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Klimaflüchtlinge

27.04.2011 von

Politische und wirtschaftliche Flüchtlinge aus Nordafrika und dem Nahen Osten polarisieren die Migrationsdebatte in Europa. Dabei geht eine wachsende Gruppe Menschen vergessen, die vor dem Klimawandel fliehen – zum Beispiel in Syrien.

Seit fünf Jahren Dürre

Die Menschen in der Region Jazira im Nordosten von Syrien leiden seit fünf Jahren an wiederholten Dürrekatastrophen. Die Trockenperiode von 2007/2008 war die schlimmste seit 40 Jahren. Als im Jahr darauf erneut der Regen ausfiel, entvölkerte sich eine ganze Region. «Ich hatte 160 Hektaren Weizenacker, und nun ist alles Wüste, wir mussten fliehen», klagte ein Bauer im letzten Oktober dem Reporter der New York Times. Viele Familien haben ihre Schafherden verloren, Oliven- und Baumwollernten sind ausgefallen. Etwa 800‘000 Menschen sind nun ohne Lebensgrundlage, schätzt das «World Food Programm» der UNO. Weil das Nothilfeprogramm nur zu 40% finanziert werden konnte, unterstützt die Organisation etwa 300‘000 Umweltflüchtlinge. Viele von ihnen leben in Lagern in der Umgebung der grossen Syrischen Städte wie Damaskus, Aleppo und Latakia und ernähren sich seit Jahren von nicht viel mehr als Brot und Tee.

Dürre zwingt Menschen zur Flucht

Das regionale Klima werde eindeutig wärmer und trockener, die Veränderung werde von intensiven, erratischen Regenfällen begleitet, wird Professorin Jeannie Sowers von der Universität New Hampshire in der «New York Times» zitiert. Als Folge davon müssten die Menschen aus ganzen Regionen auswandern – die Regierungen seien darauf schlecht vorbereitet. Tatsächlich hat das Versagen der Regierung im Umgang mit den Dürreflüchtlingen die politische Opposition in Syrien verstärkt.

Explosive Mischung

Der Zugang zu den Wasserressourcen wird bei instabilem Klima zum Machtfaktor. Präsident Assad hat noch vor rund zwei Monaten den Start des Euphrat-Tigris-Projekts offiziell bekannt gegeben. Laut NZZ vom 2. April 2011 würde das Vorhaben etwa 2 Milliarden Franken kosten, um einen künstlichen Fluss mit 16 Kubikmeter Wasser pro Sekunde durch die Steppe zu leiten und 120‘000 Hektaren Ackerland zu bewässern. Gut geplante Bewässerungsprojekte können die Nahrungssicherheit verbessern. Wegen den enormen Kosten macht das Euphrat-Tigris-Projekt jedoch ökonomisch keinen Sinn, es könnte die Spannungen mit der kurdischen Minderheit in der Region verschärfen. Nach den jüngsten Massakern an der Opposition in Syrien dürfte das Grossprojekt in der syrischen Steppe versanden. Klimawandel, autoritäre Regimes und die Finanzkrise bilden zusammen eine politisch explosive Mischung.

Weitere Informationen

Artikel «Earth Is Parched Where Syrian Farms Thrived», New York Times, 13. Oktober 2010 (>hier)

Zum Autor

Bernhard Wehrli ist Professor für Aquatische Chemie an der ETH Zürich und an der Eawag.  Persönliches Zitat und Biografie

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Kommentare (10) >Alle Kommentare aufklappen>Alle Kommentare zuklappen

@ Roger Meier
Es gab schon früher Dürreperioden in Syrien, sie ereignen sich periodisch und dürften bei einer Klimaerwärmung zunehmen:

Ein lang anhaltende Dürre vom 12. bis zum 9. Jahrhundert v.Chr. hat vermutlich zum Zusammenbruch der Hochkultur während der Bronzezeit im östlichen Mittelmeerraum geführt [1].

Die wiederholten Dürreperioden am Euphrat und Tigris sind an verschiedene Oszillationen des Klimas gekoppelt, z.B. an die Klimaschaukel im Nordatlantik [2].

