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Klimadiskussionen – Welcher Typ sind Sie?

26.08.2010 von

Heute teile ich mit Ihnen gerne ein paar Gedanken zu Mike Hulmes Buch «Why we disagree about climate change» («Warum wir uns nicht einig sind bezüglich Klimawandel»). Mike Hulme ist Professor für Klimawandel an der Universität East Anglia.

Es ist offensichtlich, dass die Meinungen über den Klimawandel auseinander gehen. Verblüffend jedoch ist, wie selten zu Beginn einer Diskussion kommuniziert wird, von welcher Facette des Klimawandels man einerseits spricht und welche Vorstellungen sich andererseits hinter Schlagwörtern, wie Klimasensitivität, Klimagerechtigkeit oder «Green Economy» verbergen.

Eigene Sichtweisen hinterfragen

Hulme geht in seinem Buch genau diesen Punkten nach. Vor dem Hintergrund, dass der Klimawandel nicht als Problem angesehen werden sollte, sondern vielmehr als eine Idee, mit der wir uns in zahlreichen Bereichen wie Wissenschaft, Kultur, Religion und Spiritualität beschäftigen, findet der Autor eine Sprache, die wie eine frische Brise wirkt im Diskurs zum Klimawandel. Hulme lädt dazu ein, die eigenen Sichtweisen zu hinterfragen — vielmehr noch versucht er gezielt die Herkunft der Meinungsverschiedenheiten aufzuzeigen. Anhand der Vier Typen möchte ich dies kurz illustrieren.

Vier Typen mit unterschiedlichen Wertvorstellungen und Ansichten

Hulme sieht die Gründe für unsere Meinungsverschiedenheiten teils in unseren unterschiedlichen Wertvorstellungen, teils in den unterschiedlichen Ansichten zu Glaubensfragen, zur Risikoeinschätzung und zur Politik. Einen Ansatz, hinter den Unterschieden ein Muster zu erkennen, liefert die Kulturtheorie mit den so genannten Vier Typen. Diese beschreiben, wie wir einerseits uns selber in Bezug auf unsere Mitmenschen sehen und wie wir andererseits das «Naturell» der Natur charakterisieren (siehe auch untenstehende Figur).

  • «Hierarchisten» glauben, dass die Natur tolerant ist, solange ihr Sorge getragen wird.
  • «Egalitaristen» halten die Natur für zerbrechlich und verhalten sich altruistisch (uneigenütz, selbstlos), um den Klimawandel möglichst zu verhindern.
  • «Individualisten» hingegen glauben an die «gute Natur» und an die persönliche Verantwortung.
  • Für die «Fatalisten» gleicht die Natur einer Lotterie.

Die «Vier Typen» der Kulturtheorie. Adaptiert und übersetzt von Hulme (2009).

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Abhängig vom Typ sehen wir auch den Klimawandel und dessen Folgen auf eine ganz spezielle Weise. Ein «Individualist» könnte in diesem Zusammenhang sagen: «Wir werden uns anpassen und verändern, indem wir die (klimatische) Zukunft umarmen, statt versuchen, die Uhr des technologischen Wandels zurückzudrehen». Im Gegensatz hierzu die Meinung des «Fatalisten»: «Selbst wenn wir alle Kraftwerke […] abschalten, jedes Auto einstanzen und jedes Flugzeug am Boden halten würden, würde sich das Klima dennoch ändern».

Finden Sie sich in einer dieser Kurzbeschreibungen wieder? Diese Lebensansichten und deren Argumentationsmuster wenden wir oft unbewusst in Diskussionen an, ohne uns darüber im Klaren zu sein.

Mein Fazit

Mike Hulme liefert in seinem Buch einen Überblick über die Hintergründe, warum wir uns bezüglich des Klimawandels und dessen Folgen nicht einig sind. Er verbindet dabei naturwissenschaftliche, geisteswissenschaftliche, religiöse und kulturelle Themen gekonnt. Konkrete Lösungsansätze zur Überbrückung unserer Differenzen sucht man vergebens, doch fairerweise muss man anfügen, dass es nicht Hulmes Absicht ist, solche aufzuzeigen.

Für mich liegt der Wert dieses Buches in seiner Objektivität und der Einladung an die Leser, sich eine Auszeit zu nehmen, um eigene Ansichten und gegensätzliche Meinungen zu hinterfragen. Doch lesen Sie selbst!

Buchempfehlung

Mike Hulme, «Why we disagree about climate change», Cambridge University Press (2009).

Weiterführende und ergänzende Literatur

Anderegg, W. R. L. (2010) The Ivory Lighthouse: communicating climate change more effectively. An editorial review essay. Climatic Change 101, 655-662

Douglas, M. and Wildavsky, A. (1982) Risk and culture: an essay on the selection of technological and environmental dangers. University of California Press, Berkeley, CA.

