ETH-Klimablog - Energie - Stromzukunft Schweiz – Quo vadis?

ETH life zum Thema

Welternährung: «Ein nahrhafter Denkanstoss» (17.10.13)
Klimaforschung: «Klimaforschung im Dialog» (4.10.13)
Klimaforschung: «Emissionen verpflichten uns langfristig» (27.9.13)
Energieforschung: «Der Asket unter den Motoren» (12.9.13 )

Blog-Schwerpunkte

Die Beiträge geordnet nach Wissensgebieten rund um den Klimawandel:
>Klimaforschung
>Umweltfolgen
>Energie
>Mobilität
>Wirtschaft
>Politik
>Stadtentwicklung
>Welternährung
>Nord-Süd

Archive

Stromzukunft Schweiz – Quo vadis?

20.09.2011 von

Zu gerne würde ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, auf die Frage «Stromzukunft Schweiz – Quo vadis?» in ein paar kurzen Sätzen eine optimale Lösung für einen umweltgerechten, preisgünstigen Strommix präsentieren. Eine Lösung, die für alle zufriedenstellend und, in naher Zukunft realisierbar ist und die Stromversorgung sicherstellt.

Die aktuellen Diskurse belehren uns eines anderen: Noch nie ist das Thema Energie intensiver und polemischer, aber auch emotionaler diskutiert worden. Die Meinungen gehen weit auseinander, Argumente und Gegenargumente jagen sich. Eine einzige und richtige Lösung, die allen Anspruchsgruppen gerecht wird, scheint zurzeit niemand zu kennen.

Schwachpunkte im Papier des Bundesrates

Wir von der Axpo sind uns bewusst, dass Ersatz-Kernkraftwerke gegenwärtig nicht mehr mehrheitsfähig sind. Damit fällt aber ein wesentlicher Pfeiler einer wirtschaftlichen und vor allem klimafreundlichen Stromproduktion weg. Wie ist diese Lücke – rund 40 % der Stromversorgung in der Schweiz stammt heute aus Kernenergie – in naher Zukunft zu füllen?

Der Massnahmenkatalog des Bundesrates setzt auf Energieeffizienz, den Ausbau der Wasserkraft und der neuen erneuerbaren Energien sowie auf fossile Stromproduktion (z. B. Gas-Kombikraftwerke) und Importe. Eine genaue Prüfung zeigt, dass diese unter grossem politischen Druck schnell getroffenen Entscheidungsgrundlagen fundamentale Schwachpunkte aufweisen.

Im Gegensatz zu sämtlichen Berechnungen von Stromversorgern geht der Bund von einer kontinuierlichen Reduktion des Stromverbrauchs ab 2014 aus. Dabei wurde wohl ausser Acht gelassen, dass zwar moderne Geräte den Energiebedarf pro Anwendung reduzieren, die Zahl der Anwendungen aber (Handys, Elektromobilität, usw.) stetig wächst – und somit auch der Strombedarf.

Zudem überschätzt der Bundesrat das Potenzial hinsichtlich der «neuen erneuerbaren Energien». Axpo als grösste Produzentin von erneuerbaren Energien in der Schweiz setzt ebenfalls auf diese umweltfreundliche Stromproduktion. Wir sind uns aber bewusst, dass auch mit massiven Investitionen deren Ausbau Jahrzehnte in Anspruch nehmen wird und der Durchbruch frühestens in der zweiten Jahrhunderthälfte wahrscheinlich ist. Noch unklar ist zudem der Einfluss des Klimawandels auf die Wasserkraft. Experten sind sich sicher, dass längerfristig die für die Stromerzeugung nutzbaren Wassermengen zurückgehen.

Axpo fördert den Dialog

Damit wir auch unter neuen Rahmenbedingungen eine sichere und qualitativ hochstehende Stromversorgung gewährleisten können, setzen wir deshalb auf einen breiten Strommix, der alle Quellen berücksichtigt. Dazu gehören nebst erneuerbaren Energieformen allenfalls auch Gas-Kombikraftwerke. Bei der Planung der künftigen Stromversorgung ist uns der Dialog mit allen Anspruchsgruppen wichtig. Und wir werden uns auch künftig in die politische Debatte einbringen.

