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Überdenken der Kernenergie war überfällig

22.03.2011 von

Quelle: Kernkraftwerk GösgenDie Kernenergiebranche hat sich bis anhin keine Zeit genommen, Entscheide und Technologien zu überdenken. Auch nach Tschernobyl verpasste sie einen Neubeginn. Wieso ich dieser Meinung bin, erzähle ich in diesem Blogbeitrag:

Alvin Weinberg (1915 – 2006) gilt als Vater des Leichtwasserreaktors. Er hat mir vor Jahren erzählt, wie es dazu kam, dass der Druckwasserreaktor (ein Typ des Leichtwasserreaktors), den er als U-Bootantrieb für geeignet hielt, zum dominierenden Reaktortyp wurde für die Elektrizitätsproduktion mittels Kernenergie.

«This is not the navy way»

Kapitän Rickover von der US-Navy und ein kleines Team von Spezialisten erhielten in den 50-er Jahren den Auftrag, im nationalen Forschungslabor in Oak Ridge einen nuklearen U-Boot-Antrieb zu entwickeln. Alvin Weinberg, der Direktor des Forschungslabors, gab dem Team Hinweise und Ratschläge. Insbesondere riet er Kapitän Rickover, aus all den möglichen Reaktortypen den Druckwasserreaktor für sein Unterfangen zu wählen (Kompaktheit und Fülle von verfügbarem Kühlwasser).

Rickover fertige eine Blaupause eines Reaktors an und zeigte sie Weinberg. «Wird das funktionieren?», fragte er Weinberg. «Wahrscheinlich schon», meinte dieser. «Dann werden wir‘s produzieren», sage Rickover. «Nein, nein, nun geht es drum einen Prototypen zu bauen», entgegnete Weinberg. Doch Rickover erklärte: «This is not the navy way», «Das ist nicht die Art wie man in der Navy vorgeht, wir produzieren!» Der kalte Krieg schien keinen Aufschub zu erlauben. Dadurch wurde dieser Druckwasserreaktor sehr schnell entwickelt und unverzüglich auch für die Stromerzeugung eingesetzt. Dies gab ihm einen Vorsprung von mehreren Jahren, der seither von keinem anderen Reaktortyp eingeholt wurde.

Nach Tschernobyl: Der verpasst Neuanfang

Reaktoren, die auf dem Land stehen, sollten so gebaut sein, dass sie sich bei einem Unfall selbst abstellen und zur Ruhe kommen – ohne dass äussere Einwirkung, insbesondere Kühlung nötig ist. Das Stichwort dazu ist «passive Sicherheit».

Nach Tschernobyl, aber auch schon in den frühen Anfängen der Reaktorentwicklung, wurden mehrere solche Reaktortypen (unter anderem Pius, Kugelhaufen-Reaktor) diskutiert, die diese passive Sicherheit gewährleisten sollten. Nach Tschernobyl gab es Anzeichen, dass die Industrie diese Typen kleinerer Reaktoren aufgreifen und entwickeln würde. Es wurde aber offenbar davon wieder Abstand genommen, mit Ausnahme eine Versuchsanlage in China. Denn die Produktionskosten des Stroms sollten möglichst tief gehalten werden, was nur mit grossen Anlagen möglich war – der wirtschaftliche Wettbewerb schien keinen Aufschub zu erlauben. Es wurde keine Pause für Reflektion eingelegt, um einem Umdenken Raum zu geben. Ein selbstkritischer Neuanfang ist offenbar nicht die Art, wie man in der Kernenergiebranche vorgeht – «its not the nuclear community way».

Wie es heute nach der Katastrophe in Japan weitergeht, ist offen. Meine Vermutung ist, dass es wohl noch ein paar Jahre Rückzugsgefechte geben wird. Ich höre schon die Argumente: Restrisiken gibt es immer, bei uns gibt es nie so starke Erdbeben wie in Japan. Man wird sich wahrscheinlich wieder nicht genug Zeit nehmen bis eine brauchbare Lösung entwickelt ist. Wahrscheinlich wird die Kernenergiebranche erst eingehen müssen, bevor – in 50 Jahren oder so – ein allfälliger Neuanfang möglich sein wird.