O‘Riordan, T. and Jordan, A. (1999) Institutions, climate change and cultural theory: towards a common analytical framework. Global Environmental Change 9, 81-94

Zum Autor

Markus Huber schreibt seine Doktorarbeit im Gebiet der Klimaphysik an der ETH Zürich. Persönliches Zitat und Biografie.

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Kommentare (5) >Alle Kommentare aufklappen>Alle Kommentare zuklappen

Mike Hulme, der Autor des oben besprochenen Buches «Why we disagree about climate change» ist ein interessanter Fall. Er widmet einen beträchtlichen Teil seiner Studien den sozio-/psychologischen Aspekten der Klimaforschung. Sein Lieblingsstudienobjekt ist der IPCC, den er fast wie ein Insekt aufspiesst. Zitat aus „Climate Change: what do we know about the IPCC?“ (siehe http://mikehulme.org/wp-content/uploads/2010/01/Hulme-Mahony-PiPG.pdf):

Claims such as ‘2,500 of the world’s leading scientists have reached a consensus that human activities are having a significant influence on the climate’ are disingenuous. That particular consensus judgement, as are many others in the IPCC reports, is reached by only a few dozen experts …

Im oben referenzierten Papier geht es um den Warheitsanspruch des IPCC, seine Auffassung von Konsensus als Wahrheitskonstruktion, seine zunehmende Rolle als Sachadvokat, seine organisatorische Struktur und Geschichte.
Übrigens, die 22 Seiten dieses Papiers besprechen fast ausschliesslich Studien über den IPCC (nicht etwa über den Klimawandel). Und … natürlich ist das erst der Anfang, handelt es sich doch bei diesem Review-Artikel von Mike Hulme um den ersten einer nun zweijährlich erscheinenden Serie von Reviews über die Klimawissenschaft (nicht etwa das Klima).

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 2 Daumen runter 0

Ein verspäteter Beitrag zum 1. April?

Die Astrologen benötigen 12 Grundttypen für ihr Welt- oder Menschenbild, ergänzt um ein Vielzahl von „aszendentalen Untertypen“ („Sonne im Wassermann in Haus 6“), die für reichlich (Pseudo-)Komplexität und (beabsichtigte) Verwirrung sorgen.

Christen, Moslems und Klima-Alarmisten bescheiden sich demgegenüber mit gerade mal zwei Grundtypen: Gläubige und Ungläubige.
Die phänotypische Variabilität, das mendelianisch/ontologische Erfassungsbemühen der Mediziner, der Philosophen und Psychologen sorgen auch nicht eben für Übersichtlichkeit.

Nun soll es also eine Vereinfachung bzw. die Rückbesinnung auf das kartesische Koordinatensystem richten und für Ordnung sorgen. Leibniz wird sich im Grabe drehen.

Möglich, dass etliche Phänotypen fast wie Neutrinos glatt durch den grober Wahrnehmungssensoren flutschen?
Wer etwa im ÖV, auf der Strasse, im Internet, privat oder im Berufsleben Archetypen wie Neanderthaler, Opportunisten, Rüppel, Tussis, Lärmer, Litterer, Schwarzfahrer etc. – oder an einem Schwingfest gar „Böse“ zu entdecken glaubt, liegt falsch – gerade mal 4 Grundtypen halten die Gesellschaft in ihrem Innersten zusammen: „Hierarchisten, Egalitaristen, Individualisten, Fatalisten“.

Wäre interessant zu erfahren, wo der Autor dieses Beitrags z. B. die Herren Pachauri oder Gore auf den Koordinaten der X- und Y-Achsen zu platzieren beabsichtigt.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 3 Daumen runter 2

Kommentar von Roger Meier. 27.08.2010, 10:11

Herr Meier, was ist in diesem Zusammenhang die Definition
eines Ignoranten?

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 3 Daumen runter 1

„Altruismus kann in der langen Sicht den grössten Eigennutz bringen“

Genau. Als Altruist setze ich mich dafür ein, dass die Inder und Chinesen gleich viel Energie verbrauchen dürfen wie ICH. Auch sie dürfen am Wohlstand teilnehmen. Dadurch resultiert nebenbei ein allgemeines Wirtschaftswachstum auf der ganzen Welt, das mir auch nützt.

Ebenfalls bin ich als Altruist dafür, dass keine neuen Steuern (besonders auf CO2) eingeführt werden und somit auch die ärmeren Leute in der Schweiz nicht mehr gerupft werden.

