ETH-Klimablog - Energie - Jambo Afrika, Klimaschutz hier & dort!

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Jambo Afrika, Klimaschutz hier & dort!

09.08.2011 von

Eben bin ich zurückgekehrt vom Besuch unserer Projekte in Afrika. Unter anderem war ich bei Anthony, einem Projektpartner in Kenia: Er und sein Team installieren in den nächsten drei bis fünf Jahren 52’000 effiziente Kocher für Familien in den ländlichen Regionen um den Kakamega-Regenwald – dem letzten Regenwald in Kenia. Mit Hilfe dieser Kocher werden in den nächsten 7 Jahren rund eine Vierteilmillion Tonnen CO₂ eingespart, soviel wie 100’000 durchschnittliche Autos jährlich in der Schweiz ausstossen. Dank den myclimate-Kompensationsgeldern liegen die Kosten für eine Kochstelle bei nur 200 bis 300 kenianischen Schillingen statt der üblichen über 1’000 Schillingen.

Afrika spürt die Auswirkungen des Klimawandels

Die Bevölkerungszunahme und der Druck auf die natürlichen Ressourcen sind in Afrika enorm, und dies nur schon zur Deckung der Grundbedürfnisse wie Energie zum Kochen, Licht in den dunklen Häusern, sauberes Wasser, Mobilität für Schule und Gewerbe. Der Bedarf an nachhaltiger Entwicklung und Energieversorgung ist dementsprechend riesig.

Die Auswirkungen des Klimawandels sind in Afrika vor Ort bereits sicht- und spürbar: Verzögerte Regenzeiten und Trockenheit verursachen Nahrungskrisen wie zur Zeit in Somalia, Nordostkenia und Südostäthiopien. Ausserdem gefährdet der steigende Meeresspiegel Infrastrukturen an den Küsten.

20% CO₂-Reduktion im Inland; Kompensation des Rests

Der Klimawandel ist eine gewaltige globale Herausforderung, er verlangt grosse und unzählige kleine Taten sowie globale Solidarität: Nötig sind deshalb Reduktionen bei uns in den Industrieländern und vor allem gleichzeitig grosse Engagements auch in den weniger privilegierten Regionen unseres Globus wie zum Beispiel in Afrika. Unser Motto muss sein: «Let us do our best & offset the rest!». Damit meine ich, dass wir zusätzlich zu bedeutenden Emissionsreduktionen in der Schweiz (mindestens 20% bis 2020) jede (noch) nicht reduzierte und in der Schweiz ausgestossene Tonne CO₂ kompensieren sollten! Momentan wären dies jährlich gut 35 Millionen Tonnen Treibhausgase, die die Schweiz kompensieren müsste. Mit jährlich rund einer Milliarde Schweizer Franken bis 2020 wäre dies möglich. Mit diesem Geld liessen sich zum Beispiel alle folgenden, gewichtigen Klimaschutzprojekte in Afrika, Asien oder Südamerika realisieren:

  • 2012: 80’000 Kleinbiogasanlagen, mit deren Gas rund eine halbe Million Menschen in den ländlichen Regionen Afrikas kochen können
  • 2013: rund 35 Millionen Solarlampen in ländlichen Offgrid-Regionen; anstelle von Kerosinlampen
  • 2014: Kompostieranlagen in den Hauptstädten Ostafrikas (Nairobi, Kampala, Addis Abeba, Dar Es Salaam) für rund 3 Millionen Tonnen Grünabfall
  • 2015: 3.5 Millionen effiziente Kocher oder Solarkocher für rund 20 Millionen Menschen
  • 2016: sauberes Wasser für 3.5 Millionen Haushalte
  • 2017: erneuerbarer Strom, sauberes Wasser und Grünabfallverwertung für 1 Million Inselbewohner auf Sansibar
  • 2018: jährlich über 6’000 Gigawattstunden erneuerbarer Strom aus Windparks
  • 2019: 70’000 effiziente Busse, die nur noch halb so viel CO₂ ausstossen wie aktuell ‚rauchende’ Busflotten
  • 2020: geothermische Stromproduktionen in den Rift-Valley-Staaten für jährlich über 6’000 Gigawattstunden

Nur mit konkreten Taten können wir die Welt hin zu Low-Carbon verändern (siehe dazu meinen Beitrag «Low-Carbon-Economy als Ziel» >hier) – und dafür braucht’s die Beiträge der Verursacher. Solche Beiträge können wir uns in der Schweiz leisten. Zum Beispiel bräuchte es nur rund 1 Rappen pro Kilometer für Autofahrten bzw. zirka 10 Rappen pro Liter Benzin und Heizöl und zirka sechs Franken pro 1’000 Flugkilometer und zirka 0.5 Rappen pro Kilowatt Gas, damit die CO₂-Verursacher mindestens die adäquaten Kosten (1 Mia CHF/Jahr) für die Reduktion derselben Menge CO₂ an einem anderen Ort berappen.

«Mache mer be öis s’Best und kompensiere dr Rest!» Das ist wirksamer Klimaschutz!

 

Bilder von meiner Afrikareise und unserem Projekt der effizienten Kocher finden Sie >hier

Zum Autor

Gastautor René Estermann ist Geschäftsführer der Stiftung myclimate, die freiwillige Kompensationsmassnahmen, CO₂-Bilanzen und Klimabildung anbietet.