Zum Autor

Daniel Spreng ist emeritierter Professor, Bereich Energiewirtschaft und Energieanalyse.





Kommentare (26) >Alle Kommentare aufklappen>Alle Kommentare zuklappen

@Markus Alder
Ich stimme ihnen zu: Die Kernenergie behält insgesamt ihre Bedeutung und eine Dämonisierung dieser Technologie gibt es vor allem in Deutschland und einigen Umgebungsländern.

Das ändert allerdings nichts daran, dass die technische Fortentwicklung der Kernenergie viel zu langsam fortschreitet um in den nächsten Jahrzehnten eine bedeutende Rolle bei der Ablösung der fossilen Energien leisten zu können.

Die einzige Hoffnung kann man hier auf völlig neue Konzepte setzen wie den LFTR (Liquid Fluorid Thorium Reactor), der jetzt von China evaluiert wird oder den Travelling Wave-Reactor, der prominente Unterstützung von Bill Gate’s Firma Terra Power erhält Doch solche Neutentwicklungen, ja selbst das Fortschreiten zur nächsten Generation von Kernreaktoren – also zur Generation IV – dauert Jahrzehnte. China will einen Demo-LFTR bis in 20 Jahren entwickelt haben, die 4.Generationreaktoren sollen bis 2030 entwickelt sein, doch es wird wohl eher 2040. Alles zu spät, als dass diese Technologie den Energiemix nachhaltig verändern kann.

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Herr Alder,

vielleicht sollten sie mal etwas genauer bei der WNA
lesen.

Frankreich unter einem neuem Praesidenten?
Belgien …. etc etc.. (aber selbst alles das ist nur Propaganda)

in der Realitaet gibt es weder ein reales Gen IV Programm
(suchen sie mal was in den letzten 10 Jahren dazu passiert ist)

und schauen sie sich das Alter der rund 150 Reaktoren
in Europa an. Danach diskutieren wir ueber die Perspektiven
diese durch „schnelle“ oder langsame Thorium –>U233
Brueter welcher Generation auch immer zu ersetzen.

in dem Zusammenhang:

http://www.mineweb.com/mineweb/view/mineweb/en/page72103?oid=143915&sn=Detail&pid=102055

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Weltweit dominieren die Leichtwassereaktoren den Reaktorpark, davon sind die meisten Druckwasserreaktoren. Der Tschernobyl- Reaktor war ein grafitmoderierter Druckröhren- Reaktor, also etwas völlig anderes als ein Druckwasserreaktor. In Fukushima wurden Siedewasserreaktoren zerstört. Ursache der Kernschmelzen war der Ausfall der Notkühlung wegen ungesicherter Notstromversorgung.
Der Kugelhaufenreaktor, in Deutschland von der Politik abgewürgt, hat seine Zukunft in China, ebenso werden die Schnellen Brüter heute in China und Indien weiterentwickelt. Neben den Leichtwasserreaktoren gibt es einige Schwerwasserreaktoren, zumeist kanadischer Bauart. Der Schweizer Schwerwasserreaktor in Lucens wurde Opfer einer Kernschmelze, wegen der gefilterten Druckentlastung aber völlig folgenlos für die Umgebung…
Die 4. Generation von Kernkraftwerken wird eine grössere Vielfalt an Reaktortypen bringen… ohne dass die Kernenergiebranche deswegen eingeht. In den nicht- deutschsprachigen Ländern der Welt gibt es heute kaum mehr Ausstiegsideen, im Gegenteil, es wird geplant und gebaut.

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@Timo Mollet
In einem Punkt hat Michael Dittmar wohl recht: Der LFTR ist als Reaktortyp zwar gut charakterisiert, aber trotz dem Experimentalreaktor beim Oak Ridge National Laboratory noch kaum erforscht gerade was seine Alleinstellungsmermale angeht, zum Beispiel das nötige kontinuierliche Reprocessing von radioaktiven Zwischenprodukten wodurch ein LFTR zur chemischen Fabrik wird.

