ETH-Klimablog - Politik - «Hartwell Paper» – Zynisch oder gut gemeint?

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«Hartwell Paper» – Zynisch oder gut gemeint?

24.06.2010 von

Magere Ergebnisse an der COP15 in Kopenhagen, Kontroversen um die Glaubwürdigkeit der Klimaforschung angesichts problematischer IPCC-Aussagen zu den Himalaya-Gletschern und umstrittene E-Mails von Forschern des Tyndall Centre. Ist der ganze FCCC/Kyoto-Prozess eine Sackgasse? Wie soll es in der Klimapolitik weiter gehen?

Die fast schon grössenwahnsinnig anmutende Verhandlungsmaschinerie der COPs scheint in der Tat wenig produktiv zu sein. Eine stärkere Regionalisierung der Klimapolitik könnte Vorteile haben – siehe dazu meine Vorschläge im Beitrag «Klimaschutz-Regime braucht flexiblere Architektur» (hier).

«Hartwell Paper» fordert Ende des FCCC/Kyoto-Prozesses

Viel weiter geht allerdings der Vorschlag des im Mai 2010 publizierten «Hartwell Papers» (pdf). Dieses Dokument hat in den Medien recht grosse Beachtung gefunden. Es fordert ein Ende des FCCC/Kyoto-Prozesses in der heutigen Form. Statt weiterer Abkommen, die quantitative Reduktionsziele festlegen, verlangen die Autoren des Papers einen bunten Strauss von Massnahmen: Förderung der Energieversorgung in armen Ländern, Forschung im Energiebereich, Massnahmen gegen die Entwaldung, usw. Zur Finanzierung soll eine Steuer erhoben werden, die aber gemäss den Autoren keine Lenkungsabgabe sein dürfe.

Ein Kollege, den ich hier nicht nennen kann, hat das «Hartwell Paper» als «probably the most pretentious and self-citing bit of writing that I have seen in science, certainly since leaving Oxford» bezeichnet; also als «das wahrscheinlich anmassendste und sich am meisten selber zitierende Schriftstück, welchem ich in der Wissenschaft begegnet bin, zumindest seit ich Oxford verlassen habe.» Ich bin ganz dieser Meinung.

Untaugliche Vorschläge

Der ungeniessbare Schreibstil ist jedoch nicht das Hauptproblem. Ich erachte auch die vorgeschlagenen Massnahmen als völlig untauglich. Die internationale Staatengemeinschaft arbeitet praktisch schon an allen Massnahmen, die im Hartwell-Paper vorgeschlagen werden, zu einem guten Teil auch im Kontext des FCCC/Kyoto-Prozesses.

Ich kann nicht erkennen, weshalb ein Schlussstrich unter den FCCC/Kyoto-Prozess zu grösseren Forschritten bei diesen vermeintlich (aber in Wahrheit eben doch nicht) alternativen Massnahmen führen sollte. Der Hartwell-Vorschlag konstruiert einen Gegensatz zwischen FCCC/Kyoto-Prozess und anderen Massnahmen, den es schlicht nicht gibt.

Im Gegenteil: Wenn die Politik die Treibhausgas-Emissionen nicht einschränkt bzw. verteuert (und genau diese Einschränkung bzw. Verteuerung würde durch eine Aufgabe des FCCC/Kyoto-Prozesses wegfallen) gibt es kaum Anreize, die von der Hartwell-Gruppe vorgeschlagenen Massnahmen umzusetzen. Dies natürlich mit Ausnahme der «low-hanging fruits» oder «no-regrets»-Massnahmen, also derjenigen Massnahmen, die sich für Investoren auf jeden Fall auszahlen (mit oder ohne Klimapolitik).

Zynischer Vorschlag oder gutgemeinter Versuch?

Entweder ist das «Hartwell Paper» ein zynischer Vorschlag, den FCCC/Kyoto-Prozess lahm zu legen und dafür eine billige und sinnlose Alternative aufzugleisen. Oder es ist ein gut gemeinter, letztlich aber nicht zielführender Versuch, die Blockade nach Kopenhagen zu überwinden.

Einen ganz praktischen Wert des «Hartwell Papers» möchte ich abschliessend aber doch noch nennen: Dozentinnen und Dozenten können dieses Paper als Paradebeispiel nutzen, um ihren Studierenden (anhand qualvoller und deshalb in Erinnerung bleibender Lektüre) beizubringen, wie man ein policy-paper nicht schreiben sollte.

