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«Low Carbon Economy» als Ziel

03.05.2011 von

Zu stark wird die aktuelle Klimadebatte geprägt vom «Entweder-Oder-Schlagabtausch»: Reduktion im In- oder Ausland? Staatliche Rahmenbedingungen oder Freiwilligkeit? Atomausstieg oder Klimaschutz? Meiner Meinung nach helfen diese Entweder-Oder-Diskussionen nicht weiter und sind auch nicht nötig.

Der Klimawandel und nukleare Risiken müssen nicht gegeneinander ausgespielt werden, denn sie haben vieles gemeinsam: Das potenzielle Schadensausmass ist gross, die negativen Folgen machen an den Ländergrenzen nicht Halt und betreffen auch künftige Generationen. Zudem sind die Umweltauswirkungen kaum abschätzbar, oft irreversibel und können auch mit viel Geld nur selten beseitigt werden.

Diese Probleme liessen sich mit erneuerbaren Energien und einer «Low Carbon Economy» (Wirtschaft mit geringem CO₂-Ausstoss) lösen: Mit einem starken CO₂-Reduktionsziel sowie den richtigen Massnahmen könnte der Anteil an erneuerbaren Energien gesteigert und so der CO₂-Ausstoss reduziert werden. Dies ist zum Beispiel auch im Hinblick auf das Stromhandelsabkommen mit der EU wichtig. Für die Schweiz winkt der Weltspitzenplatz in der «Low Carbon Economy», wenn sich alle Branchen national und international für Energie-, Material- sowie Klimaeffizienz engagieren.

Kostenwahrheit auch bei CO₂-Ausstoss nötig

Die Schweiz kann aber den Anteil von Strom aus erneuerbaren Energien nur produzieren und sogar exportieren, wenn in neue Anlagen investiert wird und zudem der CO₂-Ausstoss nicht mehr gratis ist. Bei den flüssigen und festen Abfällen wie Abwasser und Abfällen ist die Kostenwahrheit nach anfänglichen Widerständen seit bald 20 Jahren eine Selbstverständlichkeit. Die Schweizer Exportwirtschaft und unsere Standortattraktivität wurden dank sauberer Abwassertechnologie und Abfallbewirtschaftung gestärkt, nicht geschwächt. Grund dafür waren ambitionierte Ziele, klare Vorgaben, der Einbezug marktbasierter Mechanismen sowie dauerhafte Anreize für freiwillige Massnahmen. Dieses Erfolgsrezept muss meiner Meinung nach für die gasförmigen wie auch für die nuklearen Abfälle kopiert werden.

Von Kinderschuhen, Spitzenläufern und zu grossen Fussabdrücken

«Managment by past experience» hingegen ist keine erfolgsversprechende Option. Die Aussage «Der Energieverbrauch ist gestiegen, die Klimaziele konnten nicht eingehalten werden, deshalb beschliessen wir keine ambitionierten Ziele» ist, wie wenn Eltern ihr Kind von der Schule nehmen, nur weil es in der ersten Klasse noch keine Algorithmen rechnen kann. Doch aus einem Schreihals mit Schokoladenmund kann ein Marathonläufer oder eine berühmte Solartechnikerin werden. Deshalb sollten wir in die Schulbildung investieren und den Doktor holen, wenn das Kind krank ist – auch weil wir es lieben. Die Analogie zu unserem einzigartigen Planeten brauche ich nicht weiter auszuführen – auch wenn sie sich erstaunlicherweise nicht immer von selbst versteht.

 

Zum Autor

Gastautor René Estermann ist Geschäftsführer der Stiftung myclimate.

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Kommentare (5) >Alle Kommentare aufklappen>Alle Kommentare zuklappen

Sehr geehrter Herr Blaser,
sie haben mit ihrem Zugeständis Zu verstehen, weshalb wir diese Grenzen erreichen werden, ist eine weitere anspruchsvolle Aufgabe, welche wir lösen müssen. einen zentralen Punkt angesprochen. Die weltweite Wirtschaftsexpansion basiert auf den Ressourcen, die jetzt gerade zur Verfügung stehen. Wie lange es so weitergehen kann, wissen wir nur sehr ungenau und (Zitat aus ihrer Referenz)
Von einer autonomen Allwissenheit des Marktes kann keine Rede sein.