Dass das Reaktionsmedium des LFTR, FLiBe (lithium fluoride (LiF) and beryllium fluoride (BeF2) mixture) nicht nur positive Eigenschaften hat kann man beispielsweise den diversen Interviews mit Sherrell Green auf Nuclear Green Revolution entnehmen, wo er sagt: . LiF-BeF2 (FLiBe) mixtures are very attractive from the nuclear, thermal, chemical, and thermo-mechanical standpoint. But with you have a tritium production issue, a lithium enrichment cost issue, and a beryllium occupational exposure issue to deal with. All of that drives up the cost.. In einem anderen Interview sagt er sogar: Finally (though many in the FHR and MSR community would not agree with me) I am concerned about the overall cost (supply chain, operations, and disposal) of FLiBe. I believe it could be an impediment to deployment of FHRs and MSRs. In my view, FLiBe is the worst possible FHR/MSR salt – other than all the other salts (laugh). It’s wonderful in terms of its integrated nuclear, thermal, and thermalhydraulic performance. However, the cost of removing the Lithium-6 will be high. An you still have to worry about tritium production after you do it. Beryllium is also a human occupational risk and environmental disposal issue.

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@Dittmar
Es wird oft der Fehler gemacht, den LFTR mit THTR oder sonstigen Thoriumreaktoren zu verwechseln.
Hier ein kleiner Überblick:
http://en.wikipedia.org/wiki/Molten_salt_reactor
Das Wichtigste:
Er operiert praktisch bei Normaldruck
Der Brennstoff liegt in flüssiger Form vor
Neutronabsorber Xe stellt kein Problem dar, da es sich aus dem Salz löst, zudem können Spaltprodukte laufend entfernt werden.

Das Experiment von 1965-1969 war ein 7.4 MWth-Reaktor und nicht einer >1 MWth was schon ein grosser Unterschied ist.

Zudem muss der Reaktor gar nicht sehr gross sein, wenn er zwischen 10-100 MWel liefern kann reicht das.
Bei dieser Grösse könnte man die Reaktoren wie ein Flugzeug herstellen. Zudem arbeitet der Reaktor bei niedrigem Druck und verwendet moderierte Neutronen, was das nötige Startmaterial an spaltbarem Material um ca. Faktor 10 drückt.

Ich habe die Dokument(e) gelesen, und ich finde es spricht eigentlich nicht gegen den LFTR.

Es gibt meines Erachtens 3 Gründe warum das MSR-Projekt in den USA beendet wurde:
1. Sicherheit interessierte damals kaum jemand.
2. Physiker waren Aufgrund dem Manhattan Projekt
besser vertraut mit dem Pu-Kreislauf
3. Es bestand kein Interesse an einem Reaktor, bei dem kein Geld mit dem Brensstoff gemacht werden kann.(LFTR ist da ca. Faktor 5000 billiger)

Nichts da wegen Verschwörung, kein Interesse und Verschwörung sind 2 paar Schuhe 😉

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Hallo Timo Mollet,

„Ich hätte da schon einen:
Der LFTR, Entwickler: Alvin Weinberg“

Wie waere es diesen „Reaktor-Typ“ nur als
Kandidaten zu bezeichnen?

Man weiss nicht sehr viel darueber.

Aber schon von einem „mini“ Forschungsreaktor zu
einem funktionierenden Prototyp mit interessanten
Leistungen zu kommen ist ein riesen Schritt.

Der bisher nicht gemacht wurde!

Interessant finde ich wie die (idealistischen?) „Propagandisten“
immer wieder von einer Verschwoerung der etablierten Nuklear
Lobby gegen diesen Reaktortyp reden.

Ich wuerde vorschlagen mal die Dokumente genauer zu analysieren.

Was ich vor 2 Jahren gefunden habe kann man hier lesen:

http://arxiv.org/pdf/0911.2628v1

Seite 7/8 und Section 3 Seite 9 unf folgenden sowie
Section 4.3

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

@Dittmar
Ich hätte da schon einen:
Der LFTR, Entwickler: Alvin Weinberg
Kommt ihnen der Name bekannt vor?
Es ist aber schon ein bisschen verwunderlich, dass der Entwickler des Leichtwasserreaktors später den LFTR entwickelt, weil ihm der LWR zu wenig sicher war. Damals hatte man ihn noch Ausgelacht, weil er sich Sorgen um die Sicherheit gemacht hatte.