Zum Autor

Thomas Bernauer ist Professor für Politikwissenschaft an der ETH Zürich. Persönliches Zitat und Biografie

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Kommentare (15) >Alle Kommentare aufklappen>Alle Kommentare zuklappen

Im Sommerloch des Juli 2012 hat Nico Stehr, nach Spiegel einer der renommiertesten deutschen Soziologen, das Hartwell-Papier wieder ausgegraben und in den Artikel Vergesst unsere Umweltsünden! verpresst.
Jetzt fordert also auch ein deutscher Soziologe, das Prinzip der Menschenwürde zum Leitgedanken unserer Bemühungen zu machen und die 3 übergreifenden Ziele „Zugang zur Energie für alle“, „zu verhindern, dass wir wesentliche Funktionsabläufe des Erdsystems untergraben“ und die Gesellschaft für Umwelt- und Klimaveränderungen zu rüsten. „was auch immer ihre Ursache sei“.
Nun, Nico Stehr ist selbst ein Mitautor des Hartwell-Papiers und will es wohl mit diesem SPON-Beitrag wieder in Erinnerung rufen – und da beim Spiegel fast alle in den Ferien sind, durfte er mit so einem Aufruf das Sommerloch füllen.

Im Rückblick passt das Hartwell-Papier durchaus zur kürzlich abgehaltenen Konferenz Rio+20, wo auch nicht mehr das Klima und die Umwelt im Vordergrund stand, sondern „sustained economic growth“, also fortgesetzte ökonomische Entwicklung mit dem Ziel die Extremarmut zu eliminieren in Einklang mit den Millenium goals.

Überspitzt formuliert spricht heute niemand mehr vom Verzicht auf fossile Rohstoffe, sondern wenn schon wird von der nötigen Anpassung an das sich verändernde Klima gesprochen und von den Geldern, die locker gemacht werden müssen um die Anpassung zu ermöglichen. Gelder, die zudem auch „sustained economic growth“ in den sich entwickelnden Ländern ermöglichen können.

Doch über kurz oder lang – behaupte ich Mal – wird das Thema Klimamitigation, also Vermeidung von CO2-Emissionen, wieder auf der Agenda erscheinen – spätestens dann, wenn absehbar wird, was bei Fortsetzung des fossilen Zeitalters für Klima- und Meeresspiegelveränderungen auf uns zukommen.

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Labels…

Labels, die Auskunft über die Umwelt- und Sozialverträglichkeit eines Produktes geben, sind doch schon mal was, damit sich wenigstens die lesefähigen Konsumenten Rechenschaft darüber ablegen, welche Schatten auf den billigen-ich-bin-doch-nicht-doof-Schnäppchen lasten. Von Kaffee, Bananen bis hin zu T-Shirts, Freizeit-, Unterhaltungs- und Hightech-Geräten.
Es gibt durchaus brauchbare Ansätze, z.B. im Textilbereich, man muss sie nur wahrnehmen wollen.

In der Energiefrage gilt dasselbe: es gibt beim Bauen, Heizen, Mobilität eine Reihe sinnvoller Alternativen zur gedankenlosen Ressourcen-Verschwendung. Der Markt und die Vernunft der Konsumenten werden es richten, wenn man statt der alarmistischen Drohfinger-Gebärden die Aufklärungsanstrengungen und die Innovation fördert.

Steht uns tatsächlich eine länger dauernde Abkühlung bevor, gerät das AGW-Modell in eine vertiefte Glaubwürdigkeitskrise und droht eine ganze Reihe berechtigter Umweltanliegen in seinem Strudel mitzureissen. Die Crux einseitiger Festlegungen…

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Kommentar von Tim Schloendorn. 28.06.2010, 8:53

Zitat: „Ohne die Chance Zollschranken zu errichten lassen sich eben weder Sozial- noch Umweltstandards in den Exportländern erreichen.“

Zölle gab es im Mittelalter an jeder Stadtgrenze, was den freien Handel stark einschränkte. Das explosive Wachstum der Schwellenländer wäre in einem Umfeld, in dem sich jede Volkswirtschaft mit Zöllen abschottet, nicht möglich gewesen.