Etwas Gutes kann ich der aktuellen Diskussion letztlich abgewinnen. Spätestens jetzt bewegt das Thema Energie und regt jeden zum Mitreden an – und das ist gut so. Denn am Ende sind es die Stromverbraucher, die für alle energie- und wirtschaftspolitischen Entscheide bezahlen müssen.

Zum Autor

Gastautor Heinz Karrer ist CEO der Axpo Holding AG

.

.





Kommentare (8) >Alle Kommentare aufklappen>Alle Kommentare zuklappen

Lieber Herr Karrer

Stromzukunft Schweiz – Quo vadis?
Die Privatisierungen der Stromindustrie hat uns als Volkswirtschaft nicht gebracht. Die Strompreise sind sind alle gestiegen. Und das mehr als nur 30%. Nicht unbedingt aus dem „freien“ Markt heraus. Sondern aus einem Stromkartell der grossen Stromunternehmer.

Die Zukunft kann nur auf einer dezentralen Ebene funktionieren. Wo die Gemeinden und Kantone selber ausreichend Kraftwerke erstellen. Schon wegen der Ausfallsicherheit. Je kleiner eine Einheit ist, desto einfacher kann der Strom woanders produziert werden. Was auch die Distribution sicher macht.

Strom kann nicht als wirtschaftliche Planungssicherheit für einzelne Konzerne herhalten. Da es hier um eine volkswirtschaftliche Grösse geht, die nicht komplett in private Hände gehört. Hier liegt das Interesse der Mehrheit über dem Interesse von Wenigen.

Der Fokus sollte wieder auf effiziente Wirtschaftlichkeit liegen. Und das bieten die grossen Stromunternehmen nicht. Leider ist die Realität eine Andere. Investitionen in den Betrieb und Zukunftsträchtige Energieträger werden nur tröpfchenweise getätigt. Es wird mehr Geld in das Lobbying gesteckt. Was heute fast schon eine Form von Korruption übernommen hat.

Die BKW senkt ihre Investitionen in Erneuerbare Energie. Ein Druckmittel, um ihre Interessen durchsetzen zu können. Mehr Subventionen und doch noch eine Betriebsbewilligung für Mühleberg.

Quo vadis? Die grossen Stromkonzerne mutierten zu politischen Playern. Sie geben vor privat zu sein, kassieren aber Milliarden von Steuergeldern.
Es würde dann eher Sinn machen den Schritt zu machen und die Konzerne dem Volk zurück zu geben. Der Strom würde billiger werden. Da die Gehälter und das Lobbying wegfallen.

Privat von lat. privare = berauben, stehlen

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 1

Nachtrag ..

Schade, leider dauert es etwas bis solche Meldungen in die NZZ
oder den Tagesanzeiger kommen (warum nur?)
http://www.welt.de/print/die_welt/wirtschaft/article13683343/Atom-Aus-macht-Strom-in-Frankreich-knapp.html

Aber es ist ja eigentlich kein Geheimnis.. (und kein Fukushima Effekt)

Frankreich das Beispiel Land der Atomspaltungs-Fans
hat im Winter Stromprobleme.. Dank der einseitigen
KKW Nutzung und Ueberproduktion in der Nacht

und jetzt?

