostenfaktor darstellen
Beste Grüsse,
Nick Beglinger

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Kommentar von Ben Palmer. 28.09.2011, 20:12
@Michael Dittmar: “Wie viele Tierarten sind seither ausgestorben und wie viele sind auf die “rote” Liste gekommen”

Guten Tag Herr Palmer,

darf ich Sie (und andere) zum Film und anschliessende Diskussion einladen (vermutlich im November ..)?
In der Zwischenzeit schon mal der Trailer auf
http://www.calloflife.org/
oder youtube fuer ..
Wikipedia hat auch ne Menge zum Thema..
und
http://www.well.com/user/davidu/extinction.html

langt das erstmal?

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@Michael Dittmar: „Wie viele Tierarten sind seither ausgestorben und wie viele sind auf die “rote” Liste gekommen“

Da Sie die Frage hier stellen, gehe ich davon aus, dass Sie die Antwort kennen. Wieviele sind es denn, und welche sind es? Und da Sie uns hier sicher eine ganze Liste aufzählen werden, schreiben doch auch dazu, woher man mit Sicherheit weiss, dass sie ausgestorben sind, und an was die Todesursache war oder wo sie hingewandert sind.

Übrigens: in der Schweiz sind der Bär, der Luchs, der Wolf und die Malaria-Mücke ausgestorben. Die letzten Malariaausbrüche fanden in der Schweiz während des zweiten Weltkriegs statt.

Wie Sie gerne selbst sagen: in der Wissenschaft zählen nur Fakten.

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Hoi Martin,

„du gehst in deiner Antwort und in vielen deiner Kommentare bereits von einer materiell wesentlich ärmeren Zukunft aus. Doch damit stehst du quer zu den impliziten Annahmen praktisch aller Leute (seien es Professoren oder “Gäste”)“

ja, vielleicht. Aber, was haben diese („Experten“)
Leute vor sagen wir 10 Jahren
zum Thema geschrieben und was schreiben sie heute?

und na ja, schau zum Beispiel mal nach Davos..
http://www.worldresourcesforum.org/

und
„Draft chairman’s statement Davos World Resources Forum calls for doubling of resource efficiency“

koennte ruhig noch deutlicher sein, aber oekonomische und Technofix Illusionen sollten der Vergangenheit angehoeren..

uebrigens .. um wieviel ppm ist das CO2 seit dem
Kyoto Abkommen 1997 gestiegen?

Wie viele Tierarten sind seither ausgestorben und wie viele
sind auf die „rote“ Liste gekommen etc

Wie hat sich die Situation der Weltmeere veraendert?

brauchst du noch mehr?

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@Kommentar von Michael Dittmar. 26.09.2011, 17:43

Zitat:Wir lernen mit weniger “Energiekomfort” vernuenftig zu leben oder wir werden auf die harte Art dazu gezwungen.

Hoi Michael,

du gehst in deiner Antwort und in vielen deiner Kommentare bereits von einer materiell wesentlich ärmeren Zukunft aus. Doch damit stehst du quer zu den impliziten Annahmen praktisch aller Leute (seien es Professoren oder „Gäste“), die hier schon einen Beitrag geschrieben haben und auch quer zu praktisch allen politischen Akteuren. Selbst Grüne sagen der Schweiz – z.B. im Falle einer starken Förderung von Cleantech – eine goldene materielle Zukunft voraus.

Solange die Schweiz reicher ist als ihre Nachbarn tendiert sie dazu, unangenehme Dinge auszulagern. Alllerdings hat das seinen Preis: Importenergie wird sicher nicht billiger sein als an der Quelle, von wo sie importiert wird. Doch die Zeit, in der die Schweiz billige Energie selber produzieren kann, ist ohnehin vorbei.

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Hoi Martin,

du schreibst:

„Die Zukunft der CH-Energieversorgung liegt damit weitgehend beim Import von Strom, Erdgas und Erdöl.“

Ich wuerde sagen nein! Die Zukunft der Schweiz liegt
bei 1.) Erkennen dass die nicht erneuerbaren Energieressourcen endlich sind und praktisch nicht und im heutigen durch angeblich erneuerbare Quellen ersetzt werden koennen.

2.) Damit werden Importe gerade von „Strom“
aus den Nachbarlaendern, die alle vor dem gleichen Dilemma stehen, direkt und in wenigen Jahren zu einer Illusion

3) Wir lernen mit weniger „Energiekomfort“ vernuenftig zu leben
oder wir werden auf die harte Art dazu gezwungen.
Lernen wir lieber vorher als die unangenehmen Fakten bei den Griechen zu lernen.
zu lernen

zu:
„Wer das noch nicht glaubt, kennt die Schweiz zu wenig. Das Hässliche und Unbequeme wird generell ausgelalgert, wenn man es sich leisten kann – und die Schweiz kann es sich leisten.“

die richtige Aussage waere eher:

die Schweiz kann es sich im Moment leisten.
In ein paar Jahren sieht das ganz anders aus und
wir werden uns mit der Rationierung anfreunden muessen.

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@Prof. Lucas Bretschger,Michael Dittmar, Roger Meier

Professor Bretscher hält Ein nachhaltiges Energiesystem ohne Kernkraft und mit geringen CO2-Emissionen für technisch machbar und fordert die Berücksichtigung der Kostenwahrheit, die automatisch zu einer Erhöhung der Energiepreise für Kernenergie und für fossile Energien führen wird und damit Erneuerbare konkurrenzfähig macht.