Globale Umweltstandards machen allerdings sehr wohl einen Sinn. Sie mögen das Wachstum etwas bremsen, doch allzuschnelles Wachstum hat seine eigenen Gefahren und sollte nicht über alles andere gestellt werden.

Ein Problem ergibt sich aber, wenn in einem aufstrebendem Land die gleichen Umweltstandards gelten sollen wie in einem bereits industrialisierten: Die technischen Voraussetzungen um solche Umweltstandards umzusetzen fehlen den Schwellen- und Entwicklungsländern vielfach. Eingekaufte Umwelttechnologie aus den entwickelten Ländern wiederum würde die Produkte der Billiglohnländer verteuern und damit den kompetitiven Vorteil der Schwellenländern zum Teil wieder zunichte machen – ein Dilemma.

Doch sicher gibt es schon irgendwo einen Ökonomen, der dafür schon eine Lösung gefunden hat.

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@Martin:
Europa hat also die negativen Aspekte seiner Warenwirtschaft nach China ausgelagert und gleichzeitig verachten die edleren, ethisch-orientierten und umweltbewussten Teile dieser europäischen Gesellschaft, also die Öko-Ökumene, die chinesiche Dreckswirtschaft. Ein Fall von Dissoziation, wo der Kopf nicht mehr gutheisst, was der Körper macht.

Die erwähnten „Öko-Ökumene“ kritisieren ebenfalls seit Jahrzehnten die WTO & die freihandelsfokusierte Ausrichtung der globalen Wirtschaft => Bei den meisten stimmen Kopf und Körper durchaus überein, nur Kopf & Regierungsmeinung nicht.

Ohne die Chance Zollschranken zu errichten lassen sich eben weder Sozial- noch Umweltstandards in den Exportländern erreichen. Derzeit bleiben alle Anstrengungen in diese Richtung NGOs (Labels) & „Corporate Sustainability Departments“ überlassen.

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@Kommentar von Peter Bühler. 28.06.2010, 0:29
Zitat:
Das grüne Khmertum macht sich schon mal Gedanken über die “Gründung einer Internationalen Agentur für Dekarbonisierung” und die “Schaffung eines internationalen Strafgerichtshofs für Klimakriminalität (CO2-Sünderstaaten als Angeklagte)”.

Es mag vielleicht einen Konsens unter Klimawissenschaftlern geben, was den Klimawandel betrifft, es gibt aber sicher kein gemeinsames Handeln in der Klimafrage. Diese fehlende Bereitschaft zur Kooperation mag der Menschheit ein schlechtes Zeugnis ausstellen, doch man kann sich noch Schlimmeres vorstellen. Sollten die mächtigsten Staaten einmal einig werden über die Ursache des Klimawandels, kann man sich unschwer vorstellen, dass Quertreiber, die die nun billigen, weil nicht mehr nachgefragten fossilen Energien, weiter verbrauchen, zur Rechenschaft gezogen werden. Möglicherweise nicht von einem Strafgerichtshof, sondern mit den Restbeständen des atomaren Arsenals, das die Grossmächte noch vorhalten.

Nicht nur ist das Universum kein Wunschkonzert, nein, auch die Menschheit ist kein Kollektiv von Blaukreuzern.

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Der Kyoto-Prozess hat seinen Ausgangspunkt in Europa, einem Kontinent, der einen Grossteil seiner fossilen Energie importiert – entweder direkt in Form von Öl und Gas oder aber indirekt, in Form von Produkten aus China. Diese Produkte werden unter Einsatz von viel fossiler Energie erzeugt. Nicht nur die Arbeit in China ist billig, auch die Energie, wird sie doch vorwiegend aus Kohle gewonnen, einer Energieform, die umso billiger ist, je billiger die menschliche Arbeit ist. Erkauft wird diese billige Energie auch mit dem Tod vieler Grubenarbeiter.

Europa hat also die negativen Aspekte seiner Warenwirtschaft nach China ausgelagert und gleichzeitig verachten die edleren, ethisch-orientierten und umweltbewussten Teile dieser europäischen Gesellschaft, also die Öko-Ökumene, die chinesiche Dreckswirtschaft. Ein Fall von Dissoziation, wo der Kopf nicht mehr gutheisst, was der Körper macht.