Globale Klimamodelle bis zum Jahr 2100 ergeben generell erhöhten Niederschlag in Asien, die Kornkammer in Syrien bildet jedoch eine Ausnahme – hier werden geringere Niederschläge und intensivere Dürreperioden vorausgesagt [3].

[1] Kaniewski, D. et al. (2010). Late second-early first millennium BC abrupt climate changes in coastal Syria and their possible significance for the history of the Eastern Mediterranean. Quaternary Research 74(2): 207-215.
[2] Cullen, H.M., deMenocal P.B. (2000). North Atlantic influence on Tigris-Euphrates streamflow. International Journal of Climatology 20(8): 853-863.
[3] Kim, D.W., Byun H.R. (2009). Future pattern of Asian drought under global warming scenario.“ Theoretical and Applied Climatology 98(1-2): 137-150.

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@Roger Meier
ein ganz guter Einstieg ist hier: http://pubpages.unh.edu/~jlu36/ClimaticChangepiece.pdf

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Ähhh…
Müsste jetzt ein Wissenschafter nicht fragen:
– Hat es bis jetzt keine Dürren in Syrien gegeben?
– Wenn doch, gibt es einen klaren Anstieg der Dürren in Syrien?
– Gibt es mehr Dürren in Syrien wegen dem CO2?

Aufgrund meiner Erfahrung mit der zeitgenössischen Wissenschaft verwette ich meine Stiefel, dass niemand mir Zahlen zeigen kann, die einen Anstieg der Dürren dort belegen.

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@Kommentar von Michael Dittmar. 29.04.2011, 12:46
Hoi Michael,
Du schreibst Der Rohstoff-Weltmacht geht das Benzin aus und zitierst:Russische Mineralölkonzerne dürfen im Mai keinen Kraftstoff ins Ausland exportieren.
Doch daraus zu schliessen, Russland exportiere nun weniger Öl, weil es selber mehr verbraucht, ist wohl falsch, zumal die Russen insgesamt nur 2.74 mb/d Rohöl verbrauchen, aber 10 mb/d produzieren. Das Problem ist ein ganz anderes: Es geht nicht um das Rohöl, sondern um das Benzin, dessen Preis auf Druck der russischen Regierung künstlich gesenkt wurde. Deshalb verkaufen die Firmen das Benzin lieber ins Ausland, wo es Profit abwirft. Hier haben wir einen klassischen Fall von Treibstoffsubventionierung mit all seinen problematischen Auswirkungen – unter anderem Marktverzerrungen und Energieverschwendung. Im World Energy Outlook 2010 liest man dazu: ..,dass Subventionen zu Marktverzerrungen führen, Investitionen in umweltschonende Energieträger behindern und so auch Bemühungen zum Klimaschutz untergraben.. Die weltweiten auf fossile Brennstoffe betrug nach WEO im Jahre 2009 312 Milliarden USD. Zitat WEO: .. eine weltweite Abschaffung aller staatlichen Subventionen für den Verbrauch fossiler Brennstoffe bis 2020 würde die globale Nachfrage nach Primäerenergie … um 5% senken. … Der Ölverbrauch würde bis 2020 um 4.7 mb/d zurückgehen. Subventionen für Benzin sind zudem äusserst gefährlich, weil bei einem starken Anstieg der Rohölpreise der subventionierende Staat plötzlich – aus finanziellen Gründen – gewzungen sein kann, die Vergünstigung fallenzulassen, was einen Preisschock verstärkt.

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Hoi Martin,

genau passend zum Thema kommt jetzt diese
super super top Meldung
(in der NZZ steht noch nichts und auch beim Spiegel weit
hinter gluecklichen Monarchie Fans..)

aus Russland:

Der Rohstoff-Weltmacht geht das Benzin aus

http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,759540,00.html

„Moskau – Russische Mineralölkonzerne dürfen im Mai keinen Kraftstoff ins Ausland exportieren. „Wir haben mit den Ölfirmen vereinbart, dass sie ihre Lieferungen komplett dem Binnenmarkt zur Verfügung stellen“

tja… eine weitere Warnung oder schon der Ernstfall?