Der LFTR funktionierte von 1965-1969 besser als die Entwickler erwarteten.
Je nach Reaktorkonzept des LFTR kann man sogar mehr U233 erbrüten, als man verbraucht, wobei man natürlich die LFTRs auch mit Pu239 oder U235 „starten“.

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Hoi Martin,

„Es gibt beispielsweise Nuklearreaktortypen, die keine schlimmen Unfälle verursachen können – aus Prinzipgründen. Weil sie inhärent sicher sind. “

Ich kenne nur einen einzigen. Der Typ der nicht gebaut wurde.
(der grosse Fusionsreaktor weit weg ausgenommen).

Welche Typen kennst du und wieviel elektrische Energie haben
die bisher erzeugt (und wie viel haben sie nicht nur auf dem Computer verbraucht?).

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 1 Daumen runter 1

@Kommentar von werner witschi. 28.03.2011, 9:41

Herr Witschi,
sie scheinen meinen Kommentar von Martin Holzherr. 27.03.2011, 22:10 nicht verstanden zu haben. Seine Aussage ist: Die meisten Technologien, die wir einsetzen haben ein begrenztes Risikopotential, einige aber haben nur im Durchschnitt – über lange Jahre hinweg – ein kleines Risiko, können aber grosse Unfälle mit tausenden von Toten und langandauernden Nachwirkungen verursachen. Fliegen ist kein schlechtes Beispiel dafür: Im Durschnitt ist es sicherer als das Auto, ein Absturz aber ist eine veritable Katastrophe. Doch es gibt noch Steigerungsmöglichkeiten. In Zentralchina sind 1975 30 Wasserkraft-Staudämme eingebrochen mit 200’000 Toten aufs Mal. Natürlich gehört auch die heutige Atomreaktortechnologie in diese Kategorie, wo zu den unmittelbaren Unfallfolgen noch die Nachwirkungen – beispielsweise unbewohnbar gewordene Städte – dazugehören. Bei solchen Technologien kann man nur die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls reduzieren, einen Unfall aber nie völlig ausschliessen. Nach Möglichkeit sollte man deshalb auf solche Technologien verzichten und nach Ersatztechnologien mit weniger maximalem Schadenspotential suchen. Es gibt beispielsweise Nuklearreaktortypen, die keine schlimmen Unfälle verursachen können – aus Prinzipgründen. Weil sie inhärent sicher sind. Leider wurde dieser Weg aus Kostengründen nicht weiterverfolgt. Das ist ja gerade das Thema von Professor Spreng im obigen Artikel.
Wenn sie aber schreiben Die Grenzen der Technik zu sehen ist wohl die grösste Herausforderung so behaupte ich: Das ist nicht das Problem. Wenn schon sehen viele die Grenzen des Menschen nicht. Seine Bauwerke sind halt letzlich nur Tand im Sand und den Teufel kann man letzlich nicht aussperren.

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@Herr Holzherr
Ihre Annahme ist da mal falsch. Um ein Restrisiko abzuschätzen, tu ich doch mal ein wenig nachdenken, was alles passieren könnte und tu diese Eventualitäten mal aufschreiben und zu einer „Bedienungsanleitung für den Störfall“ zusammenfassen. Nun kann ich grübeln wie ich will, alle Eventualitäten kann ich mal nicht voraussehen, denke Sie auch nicht, Technikgläubigkeit hin oder her. Einen Reaktor mit einem Flugzeug oder was auch immer zu vergleichen: nun, kann man machen. Bei einem Flugzeugabsturz ist der Schaden n Tote. Beim aktuellen Reaktorstörfall, oder besser Reaktorstörfällen hat es ja noch keine Toten gegeben, noch. Da trifft es wie Sie ja selber schreiben auch Nichtbetroffene. Wie viel wollen Sie dabei in Kauf nehmen? Es scheint mir, mit Ihren Vergleichen mit dem Rindfleisch neigen Sie dazu, Restrisiken zu verniedlichen. Ich denke nicht, dass dies hirr Platz hat. Beim Reaktor habe ich immer zuviel, das passieren kann und woran ich nicht denken kann und die Auswirkungen liegen weit ausserhalb des Genusses eines BSE verseuchten Stück Rindfleisches.