Man könnte den Kyoto-Prozess also als Selbstverstümmelung interpretieren. Der industrielle Körper, der da gereinigt werden soll, wird nämlich in Wirklichkeit zerstört, weil es für die fossilen Teile nicht den edleren Ersatz (in Form von erneuerbaren Energien) gibt, den die Apologeten einer clean-eren Zukunft uns versprechen.

Dem letzten Absatz wird sicher Michael Dittmar zustimmen. Glaubt er doch, dass das Ende des schwarzen flüssigen Golds uns alle in eine dunkle Zukunft führen muss oder in seinen Worten: „Nach sieben fetten Jahren kommen die sieben mageren Jahre.“

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Zitat I: „Wenn die Politik die Treibhausgas-Emissionen nicht einschränkt bzw. verteuert …“

Zitat II: “ Am schlimmsten verschmutzen übrigens ländliche chinesische Industrieunternehmen die Umwelt, wegen ihrem niedrigen Stand der Produktionstechnik“

Die Politik mag hier und in Westeuropa die CO2-Emissionen einseitig und nach Belieben verteuern und einschränken, wie die unten verlinkten Beiträge zeigen. Die Güter-Produktion wandert dann um so rascher nach Asien, Osteuropa oder sonst wohin, auch jene der angeblich reichlich Arbeitsplätze schaffenden „Green-Industries“, siehe Photovoltaik.

Wirtschaftliche Selbstverstümmelung unter dem ideologischen aber illusionären Ziel der „Klimarettung“?

Das grüne Khmertum macht sich schon mal Gedanken über die „Gründung einer Internationalen Agentur für Dekarbonisierung“ und die „Schaffung eines internationalen Strafgerichtshofs für Klimakriminalität (CO2-Sünderstaaten als Angeklagte)“.
Die (an anderer Stelle) angedachte Psychiatrisierung, Ausgrenzung und Verfolgung von Häretikern des Konsens‘ oder der „reinen Lehre“ fügt sich da passend ins Bild. Ein Bild übrigens, das von seinen Zeichnern mit reichlich Konjunktiven versehen wird.

Irgendwelche Auswirkungen auf das „Weltklima“ (was immer darunter zu verstehen ist) sind von dem vehement betriebenen wirtschaftlichen Exodus nicht zu erwarten, negative Effekte für die Bevölkerung und die Arbeitsplätze dagegen schon: hier Arbeits- und Perspektivelosigkeit – dort geringe Umweltsensibilität, fehlende Gesetze und Vorschriften, kaum durchsetzungsfähige oder korrumpierte Behörden und Gerichte. Bei freiem Handel selbstverständlich, bleibt anzufügen.

Solange sich europäische Klimainstitute z. T. als Filialen oder PR-Abteilungen von nicht zwingend an Aufklärung oder wissenschaftlicher Stringenz interessierter NGOS verstehen, und die Politik ihren Vorgaben folgt, wird sich an den Fortschreibungen des Konjunktivismus‘ und des arg strapazierten „Vorsorgeprinzips“ kaum etwas ändern.
Wie einer meiner Lehrer – erkennbar kein Freund des Möglichkeitsmodus – auf übertriebene Verwendungen des rhetorischen Konjunktivs zu bemerken pflegte: „Wir könnten auch auf den Tisch klettern, ein Loch ins Knie bohren und warme Milch reinlaufen lassen.“
Die Vorstellung von Wissenschaft und Politik als dadaistischer Inszenierungen dürfte (!) ihn damals kaum umgetrieben haben.

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Das Hartwell-Papier will den Fokus auf die Dekarbonisierung legen und auch der Kyoto-Prozess hat als Ziel die Dekarbonisierung aller Volkswirtschaften. Der entscheidende Unterschied liegt im Weg zum Ziel. Wàhrend das Hartwell-Papier das Ziel indirekt erreichen will, indem es das Zitat Prinzip der Menschenwürde in der Energiepolitik zum Zuge kommen lässt, pocht der Kyoto-Prozess auf Zusagen zu konkreten Emissionsreduktionen. Dies ist letztlich im 2°C-Ziel begründet, denn die CO2-Reduktionen müssen innerhalb eines engen Zeitrahmens realisiert werden, damit dieses Ziel erreicht wird.

