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Zur Wertschätzung von Zukünftigem

12.04.2011 von

Die anlässlich des diesjährigen WEF-Treffens in Davos befragten Wirtschaftsgrössen beurteilten im Januar den Klimawandel als das schwerwiegendste Risiko, das die Menschheit eingeht¹. Heute wären grosse Reaktorunfälle wahrscheinlich auch hoch oben auf der Liste.

Reiche Gemeinden an der Küste Kaliforniens entwerfen Pläne, sich durch vorgelagerte Feuchtgebiete, höhere Seemauern, Schleusen und Dämme vor der zukünftigen, heute schon beobachtbaren, Erhöhung des Meeresspiegels zu schützen (Los Angeles Times, 6. März 2011) . Gleichzeitig hat der US Kongress beschlossen, den vom Präsidenten beantragten jährlichen Kredit für das IPCC (zwischenstaatlicher Ausschuss für Klimaänderungen) von bescheidenen $ 2.3 Millionen auf Null zu reduzieren und alle entsprechenden amerikanischen Programme so gut wie zu streichen (NY Times vom 4. März 2011). Das Geschäft geht nun in den Senat.

Ursache und Wirkung liegen zeitlich weit auseinander

Trotz der Grösse des Risikos stuften die WEF-Teilnehmer die Wechselwirkungen zwischen Klimawandel und Stabilität und Wachstum der Wirtschaft als schwach ein und zogen die Möglichkeit eines grossen Reaktorunfalls gar nicht in Erwägung.

Offenbar spielt bei diesen Einschätzungen – wie auch bei den Republikanischen Kongressabgeordneten – die Dimension Zeit eine wichtige Rolle: Klimawandel wird sich – wenn überhaupt – in ferner Zukunft abspielen und ist deshalb heute nicht so wichtig. Ein möglicher, in ferner Zukunft sich vielleicht abspielender Unfall wird gar nicht in Betracht gezogen.

Die Herausforderung unserer Generation besteht darin, dass auch die Massnahmen zur Eindämmung des Klimawandels und zur Verhütung unwahrscheinlicher aber sehr grosser Unfälle viel Zeit und eine hohe Wertschätzung des Zukünftigen erfordern.

Verbrauch befriedigt sofort, die Abkehr davon kostet im Voraus

Energie zu verbrauchen hingegen zeigt sofortige Nutzen: Das Drücken auf das Gaspedal erhöht die Fahrtgeschwindigkeit sofort und der Fahrtwind streicht sofort durchs Haar. Allein die Vorstellung von mehr Kraft verbessert die Stimmung. Als Faust sich – in Goethes Faust I – aufgrund seiner gescheiterten Suche nach «dem Unendlichen» vergiften will, muss ihm Mephisto nur einflüstern, dass er sich fremder Energie bedienen soll: «Wenn ich sechs Hengste zahlen kann, / Sind ihre Kräfte nicht die meine? / Ich renne zu und bin ein rechter Mann, / Als hätt ich vierundzwanzig Beine.» … und schon ist Fausts Tatendrang wieder geweckt.

Beim Energiesparen aber sind Kosten und Nutzen meist durch lange Zeitspannen getrennt. Investitionen für Isolationen oder effizientere Einrichtungen kosten im Voraus, lange bevor man sich über ihre positive Wirkung freuen kann. Ebenso ist es mit den erneuerbaren Energien, seien es Solar-, Wind- oder Biomasseanlagen: sie alle haben höhere Investitionskosten als mit fossilen Brennstoffen gespiesene Anlagen und machen erst auf lange Sicht ökonomisch Sinn.

Notwendig ist institutionelle Innovation

Um klimafreundliches und risikoaverses Handeln zu fördern, sind institutionelle Innovationen notwendig. Damit meine ich nichts Exotisches, sondern Vieles das auf der Hand liegt:

.

  1. Die transparente Unterscheidung von politischen Vorgaben und dem Design von Massnahmen
  2. Eine wirksame Kombination der Belastung (Steuern, Abgaben und Auflagen) von Energieproduktion und –verbrauch mit der Förderung langfristiger Investitionen
  3. z.T. wohl auch der Bewirtschaftung der Ressourcen von zentraler Bedeutung durch öffentlich-rechtliche Unternehmen.

Um dies umzusetzen braucht es politischen Willen, Einsicht von uns allen und nicht zuletzt solide wissenschaftliche Grundlagen, wie die vom IPCC.

¹ Einschätzung der Risiken, siehe Figur 1 des WEF-Berichts «Global Risks 2011», pdf (5881 kb) >hier)

Zum Autor

Daniel Spreng ist emeritierter Professor und forscht in den Bereichen Energiewirtschaft und Energieanalyse

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Kommentare (6) >Alle Kommentare aufklappen>Alle Kommentare zuklappen

Auch das gehört zur Conditio Humana. Wir haben diesbezüglich keine Option. Investment Banker müssen sich mit der realen Wirtschaft auseinandersetzen, damit die Tropenwälder auch in Zukunft ihre vitale Funktion als Sauerstofflieferant, die wahren Lungen unserer Menschheit, aufrecht erhalten können, damit erneuerbare Energien global gefördert und erschlossen werden können, damit die globalen urbanen Entwicklungen und die ganze Mobilitätsentwicklung zukunftsträchtig sein können, und CO2 Emissionen und eine weitere menschengemachte Erwärmung unseres Planeten verhindert werden können.