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@Kommentar von werner witschi. 26.03.2011, 6:07

Zitat: Die Grenzen der Technik zu sehen ist wohl die grösste Herausforderung. Es ist ja in Japan passiert, was “nicht hätte passieren dürfen”. Wissen wir, woran wir noch denken müssen, was “nicht passieren dürfte”? Nein.

Da irren sie sich, Herr Witschi. Den maximal möglichen Schaden, den eine Technik anrichten kann, kennt man meistens schon. Ein Flugzeug kann abstürzen (GAU), ein Kernreaktor kann den gesamten radioaktiven Inhalt freisetzen (Super-GAU). Die Illusion, der wir uns oft hingeben ist die, dass wir glauben Flugzeuge bauen zu können, die nie abstürzen oder Reaktoren, die nie Radioaktivität freisetzen. Doch die meisten nehmen das Risiko eines Flugzeugabsturzes in Kauf. Dieses Risiko besteht zudem nur für die Flugzeugpassagiere (ein kleines Restrisiko gibt es für die Menschen an der Absturzstelle). Für Reaktoren gibt es aber auch ein Risiko für Nicht-Passagiere.

Ihr Satz: „Wissen wir, woran wir noch denken müssen, was “nicht passieren dürfte”?“ trifft dagegen auf nicht vorhersehbare, oft alltägliche Gefahren zu. Beispiel: Sie essen Rindfleisch und holen sich BSE, doch diese Krankheit gab es vorher gar nicht, oder sie stecken sich mit einer HIV-ähnlichen Krankheit an, die erst gerade entdeckt wird – und sie sind der erste Fall (was für ein Albtraum).

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„Denke es kratzt gewaltig am nationalen Selbstbild wenn den Schweizern klar wird, dass in China mehr Wert auf nukleare Sicherheit gelegt wird als hierzulande.“

Ja, klar aber stimmt das auch?

Papier ist geduldig. Die Realitaet der Umwelt in China eine andere.

„… Klar, Sicherheitsabstand ist nur ein kleiner Punkt“

nein, ganz im Gegenteil. Wer als Stadtmensch ein KKW moechte
weil es die beste etc Methode elektrische Energie zu erzeugen
der sollte es im Zentrum seiner liebsten Stadt akzeptieren.

„aber die Forderung sollte politisch / an der Urne relativ einfach durchsetzbar sein“

Ich dachte hier geht es um Wissenschaft, nicht um Waehlerstimmen?

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… Klar, Sicherheitsabstand ist nur ein kleiner Punkt, aber die Forderung sollte politisch / an der Urne relativ einfach durchsetzbar sein:

Anpassung der Schweizer Sicherheitsstandards an die Chinesischen…

Denke es kratzt gewaltig am nationalen Selbstbild wenn den Schweizern klar wird, dass in China mehr Wert auf nukleare Sicherheit gelegt wird als hierzulande. Und die Anpassung würde Schweizer AKWs quasi ausschliessen – Ausser im Nationalpark vielleicht 🙂

Hier übrigens noch die Quelle:
http://www.nytimes.com/2011/03/25/business/energy-environment/25chinanuke.html?pagewanted=2&_r=1&ref=science

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@Michael Dittmar:
Ist irgendwie wie mit der Kernfusion. Seit ich Kind bin kenne ich die und auch die Aussage dazu: „In einigen Jahren wird dies al unsere Probleme lösen“. Ich bin mir sicher, dass auch meine Kinder dies noch ihren Kindern erzählen werden.
Die Grenzen der Technik zu sehen ist wohl die grösste Herausforderung. Es ist ja in Japan passiert, was „nicht hätte passieren dürfen“. Wissen wir, woran wir noch denken müssen, was „nicht passieren dürfte“? Nein.