Wie ich bereits in einem früheren Kommentar geschrieben habe, sind beide Ziele für sich genommen ungenügend. Ein reines Reduktonsregime verspricht vielen Nationen nur Nachteile und überlässt dem Emissionshandel die kosteneffiziente Umsetzung. Einem reinen Dekarbonisierungsprogramm wiederum fehlen die zeitlichen Vorgaben. Beides -Dekarbonisierungsprogramm und prozentuale Emissionsreduktionen – sollte zeitgleich in Angriff genommen werden. Das Dekarbonisierungsprogramm wäre letzlich nichts anderes als ein globales Forschungs- und Entwicklungsprogramm mit dem Ziel, Energie kostengünstig CO2-frei zu erzeugen. Ein solches globales F&E-Programm braucht es, weil die Forschung im Energiebereich schon immer und immer noch sehr gering ist. Dies hat mit den langen Generationszyklen von Kraftwerken und dem günstigen Preis der heute favorisiserten fossilen Energien zu tun. Völlig neue Energiequellen wie die Fusionsenergie, Thoriumreaktoren, oder grossskalige und kostengünstige Erneurbare Energien übersteigen das Forschungsbudget jeder noch so grossen Firma und bedürfen eines staatlichen und vielleicht sogar eines globalen Förderprogramms.

Die von Thomas Bernauer vorgeschlagene stärkere Regionalisierung der Klimapolitik wäre bestimmt eine deutliche Verbesserung gegenüber dem omni-nationalen Ansatz, in dem jeder Staat neben jedem anderen Staat steht. Damit hängt zusammen, dass jeder von steigenden CO2-Konzentrationen betroffen ist, aber nur die Emissionen weniger Länder darüber entscheiden, ob die Emissionen global steigen.
Im Jahre 2010 stammten 2/3 der CO2-Emissionen aus den Ländern: China, USA, EU, Russland, Indien und Japan.
Im Jahre 2030 werden 2/3 der CO2-Emissionen aus den Ländern China, USA, EU und Indien stammen
und bei Extrapolation unter Business as Usual -Annahmen werden
Im Jahre 2050 2/3 der CO2-Emissionen aus nur noch 3 Ländern kommen, nämlich China, USA und Indien.

Folgerung: Eine Verhandlungsführung im Post-Kyoto-Prozess, die die Lànder China, Indien und die USA nicht erreicht, versagt völlig. Auf diese Länder und ihre Wünsche und Probleme im Zusammenhang mit den anstehenden Emissionsreduktionen muss eingegangen werden. Sonst bleiben die Klima-Konferenzen nichts anderes als Gottesdienste von Gutmenschen.

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@Kommentar von Peter Bühler. 27.06.2010, 9:24

Danke für das verlinkte Video über einen Ökonomen, der einseitige Vorleistungen Deutschlands im Klimaschutz ablehnt. Im Rahmen der Sparpolitik und Haushaltskonsolidierung scheint die deutsche Bundesregierung diese Forderung teilweise umzusetzen und auch die EU lässt es bei 20%-Emissionsreduktion bis 2020 bleiben (anstatt 30%):
-Keine Förderung mehr von Solarkollektoren, Biomassenheizungen und Mini-KWK’s
-die zugesagten 1.2 Milliarden für Klimaschutzhilfe sollen nur noch durch Buchungstricks erreicht werden (siehe http://www.shortnews.de/id/837885/Klimaschutz-Bundesregierung-streicht-alle-Subventionen )
-EU-Ziele: http://www.zeit.de/wirtschaft/2010-05/eu-kommission-klima

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Hoi Martin,

wie soll das in China gehen?

Weg von der Kohle, wenn gerade das Oel knapp wird?

Kann man nicht immer lesen (in den reichen Laendern die es sich leisten fast 60% ihrer Energie aus dem Oel zu nehmen und praktisch keine Kohle..), kein Problem wir nehmen dann einfach wieder Kohle..

Ich wuerde denken sobald es mit dem Oel Bergab geht geht es auch automatisch mit der Kohle bergab! (einfach weil die ganze Infrastruktur auf Oel basiert)

Michael

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@Kommentar von Ben Palmer. 26.06.2010, 22:41

Besten Dank für den Link zur Umweltverschmutzung in China, Herr Palmer. Es ist mir schon bekannt, dass es in China ganze Gegenden gibt, wo den Bewohnern nur noch eins bleibt, nämlich wegziehen. Selbst die Luft den chinesischen Städte ist so schlecht, dass nach Schätzung der WHO jährlich zehntausende Chinesen vorzeitig an den Folgen sterben. Das Ausmass der Verschmutzung kann nur noch mit der frühen Industrialisierungsphase in England oder dem Ruhrgebiet verglichen werden.