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Hallo Herr Karrer
Danke für diesen Beitrag – hier meine Kommentare:
* Zum Glück wird jetzt diskutiert. Jahrelang gab es in der Schweizer nur einen verklärten politischen Einheitsbrei, ohne Vollkostenrechnung, jenseits der technologischen Entwicklungen.
* Die KKW Diskussion in den Räten ist abgeschlossen. Es gibt bedeutend interessantere Themen – Effizienz, Erneuerbare, Netze. Sie und alle anderen Akteure sollten jetzt nicht in erster Linie weiter debattieren, sondern umsetzen.
* Ja es ist richtig, dass KKWs nicht mehr mehrheitsfähig sind. Das ist aber nicht der Grund der Wende. Ursache ist die Einsicht, dass KKWs in Sachen Risiken in einem dicht-besiedelten Land nicht tragbar sind, dass KKWs weder bez. Wettbewerbsfähigkeit noch Wertschöpfung interessant, und auch nicht klimafreundlich sind. Anstatt der Mehrheitsfähigkeit nachzutrauern empfehle ich zu ende zu denken, die heutigen technischen Entwicklungen und die zukünftigen Generationen einzubeziehen.
* Die ‚Stromlücken‘ Diskussion ist auch abgeschlossen. Es gibt in einem Markt keine Lücken (und z.Z. ja viel zu viel Strom in Europa). Dieser Begriff, wie auch ‚Technologieverbot‘ oder ‚Neue Erneuerbare‘, sind Lobby-Konstrukte von Mercer/economiesuisse. Sie entbehren wirtschaftlicher und technischer Logik, haben ihr Verfallsdatum erreicht.
* Gleiches gilt für die 4 Säulen unserer Energiepolitik. Der Unterschied zwischen ‚Grosskraftwerken‘ und ‚Neuen Erneuerbaren‘ macht keinen Sinn. Es gibt grosse erneuerbare Kraftwerke (Mohavi, et.al.), und kleine Fossile (WKK et.al.).
* Unserer Meinung nach werden GUDs ab ca. 2030 nicht mehr wirtschaftlich sein – und der Energiemarkt dezentral & international.
* Die Aussage, dass die Erneuerbaren den Durchbruch erst in 50 Jahren erreichen erstaunt mich. Für uns ist der Durchbruch bereits in vollem Gange! Wie die ETH haben wir gerechnet. Der Stromverbrauch wird steigen, aber wir schaffen es :-).
Grüsse,
Nick Beglinger

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 2 Daumen runter 2

Hallo Herr Kuster
@Kommentar von Pius Kuster. 02.10.2011, 22:07
@Power Down? Können sie das ohne demokratische Mehrheit @durchsetzen? Wohl kaum!

Mit ein wenig Datenanalyse und Ueberlegen kommt man zu
zwei Moeglichkeiten:

a) wir warten auf den Crash und danach stellt sich die Frage
nach Mehrheiten nicht mehr .. sondern es geht mehr um
Rette sich wer kann

b) Wir verhalten uns intelligent (sehr zweifelhaft aber nicht
unmoeglich!) und bereiten uns auf die unvermeidbare Energieknappheit vor (egal ob wir sie wollen oder nicht!
und klar niemand will das aber unvermeidbar ist eben
unvermeidbar!)

dazu
„Kernenergie in der Schweiz und in Europa- Keine Lösung. sondern Teil des Energieproblems
Artikel in swissfuture 02/11 (Schweizerische Vereinigung für Zukunftsforschung) (September 2011)“

zum Rest:

„Aber fangen sie doch schon mal an den Kaffee kalt zu kochen und bitte, der Umwelt zuliebe, setzen sie keine Kinder in die Welt.“

Damit „Sie“ noch 5 Minuten laenger Kaffee trinken koennen?
Nein Danke. Wir sitzen alle im selben Boot!

„Sie sehen die Diskussion droht absurd zu werden.“

Nein, ueberhaupt nicht!

„Darum: tief durchatmen und sich fragen was so schlimm war an Fukushima. Antwort: gar nichts. Das heisst: wir sollten Atomkraftwerke neubauen!“

Dieser Zug scheint abgefahren!

„Ich bin mir sicher dass die Leute lieber mit dem Risiko der Atomkraft leben als in einer 2000Watt Gesellschaft zu leben!!!!“

Ah ja? Machen wir doch mal ne Abstimmung dazu!

also ich stimme als Zwischenloesung fuer die 2000 Watt
und danach die 1000 Watt etc Gesellschaft..
und der Weg dahin kooridiniert durch Schweizer Bergfuehrer!
(siehe meinen Artikel)

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 1

Power Down? Können sie das ohne demokratische Mehrheit durchsetzen? Wohl kaum!