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„Kein Kraftwerk darf naeher als 45 km an einer Stadt stehen.“

Ich waere eher dafuer es direkt in die Stadt bauen zu lassen.
Dann leiden die darunter die auch davon profitieren.

Also sagen wir nur in Staedte mit einem Radius von
mehr als 20km und dann ins Zentrum.
Man kann es ja bunt anmalen und ne Kletterwand aufs Beton
bauen.

ansonsten, was man immer hoeren konnte

„Wenn der Wind aufs Meer oder weg von Tokyo weht ist
alles ok“

ist eine seltsame Idee oder?

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Da hier immer China als Beispiel angefuehrt wird:
Dort sind die Sicherheitsbestimmungen fuer nuklearanlagen bereits sehr viel strenger als in der Schweiz:
Kein Kraftwer darf naeher als 45 km an einer Stadt stehen.
Das waere doch mal eine Forderung: Atomkraft, OK, aber bitte mindestens gleich sicher wie bei den Chinesen…

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Hoi Martin,

„Kommentar von Martin Holzherr. 25.03.2011, 11:55
@Kommentar von werner witschi. 25.03.2011, 7:41
Herr Witschi,
Es gibt auch Kernreaktoren, die ohne Uran arbeiten und die zudem inhärent sicher sind, wo es also keine Nachkühlprobleme gibt und keine Gefahr gibt, dass der Reaktor überhitzt.“

klar auf dem Computer funktioniert er sehr gut.
Wenig Abwaerme und Abfall.

Aber viel mehr positives gibt es aus der realen Welt nicht dazu.

Schau mal in meinen Artikel dazu
http://arxiv.org/pdf/0911.2628v1
Seite 15-17 zu Thorium

und zu dem Experiment von vor 40 Jahren Seite 10.

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@Kommentar von werner witschi. 25.03.2011, 7:41

Herr Witschi,
Es gibt auch Kernreaktoren, die ohne Uran arbeiten und die zudem inhärent sicher sind, wo es also keine Nachkühlprobleme gibt und keine Gefahr gibt, dass der Reaktor überhitzt.

Ein solcher Reaktor wäre der Liquid Fluorid Thorium Reactor (LFTR), der bereits einmal in einer Versuchsanlage vielversprechende Resultate zeigte. Im LFTR ist Thorium der Brennstoff, der zugeführt wird und er geht sehr sparsam mit diesem Brennstoff um und erzeugt zudem 1000 Mal weniger hochradioaktiven Abfall als ein Druckwasserreaktor. Zu den Vorteilen des LFTR gehören (siehe http://energyfromthorium.com/lftradsrisks.html ):
– Inhärente Sicherheit, Arbeit bei Normaldruck (flüssiges Salz)
– Proliferationssicherheit (nicht atomwaffentauglich)
– Hoher Wirkungsgrad da Hochtemperaturreaktoren möglich
– Kaum radioaktiver Abfall mit langer Halbwertszeit, Lagerung über 300 Jahre genügt
– Thorium als Rohstoff ist reichlich vorhanden

Der LFTR bringt auch einige vor allem technologische Probleme mit sich:
– Der Thorium-Brennstoffzyklus macht kontinuierliches chemisches Reprocessing nötig (in Reaktor fest eingebaut)
– Geeignte hocheffiziente Turbinen müssen noch entwickelt werden
– Thorium-Abbau und Raffinierung noch kaum entwickelt

Sie sehen Herr Witschi, es gibt auch vielversprechende Typen von Nuklearreaktoren, die kaum jemandem bekannt sind.

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Ist es angebracht, von einem Neuanfang zu sprechen? Hunderte AKW’s sind in Betrieb, einige Dutzend im Bau. Der Peak-Uran ist gegeben, und nun neu Anfangen? Was? Einen vielleicht noch sichereren Reaktortypen? Um dann bei dessen Fertigstellung nicht einmal mehr die Funktionsweise testen zu können?
Lassen wir es doch einfach bleiben.

„Game Over“.

