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Kann Klimageld die Wälder retten?

09.08.2010 von

Die Regenwälder der Welt verschwinden unvorstellbar schnell: Je nach Quelle gehen zwischen 13 und 25 Millionen Hektar Urwald pro Jahr verloren. Das entspricht rund einem Fussballfeld pro Sekunde. Als Folge davon werden auch 15-25 Prozent des durch menschliche Aktivität bedingten CO₂-Ausstosses erzeugt.

Die Abholzung hat verschiedene Gründe, je nach Region. Der Hauptgrund ist die Landwirtschaft, insbesondere die Produktion von Palmöl oder Soja und die Rinderzucht. Die Förderung von Biotreibstoffen verstärkt den Bedarf nach Anbauflächen weiter, ebenso wie das Bevölkerungswachstum und der zunehmende Wohlstand. Auch die Nutzung von Tropenholz zur Papierherstellung ist leider immer noch alltäglich. Sogar für Toilettenpapier werden in Indonesien Wälder vernichtet.

Kopenhagen: Fortschritte beim Verhindern der Abholzung

REDD (Reduced Emissions from Deforestation and Degradation, Reduzierte Emissionen aus Entwaldung und Degradierung) war einer der wenigen Punkte bei denen an der Klimakonferenz in Kopenhagen ernsthafte Fortschritte gemacht wurden. Mittlerweile hat Norwegen eine Milliarde Dollar auf den Tisch gelegt um der Entwaldung Indonesiens entgegenzuwirken. Die grosse Frage ist nun, wie man von Dollars zu stehenbleibenden Bäumen kommt.

REDD: günstig aber kompliziert

REDD gilt gleichzeitig als eine der günstigsten Arten, Emissionen einzusparen, und als die wohl komplizierteste. Bezüglich REDD bestehen vor allem drei grosse Fragen:

  1. Permanenz
    Zurzeit gibt es bei der UN für Wald-Projekte nur so genannte «temporäre CO₂-Credits», für die so gut wie keine Nachfrage besteht. Der Grund ist einfach: Es gibt keine Garantien, dass ein heute akkreditierter Wald morgen noch steht.
  2. Baseline (Grundwert)
    Angenommen, Indonesien stoppe seinen Verlust an Wäldern zu 100 Prozent. Wie viele Credits sollten dafür ausgesprochen werden? Diese Frage ist auf Länder-Ebene hoch politisch und es gibt keine wissenschaftliche Antwort. Auf der Ebene von einzelnen Projekten ist es noch viel schwieriger.
  3. Leakage («Ausweich-Abholzungen»)
    Nehmen wir an, Vietnam stelle alle seine Wälder unter Schutz und es gebe keinerlei Abholzung mehr: Was ist dadurch gewonnen, wenn stattdessen die Abholzungsrate im benachbarten Laos so stark ansteigt, dass insgesamt genau soviel gerodet wird wie vorher? Die Frage stellt sich zwischen Ländern genauso wie zwischen einzelnen Projekten im selben Land.

Fazit

Der CO₂-Zertifikatehandel alleine wird nicht ausreichen, die Abholzungen in den Tropen zu stoppen. Kombiniert mit Ansätzen zur mittelfristigen Steuerung der Nachfrage sind die Finanzmittel aus dem Zertifikatehandel ein wichtiger Bestandteil der Strategie. Jedoch braucht es dafür einigermassen brauchbare Antworten auf die drei grossen Fragen zu REDD. Der ersten Frage, derjenigen zur Permanenz, werde ich ab September voraussichtlich meine Doktorarbeit an der ETH Zürich widmen.

Übrigens: Für eine exzellente Darstellung der Triebkräfte der Entwaldung siehe auch den Text hier (in Englisch).