Aber fangen sie doch schon mal an den Kaffee kalt zu kochen und bitte, der Umwelt zuliebe, setzen sie keine Kinder in die Welt.

Sie sehen die Diskussion droht absurd zu werden. Darum: tief durchatmen und sich fragen was so schlimm war an Fukushima. Antwort: gar nichts. Das heisst: wir sollten Atomkraftwerke neubauen!

Ich bin mir sicher dass die Leute lieber mit dem Risiko der Atomkraft leben als in einer 2000Watt Gesellschaft zu leben!!!!

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

Warum ist die Diskussion polemischer, wenn das Restrisiko der Atomenergie benannt wird? Warum ist die Diskussion emotionaler, wenn deutlich gemacht wird, dass der Umstieg auf erneuerbare Energien eine globale Herausforderung ist? Warum wissen Sie, dass der Durchbruch der Erneuerbaren erst in 50 Jahren stattfinden soll, die bundesrätlichen Massnahmen aber „falsch“ sind?Sie wissen es, die anderen wissen es nicht – warum immer diese Energieversorger-Überheblichkeit?

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 5 Daumen runter 4

Sehr geehrter Herr Karrer,
Nicht nur sind Ersatz-Kernkraftwerke nicht mehr mehrheitsfähig, inländische Gaskombikraftwerke sind zudem nicht mehr profitabel und kostendeckend, wenn ihr CO2-Ausstoss auch nur teilweise kompensiert werden muss und der Schweizer Kunde auf einen liberalisierten Markt pocht. Bis jetzt erzeugte die Schweiz billigeren Strom als das grenznahe Ausland. Doch jetzt droht sich das umzukehren.

Letztlich läuft es für die Axpo und andere Energieerzeuger in einem Umfeld, in dem zwischen gutem Strom und schlechtem Strom (derjenige aus Atom- und Kohlekraftwerken) unterschieden wird, darauf heraus, dass sie nicht mehr auf die Markkräfte vertrauen können, sondern entweder um Subventionen buhlen müssen oder aber eine Abhnahmegarantie für ihren Strom benötigen, damit dieser auch konsumiert wird, wenn er deutlich teurer ist als andere Angebote.

Soviel ich weiss, ist diese Problematik bis jetzt unter den Tisch gefallen, was die Gefahr heraufbeschwört, dass gar niemand mehr in die Stromerzeugung investiert, ausser er erhält eine kräftige Subvention wie schon jetzt der Privatmann für seinen Solarstrom ab Eigenheimdach. Die vielbeschworene Stromlücke könnte nun also wirklich eintreten, was in den Augen einiger Akteure aber gerade ein guter Anlass für die Erhöhung der Energieeffizienz wäre. Wer weiss vielleicht blühen uns schon bald Zeiten wie in Japan in den letzten Monaten, wo viele Firmen ihre Arbeitszeiten auf das Wochenende verlegten, weil dann genügend Strom vorhanden war und wo in der Nacht nur noch ein paar Notleuchten eingeschaltet waren.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

Guten Tag Herr Karrer,

etwas fehlt in Ihrer Liste:

das Problem der Stromimporte (im Winter) und die
aehnlich komplizierte Lage im europaeischen Grid System
(mit und ohne Kernenergie). Sie haben dazu ja selber Studien
publiziert. Schade!

aber hier kann ich nur zustimmen:

„Etwas Gutes kann ich der aktuellen Diskussion letztlich abgewinnen. Spätestens jetzt bewegt das Thema Energie und regt jeden zum Mitreden an – und das ist gut so.“

Das bedeutet letztendlich auch die Option einer gesteuerten
Reduktion im Energieverbrauch (nicht nur der elektrischen Energie).

Also die Power Down option.

oder eben: Ja, wir haben die Grenzen des Wachstums erreicht
und nun muessen wir den schwierigen Weg nach unten finden.

sollte kein Taboo mehr sein sondern eine (die einzige?) realistische
Option.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 4 Daumen runter 1

top
 
FireStats icon Powered by FireStats