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ÖV individuell – jedem seine Kabine

18.08.2011 von

Verkehrspolitik ist Klimapolitik. Der Individualverkehr ist dabei das grösste Sorgenkind. Abgesehen von den klimaaktiven Gasemissionen sind private Benzin- und Dieselmotorfahrzeuge laut, gefährlich und nicht unbedingt die schnellsten und billigsten Verkehrsmittel. Warum sind sie trotzdem so beliebt? Wäre ein «öffentlicher Individualverkehr» ein denkbarer Ersatz?

Oft wird die Diskussion über die Mobilitätsbedürfnisse der Bevölkerung auf der politischen Bühne zu ideologischen Zwecken missbraucht. Der Befürworter des Privatverkehrs ist ein Individualist und Umweltsünder, der Verteidiger des öffentlichen Verkehrs ein naiver grüner Fantast oder gar ein Kommunist. So werden die beiden traditionellen Verkehrstypen oft mit sektiererischem Eifer unreflektiert gegeneinander ausgespielt, obwohl sie doch eigentlich komplementär sein sollten und beide notwendig sind.

Das folgende Gedankenexperiment hilft auf eine neue und ganzheitliche Art und Weise beim Nachdenken über die realen gesellschaftlichen Mobilitätsbedürfnisse: Man stelle sich vor, es werde eine neue Stadt erbaut, die ein Transportsystem benötigt. Welche Lösungen würden die Ingenieure und Ökonomen mit dem heutigen Stand der Technik vorschlagen? Wie würde sich die Bevölkerung dazu äussern?

Ein öffentliches, individualisiertes Verkehrsmittel

Die Serpentine, die «Schlangenlinie», ein vollautomatisiertes Magnetschwebesystem ist ein Beispiel für eine solche Vision. Die Stadt Lausanne hat diese Idee vor ein paar Jahren in einem Pilotprojekt ausprobiert. Dafür hat sie am Quai d’Ouchy eine 300 Meter lange Teststrecke für dieses fast futuristische Fahrzeug aufgebaut.

Der Serpentine-Benutzer verkehrt in kleinen individuellen Kabinen und bestimmt seinen Zielort und Weg selber. Die Fahrzeuge werden zentral bewirtschaftet, wie beim Carsharing. Die Verfügbarkeit der Kabinen passt sich laufend der Nachfrage an. Die computergesteuerte Regelungszentrale, das Hirn der Serpentine, überwacht die einzelnen Fahrzeuge und schiebt nicht benutzte Kabinen an Orte, an denen sie benötigt werden.

Am Ort des Gebrauchs der Serpentinenkabinen entstehen keine Emissionen dank des elektrischen Antriebssystems. Die Fahrbahn überträgt die Antriebsenergie an Motoren in den Rädern. Der Energieverbrauch der Fahrzeuge ist laut Hersteller minimal, mehr als 10 Mal kleiner als bei einem herkömmlichen Motorfahrzeug.

Die Serpentine kombiniert die Vorteile des öffentlichen Verkehrs mit denen des heutigen Privatverkehrs. Sie soll die Lücke zwischen den durch den öffentlichen Verkehr gut bedienten Hauptverkehrsachsen und den individuellen Reisezielen schliessen.

Utopie?

Das Pilotprojekt in Lausanne wurde unterdessen beendet. Die an sich geniale Idee der Serpentine stösst in der Realität auf juristische, wirtschaftliche und raumplanerische Probleme. Obwohl ein solches System noch nicht kompatibel ist mit unserem Verkehrsalltag, zeigt es zumindest ein neuartiges Mobilitätsverständnis auf und stellt die richtige Frage: Ist «öffentlicher Individualverkehr» ein Widerspruch in sich oder eine Zukunftsvision und Kompromisslösung für die aktuellen Herausforderungen in der Verkehrspolitik?

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Weitere Informationen zum Projekt unter >www.serpentine.ch

Zur Autorin

Franziska Aemisegger ist diplomierte Umweltingenieurin. Zurzeit schreibt sie ihre Doktorarbeit am Institut für Atmosphäre und Klima der ETH Zürich. Persönliches Zitat und Biografie

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Kommentare (5) >Alle Kommentare aufklappen>Alle Kommentare zuklappen

Liebe Frau Heimlicher,
ich stimme ihnen zu: Weniger kann mehr bedeuten und das Velo als Verkehrsmittel passt dazu. Allerdings sind in der Schweiz Velos nur Zusatzfahrzeuge. In Winterthur, wo ich wohne, hat es um den Bahnhof herum 1000ende abgestellter Velos. Damit fahren SBB-Pendler von und zum Bahnhof, was schneller geht also zuerst auf den Bus zu warten und dann von der Bushaltestelle noch heimzulaufen.
In China war vor 20 Jahren das Velo ebenfalls das Hauptverkehrsmittel, jetzt sind Elektrotöffs und Elektrovelos sehr verbreitet. Doch das bremst dort die Zunahme des Autoverkehrs kaum.