Zum Autor

Tim Schloendorn ist Student der Umweltwissenschaften an der ETH Zürich und hat diesen Frühling seine Masterarbeit abgeschlossen. Persönliches Zitat und Biografie

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Kommentare (3) >Alle Kommentare aufklappen>Alle Kommentare zuklappen

„New climate change mitigation schemes could benefit elites rather than the rural poor“

http://www.eurekalert.org/pub_releases/2010-09/bc-ncc090210.php

„Money Alone Can’t Save the Forests“

http://ciforblog.wordpress.com

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Ergänzung – und interessant zu sehen, dass die NGOs in dieser Frage über Kreuz liegen. Die einen möchten das Geld von den Bäumen wachsen lassen, die anderen warnen vor den Folgen…

Zitat REDD-monitoring.org zu REDD und zum Handel mit CO2-Credits für Wälder (grob übersetzt):

„• Nichtbeachtung der Rechte indigener Völker in der UNFCCC
• Fehlende Verhandlungen mit indigenen Völkern und lokalen Gemeinschaften (zum Beispiel in der FCPF)
• Keine Unterscheidung in der UN-Definition zwischen Plantagen und Wäldern, was bedeutet, dass Unternehmen Wälder durch Monokultur-Plantagen ersetzen können und sich dennoch für Subventionen im Rahmen der REDD qualifizieren
• Technische Probleme: Ausgangswerte, Messungen, Additionalität (Zertifikate für Projekte, die ohnehin realisiert worden wären), Lücken, Permanenz, (Kontrollen!)
• Ernsthafte Gefahr zunehmender Korruption: im Süden, wo grosse Summen einigen der korruptesten Regimes der Welt zufliessen würden, sowie im Norden, wo ein neuer Subprime-Markt zu entstehen droht
• Risiko einer erhöhten Entwaldung (bereits) im Vorfeld von Kopenhagen. Beispiel: 2009 Jahr erlaubte Indonesien Anbau-Unternehmen Urwälder abzuholzen und Palmölplantagen in Torfsümpfen anzulegen. Guyana droht, die Rate der Abholzung zu erhöhen, wenn es nicht im REDD-Rahmen dafür entschädigt wird, dies zu unterlassen
• Der Handel mit CO2-Credits für Wälder würde ein enormes Schlupfloch eröffnen, das die weitere Emission von Treibhausgasen ermöglicht. Ausserdem besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass der Handel mit CO2-Credits für Wälder zu einem Preissturz bei den Emissionsrechten führt
• Der Handel mit CO2-Credits für Wälder würde an den CO2-Emissionen nichts ändern – wir müssen Wege finden, um die Verbrennung fossiler Brennstoffe zu stoppen, anstatt massive neue Schlupflöcher zu schaffen, welche die weitere Verschmutzung zulassen“

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

Die Abholzung der Regenwälder bildet ein ernsthaftes Problem. REDD ist leider weit davon entfernt, dafür eine überzeugende Lösung anzubieten.
Erstaunlich, wie Sie zu einer positiven Einschätzung der Kopenhagener Ergebnisse gelangen. Tatsächlich wirft REDD mehr Fragen auf, als es solche beantwortet.

Es gibt gute Gründe dafür, weshalb die EU REDD nicht in ihr cap & trade-System einschliesst und Gründe dafür, weshalb die REDD-Hoffnungen auf den USA (cap & trade legislation vorerst gescheitert) und auf der Mexikokonferenz (sinkende Erwartungen) ruhten > s. Links unten.
Und nein, es sind nicht amerikanische Konservative, Konzerne usw., die jedes Hoffnungspflänzchen rücksichtslos zertrampeln, die sind im Gegenteil oft hoch investiert in das cap & trade-System und lobbyieren durchaus für seine Durchsetzung.

Lösungen verspricht nur der steinige Weg über Aufklärung, Entwicklung, Bewusstseinsbildung, (internationale) Ächtung bestimmter Praktiken, Import/Exportverbote, Bevölkerungskontrolle, Schutzmassnahmen etc.

http://www.redd-monitor.org/2009/12/08/painting-copenhagen-redd-or-perhaps-not/

http://www.telegraph.co.uk/comment/columnists/christopherbooker/7488629/WWF-hopes-to-find-60-billion-growing-on-trees.html

http://www.guardian.co.uk/environment/2009/oct/05/redd-kenya-climate-change

http://www.smh.com.au/environment/australian-firm-linked-to-pngs-100m-carbon-trading-scandal-20090903-fa2y.html

http://understory.ran.org/2009/08/20/forest-carbon-credits-a-solution-for-who/

Ich bin gleicher bzw. anderer Meinung: Daumen hoch 3 Daumen runter 1

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