Ein Egoist ist natürlich dafür, dass er weitherhin autofahren darf, die Chinesen aber nicht. Ebenfalls sollen andere Leute mehr Steuern zahlen, um seine Weltveränderungsfantasien zu realisieren.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 2 Daumen runter 5

Ich bin keiner dieser Typen – Fatalisten, Hierarchisten, Individualisten, Egalitaristen – weil ich im Gegensatz zu Mike Hulme an den menschengemachten, durch steigende Treibhausgaskonzentrationen verursachten Klimawandel glaube. Mike Hulme tut das nicht. Er ist Mitautor des Hartwell-Papiers (siehe http://blogs.ethz.ch/klimablog/2010/06/24/hartwell-paper-zynisch-oder-gut-gemeint/), welches die Ausgeburt von Klimaskeptikern ist, die eine Zitat: “nicht-CO2-basierte Klimaveränderung” bekämpfen wollen, die das Prinzip der Menschenwürde zum Leitgedanken der vogeschlagenen Bemühungen machen wollen und die ihren Fokus in der Energieversorgung durch CO2-freie, jedoch für jeden erschwinglichen Energiequellen, sehen.

Zitat Wikipedia (siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Mike_Hulme):

Hulme sieht den Klimawandel nicht nur als naturwissenschaftliche, sondern vor allem als politische und soziale Herausforderung an. Eine globale Lösung des Klimawandels sei genauso wenig abschließend möglich wie eine solche Lösung der Demokratie oder der Menschenrechte. Klima sei deutlich mehr als eine Zusammenstellung von Messdaten. Den Blickwinkel des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) hält er für zu eng.

Es handle sich beim Klima um ein historisch, geographisch und anthropologisch zu deutendes Phänomen der menschlichen Wahrnehmung. Er vermisst bei der Kontroverse um die globale Erwärmung über die Wirtschaftswissenschaften hinausgehende sozial und geisteswissenschaftliche Perspektiven.

Begrifflichkeiten wie normales, richtiges oder angemessenes Klima seien angesichts der vielfältigen klimatischen Bedingungen, historischen Veränderungen und der zugehörigen menschlichen Anpassungen völlig unzureichend, genauso wie ein gesellschaftliches Klima der Angst nicht zu möglichen Strategien und konkretem Umgang mit klimatischen Herausforderungen beitrüge.

Hulme gehört zu den Verfassern des Hartwell Papers, welches Mai 2010 von der London School of Economics in Zusammenarbeit mit der University of Oxford veröffentlicht wurde. Demnach ist mit dem UN-Klimagipfel in Kopenhagen 2010 auch der Post-Kyoto-Prozess gescheitert. Das Kyoto-Protokoll und dessen Fortsetzung habe demnach in 15 Jahren keinerlei nennenswerte Reduktionen bei Treibhausgasen ergeben.

Meine Position steht in völlligem Gegensatz zu der von Mike Hulme:
– Die globale Erwärmung ist treibhausgasbedingt und progressiv
– Adaption allein würde eine Migration von x-Millionen Menschen Richtung Pole auslösen, denn dorthin verschieben sich die Klimazonen (Hadley-Zellen)
– Der Klimawandel muss darum unabhängig von der Einstellung und vom Sozio-Typus (Fatalisten, Hierarchisten, … ) schliesslich bekämpft werden. Denn die zu erwartenden Klimaänderungen sind schlicht zu gross
– Was die verschiedenen Menschen heute glauben ist gar nicht so wichtig und was sie zu den verschiedenen Typen sagen kann folgendermassen beantwortet werden:

Zitat Individualist: «Wir werden uns anpassen und verändern, indem wir die (klimatische) Zukunft umarmen, statt versuchen, die Uhr des technologischen Wandels zurückzudrehen».

Antwort: Ja, wir werden uns anpassen und die technologische Entwicklung nicht zurückdrehen, aber es kommt der Punkt, wo alle einsehen, dass etwas getan werden muss

Zitat Fatalist:«Selbst wenn wir alle Kraftwerke […] abschalten, jedes Auto einstanzen und jedes Flugzeug am Boden halten würden, würde sich das Klima dennoch ändern».

Antwort: Ja, das Klima ändert sich ständig, jetzt aber nur noch in eine Richtung. Und die Erwärmung geht noch lange weiter, auch wenn wir in 20 Jahren alles abschalten

Zitat Hierarchisten glauben, dass die Natur tolerant ist, solange ihr Sorge getragen wird.

Antwort: Die Natur muss tolerant sein, nicht mit der einzelnen Art, aber mit Gemeinschaft aller Lebewesen. Wie sonst wären 3 Milliarden Leben auf der Erde möglich. Sorge tragen müssen wir eigenltich nicht. Wir dürfen nur nicht jeden Rahmen sprengen, der uns als Einzelgeschöpf eigentlich vorgegeben ist.

Zitat: Egalitaristen halten die Natur für zerbrechlich und verhalten sich altruistisch (uneigenütz, selbstlos), um den Klimawandel möglichst zu verhindern.

Antwort: Altruismus kann in der langen Sicht den grössten Eigennutz bringen.

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 4 Daumen runter 3

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