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@Kommentar von Michael Dittmar. 28.04.2011, 10:33
@Kommentar von Thomas Blaser. 27.04.2011, 16:06

Thomas Blaser ruft zu einem monatlichen Klimatag und einem sozialeren und nachhaltigeren Leben auf und bedauert, dass es “ Die Regierungen der betroffenen Länder verpasst [haben], Klimakrise, Wasserknappheit, Anstieg der Nahrungsmittelpreise zu antizipieren.“
Michael Dittmar schreibt dazu„Nur warum machen wir das bloss nicht? Ich erinnere mich an die gleichen Diskussionen aus den siebziger Jahren und danach. Aus irgend einem Grund scheint es so nicht zu funktionieren.“

Für mich ist es klar, warum das nicht funktioniert: Weil unsere Gesellschaft eine viel kürzeren Zeithorizont und viel einfachere Prioritäten hat, als die meisten denken. Heute geben wir viel Geld für das Gesundheitssystem aus, vor 15 Jahren noch – als es den kalten Krieg noch gab, fast ebenso viel für das Militär. Eine Klimakrise in einigen Jahrzehnten liegt einfach zu weit weg.
Bleiben wir doch beim Naheliegenden: Die fossilen Rohstoffe, vor allem das Öl, wird bereits in wenigen Jahren wegen steigender Nachfrage knapp werden, was eine schwere Weltrezession auslösen kann (ja auslösen wird). Davor wurde x-Mal gewarnt. Doch nichts passierte, ja die USA kennen nicht einmal eine Treibstoffsteuer. An anderer Stelle in diesem Blog habe ich eine zunehmende Ölkrise ab Ende 2012 vorausgesagt, weil die Nachfrage in China+Indien jedes Jahr 8% steigt und weil schon 2008 (vor der Rezession) aus diesem Grund der Ölpreis stark stieg. Der Beitrag Global World Product Will not Grow at 4% for Five Years rechnet sogar vor, dass die Ölnachfrage in den nächsten Jahren nicht gedeckt werden kann, wenn die Wirtschaft global 4% pro Jahr wächst. Uebrigens: Ohne Entdeckung von Öl+Kohle gäbe es in Europa keine Wälder mehr, denn sie wären alle im Holzofen gelandet. Schon früher dachte man nicht langfristig. Auch heute tut man es nicht.

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@ Blaser, Dittmar

Was tun? Ein gemeinsamer Bericht von Care, Columbia Universität und UNHCR zu Migration und Klimawandel [1] empfiehlt:
• Neben Emissionsbeschränkungen braucht es Investitionen in die Landwirtschaft, Hochwasser- und Küstenschutz.
• Die besonders verletzlichen Regionen sollten prioritär Hilfe erhalten.
• Migration ist jedoch ein Teil der Anpassung an den Klimawandel.
• Klimaflüchtlinge brauchen deshalb international anerkannten Schutz.

[1] Bericht „In search of shelter“:
http://www.ciesin.columbia.edu/documents/clim-migr-report-june09_media.pdf

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Sehr geehrter Herr Professor Wehrli,

Klimaflucht könnte das 21. Jahrhundert so prägen, wie die Völkerwanderungen Europa geprägt haben. Treffen die Prognosen aus dem Blogbeitrag Klimaschutz entschärft künftige Ernährungsprobleme zu, (Zitat)
…, dass Afrika in 40 Jahren 400% mehr, … Nahrungsmittel benötigen wird. … Die Resultate zeigen, dass die Bodenfruchtbarkeit .. südlich des Mittelmeeres um 5 bis über 25% abnehmen wird.
so könnte die Zahl der Migranten aus Afrika von heute Zehntausenden (Wohlstandsflüchtlinge) – auf Hunderttausende (Klimaflüchtlinge) pro Jahr ansteigen.

Klimabedingte Migration kann also zur Horrorvision werden. Gerade deshalb sollte man mit Prognosen vorsichtig sein. Eine UNO-Prognose von 2005, es gäbe allein schon bis 2010 50 Millionen Umweltflüchtlinge, hat sich jedenfalls und zum Glück als falsch erwiesen.