Politik, ob rechts, mitte, links, grün, rot, blau etc soll nicht Selbstzweck sein. Parteien müssen mit der Selbstfindung aufhören. Wir wissen schon lange wohin es gehen muss. Es gibt keine Zeit für parteieigene Identitätskrisen. Es müssen Lösungen her. Weg von Bürokratie, weg von Zeit- und Ressourcenverschwendung.

Die Erde ist kein Spielkasino! Die Ressourcen die wir haben, müssen wir intelligent und haushälterisch einsetzen. Es braucht in der Wirtschaft, Politik und in der Gesellschaft intelligente und verantwortungsvolle Leute, welche als Vorbild Visionen haben, Strategien und konkrete Lösungen, „bottom-up“ als auch „top-down“ entwickeln und umsetzen. Wir haben eine ausgezeichnete Demokratie in unserem Land, eine hohe Lebensqualität und im Vergleich zu vielen anderen Ländern auf der Erde die besten Voraussetzungen, in globalen Fragen und Problemen aktiv mitzuwirken. Wir haben aber auch Probleme bei uns, in nächster Nähe und Umgebung. Es sind Menschen wie Du und ich, welche auf unsere Hilfe angewiesen sind. Ob global oder lokal, betroffen ist immer der einzelne Mensch, Familien, Kinder. Auch Menschen, welche wegen Missachtung der Menschenrechte, Krieg und Gewalt, und auch aufgrund der Klimaveränderung und Naturkatastrophen ihre Lebens- und Existenzgrundlage verlieren und ihre Heimat verlassen müssen, die eine neue Existenz suchen, auch diesen Menschen müssen wir helfen.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

Gehört scheitern nicht zur Conditio Humana, d.h. einem Prozess, dem die Menschheit unausweichlich ausgeliefert ist, und Entwicklung und Fortschritt begleitet?

Ob hunderte von Millionen in einem Hedge-Fund verbraten werden, oder menschen- und naturgemachte Katastrophen wie Fukushima. Aktuell ist die Conditio Humana bedingt durch die Finanz-, Umwelt-, Energie- und Klimawandel-Krise.

Ersichtlich wird auch, dass das Leben für jeden einzelnen wesentlich komplexer geworden ist. Wie soll ich entscheiden, worauf muss ich achten?
Was ist jetzt biologisch, nachhaltig, ökologisch, welche Risiken bestehen bezüglich Nahrung und Trinkwasser nach der neusten andauernden Nuklearkatastrophe?

Wir müssen uns mit diesen realen Problemen auseinandersetzen, und den Menschen in das Zentrum unserer Betrachtungen nehmen. Natürlich wird es immer Profiteure, Egoisten, korrupte Leute und Diktatoren geben, welche nur an ihren eigenen Profit, Karriere und Bereicherung denken, so ist die Menschheit, auch diesen Zustand müssen wir akzeptieren. Wir haben aber alle die Möglichkeit aufzuzeigen, wo wir positive Energie generieren können in Richtung eines für alle gerechten, nachhaltigen, verantwortungsbewussten gemeinschaftliches, wirtschaftliches und politisches Leben, immer in Hinsicht auf die jüngeren und zukünftigen Generationen.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Guten Tag Herr Spreng,

Sie schreiben:

„Die Herausforderung unserer Generation besteht darin, dass auch die Massnahmen zur Eindämmung des Klimawandels und zur Verhütung unwahrscheinlicher aber sehr grosser Unfälle viel Zeit und eine hohe Wertschätzung des Zukünftigen erfordern.“

und

„Energie zu verbrauchen hingegen zeigt sofortige Nutzen: Das Drücken auf das Gaspedal erhöht die Fahrtgeschwindigkeit sofort und der Fahrtwind streicht sofort durchs Haar.“

Sowie

„Beim Energiesparen aber sind Kosten und Nutzen meist durch lange Zeitspannen getrennt.“

Nimmt man diese drei Punkte zusammen stellen sich die Fragen:

„warum soll man eigentlich ueberhaupt etwas veraendern“

und

Wenn wir lieber kurzfristig profitieren..
was interessieren uns denn eigentlich die langfristigen Risiken und warum erklaert uns niemand diese Risiken?

Sie schreiben am Ende:
„Um klimafreundliches und risikoaverses Handeln zu fördern, sind institutionelle Innovationen notwendig.“

sowie „Um dies umzusetzen braucht es politischen Willen, Einsicht von uns allen und nicht zuletzt solide wissenschaftliche Grundlagen, wie die vom IPCC.“

Geht es darum das Wissen zu vermitteln oder langt der Glaube
an die solide Grundlage beim IPCC?