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Kommentare (5) >Alle Kommentare aufklappen>Alle Kommentare zuklappen

@ Tim: Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass das in Unternehmen anders aussehen kann, allerdings lässt sich das leider nicht generalisieren. Bis zum Gegenbeweis, dass die Anreizschiene in der Mehrheit der Fälle signifikante Wirkung zeigt (wäre ein spannendes Diss-Thema, nicht?), bleibe ich bei der Hypothese, dass die Kompensation unter dem Budgetposten „Imagepflege“ abgebucht wird. Alles andere ist ja aus ökonomischer Sicht wenig rational, solange bei Investitionen mit Amortisationsfristen von 3-5 Jahren gerechnet wird.
P.S. Was, wenn sich „beispielsweise“ eine Person klimaneutral nennt? Welche „Abteilung“ bekommt dann welchen Anreiz?

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Markus:
Kompensation ist ein Mechanismus um Emissionen einen Preis zu geben. Wenn sich beispielsweise ein Unternehmen klimaneutral nennt, die Kosten für die Kompensation dann aber an jede einzelne Abteilung weiterleitet entsteht so ein Anreiz zur Verhaltensänderung. Somit kann Kompensation durchaus zu Reduktionen hier beitragen, wenn richtig mit ihnen umgegangen wird.

Martin: Ich vermute, dass Rene’s Zahlen noch auf dem alten Wechselkurs beruhen. In Zeiten des starken Franken kommt man mit der Milliarde noch viel weiter, bzw. benötigt deutlich weniger um die gleichen Ziele zu erreichen.
Und: Typischeweise werden die Solarlampen bzw. Kocher nicht zu 100% durch die Kompensation bezahlt, sondern nur subventioniert und bezahlbar gemacht.

Ein Kommentar noch zu den Solarlampen Off-Grid: Sie sind natürlich super – keine Frage. Es bleibt bedarf jedoch einer zusätzlichen Erklärung:
Es werden Emissionen kompensiert die es zuvor garnicht gab. Normalerweise rechnet man mit einer „Baseline“ von Dieselgeneratoren, auch wenn die Dörfer viel zu arm sind sich solche zu leisten. Das Konzept heisst „suppressed demand“ – den Entwicklungsländern soll geholfen werden die dreckigen Entwicklungsstufen zu überspringen. Solarlampen sind daher ein sehr gutes Beispiel wie der „Clean Development Mechanism“ nicht nur Clean ist sondern auch dem Development beitragen kann.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Recht informativ, was das „offset the rest“ betrifft. Leider erfahren wir herzlich wenig über das „do the best“. Der Satz „Nur mit konkreten Taten können wir die Welt hin zu Low-Carbon verändern.“ tönt gut. Wenn er aber in die Schlussfolgerung mündet, dass mit x Franken Klima-Prämie bei uns anderenorts y Tonnen CO2 kompensiert werden können, reduzieren sich das auf „gute Taten“ im paternalistischen Sinn des Wortes: Eine milde Gabe für Massnahmen im fernen Afrika (früher sagte man dem einfach „Entwicklungshilfe“), während bei uns alles beim Alten bleibt (schon wieder eine Parallele zur Entwicklungshilfe, die an den Verteilungsverhältnissen Nord-Süd bekanntlich nichts zu ändern vermag, solange man sich in der WTO über terms of trade, die den Entwicklungsländern eine echte Chance geben, nicht verständigen kann).
Je mehr Kompensation als die Lösung angeboten wird, desto mehr wird klimaschädigendes Verhalten bei uns die Norm bleiben. 20%-Ziele sind schön, aber irgendwie auch blauäugig, denn sie fussen stark auf dem Glauben, dass der Zeithorizont weit genug gesteckt ist und die Technik es dann schon richten wird.
Spätestens seit dem Bericht „Kassensturz für den Weltklimavertrag – Der Budgetansatz“ des WBGU (http://www.wbgu.de/index.php?id=122, für den eiligen Leser reichen auch die zugehörigen Factsheets unter http://www.wbgu.de/veroeffentlichungen/factsheets/factsheet-32009/) wissen wir: Um die Gretchenfrage nach dem eigenen Verhalten kommen wir nicht herum – der Griff zum Portemonnaie genügt nicht.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 2 Daumen runter 0

Sehr geehrter Herr Estermann,

schön, dass sie eine ganze Liste von scheinbar pfannenfertigen Projekten für Klimaprojekte in Entwicklungsländern zur Hand haben. Damit sind sie besser gerüstet als Barack Obama, der doch so viel Geld in Infrastrukturprojekte investieren wollte, dies aber nicht konnte, weil die Infrastruktur in den USA zwar zerfällt, aber es noch keine ausgereiften Projekte gibt um dem abzuhelfen.

Es ist tatsächlich erstaunlich was die 1 Milliarde Schweizer Franken jährlich ausrichten könnte. 35 Millionen Solarlampen (zu 30 SFR pro Stück) finanzieren beispielsweise. Solarlampen scheinen in Off-Grid Situationen tatsächlich begehrt zu sein, denn mit dem erzeugten und in einer Batterie abgespeicherten Strom kann man auch Handys aufladen. Schön wenn man mit dem Geld soviel ausrichten kann.

Allerdings sind 1 Milliarde Schweizer Franken etwa 40% der
Ausgaben, die die Schweiz jährlich für Entwicklungshilfe ausgibt und wie ihre Liste zeigt, überschneidet sich Entwicklungs- und Klimahilfe durchaus. Es bräuchte noch einiges an Überzeugungsarbeit um die Gelder für Entwicklungshilfe/Klimahilfe um so viel aufzustocken – und sicher wird dieses Geld nur dann zur Verfügung gestellt, wenn es der Schweiz weiterhin finanziell sehr gut läuft. Etwas was heute noch niemand so genau weiss.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 3 Daumen runter 0

„Ausserdem gefährdet der steigende Meeresspiegel Infrastrukturen an den Küsten“

Tut er das nicht seit der letzten Eiszeit?

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 1 Daumen runter 2

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