Wer auf Technik als Mittel zur Überwindung alter Grenzen setzt muss allerdings kein Wachstumsfetischist sein, er kann ganz einfach ein Mensch sein, der hofft, dass es seinen Mitmenschen – zu denen auch die Armen in den Entwicklungsländern gehören – weiterhin gut und besser geht. Die meisten Blogautoren hier nehmen diese Haltung ein, akzeptieren also beispielsweise die Prognose von 2 Milliarden Afrikanern 2050 anstatt 1 Milliarde heute und rechnen dann aus, dass Afrika bis 2050 4 Mal so viel Nahrungsmittel benötigt wie heute.

Was ist zu unternehmen? Sie, die meisten Blogautoren hier und auch der Autor des Artikels Wie sich die Ökonomen die Welt gross rechnen treten für ein nachhaltiges Wirtschaften ein, Zitat:Der Markt müsste viel stärker die langfristigen Wirklichkeiten abbilden. Der Konjunktiv müsste weist darauf hin, dass dies wohl nicht freiwillig geschehen wird. Es wird einen Warnschuss geben – hoffentlich nur einen Warnschuss. Dieser Warnschuss wird wohl eine starke Ölverknappung sein. Wir müssten uns darauf vorbereiten wie auf einen Krieg und hier in den reichen Ländern ab sofort unseren Ölkonsum massiv reduzieren und substituieren (mit den WP’s von Professor Leibundgut beispielsweise). Damit würden wir nicht nur uns, sondern der ganzen Welt viel Unheil ersparen.
Leider erkennen die meisten hier – auch sie Herr Blaser – diese Problem nicht. Zitat: Neue Technologien werden wir immer entwickeln können. ????

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Hallo Herr Blaser,

einverstanden, wenn man die Dinge rational betrachtet
(wir wir es alle tun sollten)

dann ist das Ergebnis eindeutig:

„Mit unserem jetzigen Lebensstil und unserem Wirtschaften werden wir die Grenzen des Wachtums analog zur Titanic, die auf den “unsichtbaren” Eisberg zusteuert, erleben müssen. “

Damit stellt sich die Frage:

Wie weit ist der Eisberg noch entfernt?

bzw haben wir ueberhaupt noch Zeit weltweit
auf diese „Entdeckungen“ zu hoffen?

„Wir brauchen vor allem kluge Köpfe aus den Humanwissenschaften, die uns dazu bringen, unser Verhalten zu ändern, und uns aufzeigen, wie wir uns an Klima- und Umweltveränderungen anpassen können.“

Meiner Meinung kennen wir die Ergebnisse in Wirklichkeit
schon sehr lange.

Viele viele kluge Koepfe haben immer wieder darueber
geschrieben
nur ein paar Beispiele
Einstein, Russell, Gandhi etc etc

nur, gebracht hat es nichts!

Was haben wir in den letzten 50 Jahren (seit Einstein’s
und Gandhi’s Tod)
oder den letzten 40 oder 30 oder 20 oder 10 oder 1 Jahr
erreicht?

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Ich bin auch der Meinung, dass wir kluge Köpfe brauchen und diese auch haben werden. Neue Technologien werden wir immer entwickeln können. Meines Erachtens ist die grosse Herausforderung nicht technischer Natur. Wir brauchen vor allem kluge Köpfe aus den Humanwissenschaften, die uns dazu bringen, unser Verhalten zu ändern, und uns aufzeigen, wie wir uns an Klima- und Umweltveränderungen anpassen können.
Mit unserem jetzigen Lebensstil und unserem Wirtschaften werden wir die Grenzen des Wachtums analog zur Titanic, die auf den „unsichtbaren“ Eisberg zusteuert, erleben müssen. Auf dem Modell von Jay Wright Forrest lässt sich das spielerisch simulieren. Aber Millionen von Menschen, gemäss IOM 200 Millionen bis im Jahr 2050, werden aufgrund von Klima- und Umweltveränderungen werden ihre Lebensgrundlage aufgeben und als Klima- und Umweltflüchtlinge migrieren müssen. Zu verstehen, weshalb wir diese Grenzen erreichen werden, ist eine weitere anspruchsvolle Aufgabe, welche wir lösen müssen. Einen Einblick zu dieser Problematik, welche von Dennis Meadows und seinen Mitautoren 1972 für den Club of Rome geschrieben wurde, gibt uns Martin Skala, Professor für Volkswirtschaftslehre an der FOM Hochschule für Oekonomie & Management und Lehrbeauftragter an der Goethe-Universität in Frankfurt:
http://www.nzz.ch/nachrichten/wirtschaft/aktuell/wie_sich_oekonomen_die_welt_gross_rechnen_1.10471681.html