Tatsächlich sind für ein erneuerbares Energiesystem wie wir es heute kennen aber auch immaterielle Kosten abzugelten. Dazu gehört, wie Roger Meier richtig feststellt, die Veränderung und wohl auch Beeinträchtigung der Landschaft – allein schon über die zu installierenden Windturbinen und Photovoltaikpanel. Dazu kommen noch die von der Energiewirtschaft bereits offiziell geforderten zusätzlichen 900 km Hochspannungsleitungen in der Schweiz. Mit einer überzeugenden Stromspeicherlösung muss man auch mit mehr als 20 nötigen Pumpspeicherseen rechnen.

Auch von grüner Seite gibt es Widerstand gegen Pumpspeicher und das Verbauen des letzten Flüsschens um noch etwas Strom zu gewinnen. Die Schweizerische Energiestiftung, die Anti-Atom und Pro-Erneuerbare ist, wehrte sich und wehrt sich immer noch gegen neue Pumpspeicherwerke.

Es gibt aber auch Grüne, die noch den letzten freien Fleck Land am liebsten mit Windrädern überstellen möchten. Doch die sind in der Minderheit. Für mich ist es offensichtlich, dass in der Schweiz eine Energieselbstversorgung bis ins letzte und bis zu den bitteren Konsequenzen für die Landschaft nicht durchgesetzt werden kann.

Die Zukunft der CH-Energieversorgung liegt damit weitgehend beim Import von Strom, Erdgas und Erdöl. Wer das noch nicht glaubt, kennt die Schweiz zu wenig. Das Hässliche und Unbequeme wird generell ausgelalgert, wenn man es sich leisten kann – und die Schweiz kann es sich leisten.

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Ja zu Nägel mit Preisen!
Jetzt gilt es Nägel mit Köpfen zu finden, zu wählen und es umzusetzen!

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„Wir leben in einem kleinen Land mit 7 Mio. Einwohnern. Trotzdem ist eine wichtige Einnahmequelle der Tourismus und wir können uns freuen, in einem schönen Land zu leben.“

In der Tat! Dazu gehoeren auch (noch) die Gletscher
sowie der Schneereichtum im Winter.

Herr Meier,
Wieviel ist ihnen dieser „Reichtum“ Wert?

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Genau, die Medien und die Regierung sollen endlich mal die Verhältnisse aufzeigen, die in der Schweiz herrschen:

Wir leben in einem kleinen Land mit 7 Mio. Einwohnern. Trotzdem ist eine wichtige Einnahmequelle der Tourismus und wir können uns freuen, in einem schönen Land zu leben. Der Preis dafür: Sparsames Einzonen der Wohnflächen, strenge Bauvorschriften. Landpreise von 1000.-/m2 keine Seltenheit.

Jetzt verschandeln wir das Land mit Windrädern und zerstören das Volkseigentum für 2-3% Stromanteil.

DAS ist Kostenwahrheit.

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Sehr geehrter Herr Bretschger,

Das neue Energiesystem, das sie beschreiben, wird, wie sie selber andeuten, kaum von selbst und unter der Wirkung der heutigen Marktkräfte entstehen. Denn diese Marktkräfte tendieren zur kostengünstigsten Lösung – betrachtet über die voraussichtliche Lebensdauer der Installationen/Investitionen. Sind aber wichtige Eckpunkte der zukünftigen Kosten nicht bekannt, werden sich Investoren zurückhalten, denn die wenigsten Investoren sind Hasardeure. Es gilt allerdings als ausgemacht, dass auch in Zukunft Energiepreise nicht einfach in den Himmel wachsen dürfen. Deshalb werden in Deutschland mit Zustimmung der Regierung immer noch fleissig Kohlekraftwerk über Kohlekraftwerk gebaut. In Deutschland werden nämlich rein schon aus Kapazitätsgründen auf absehbare Zeit hin Wind- und Sonnenkraft nur dann Strom liefern, wenn der Wind bläst oder die Sonne scheint. Flauten und bedeckte Tage werden dann von den sonst in Wartestellung verharrenden fossilen Kraftwerken ausgeglichen.
Anerkannt die bessere Lösung wäre es, überschüssigen Wind- und Sonnenstrom entweder zu speichern (in Pumpspeichern, Druckluftspeichern, Batterien) oder/und Produktionsschwankungen über ein transeuropäisches Netz von Hochspannungsleitungen auszugleichen. Nur wird es dieses transeuropäische Netz auf absehbare Zeit nicht geben: Weil es kein Europa gibt, das diesen Namen verdient.
In der Schweiz allerdings wäre ein auf Pumpspeichern und Energieexporten (Pumpspeicherstrom) und Energieimporten (z.B. Sonnenstrom aus Spanien) basierendes System durchaus möglich. Allerdings braucht es für die Realisation eines solchen Systems Unterstützung (auch finanzieller Art) aus der Politik. Einspeisevergütungen für Sonnen- und Windstrom genügen nicht, denn ein Energiesystem besteht aus mehr als nur ein paar erratisch produzierenden Stromproduzenten. Ein rein erneuerbares Energiesystem in CH braucht dazu noch viele neue Leitungen und viele neue Pumpspeicher.

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