Die Chinesen befinden sich auch noch in einer frühen Industrialisierungsphase, bei der Geschwindigkeit mit der China wächst, verlassen sie sie aber auch schon bald. Nur arme Menschen akzeptieren nämlich eine so verschmutzte Umwelt und die Chinesen sind verglichem mit den USA immer noch sehr arm, ist doch das Durchschnittseinkommen eines Chinesen 10 Mal kleiner als das eines US-Bürgers. Schon jetzt wehren sich chinesiche Arbeiter erfolgreich gegen Hungerlöhne und schon jetzt gibt es Umweltproteste in vielen Gegenden Chinas. Die Arbeitsschutzgesetze wurden in China bis vor kurzem kaum umgesetzt und die Umweltschutzgesetze werden immer noch kaum angewendet, vor allem weil die Umwetlschutzbehörden ((Environmental Protection Bureaus) ihr Geld von den Provinzregierungen erhalten und sie zudem angehalten sind, vor Entscheidungen in Verhandlungen mit den Unternehmen zu treten, was zu Kompromissen führt, die für die Umwelt schlecht sind. Am schlimmsten verschmutzen übrigens ländliche chinesische Industrieunternehmen die Umwelt, wegen ihrem niedrigen Stand der Produktionstechnik.

Doch die Umweltsituation wird sich in China in den nächsten 20 Jahren deutlich verbessern. Mit zunehmendem Wohlstand werden die Bürger ihre Umweltanliegen besser durchsetzen können, denn die Ansprüche an eine saubere Umwelt steigen mit dem Wohlstand und können auch besser durchgesetzt werden. Auch ländliche Betriebe müssen dann technisch umrüsten.

In Europa dauerte es Jahrzehnte vom zunehmenden Umweltbewusstsein ab den 1970er-Jahren bis zum Verschwinden der kühlenden Aerosole anthropogenen Ursrprungs. In China wird es vielleicht nicht schneller gehen, zumal die chinesische Wirtschaft so stark auf Kohle setzt. Aber auch in China wird die Luft reiner werden, denn wohlhabendere Chinesen wollen auch reinere Luft, genau wie wir hier.

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Another unconvenient truth…

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1053392/Neuer-Anlauf-in-der-Klimapolitik#/beitrag/video/1053392/Neuer-Anlauf-in-der-Klimapolitik

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Herr Holzherr, glauben sie wirklich, dass die Umweltverschmutzungen
mit steigenden Umweltstandards in China, Indien und den anderen Schwellenländern, von selbst verschwinden?

Schön wäre es.
http://www.chinahush.com/2009/10/21/amazing-pictures-pollution-in-china/

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Das Hartwell-Papier (siehe http://eprints.lse.ac.uk/27939/2/HartwellPaper_German_translation.pdf) ist die Ausgeburt von Klimaskeptikern, die eine Zitat: „nicht-CO2-basierte Klimaveränderung“ bekämpfen wollen, die das Prinzip der Menschenwürde zum Leitgedanken der vogeschlagenen Bemühungen machen wollen und die ihren Fokus in der Energieversorgung durch CO2-freie, jedoch für jeden erschwinglichen Energiequellen, sehen. Zwar strebt auch die hinter dem Hartwell-Papier stehende Zitat „eklektische Gruppe von Akademikern, Analysten und Vertretern der Energiepolitik“ ähnlich wie der Kyto-Prozess eine Dekarbonisierung der Energieversorgung an, allerdings will sie dieses Ziel nicht mit der Verpflichtung zu Emissionsreduktionen erreichen, sondern durch die Förderung von Innovationen im Bereich nichtfossiler Energiequellen, so dass diese konkurrenzfähig werden. Eine geringe, zweckgebundene CO2-Steuer soll die Entwicklung CO2-freier Energiequellen finanzieren.
Die Grundidee des Hartwell-Papiers – Dekarbonisierung durch konkurrenzfähige CO2-freie Energiequellen – ist es sehr wohl wert, näher betrachtet zu werden. Viele Details im Hartwell-Papier, wie die empfohlene Bekämpfung von Russaerosolen lenken allerdings vom sinnvollen Hauptziel ab und lassen am Fokus der Autoren zweifeln. Das Problem der Russaerosole beispielsweise wird mit steigenden Umweltstandards in China, Indien und den anderen Schwellenländern, von selbst verschwinden.