Damit das Velo als umweltschonendes nichtfossiles Fahrzeug das Auto verdrängt, müsste man es als alleiniges Fahrzeug verwenden. Nur hin und wieder würde man in einer velodominierten Schweiz ein Mietauto oder den Zug benutzen. Das ist aber nur möglich, wenn Pendeln stark zurückgeht, die Menschen also wieder dort arbeiten, wo sie wohnen. Der Trend geht immer noch, ja sogar verstärkt in Richtung Pendeln. Aus vielen Gründen: Das Wohnen in der Stadt, in der die meisten Menschen arbeiten, ist für viele zu teuer, der Eigenheimbesitz nimmt nun auch in der Schweiz zu und das Eigenheim ist vielleicht beim Kauf noch in der Nähe der Arbeitsstelle, aber schon beim nächsten Stellenwechsel muss gependelt werden.

Tatsächlich wäre tägliches Velofahren zur Arbeitsstelle, die vielleicht 5 km entfernt liegt, sogar gesundheitsfördernd, aber wer fährt 20 km mit dem Velo zur Arbeit?

Wieder mehr nach dem Motto Der Weg ist das Ziel leben kann ich nur allen empfehlen. Für immer mehr bedeutet der tägliche Weg der Weg zum täglichen Ziel – der Arbeitsstelle. Im Zug stehend oder im Auto im Stau sitzend dämmern sie ihrem Ziel entgegen oder entschweben, mit Musik aus ihrem IPad/IPhone beschallt, vorübergehend in glücklichere Sphären.

Wie diesen Trend kehren? Vielleicht haben sie eine Idee?

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ich finde, der beste individualverkehr in dörfern und städten ist nach wie vor das velo, denn es erlaubt den menschen, die so nötige bewegung im alltag auf nützliche art zu absolvieren.
man wird loskommen müssen von der idee: je schneller, desto besser, und wieder mehr nach dem motto: der weg ist das ziel, leben. dabei spielt das beschauliche fortkommen zu fuss oder per velo (auch elektro-) eine postive rolle.
es geht also mal nicht um mehr technisierung und computerisierung etc, sondern um weniger!

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Die Idee, die elektrische Energie bei Hauptstrassen induktiv auf Elektromobile (es handelt sich bei Serpentine nicht um ein Magnetschwebesystem) zu übertragen und diese im Konvoy automatisiert zu führen, ist alt und könnte für private Fahrzeuge wie auch für ein öffentliches System nach dem Vorschlag verwirklicht werden. Es entstehen aber Uebertragungsverluste, und der angegebene winzige Stromverbrauch ist unglaubwürdig. Ausserdem wird man dieses System kaum bis in die letzte Nebenstrasse ausführen können, eine kleine Batterie wäre nötig. Der private Besitz der Fahrzeuge würde keine Leerfahrten und Wartezeiten und einen sorgfältigeren Umgang mit den individuel angepassten Vehikeln ermöglichen, benötigt aber mehr Fahrzeuge und Parkfläche.

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Personal Rapid Transit wie er als ULTRA PRT um den Flughafen Heathrow bereits eingesetzt wird, könnte schon bald in 10 US-Städten eingesetzt
werden, wie der oben verlinkte Bericht aus Technology Review mitteilt.
Mein persönlicher Favorit für den gesamten Personentransport sowohl im Intercity als auch im Interkontinentalverkehr ist Evacuated Tunneling Tube Transport. Auch diese Transportform basiert auf Kapseln, die bis zu 6 Leute aufnehmen. Diese Kapseln schweben magnetisch levitiert in evakuierten Röhren und erreichen Geschwindigkeiten bis zu 4000 Kilometer pro Stunde. Das würde auch den Flugverkehr
ersetzen. Vor allem aber wäre es ein Transport praktisch ohne Energieaufwand – es würden nur 4% der heute aufgewendeten Energie für den Transport benötigt. China scheint ETT dies bereits umsetzen zu wollen.

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Sehr geehrter Frau Aemisegger,
Personal Rapid Transit-Systeme, wie sie im Pilotprojekt in Lausanne oder auch in Masdar (der Ökostadt aus der Retorte) vorgestellt wurden sind von der Idee her uralt (1974 schon als Demo realisisert) haben aber keine weite Verbreitung gefunden. Die theoretischen Vorteile sind gross: PRT könnte eine Stadt viel besser erschliessen als heutige öffentliche Verkehrsmittel und zugleich U-Bahn, Bus und Taxi ersetzen. Allerdings ist wahrscheinlich genau das das Problem: Damit es wirklich Vorteile bringt muss es flächendeckend eingesetzt werden und welche Stadt kann sich auf so etwas festlegen.
Zudem bleibt immer noch das Bedürfnis nach dem individuellen Verkehrsmittel, viele würden sich trotzdem ein Auto kaufen. Das ist übrigens auch der Grund, dass in den USA und sogar in Deutschland der Schienenverkehr zweitrangig bleibt: Wenn sich sowieso die meisten ein Auto zulegen wird ein zweites Verkehrssystem – eben die Eisenbahn – schon fast zum Luxus. Am meisten Schienenverkehr gibt es darum nicht zufällig in zwei reichen Nationen: Japan und der Schweiz.

Ein Argument könnte am Schluss dennoch solchen Personal Rapid Transport-Systemen zum Durchbruch verhelfen: Der geringe Energieverbrauch und die Nichtfossilität. Der Verlierer wäre dann das Auto. Doch vorläufig sieht es nicht danach aus.

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