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

Sehr geehrter Herr Estermann,

als Geschäftsführer der Stiftung myclimate wären sie eigentlich prädestiniert, sich zum Thema Klima, Wirtschaft und zunehmender Treibstoffverbrauch zu äussern. Die meisten CO2-Kompensationen bei myclimate beziehen sich – wenn ich mich nicht täusche – auf den Transportsektor und haben damit einen Zusammenhang mit dem Treibstoffverbrauch. Mit dem Thema zunehmender Treibstoffverbrauch weltweit – Gefahr für Klima und Wirtschaft könnten sie ein Lücke füllen, denn kein einziger Blogbeitrag hier hat je irgendwelche Befürchtungen laut werden lassen, der zunehmende Treibstoffverbrauch berge irgendwelche Gefahren ausser denen für das Klima. Das ist natürlich kein Zufall. Gewisse IPCC-Szenarien gehen von fast unbeschränkt verfügbaren fossilen Rohstoffen aus und rechnen demzufolge damit, dass wir auch im Jahre 2100 noch viele Gigatonnen CO2 ausstossen können. Seltsam nur, dass Organisationen wie die Internationale Energieagentur das mindestens für das Öl ganz anders sehen. Im World Energy Outlook 2010 gibt es sogar eine Folie mit dem Titel Will peak oil be a guest or the spectre at the feast. Ich finde es jammerschade, dass wirtschaftliche Interessen und Klimainteressen scheinbar im Clinch miteinander liegen, wobei natürlich Klimabesorgte uns erzählen, das sei eine Frage der Prioritäten. Doch ich behaupte: Der zunehmende weltweite Treibstoffverbrauch ist unzweifelhaft eine Gefahr sowohl für das Klima als auch – über die steigenden Rohölpreise – für die Wirtschaft. Um diese Gefahr abzuwenden und den steigenden Verbrauch in den Schwellenländern zu kompensieren müsste der Treibstoffverbrauch in den OECD-Ländern Jahr für Jahr sinken und zwar deutlich stärker als das er das bis jetzt tut.
Das beim Ölverbrauch nicht gespart wird verwundert mich umso mehr als ich in jedem zweiten Klimablogbeitrag lese alles sei nur ein Frage des guten…

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Sehr geehrter Herr Estermann,

Sie versuchen die politischen und wirtschaftlichen Änderungen, die für eine Low Carbon Economy, nötig sind, auf dieselbe Ebene zu stellen wie frühere Umweltanstrengungen, also z.B. die ab den 70er-Jahren aufgebaute saubere Abwassertechnologie und Abfallbewirtschaftung.

Es wäre schön, wenn dem so wäre. Doch die Konsequenz der Low Carbon Economy, nämlich der Verzicht auf alle fossilen Rohstoffe erscheint sogar den Leuten, die die 2000-Watt Gesellschaft propagieren als so amibitiös, dass sie das 1 Tonne CO2 pro Kopf-Ziel erst auf das Jahr 2100 datieren, obwohl gemäss internationalem Klimarat (IPCC) diese Vorgabe schon 2050 erreicht werden muss, um das 2°C-Ziel zu erreichen.

Was einfach tönt Mit einem starken CO2-Reduktionsziel sowie den richtigen Massnahmen könnte der Anteil an erneuerbaren Energien gesteigert und so der CO2-Ausstoss reduziert werden. ist in der Praxis mit Problemen und einem Paradigmenbruch verbunden: Bis anhin galt sogar in Europa (in den USA sowieso) der Energiepreis als entscheidender Faktor, um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten, Wohlstand zu schaffen und einer industrielle Basis die Zukunft zu sichern. Doch mit dem unbedingten Vorzug für die Erneuerbaren sogar unahbängig davon wie effizient sie erzeugt werden (z.B. Solarpanel auf beschattetem Hausdach) kann dieses Ziel nicht erreicht werden. Allenfalls könnte man den nötigen Umbau quersubventionieren zum Beispiel über ein Ökosteuer anstatt einer Mehrwertsteuer. Ein anderer Weg wäre ein CO2-Preis für alle Länder Europas oder gar der Welt. Ein CO2-Preis für alle wäre wohl eine Versöhnung von Ökonomie und Ökologie, denn dann ginge es darum, die CO2-Reduktion möglichst kostengünstig zu erreichen. Seis wie sei: Die OECD sollten jedes Jahr 2-3% weniger Öl verbrauchen wegen knapper werdendem Öl und Klimawandel. Sie tun es – trotz Gefahr für die Wirtschaft – nicht!!

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