Der Kyoto-Prozess mit seinen Reduktionszielen, zu denen sich die Vertragsstaaten freiwillig verpflichten, und dem Emissionshandel als Instrument, diese Ziele zu erreichen, hat auch seine Probleme. Einige davon sind:
-Die Bedeutung fossiler Rohstoffe für die wirtschaftliche Entwicklung von Entwicklungs- und Schwellenländern wird von Kyoto nicht berücksichtigt
-Nationale Ziele wie Energieunabhängigkeit werden nicht berücksichtigt, so dass sich Staaten mit viel eigener Kohle benachteiligt sehen. In diesem Zielkonflikt Energiesouveränität gegen internationale Kooperation entscheiden sie sich für das erstere.
-Der Emissionshandel mit stufenweiser Absenkung der zugeteilten Emissionsrechte und kaum vorhersagbaren Emissionspreisen verführt zu Fehlinvestitionen. Ein Kohlekraftwerk kann jetzt noch eine lohnende Investition sein, bei (unabsehbaren) Änderungen der Stellwerte im Emissionshandel, jedoch später nicht mehr.
-Der Emissionshandel verführt zu einer Politik der graduellen Einsparungen und verstellt die Augen vor der Notwendigkeit eines Technologiewechsels. Beispiel: Eine Kohlekraftwerk wird versuchen, die Verbrennung effizienter zu machen um Emissionsrechte zu sparen, wird sich aber mit Händen und Füssen gegen eine geringere Zuteilung von Emissionsrechten wehren, wenn die Möglichkeiten von Emissionseinsparungen erschöpft sind.
-Ein Angebotsüberschuss von Emissionsrechten (z.B. bei Rezession) lässt den Preis soweit sinken, dass es sich mehr lohnt, Emissionslizenzen zu erwerben als in den eigenen Klimaschutz zu investieren.
-Der Emissionshandel fördert existierende CO2-armen Techniken, kaum aber die Entwicklung neuer CO2-armer Technologien
-der Emissionshandel öffnet Tür und Tor für Betrug und Schönrechnerei.
-CO2-Kompensationen in Entwicklungsländern (z.B. im Rahmen des Clean Development Act) sind von vornherein fragwürdig, denn eine Kompensation heute verhindert nicht, dass das Land morgen fossile Energien einsetzt, zumal fossile Energien oft am Anfang einer industriellen Entwicklung stehen.

Wo der Kyoto-Prozess versagt

Ein Geburtsfehler des Kyoto-Prozesses ist es, CO2 und andere Treibhausgase gleich zu behandeln wie andere Umweltgifte. Dies missachtet die Durchdringung aller industriellen Prozesse und selbst der Landwirtschaft mit fossilen Produkten und Prozessen. Einsparungen und Effizienzgewinne können die Emissionen deshalb nie auf die geforderten Werte senken. Eine völlige Dekarbonisierung braucht Technologiewechsel in einer Grössenordnung, die nach nichts weniger als technologischen Revolutionen verlangen. Doch der Emissionshandel fördert den technologischen Wandel kaum, er überlässt dies jedem einzelnen Vertragsstaat.

Der Kyoto-Prozess missachtet in seiner Gleichbehandlung aller Vertragsstaaten auch die spezifische Abhängigkeit bestimmter Länder von fossilen Energien. Den „Kohle“-Staaten USA, China, Indien, Russland und Indonesien fällt ein Verzicht auf die Entwicklung eines Rohstoffs, der sich in ihrem eigenen Besitz befindet, besonders schwer. Historisch war Energiesouveränität immer ein wichtiges Ziel, das nicht aufgrund einer „externen“ Anforderung aufgegeben wird. Kommt dazu, dass Kohletechnologie für aufstrebende Länder einfach beherrschbar ist, was das folgende Zitat aus http://web.mit.edu/ipc/publications/pdf/07-001.pdf verständlich macht:

