ETH-Klimablog - Umweltfolgen - (Wieder) ein Frühling für die Geschichtsbücher

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(Wieder) ein Frühling für die Geschichtsbücher

30.06.2011 von

Es ist noch gar nicht lange her: Im Frühling 2007 brach das sehr warme Wetter alle Rekorde. Es war in der Schweiz der wärmste Frühling mindestens seit dem Beginn der offiziellen Messungen im Jahre 1864. Rekonstruktionen legen nahe, dass es sogar der wärmste Frühling seit 500 Jahren war.

Frühling 2011 schlägt alle Rekorde

Nun, das ist alles Schnee von gestern: Der Frühling 2011 war in der Schweiz, aber auch in Deutschland und Frankreich noch wärmer als derjenige im 2007, und in einigen Regionen (etwa in Bern) auch der sonnenreichste seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Auch wenn wir uns über des schöne Wetter wohl in erster Linie freuten, weil die Heizperiode schneller zu Ende war und die Badesaison früher startete als in anderen Jahren, so hatte der heisse und trockene Frühling auch zahlreiche negative Folgen für Umwelt und Gesundheit. Hitze und Dürre verminderten das Pflanzenwachstum und werden voraussichtlich zu markanten Einbussen in der Landwirtschaft führen, zumindest dort, wo nicht bewässert wurde. Extrem niedrige Wasserstände in vielen Flüssen und Seen (siehe Foto zu Textbeginn; Bodensee 2011) und lokale Waldbrände waren weitere Folgen. Auch die bodennahe Ozonbelastung war flächendeckend hoch, an gewissen Stationen wurde der Grenzwert der Luftreinhalteverordnung fast täglich überschritten.

Ähnliche Ereignisse in der Vergangenheit?

Wenn man als historischer Klimatologe derartige Ereignisse erlebt, sind Analogien aus der Vergangenheit oft schnell zur Hand – in der Tradition von Chronisten führen wir dann an, dass auch der Frühling des Jahres soundso aussergewöhnlich war. Im jetzigen Fall könnte ich einwenden, dass auch 1862 ein warmer Frühling war oder 1843 ein trockener. Dass die Dürren im Frühling 1893 in Mitteleuropa ebenfalls starke Folgen hatten – im unteren Bild ein Moorbrand. Dass die Frühlinge der Jahre 1945 bis 1948 allesamt warm und manche auch sehr trocken waren, ebenso 1976. Doch diesen Einwand kann ich nur halbherzig machen: Denn im Vergleich zu 2007 und 2011 waren diese Ereignisse nur Fussnoten: In Zürich war der Frühling 2011 nicht nur wärmer als der Frühling 2007, sondern auch ein ganzes Grad wärmer als die Nummer 3 der Messreihe seit 1864 – der Frühling 2009.

Aus früheren Ereignissen lernen

Sind wir Chronisten deshalb überflüssig geworden? Nein, wir können von den vergangenen Klimaverhältnissen immer noch lernen. Zum Beispiel, ob trockene Frühlinge periodenweise gehäuft auftreten; ozeanische Einflüsse könnten hier eine Rolle spielen, was wiederum für langfristige Vorhersagen interessant ist. Oder ob die Trockenheit bereits im Winter hätte vorausgesagt werden können. Und ob sich aus diesem Frühling jetzt Konsequenzen für das Wetter im Sommer ergeben; die im April bereits ausgetrockneten Böden könnten regional die Zirkulation und Niederschlagsbildung beeinflusst haben. Umgekehrt könnte die Hitze im Mai die grossräumige Zirkulation verändert und zu verstärktem Ansaugen von feuchter Atlantikluft geführt haben – oft wird dabei etwas ungenau vom „europäischen Monsun“ gesprochen. Doch wie verlässlich sind solche Aussagen? Im Bereich der saisonalen bis dekadischen Vorhersagen sind weitere Fortschritte nötig. Dazu gehört auch die fortgeführte Analyse vergangener Ereignisse.

Zum Bild

Zeichnung vom Moorbrand von Fritz Stoltenberg, 1893

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Zum Autor

Stefan Brönnimann ist Professor für Klimatologie am Oeschger Zentrum für Klimaforschung und am Geographischen Institut der Universität Bern. Persönliches Zitat und Biografie.

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Kommentare (6) >Alle Kommentare aufklappen>Alle Kommentare zuklappen

@Hr. Holzherr

Dann sind wir uns wahrscheinlich einig:
Temperatur-Rekonstruktionen „beweisen“ gar keinen AGW.

