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Von irrationalen Ängsten zu versicherbaren Risiken

10.03.2011 von

Quelle: www.flickr.com

Der Klimawandel macht vielen Menschen Angst. Doch weil niemand genau weiss, wie sich der Klimawandel auswirken wird, bleibt diese Angst irrational. Sie ist eine erste – wenn auch intuitive – Form von Risikowahrnehmung und bietet sich deshalb an als Ausgangspunkt zu einem bewussten Umgang mit Risiken.

Naturkatastrophen gelten nicht mehr als Gottes Werk

Bis in die frühe Neuzeit wurden Naturkatastrophen mit religiösen Konzepten und unter Zuhilfenahme von moralischen Kategorien wie Schuld und Sühne erklärt. Die rationaleren, naturwissenschaftlichen Erklärungen haben die Vorstellung einer «strafenden Natur» aber mehr und mehr verdrängt.

Das heutige naturwissenschaftliche Verständnis gliedert (Natur-)Katastrophen in Komponenten, was ein Verständnis der Ereignisabfolge – der Kausalität – erlaubt. Dies möchte ich am Beispiel von europäischen Winterstürmen kurz erläutern:

Dank der Klimatologie und der Meteorologie können Fachleute die Häufigkeit und das Schadpotenzial von Stürmen abschätzen. Kombiniert mit dem Wissen, wie ein Gebäude konstruiert ist und wo es sich befindet, können sie das Ausmass des zu erwartenden Gebäudeschadens abschätzen. Die Modelle können jedoch weder den Zeitpunkt des nächsten Ereignisses vorhersehen, noch bieten sie Garantie, dass alle relevanten Parameter erkannt und richtig eingeschätzt wurden.

Modelle schaffen Transparenz im Umgang mit Risiken

Die Modelle eröffnen uns einen neuen Zugang, da sie uns einen vorausschauenden Umgang mit Risiken erlauben. So lassen sich die irrationalen Ängste – beispielsweise diejenigen vor einem Sturm oder auch den Auswirkungen des Klimawandels – nicht nur in rationales Verständnis, sondern sogar in einen proaktiven Umgang mit dem Risiko verwandeln.

Könnte beispielsweise ein mögliches Schadereignis eine grosse Zahl Menschen treffen, so bietet sich die Bildung einer Risiko- oder Solidargemeinschaft an: Jeder trägt seinen kleinen Teil bei, sodass gemeinsam ein grosser Schutz gegen das zu erwartende Ereignis möglich wird. Versicherungen zum Beispiel sind solche Risikogemeinschaften – je umfassender eine Versicherung ist, desto geringer sind die Kosten für die einzelne Person.

Die Rationalisierung alleine löst noch keine Handlung aus

Mit der Prämie misst die Versicherung dem Risiko einen Preis zu. So fördert sie die Risikowahrnehmung und regt zur kostengünstigen Risikominderung (Prävention) an.

Es müssen jedoch alle Beteiligten verstehen, dass die Versicherungsprämien umso tiefer sind, je mehr jeder Einzelne selbst dazu beiträgt, dass die Versicherung nicht in Anspruch genommen werden muss.

Oder, um auf den Klimawandel zurückzukommen: Der mangelnden Nachhaltigkeit im Umgang mit endlichen Ressourcen und der sich abzeichnenden negativen Folgen der globalen Erwärmung sind sich inzwischen immer mehr Menschen bewusst. Doch ihr Handeln ist noch keineswegs darauf ausgerichtet – obwohl dies aber bereits gefordert wäre, zum Beispiel nur schon aufgrund der Endlichkeit der fossilen Ressourcen. Zur Einsicht, dass Handeln notwendig ist, bräuchte es die negativen Auswirkungen des Klimawandels nicht.

Dieses Nicht-Handeln zeigt, dass unser Handeln nur zu einem gewissen Teil rational bestimmt wird. Oder anders gesprochen: Die Rationalisierung von Ängsten alleine genügt nicht, um eine Handlung auszulösen. Deshalb ist eine Risikosensibilität gefordert, die mit der Irrationalität umzugehen vermag. Was wiederum bedeutet, dass sich die globale Gesellschaft bewusst werden muss, dass sie eine «unausweichliche» Solidargemeinschaft darstellt – die Menschheit sollte diese Einsicht nicht nur gewinnen, sondern auch handelnd nutzen. Denn nur so vermögen wir auch in Zukunft unseren Garten zu bestellen..

Zum Autor

Gastautor David Bresch ist Head of Sustainability & Political Risk Management bei der Swiss Re.

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Kommentare (3) >Alle Kommentare aufklappen>Alle Kommentare zuklappen

Guten Tag Herr Bresch,

koennten sie ihre folgende Aussage bitte genauer erklaeren?
(bei der globalen Gemeinschaft gehoert die Natur und
deren Lebewesen dazu oder reden sie nur von uns Menschen
(in Europa?) der Kroenung der Schoepfung)

„Was wiederum bedeutet, dass sich die globale Gesellschaft bewusst werden muss, dass sie eine «unausweichliche» Solidargemeinschaft darstellt – die Menschheit sollte diese Einsicht nicht nur gewinnen, sondern auch handelnd nutzen. Denn nur so vermögen wir auch in Zukunft unseren Garten zu bestellen.“

Ich wuerde sagen die Wissenschaft in all ihrer Rationalitaet
hat die Antwort schon gegeben.

„Der Mensch kann ohne die Natur nicht existieren,
die Natur schon.“

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 2 Daumen runter 1

Sehr geehrter Herr Bresch,
Versicherungen sind also rationale Antworten einer sich solidarisierenden Risikogemeinschaft auf Gefahren, die zuerst als irrational und angsteinflössend erlebt werden. Angst und Schuldzuweisung wird von der Gemeinschaft der Versicherungsnehmer überwunden, indem sie das Risiko absichert und die Bedrohung durch den unkalkulierbaren Schaden durch die kalkulierbare Prämie ersetzt – und diese Prämie wird umso kleiner je mehr Vorsorge wir tragen, was beim Klimaschutz das Abrücken von den fossilen Rohstoffen bedingen würde.

Warum denn ist diese rationale Antwort auf die Bedrohung durch den Klimawandel noch nicht in Gang gekommen? Dafür gibt es mehrere Gründe, von denen einige Ähnlichkeiten mit den Gründen haben warum Versicherungen nicht abgeschlossen werden:
1) Wer sich versichert begegnet einer realen, in der Vergangenheit schon oft eingetretenen Gefahr, die Schäden des Klimawandels aber treten – wenn überhaupt – in der Zukunft auf, man kann sie nirgends besichtigen.
2) Wer sich versichert, hat etwas zu verlieren und ist darum meist wohlhabend. Die Mehrzahl der Menschen aber ist arm und denkt zuerst an den Aufbau und nicht an die Absicherung
2) Die Gefahren, gegen die man sich versichert, sind meist Externalitäten, doch das Verbrennen von Kohle, Öl und Gas verantworten wir selbst und Alternativen sind noch rar gesät
3) Eine Versicherung verpflichtet uns nur zu Zahlungen, die Antwort auf den Klimawandel aber verlangt viel mehr, nämlich die Aufgabe von Buisness as usual.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 2 Daumen runter 2

„Bis in die frühe Neuzeit wurden Naturkatastrophen mit religiösen Konzepten und unter Zuhilfenahme von moralischen Kategorien wie Schuld und Sühne erklärt“
Richtig. Und heute ist es genau so.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

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