”First, we should recognize that the Chinese government’s capacity to achieve targets for reducing hydrocarbon consumption or pollutant releases, or Kyoto-like limits on greenhouse gas emissions, is in practice quite limited. Neither louder demands for
compliance by outsiders nor escalating penalties for non-compliance are likely to yield the desired results”

Auch der Emissionshandel als Hauptinstrument des Kyoto-Prozesses ist mit grundsätzlichen Problemen behaftet. Wirksam ist der Emissionshandel nur, wenn er A) alle grossen Treibhausgasemittenten einbezieht und wenn er B) nicht mit anderen Massnahmen zur Emissionsreduktion kollidiert.
Zu A): Nimmt eine Ländergruppe nicht am Emissionshandel teil, so wird für sie fossile Energie umso billiger, je mehr die anderen einsparen. Im Endeffekt wird gleich viel Kohle, Öl und Gas konsumiert.
Zu B):Mit Einspeisevergütungen für Solarpanels teuer erkaufte CO2-Reduktionen beispielsweise machen CO2-Emissionen für Kohlekraftwerke billiger, denn damit werden die Emissionszertifkate billiger.
Bürokratie, Betrugsanfälligkeit und Bevorzugung von Grosskunden sind weitere Probleme des Emissionshandels.

Die Dekarbonisierung in den Vordergrund stellen

Der Kyoto-Prozess hat als Ziel die völlige Dekarbonisierung der Weltindustrie, der Landwirtschaft und jeder Form von Mobilität (Auto, Schiff, Flugzeug).

Dies ist eine so gewaltige Aufgabe, dass Zielvorgaben in Form von Reduktionszielen nicht ausreichen. Zusätzlich braucht es eine ganze Batterie von Initiativen und unterstützenden Institutionen, die den Übergang in die postfossile Welt orchestrieren. Hier ein Bündel von Vorschlägen:
-Analog der IAEA wird eine ICE-Agency geschaffen (ICE steht für International Coal-Exit)
-Der Ausstieg aus besonders CO2-intensiven Technologien wird international orchestriert und auf bestimte Stichdaten hin durchgesetzt. Beispiele: Ab 2030 nur noch emissionsfreie Fahrzeuge weltweit, ab 2020 nur noch Kohlekraftwerke mit Kohlendioxidabscheidung (CCS) weltweit
-Pilotprojekte demonstrieren die Machbarkeit der Dekarbonisierung beispielsweise ganzer Städte (wie wäre es mit einem völlig dekarbonisierten Zürich im Jahre 2030) oder ganzer Industriebranchen.
-Gründung einer Internationalen Agentur für Dekarbonisierung
-Schaffung eines internationalen Strafgerichtshofs für Klimakriminalität (CO2-Sünderstaaten als Angeklagte)

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Wissenschaft der Politik? Politik der Wissenschaft?

Was immer man von dem Papier und den darin vertretenen Ideen halten mag, es legt den Finger auf den wunden Punkt:
das Ziel einer radikalen Dekarbonisierung und steigenden Besteuerung von CO2 ist gescheitert.

Droht gar dem Kern – der AGW-These – die „Schmelze“ bzw. die wissenschaftliche Pleite, ist an eine Fortsetzung des Kyoto-Prozesses definitiv nicht mehr zu denken.
Im Vordergrund wird die Energiefrage stehen – und da erweisen sich Wohlfühl- und Plazebo-Lösungen wie Windkraft, Photovoltaik etc. als ebenso untauglich wie unbezahlbar.

Für Studenten sind das Papier und die Debatte darum in der Tat zu empfehlen, führt die Auseinandersetzung damit den Blick über den Rand der üblichen, allzu bequem bezogenen Meinungsbiotope hinaus.

http://www.readers-edition.de/2010/05/14/kehraus-der-klimapolitik-das-hartwell-papier/print (inkl. Links!)

Die Reaktionen, u.a. im Nature-Blog, liessen nicht auf sich warten, so z.B. jene von Bill Hare, vorgestellt als Vertreter des Potsdam Instituts (vergessen ging dabei, dass Hare als Greenpeace-Berater wirkt).

http://blogs.nature.com/climatefeedback/2010/05/new_relentlessly_pragmatic_app_1.html

http://www.bbc.co.uk/iplayer/episode/b00s9fgy/Costing_the_Earth_Rethinking_Climate_Change/

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