Gerne erinnere ich aber an die Aussagen „der“ (in Wahrheit einiger) Klimawissenschafter vor ein paar Jahren, dass es „noch nie so warm war wie heute“ und „noch nie so schnell warm wurde wie heute“.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 1 Daumen runter 1

@Kommentar von Roger Meier. 02.07.2011, 9:39

Sehr geehter Herr Meier,

Der Temperaturverlauf des Holozäns – unserer Zwischeneiszeit – gemittelt über viele Beobachtungsdatensätze an ganz unterschiedlichen Orten (nicht nur in Grönland) wird im Wikipedia-Artikel Holocene besprochen und summarisch folgendermasen beurteilt (aus dem englischen zsuammengefasst): Das Klima war während des Holozän ziemlich stabil, jedoch mit deutlichen regionalen Unterschieden .
Die Abbildung Holocene Temperature Variations passt zu dieser Beurteilung und lässt sich so zusammenfassen: Unsere Zwischeneiszeit begann vor etwa 10’000 Jahren, hatte ihr Temperaturmaximum zwischen 6’500 und 2’500 vor Christus und zeigt in den letzten paar Jahrtausenden einen langsamen Temperaturabfall überlagert von kleineren, jeweils wenige Jahrhunderte andauernden Abweichungen von disem Trend ( Mittelalt. Warmzeit, kleine Eiszeit).

Dass eine Temperaturrekonstruktion von einem einzigen Ort (zum Beispiel Grönland) keine Schluss auf das global gemittelte Klima zulässt, zeigt auch gut Abbildung 5 des Artikels Holocene, historic and recent global temperatures from temperature proxies

Zusammenfassung:
– Es wurde in den letzten Jahrtausenden langsam kälter.
– Diesem Langfristtrend überlagern sich kältere und wärmere Perioden wie z.B. die kleine Eiszeit und die mittelalterliche Warmzeit
– Die jetztige globale Erwärmung fällt temperaturmässig erst dann aus diesem Rahmen, wenn sie sich in den nächsten Jahrzehnten fortsetzt, genau das was die Klimawissenschaftler voraussagen. Denn steigende Treibhausgase lassen die Temperatur auch dieses Jahrzehnt steigen. Ja es wird so lange wärmer wie die Treibhausgase zunehmen.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 2 Daumen runter 2

Sehr geehrter Herr Professor Brönnimann
Besten Dank für Ihre Initiative und Ihren wertvollen Beitrag zum Klimablog.
Ich bin auch der Ansicht, dass eine wissenschaftliche und sorgfältige Schaffung einer chronologischen Klimabasis eine wichtige Grundlage bildet für die Prüfung und Beurteilung der Klimaveränderung.
Klimachronologie, Messungen und Beobachtungen in der Gegenwart und Klimamodellierung/-projektionen sind in enger Abhängigkeit zueinander und bilden die Voraussetzung um quantitative und qualitative Aussagen zum Klimawandel, in welcher Form er auch immer stattfindet, machen zu können.
Freundliche Grüsse
Thomas Blaser

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 2 Daumen runter 0

Setzen wir die „noch nie dagewesene Erwärmung“ mal in den richtigen Kontext:

http://wattsupwiththat.com/2011/07/01/whats-up-next/

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 1 Daumen runter 1

Der Frühling 2011 ist ein Beispiel für eines der vielbeschworenen Extremwetterereignisse. Diese haben ja in den letzen Jahrzehnten zugenommen, was sich auch in der Häufung von 100-Jahren oder Seit-des-Beginns-der-Aufzeichnungen-Rekorden äussert. In der Tat wurde das Jahr 2007 mit seinem noch nie dagewesenen rekordwarmen Frühling kurz darauf vom nächsten Rekord – dem akutellen Frühling in diesem Jahr – getoppt.

Neben dem offiziellen Logbuch der Wettter- und Klima-Rekorde gibt es natürlich auch das episodische Gedächtnis des Menschen. Den meisten wird der Frühling 2007 und 2011 kaum im Gedächtnis haften bleiben, der Sommer 2003 allerdings schon. Denn der Frühling ist temperaturmässig eine Zwischenjahreszeit und es sind Sommer und Winter, die uns die Temperaturextrema der Gegend bieten in der wir wohnen.
Das episodische Gedächtnis des Menschen sensibilisiert uns für das Spezielle und darum Erinnerte und kann uns zum Handeln motivieren. Tatsächlich war der Klimawandel nach dem Sommer 2003 in aller Munde. Das episodische Gedächtnis dauert allerdings höchstens so lange wie das Leben eines Menschen. Langsame Änderungen des Regionalklimas, die sich über viele Jahrzehnte hinziehen, werden darum weniger wahrgenommen. Jede neue Generation hält das Klima in dem sie ihre Jugend verbracht hat für das Klima des jeweiligen Lebensraums und mag den Berichten der Alten und Zahnlosen kaum glauben, dass es früher viel kälter war. Doch da die globale Erwärmung ja progredient ist und progredient bleibt solange wir Öl, Kohle und Erdgas verfeuern, darf jede Generation trotzdem ihre je eigene Klimaerwärmung erleben.

Schlussbemerkung: In den Szenarien des Weltklimarats gibt es eine zunehmende Erwärmung bis ins Jahr 2100 und darüber hinaus. Dass die Menschheit so dumm ist und bis ins Jahr 2100 nicht mit dem Verbrennen von Öl, Gas und Kohle aufhört mag ich allerdings nicht glauben. Zudem gibt es gar nicht genug leicht förderbares Öl.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 1 Daumen runter 1

Ja, diese Ereignisse lassen darauf schliessen, dass es seit Ende der kleinen Eiszeit wärmer geworden ist.

So what?

Müssen wir deswegen irgendwelche Extra-Steuern einführen?

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 2 Daumen runter 2

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