Die zunehmende Dürre in der syrischen Region Jazira hat 800’0000 Menschen die Lebensgrundlagen geraubt. Scheinbar einfache Massnahmen gegen die Dürre wie Bewässerungsprojekte laufen oft darauf hinaus, anderen das Wasser abzugraben, was Ressourcen-Konflikte vorspurt. Der Krieg in Darfur ist ein Beispiel dafür, denn er begann mit dürrebedingten Migrationsströmen. Unabhängig von den Ursachen der Dürren, können uns jedenfalls Darfur und auch Jazira als Warnung dienen. Wenn Öl schon Grund genug ist, einen Krieg zu führen, so muss Wasser wohl ein noch besserer Grund sein. Wie sie richtig erwähnen sind die jüngsten Unruhen in nordafrikanischen Ländern mitbedingt durch eine zunehmende Wasserknappheit, teilweise auch Ölknappheit (Agypten). Eine explosive Mischung von alter Unzufriedenheit und neuem Mangel, kann etablierte politische Ordnungen also umstossen – und in Zukunft vielleicht unsere ganze Zivilisation erschüttern.

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Einverstanden!

Nur warum machen wir das bloss nicht?

Ich erinnere mich an die gleichen Diskussionen
aus den siebziger Jahren und danach.

Aus irgend einem Grund scheint es so nicht zu funktionieren.

Liegt es vielleicht an unserem System (unserer Kultur?)
zu der es angeblich keine Alternative gibt?

Falls ja, bleiben nur 2 Moeglichkeiten

Weiter so in den geplanten kollektiven Selbstmord
(oder weiter mit Volldampf auf der Titanic und je nach
Klasse mit guter Aussicht und Komfort gegen den Eisberg)

oder

Raus aus der Box ..

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Bauern und Familien verlieren ihre Existenzgrundlage. Sie werden zur klimabedingten Migration gezwungen, um eine neue Existenz aufzubauen, wenn dies überhaupt je wieder möglich ist.
In der Ökologie gibt es den Begriff „Tipping Point“, Zeitpunkt des „Kippens“ und Auseinanderbrechens eines Gleichgewichts in einen chaotischen Zustand (e.g. Krieg, Klima- /Hungers-/Wassernot, Pandemie), welcher sich mehr oder weniger schnell in einer neuen Gleichgewichtssituation stabilisiert.
Wie können wir helfen? Sie sagen es richtig, die politische Migrationsdebatte polarisiert. Die Menge unserer sozialen Aufgaben und Verantwortung wird zunehmen: Klimawandel, Umweltveränderungen, Finanzkrise, Ressourcen- und Energieknappheit, Hungers- und Wassernot, Krankheiten.
Die Regierungen der betroffenen Länder haben es verpasst, Klimakrise, Wasserknappheit, Anstieg der Nahrungsmittelpreise zu antizipieren. Regierungen und Unternehmen, welche Diktaturen und Korruption nähren, unterstützen und fördern, sind für die Missstände mitverantwortlich. Waffen zu liefern und militärisch die rebellierenden Menschen niederzuschlagen und zu töten ist inakzeptabel.
Wir müssen proaktiver werden, um den betroffenen Menschen eine Anpassung an den Klimawandel zu ermöglichen. Wir müssen verhindern, dass die Menschen ihre Existenzgrundlage verlieren, oder das klimabedingte Konflikte ausbrechen.
Schulen und Unternehmen müssen es zur Pflicht machen, soziale Verantwortung zu fördern. Wir können auf viel Überflüssiges verzichten. Chefs und Topverdiener müssen mit gutem Beispiel voran, nebst den Zahlen ihrer Unternehmen die Wahrnehmung und Umsetzung sozialer Verantwortung in ihren Unternehmen zu ermöglichen. Das Arbeitsleben muss umgestaltet werden, weg von reinem Profitdenken, Egoismus und Materialismus hin zu verantwortungsbewussten sozialen Menschen im privaten, öffentlichen und beruflichen Leben. Wieso nicht einmal je Monat einen Klimatag und Aktion durchführen, Gelder sammeln, um den notdürftigen Menschen…

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