Abgesehen von all dem..

Wie erklaeren sie den Nutzen von Sicherheitsgurten im Auto?
Ich hatte bisher zum Glueck noch nie einen Unfall und haette es also billiger haben koennen. Trotzdem haben mich die Argumente
fuer die Gurte ueberzeugt und heute ist es praktisch undenkbar
Autos ohne Gurte zu haben.

Vermitteln wir Wissenschaftler also die Problematik der endlichen Ressourcen sowie der Risiken unserer nicht nachhaltigen Lebensweise anstatt die Probleme zu verschleiern oder schoen zu reden.

Danach sehen wir dann wie die Mehrheiten bei den naechsten
Wahlen entscheiden.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

Hoi Martin,

dazu passt der Spiegel Artikel:
Wegsteine in Nordjapan warnten vor Tsunamis
http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,756622,00.html

Eingraviert stehen erstaunliche Sätze auf den Steinen: „Erinnert das Unheil der Tsunamis. Baut nicht unterhalb dieses Punktes“, ist da zu lesen. Oder: „Hohe Gebiete sind Friede und Harmonie der Nachgeborenen.“ Oder: „Wenn ein Erdbeben kommt, nimm Dich vor Tsunamis in Acht.“

Ein Stein steht nahe der Ortschaft Kesennuma: „Sei immer auf überraschende Tsunamis vorbereitet. Entscheide Dich fürs Leben, anstatt für Besitz und Wertsachen.“ Die Siebzigjährige Tetsuko Takahashi kannte die Mahnung. Erschrocken beobachtete sie von ihrem Haus auf einer Anhöhe über der Stadt aus, wie die Katastrophe ihren Lauf nahm.

der Kommentar zu einem Foto sagt alles:
„Zerstörter Schutzwall: Moderne Vorkehrungen konnten viele Menschen nicht vor den Tsunamis retten. Die alten Steine hätten es können – wären sie beachtet worden.“

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

Sehr geehrter Herr Professor Spreng,

Der natürliche Zeitmassstab für Vorausdenkende ist die Dauer des menschlichen Lebens. Kinder bedeuten für die Armen eine Versorgung im Alter, ein Haus wird für Zeiträume von Jahrzehnten gebaut. Kriege und Katastrophen und etwa die Tatsache, dass noch vor wenigen Jahrzehnten auch hier nur jedes zweite Kind das Erwachsenenalter erreichte, lassen einen längeren Planungshorizont als vermessen erscheinen. Darum gilt nicht nur: „Verbrauch befriedigt sofort, die Abkehr davon kostet im Voraus“, sondern sogar: Was du heute nicht geniesst (verbrauchst) ,wirst du vielleicht nie geniessen.
An und für sich ist daran nichts schlechtes oder unvernünftiges.

Problematisch wird der kurze Zeithorizont erst, wenn der Mensch überhaupt in der Lage ist, die Zukunft auf längere Zeit hinaus zu verbauen und wenn er es sogar tut. Der Begriff Anthropozän (Zeitalter, wo menschliche Aktivitäten geologische Auswirkungen haben) zeigt gerade, dass wir Menschen nach Meinung vieler Wissenschaftler nun eine dominierende autosuizidale Kreatur geworden sind.
Doch diese Erkenntnis, dass Denken in Centennien nun angesagt und nötig ist, wird nicht so schnell im kollektiven Bewusstsein verankert werden. Auch heute haben die Menschen nicht vor einem AKW-Unfall oder einem Staudammbruch in 100 Jahren Angst, sondern vor einem verheerenden Unfall vielleicht schon morgen.
Unter anderem darum werden radikale und effektive Massnahmen gegen den Klimawandel wohl erst dann ergriffen werden, wenn sich die negativen Auswirkungen schon deutlich zeigen und steigende Meeresspiegel zusammen mit permanent anderen Regionalklimata nicht mehr zu leugnen sind.
Konsequenzen: Massnahmen gegen den Klimawandel werden vielleicht ganz plötzlich akut wichtig. Darum müsste man jetzt die Ersatz-Energiequellen entwickeln, die die fossilen Energien dann von einem Jahrzehnt aufs andere ersetzen können.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 2 Daumen runter 0

Die „heute schon beobachtbaren Erhöhungen des Meerespiegels“ sind zumindest schon seit zwei Jahrhunderten beobachtbar. Und an der kalifornischen Küste sind die Zunahmeraten abnehmend.
http://www.jcronline.org/doi/pdf/10.2112/JCOASTRES-D-10-00157.1

Dem IPCC solide wissenschaftliche Grundlagen zuzurechnen, scheint mir zu viel der Ehre zu sein. Das IPCC hat ganz klar politische Zielsetzungen und ist gemäss eigenen Beteuerungen kein wissenschaftliche Institution.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 1 Daumen runter 1

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