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Zitat Professor Spreng:
„Nach Tschernobyl gab es Anzeichen, dass die Industrie diese Typen kleinerer Reaktoren aufgreifen und entwickeln würde. Es wurde aber offenbar davon wieder Abstand genommen, mit Ausnahme eine Versuchsanlage in China. Denn die Produktionskosten des Stroms sollten möglichst tief gehalten werden, was nur mit grossen Anlagen möglich war …“

Der Artikel China 210 MWe pebble bed reactor starts construction April, 2011 (siehe http://nextbigfuture.com/2011/03/china-210-mwe-pebble-bed-reactor-starts.html ) gibt eine Überblick über die geplante Entwicklung einer ganzen Generation von modularen Kugelhaufenreaktoren in China und über die Vorteile dieses Reaktortyps, z.B:
– walk away safety (inhärente Sicherheit): keine Nachkühlung nötig, selbstlimiterende Kettenreaktion (bei Überhitzung starker Rückgang der Reaktivität)
– hohe erreichbare Temperatur des Wärmeträgermediums (900-1000°C)
– Möglichkeit der Wasserstoffproduktion
– Wirkungsgrad von 42-45%. Grossreaktoren können durch Zusammenschalten von mehreren Kugelhaufenreaktor-Einzelmodulen, die aber nur eine Dampturbine beliefern, realisiert werden
– Ökonomisch kompetitiv zu Druchwasserreaktor: Kugelhaufenreaktor-Einzelmodule sind zwar teurer, aber das fällt nicht ins Gewicht, da der Kern eines Reaktors nur wenige Prozent der Gesamtkosten ausmacht und zudem durch die inhärente Sicherheit kaum Ausgaben für aktive Sicherheit nötig sind

Geplant ist ein Demo-Reaktor mit 210 MWe 2014/15 und später Kommerzialisierung durch fabrikmässige Massenherstellung der Module.

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hm,

Wer kann ausrechnen wie viele Menschen durch
den Klimawandel im Jahr 2010 gestorben sind
und wie viele im Jahr 2050?

Wer kann ausrechnen wie viele Menschen durch die Kriege
fuers Oel gestorben sind und noch sterben.

Nach dem Lancet Artikel von vor ein paar Jahren
waren es 1 Million im Irak.

Wie viele Menschen (ach waren ja nur Indianer!?)
sind durch die Entdeckung Amerikas ermordet worden.

usw..

Deshalb sind alle diese angeblichen Experten Zahlen
fast vollkommener Humbug.

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Zum Thema Todesfälle durch Energieerzeugungssysteme ist gerade ein Artikel im New Scientist erschienen:
Fossil fuels are far deadlier than nuclear power
(siehe http://www.newscientist.com/article/mg20928053.600-fossil-fuels-are-far-deadlier-than-nuclear-power.html )
Hier die Kernaussagen:
– Nichts tötet mehr Menschen als fossile Energien
– Fossil (Kohle,..) tötet vor allem durch Verschmutzung aber auch durch Minenunfälle
– Nuklearenergie tötet nur wenige Menschen (bis jetzt) in Unfällen, viel mehr durch Uranabbau (Minenunfälle und Kontaminierungen)

-Einzelne grosse Unfallereignisse können alles andere in den Schatten stellen. Da beste Beispiel sind die Dammbrüche in Zentralchina 1975. Damals starben nach dem Einbrechen von 30 Wassserkraftwerk-Dämmen 230’000 Menschen.

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@Roger Meier
„Denn von den Toten in den Kohleminen und von den Bergleuten, die an einer Staublunge still und leise sterben, hört man in den Medien nie.“

Es gibt Statistiken, die für jede Energiequelle die Anzahl der Todesfälle pro erzeugte Terawattstunde angeben (siehe http://nextbigfuture.com/2011/03/deaths-per-twh-by-energy-source.html ). Hier ein Auszug:
Coal – world average 161 (26% of world energy, 50% of electricity)
Coal – China 278
Coal – USA 15
Oil 36 (36% of world energy)
Natural Gas 4 (21% of world energy)
Biofuel/Biomass 12
Peat 12
Solar (rooftop) 0.44 (less than 0.1% of world energy)
Wind 0.15 (less than 1% of world energy)
Hydro 0.10 (europe death rate, 2.2% of world energy)
Hydro – world including Banqiao) 1.4 (about 2500 TWh/yr and 171,000 Banqiao dead)
Nuclear 0.04 (5.9% of world energy)

Sehr gut veranschaulicht wird das durch eine Flächendarstellung wie sie unter http://nextbigfuture.com/2011/03/seth-godin-marketing-guru-simplifies.html visualisiert wird.

Allerdings sind das nur die regelmässigen Todesfälle.
Wenn man das Maximum der in einem Unfall möglichen Todesfälle nimmt, dann schneiden heutige Atomkraftwerke viel schlechter ab.
Für mich lautet die über das Schicksal einer Nukleartechnolgie entscheidende Frage: Kann durch einen Atomreaktorunfall eine ganze Grossstadt (also beispielsweise Tokyo) unbewohnbar werden? Falls man diese Frage mit Ja beantwortet, bedeutet dies das Ende dieser Reaktortechnologie.
Allerdings streiten sich da die Geister. Einige, die sich mit Kernreaktoren auskennen (in scilogs.de gab es eine Diskussion mit Beteiligung von Fachleuten) meinen, bei heutigen Reaktoren mit Containement sie dies nicht möglich. Wieder andere haben darauf verwiesen, dass Hiroshima und Nagasaki jetzt auch wieder aufgebaut seien und bewohnt werden.

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Ja Herr Prof. Spreng, es gibt tatsächlich ein Restrisiko bei der Atomkraft. Ich denke darum, wir sollten die Atomkraft durch Kohle, Erdöl, Erdgas, Wasserkraft ersetzen. Denn von den Toten in den Kohleminen und von den Bergleuten, die an einer Staublunge still und leise sterben, hört man in den Medien nie. Auch die Toten, die regelmässige Explosionen in Erdgas- und Biogas-Anlagen fordern, schaffen es nicht in die Medien. Die Toten beim Vajont-Staudamm sind auch vergessen und auch die Tausenden, die bei anderen Staudamm-Brüchen gestorben sind. Und wenn ein Monteur vom Windrad fällt, berichten die Medien das nicht. Darum sollten wir uns auf diese Energieerzeugung konzentrieren. Ich will in Ruhe Energie konsumieren und nicht durch Unfälle belästigt werden, wenn ich die Zeitung aufmache. Und in meiner näheren Umgebung akzeptiere ich auf gar keinen Fall irgend ein Risiko!
Atomkraft – nein danke!

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Hallo Herr Professor Spreng,
hoi Martin,

Ich kann nur zustimmen

und ergaenzen:

„Etwas stetig zu verfeinern und zu optimieren, was in den Grundzügen problematisch ist, bleibt falsch und führt in die Irre –“

Kommt noch dazu:

Es ist eine unsinnige Idee zu glauben man hat fuer immer
und ewig genug Uran (sowie andere Energierohstoffe) auf einem begrenzten Planeten. Diese Idee deckt sich mit anderen aehnlichen
gefaehrlichen Illusionen die mit der oekonomischen Notwendigkeit
begruendet werden.

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Danke für diesen Beitrag Herr Professor Spreng.

Es gibt tatsächlich sehr viele sehr unterschiedliche Design-und Auslegungsoptionen für Nuklearreaktoren. Heute aber dominieren ganz wenige Typen und praktisch alle kommerziell relevanten Reaktoren sind auf eine aufwendige und langwierige Nachkühlung angewiesen. Der heutige Nuklearreaktor stellt – so hört man immer wieder – einen Kompromiss zwischen Sicherheit und ökonomischer Machbarkeit dar.

Doch wie sie sehr gut darstellen, Herr Professor Spreng: man ist wohl sehr schnell vom Entwurf eines erfolgversprechenden Reaktortyps zu seiner Realisierung und stetigen Verfeinerung übergegangen. Ewas stetig zu verfeinern und zu optimieren, was in den Grundzügen problematisch ist, bleibt falsch und führt in die Irre – genauso wie eine Landkarte in die Irre führt, wenn man die begangene Strasse mit der falschen Strasse in der Landkarte identifiziert.

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